In meinem Kopf

Heute war ein seltsamer Tag, an dem mir die Menschen ungefragt sehr häufig rückmeldeten, was sie über mich denken. Ich frage mich, ob es mir an anderen Tagen einfach nicht so auffällt, aber ich denke, dass es heute auch tatsächlich einfach ein wenig mehr.


Heute wurde ich beispielsweise von einem Kind begrüßt mit den Worten "Frau ..., du siehst heute wirklich gut aus." Ein anderes Kind erklärte mir später "Dein Pullover ist wirklich schön. Und deine Hose auch. Alles an dir ist wirklich schön."
Ich sah daraufhin meine Kollegin ein wenig irritiert an, schüttelte nur lächelnd den Kopf und murmelte verlegen "Ich weiß auch nicht, was los ist, im Moment kriege ich wirklich viele Komplimente." Das ist sonst nicht der Fall. Überhaupt nicht.


Eine andere Kollegin war heute dabei, mir meine Pause zu stehlen, weil sie die Ausführungen, die ich ihr gegeben hatte, haarklein mit mir analysieren wollte statt sie einfach zu lesen und auszuprobieren. Es nervte mich schon ein wenig, weil ich mir die Arbeit, alles detailliert aufzuschreiben, auch sparen kann, wenn ich das dann doch alles mündlich machen muss. Offenbar merkte eine andere Kollegin das, die sich einmischte und das dann abkürzte mit den Worten "Du brauchst dir das einfach nur durchlesen und ausprobieren. Sie schreibt einem das immer so toll auf und denkt an alles. Ich hatte letztes Jahr nie ein Problem, weil das alles super erklärt ist, da kam nie eine Frage auf."
Ja, irgendwie taten diese Worte gut, denn während ich plane, habe ich schon oft die Befürchtung, ich könnte irgendetwas vergessen.


Eine weitere Kollegin, die neu in ihrem Bereich ist, fragte mich heute nach meiner Vorgehensweise und sagte dann anschließend, dass sie mich gerne mal erleben würde auf der Arbeit und dass sie davon überzeugt sei, dass ich das alles ziemlich gut mache.
Ich lächelte und freute mich zwar, andererseits war ich auch direkt etwas beklommen. "Ich weiß nicht...", ich sah aus dem Fenster, um meine Gedanken zu sortieren. "Du kannst gerne mal bei mir vorbeischauen", erklärte ich dann, "aber ich bin immer davon überzeugt, dass ich es noch wesentlich besser machen könnte."
"Ach das ist normal",
kam von Domina-Kollege, der mir in den letzten Wochen und auch erst ein paar Minuten zu vor so oft auf die Nerven gegangen war, dass er sich nach einer deutlichen Ansage nun weitgehend zurückhielt.
Trotzdem merke ich auch jetzt noch, dass ihr Kompliment, ihre positive Einschätzung von mir mich einschüchtern, weil ich mir sicher bin, dem nicht gerecht werden zu können. Ich bin längst nicht so gut, wie ich sein sollte.


Die gleiche Kollegin sprach mir heute eine gute Verbindung zu jemandem zu, was mir wiederum sehr schmeichelte. Das ist diese eine Sache in meinem Job, die ich selbst aus meiner eigenen Sicht meist ganz gut hinbekomme. Irgendwie habe ich mir im Laufe der Zeit eine berufliche Autorität angeeignet, die ich, sobald ich sie benötige, ganz gut ausfülle.
Passend zu dieser Situation erklärte ich heute einer Kollegin, dass ich morgen nicht bei ihr sei, weil ich nicht im Haus sein werde.
"Schade", sagte sie lächelnd.
Ich schaute sie irritiert an. "Was? Warum?" - Ich bekam direkt ein schlechtes Gewissen, weil ich damit rechnete, dass sie mich dringend gebraucht hätte und mich fest eingeplant hätte.
"Naja, wenn du da bist, ist es immer so schön leise und angenehm."
Ich konnte nicht anders als ein erstauntes "Ehrlich?" zu erwidern. Aber ja, schmeichelhaft. Auf jeden Fall.

 

Domina-Kollege, der in letzter Zeit sehr viele Witze und Bemerkungen über meine Heimat, mein Heimweh und auch zuletzt über meine Heimfahrt machte, sprach mich heute erneut darauf an. Ich frage mich, was genau passieren muss, ehe ein Mensch merkt, dass er dabei ist, mit einem Baseballschläger wie ein Wahnsinniger auf ein Wespennest drauf zu hauen. Ernsthaft, er müsste inzwschen gemerkt haben, dass ich ihm nicht um den Hals falle, sobald er mit diesem Thema beginnt. Und dass ich auch nicht völlig aus dem Häuschen bin und unbedingt darüber sprechen mag. Tatsächlich habe ich das Gefühl, dass die Raumtemperatur spürbar um ein Grad sinkt, sobald er das Thema anschneidet.
Trotzdem. Er macht es immer wieder.
"Sag mal, bist du jetzt am Wochenende ernsthaft heim gefahren?",
begann er heute.
Ich schaute ihn genervt an. Mittlerweile muss er auch gemerkt haben, dass ich schon laut aufseuze, sobald ich registriere, dass es wieder von vorne losgeht.
"Ich mach wohl kaum Witze darüber, dass ich heim fahre.", sagte ich nur sehr eisig. Ich dachte daran, wie Mr. Nevermind immer sagte, dass meine Augen Funken werfen würden, wenn ich sauer sei. Domina-Kollege scheint dagegen mehr als immun zu sein.
"Du bist echt heim gefahren? Wie lang warst du da denn unterwegs?"

Ich nannte ihm die Fahrtdauer und auf seine Nachfrage nannte ich ihm ein weiteres, unermüdliches Mal die Kilometeranzahl.
"Wahnsinn", murmelte er, "wow! Ja, was macht man denn da in der Zeit im Auto? Singen? Radio hören? Sich langweilen?"
Das war zu viel. Eindeutig. Er meinte es nicht böse, wie mir dann irgendwann klar wurde, aber für mich hatte das völlig gereicht, um für einen Moment die Geduld mit meinen Mitmenschen zu verlieren.
"Du, das ist nun mal die Strecke, das kann ich nicht ändern und solang ich mich nicht rüber beamen kann, muss ich halt fahren und wenn das heißt, dass ich fünf Stunden im Auto sitze, dann sitze ich halt fünf Stunden im Auto. Ja, ist das okay? Ich kann es nämlich nicht ändern.", fauchte ich.
"Ist ja gut, ich hab mich doch nur allgemein gefragt, was man da in der Zeit macht. Warum wirst du denn gleich so aggressiv?"
"Ich werde nicht aggressiv"
, sagte ich zähneknirrschend, "ich bin es nur leid, dass du immer wieder mit diesem Thema anfängst, mit meiner Heimat und diesen Bemerkungen darüber. Es nervt mich."
"Das hat doch gar nichts mit deiner Heimat zu tun, ich hab mich das nur gefragt."
"Ja, ist schon klar",
hab ich nur kopfschüttelnd gedacht.
"Ist ja gut, ich fang nicht mehr damit an."
"Ja, mal schauen. Vielleicht schaffst du das ja sogar mal eine Stunde lang",
murmelte ich nur und dann war erstmal Stille am Tisch.
Ein anderer Kollege, dem ich sehr vertraue, stellte gestern, als ich ihm genervt von diesen Situationen erzählte, eine These zu diesem Verhalten auf, die ich nicht sonderlich teile. Allerdings stellt der geschätzte Kollege öfter derartig gewagte Thesen auf.


Aus Tagen wie heute schöpfe ich einerseits viel Kraft. Ich denke dann, ich bin auf einem guten Weg, mache viele Dinge schon gar nicht so schlecht, auch wenn noch viel Luft nach oben ist zum Weiterentwickeln. Adererseits folgen danach auch meist besonders kritische Tage, an denen ich besonders viele Baustellen bei mir sehe. Ich frage mich, ob das wirklich irgendwann besser wird oder ob das nicht auch einfach ein Teil meiner Persönlichkeit ist - so wie manch andere Menschen zum Beispiel unter chronischer Selbstüberschätzung 'leiden'.


Gestern schrieb ich noch mit Mr. Nevermind. Das war weder viel noch sonderlich lang. Es genügte aber, um mir einiges vor Augen zu führen.
Ich halte zu sehr an dem fest, was mal war. Ich denke, Mr. Nevermind würde mit dem Kopf schütteln, wüsste er davon.
"Ich hab heute auch an dich gedacht", kam gestern unvermittelt und dann erklärte er mir, er habe beim Kochen an mich denken müssen.
"Schwupp warst du in meinem Kopf."
Und mir wurde klar, dass das für ihn offenbar etwas Besonderes gewesen sein muss. Für mich ist es das nicht. Er ist immer wieder täglich in meinem Kopf. In den kleinsten Situationen. Ich fahre Auto und denke daran, wie er mich dafür kritisiert hat. Oder ich werde wütend und erinnere mich daran, wie er oft fasziniert davon erzählt hat, wie ich aussehe, wenn ich mich aufrege. Und all die anderen kleinen Dinge, an die ich gelegentlich denke. Seine Figur. Seine Raucherei. Seine Haare, die einfach einen Teil seines Mr. Neverminds-Looks ausgemacht haben. Seine Art, kurz eine Pause zu machen, ehe er in sämtlicher Ausführlichkeit seine Gedanken zum besten gibt. Seine Art, mit Händen, Füßen, vollem Körper- und Stimmeinsatz Geschichten zu erzählen. Ich denke nicht voller Liebe an Mr. Nevermind daran, aber voller Liebe an eine Zeit, die ich nicht missen will und von der er mal ein wesentlicher Teil war. Er war mir mal so vertraut, wie es weder davor noch danach jemals ein Mensch (der nicht mit mir verwandt ist), war. Ich denke, es fehlt mir, das über einen Menschen sagen zu können. Mir fehlt die Intensivität meiner Gefühle. Mir fehlt es, voller Faszination all diese Kleinigkeiten an einem Menschen wahrnehmen zu können.


Aber so sehr er in meinem Kopf auch sein mag, er ist da nicht allein. Da sind so viele Menschen, an die ich täglich denken muss. Der Freak, der Nachbarjunge, Herr S., jemand, mit dem ich bis vor ein paar Monaten noch täglich schrieb und manchmal auch telefonierte und noch einige andere Menschen. Mal ganz abgesehen von Menschen, die in meinem Leben immer eine wesentliche Bedeutung haben werden, weil sie mich beispielsweise mit großgezogen haben.
Seit gestern habe ich das Gefühl, dass es vielleicht gar nicht so üblich ist, so viele Menschen ständig in meinem Kopf und ein Teil von ihnen auch in meinem Herz mit rumzutragen.


Ich frage mich oft, ob ich für andere Menschen auch so von Bedeutung bin. Ob es da draußen Menschen gibt, zu denen ich keinen oder nur noch sehr selten Kontakt habe, die aber dennoch häufig oder regelmäßig an mich denken. Es fällt mir schwer, mir das vorzustellen. Vielleicht auch, weil ich in letzter Zeit denke, dass ich dazu neige, Dingen und Menschen mehr Bedeutung zu geben als sie es andersherum tun.


Auch das ist ein Teil von mir, zweifellos. Jemand, der für mich mal wichtig war, ist es nicht auf einmal nicht mehr, nur weil ich zu demjenigen aus welchen Gründen auch immer keinen Kontakt mehr habe. Gleichzeitig heißt das aber auch nicht, dass das irgendetwas verändern würde.


Fast hätte ich gestern Mr. Nevermind diese eine entscheidende Frage, die mir auf der Seele brennt, gestellt. Aber ich habe mich dagegen entschieden. Der Kontext erschien mir nicht günstig und ich denke, ich tue uns beiden keinen Gefallen damit, dieses Thema heraufzubeschwören. Vielleicht wäre es besser, ich finde ohne eine befriedigende Antwort meinen Frieden mit diesem Thema. Gleichzeitig sehe ich immer mehr einen Knachpunkt darin. Ich weiß, dass ich es auf Dauer irgendwann erfahren muss. Weil es unter Umständen mir alles, was ich an Erinnerung habe, nehmen könnte. Und ich möchte nicht mit Erinnerungen leben, die sich wahr anfühlen, es aber nicht sind. Gleichzeitig weiß ich, dass ein Nein jetzt gerade völlig ausreichen würde, um mir den festen Boden unter den Füßen mit einem einzigen, heftigen Ruck wegzuziehen. Und ich bin wirklich nicht so blöde, dass ich mir jetzt noch den Teppich unter den eigenen Füßen wegreiße.


Ich erwähnte zuletzt, dass ich bald in der Gegend sei. Mr. Nevermind machte keinerlei Anstalten, wirklich darauf einzugehen und wünschte mir einen schönen Urlaub. Deutlicher kann man kaum sein, schätze ich. Es ist okay, denke ich. Aber auch das hat mir klar gemacht, dass er mittlerweile weiter ist als ich. Er befindet sich da an einem anderen Punkt als ich und ironischerweise scheint er zum ersten Mal, seit wir uns kennen, im Gegensatz zu mir an einem Punkt im Leben zu sein, an dem er wirklich zurecht kommt. Es freut mich ehrlich für ihn, es ist nur so, dass es mir gestern nur noch ein wenig deutlicher gemacht hat, wie sehr mich so vieles aus der Bahn geworfen hat. Vielleicht ist all das notwendig, um ein wenig mehr an meinen Plänen festhalten zu können. Ich will noch in dieser Woche jemanden auf der Arbeit um Hilfe bitten, um meine Pläne in Gang zu setzen. Die Liste der Leute, die ich in nächster Zeit ansprechen und um Hilfe bitten werde, ist recht lang und Mr. Nevermind hat mich da in einem Gedanken, einen möglichen Notfallplan, bestätigt.


Vielleicht ist das auch diese eine Sache, die ich so an Mr. Nevermind vermisse - diese eine Eigenschaft, die ich mir von einem Menschen an meiner Seite wünsche. Für mich war das, was Mr. Nevermind sagte, immer klug, vernünftig und erstrebenswert. Nicht, dass ich keine eigene Meinung gehabt hätte, aber ich war stets offen für das, was Mr. Nevermind sagte, weil ich oft die Erfahrung machte, dass ich mich auf die Klugheit seiner Worte verlassen konnte. Ein Rat von Mr. Nevermind war stets willkommen und ich hörte für gewöhnlich auf ihn. Jetzt, wo ich das schreibe, fällt mir auf, dass das nicht für sehr viele Menschen in meinem Leben gilt.


Ich bin ehrlich neugierig, wie es in meinem Leben weitergeht. Es gibt gerade noch so viele Fragezeichen, so viele offene Stellen. Supermarktmann hat sich seit Tagen nicht mehr gemeldet. Ich weiß mittlerweile, was ich sagen werde, wenn ich das nächste Mal von ihm höre.
Bald ist meine Mutter zu Besuch. Für die Arbeit habe ich vieles geplant in nächster Zeit. Ein Besuch bei Irland-Freund steht auch demnächst an, auf den ich mich wahnsinnig freue. So gesehen sind die nächsten vier Wochenenden bereits komplett verplant.


Ich denke immer wieder, da wartet etwas Großes auf mich. Und auch dann denke ich an Mr. Nevermind. Und daran, dass ich diese Beziehung mit ihm nicht habe kommen sehen, bis wir uns unmittelbar darin befanden. In wenigen Wochen ist das schon acht Jahre her. Acht wahnsinnig lange Jahre, die gefühlt innerhalb kürzester Zeit vergangen sind. Ein wenig gruselig, wenn ich so darüber nachdenke. Keine Ahnung, wohin die Zeit gegangen ist, aber viel wichtiger ist mir, dass ich die nächste Zeit nicht mehr vertrödele.

17.10.17 22:33, kommentieren

Haken

Bis vor ein paar Jahren war ich im Grunde mit der Vergangenheit immer halbwegs im Reinen. Es gab Vergangenes, das ich nicht gut fand oder über das ich im Nachhinein kritisch dachte, aber all das war, aus meiner Sicht, irgendwie okay.


Irgendwann vor ein paar Jahren ist das gekippt und die Liste der Dinge, die ich bereute, wurde zunehmend größer. Manchmal gab es Tage, an denen ich regelrecht fürchtete, dass mich manche Geschichten aus der Vergangenheit irgendwann noch mal verfolgen oder wieder Erwähnung finden würden. Und ganz ehrlich, bei so mancher Geschichte, die mir passiert ist, könnte ich getrost darauf verzichten.

 

In letzter Zeit denke ich sehr viel an meine Zeit in Weitweg. An Mr. Nevermind. Und all die Dinge, die ich hätte machen oder lassen sollen. Die Liste dieser Dinge wächst an manchen Tagen ins Unendliche und sicher, es gäbe da eine ganze Menge.
Es ist aber, wenn ich so darüber nachdenke, nichts, von dem ich denke, dass es meine Beziehung beispielsweise gerettet hätte. Oder dass es mich irgendwie in ein besseres Licht hätte stellen können.
Es sind alles Dinge, die mir lediglich im Nachhinein, wenn ich an so manches denke, vielleicht ein besseres Gefühl geben würden.


Mr. Nevermind
hatte in der Anfangszeit unserer Beziehung eine beste Freundin, die ich vor ein paar Monaten schon mal erwähnt hatte. In meinen Augen war ihr Verhalten einfach furchtbar und vor allem im Rückblick hat sie auf meiner Seite in den ersten Beziehungsmonaten für sehr viel Kummer gesorgt. Sie ließ sich damals mir gegenüber oft über Mr. Nevermind aus und vergiftete manche meiner Gedanken mit ihrer Unzufriedenheit, die seinem Verhalten galt. Manche ihrer Worte schweben mir manchmal noch immer im Kopf. Sie sagte mal, Mr. Nevermind lebe nur in der Vergangenheit und er würde, wenn man ihm zuhöre, über die Vergangenheit sprechen als sei sie immer noch gegenwärtig.


Ich empfand es damals nicht so, auch wenn ich, nachdem ich darauf achtete, zugeben musste, dass er sich manchmal doch sehr in seinen Schwärmereien für Vergangenes verlor. Mr. Nevermind plauderte gerne und viel und brachte bei jeder Gelegenheit Anekdoten aus der Vergangenheit zum besten. Er blühte dabei jedes Mal auf, sodass man ihm, zumindest wenn man die jeweilige Geschichte zum ersten Mal hörte, mit Begeisterung und in meinem Fall vielleicht auch mit etwas Bewunderung zuhörte.
Erst später wurde mir bewusst, dass sie nicht völlig unrecht mit ihren Worten hatte. Mr. Nevermind verlor sich in manche Zeiten aus seiner Vergangenheit und ich denke, es lag daran, dass er, wie uns beiden erst sehr viel später klar wurde, mit Herz und Kopf noch viel zu sehr an manch Vergangenes hing.


Ich glaube, es geht mir in letzter Zeit ähnlich. Ich denke daran, wie schön es wäre, irgendwann noch mal eine Beziehung zu haben und sehe die Beziehung mit Mr. Nevermind vor mir, bemerke den schwachen Abklatsch von Gefühlen, von denen ich mich erinnere, sie mal gehabt zu haben und erinnere mich an diese Vertrautheit und diese Sicherheit, die mir von allem mit weitem am meisten fehlen. Es ist nicht Mr. Nevermind, der mir so fehlt. Es war die Zeit mit ihm, die Zeit als Studentin, die mir so unendlich fehlt, weil ich im Nachhinein das Gefühl habe, selten so sorglos und glücklich gewesen zu sein wie damals. Ich weiß, dass das so nicht stimmt. Ich habe mich damals oft alles andere als sorglos und glücklich gefühlt. Das weiß ich ganz genau. Aber es ist das Gefühl, mit dem ich die Vergangenheit betrachte.


Ich will Mr. Nevermind nicht zu eine dieser Geschichten machen, mit denen man nie so ganz abschließt. Als ich ihn vor rund einem Dreivierteljahr getroffen habe, war nichts mehr von dem Mr. Nevermind da, den ich aus dieser Zeit kannte, nichts von den Gefühlen und Gedanken, die ich mal hatte. Wir sind mittlerweile zwei Fremde, die sich zwei Mal im Jahr eine WhatsApp-Nachricht schreiben. Traurig eigentlich, wenn man bedenkt, wie sehr wir davon überzeugt waren, so viel gemeinsam zu haben.


Interessant ist, dass ich all das eine ganze Weile nie so gesehen habe. Unsere Beziehung war zu Ende und ich war recht bald darüber hinweg, konnte weitermachen, ließ mich sogar nach einer Weile wieder auf einen anderen Menschen ein. Und jetzt, nach rund vier Jahren, frage ich mich, ob ich das wirklich alles hinter mir gelassen habe oder ob ich nicht doch mit etwas zu viel Sehnsucht auf diese Zeit zurückblicke.
Ich werde in ein paar Wochen in der Nähe von Weitweg Urlaub machen. Es wird unvermeidlich sein, dass ich Weitweg an einem Tag besuchen werde. Und vielleicht auch eine andere Stadt in der Nähe, von der ich noch vor einem halben Jahr sicher war, dass ich sie bald sehen würde.
Ich trete dem mit recht viel Unbehagen entgegen. Ich habe Angst davor, was es in mir auslöst, wieder dort zu sein. Ich war seit drei Jahren nicht mehr in Weitweg und vom Verstand her, weiß ich, dass alles vertraut und doch völlig fremd für mich sein wird. Zwar bin ich mir ziemlich sicher, diesen Tag zu brauchen. Ich bin mir sicher, dass ich dort hin muss, aus meinem inneren Antrieb heraus. Aber ich bin mir nicht sicher, was das für mich heißen wird.


Es gibt viel zu viele Dinge im Leben, die man bereut oder mit denen man nie so wirklich abgeschlossen hat. Ich habe oft an die "Man sieht sich immer zwei Mal im Leben"-Weisheit festgehalten. Sie hat sich in meinem bisherigen Leben erstaunlich oft bestätigt, denn immer dann, wenn ich nicht damit gerechnet hätte, bekam ich Gelegenheit, unter etwas wirklich einen Haken zu setzen.


Dann gibt es da aber noch jene, hinter denen ich, teilweise auch nach Jahren noch keinen Haken gesetzt habe. Geschichten, in denen immer noch etwas offen ist, weil ich nie Gelegenheit hatte, etwas auszusprechen, etwas anzusprechen.


Auch diese Liste ist länger geworden und ich weiß, dass es einen erheblichen Unterschied macht, ob ich etwas ansprechen konnte oder nicht. Es schwebt immer wieder in meinem Kopf wie eine unerledigte Aufgabe.


Ich muss gerade daran denken, wie oft ich in den letzten Jahren mir gewünscht hatte, ich könnte noch mal mit meinem ehemaligen Klassenlehrer reden, um noch mal die Gelegenheit zu haben, mit dieser Zeit meiner Vergangenheit abzuschließen. Seit wir uns letztes Jahr getroffen haben, ist das auch tatsächlich für mich abgeschlossen. Wir machten damals aus, wir würden in Kontakt bleiben, was offensichtlich nicht der Fall ist - aber es ist okay für mich. An dieser Stelle steht jetzt der große Haken, den ich mir gewünscht hatte, auch wenn ich mich schon während des Schreibens frage, ob so ein Haken im Laufe der Zeit verblassen kann, so wie alte Tinte, denn gefühlt ist ja Ähnliches mit meiner Weitweg-Zeit passiert. Vielleicht war da aber auch nie ein richtiger Haken und ich habe das, was ich gedanklich dorthin gekritzelt habe, nur für einen Haken gehalten. Okay, genug seltsame Metaphern.


Es gibt da noch ein paar Dinge, die ich für mich nie geklärt habe. Da ist etwas, was ich Mr. Nevermind wahnsinnig gern fragen würde und ich merke, schon während ich diese Worte schreibe, wie sehr das in mir brennt und wie viel für mich von dieser Frage und seiner möglichen Antwort abhängt. Ich glaube, ich brauche diese Antwort und ich habe keine Ahnung, wie ich eine bekommen soll. Ich kann ihn nicht einfach fragen, nicht jetzt, nicht so. Aber ich sollte. Ja, ich glaube, ich sollte wirklich.


Da ist außerdem etwas, worüber ich mit dem Weltenbummler mal hätte reden sollen. Etwas, was ich nie angesprochen habe und immer unsichtbar im Raum hängen blieb, wie dichter Nebel, der uns beiden ein wenig die Sicht auf die Dinge erschwert hat. Ich sage mir oft, dass es keine Rolle mehr spielt. Dass es nicht mehr von Bedeutung ist, aber ich glaube, dass das so nicht stimmt.


Dann gibt es noch einen Menschen, mit dem ich nie sonderlich viel zu tun hatte, der aber trotzdem immer wieder Platz in meinen Gedanken gefunden hat. Ein Mensch, von dem ich mir fast sicher bin, dass er nie wieder eine Abbiegung nehmen wird, die sich zufällig mit denen in meinem Leben kreuzen wird. Aber ich würde es mir wünschen.


Ich will das nicht mehr. Ich will nicht mehr, dass Menschen aus der Vergangenheit mir, ohne es zu wissen, so viel Energie abzapfen, weil ich manchmal gedanklich und emotional immer noch bei ihnen bin. Diese Menschen können nichts dafür. Vielleicht hätte ich manches davon verhindern können, wäre ich manchen Weg anders gegangen.


Nun. In aller Überschwänglichkeit, etwas verändern zu wollen, habe ich Mr. Nevermind angeschrieben. Und nach nicht mal fünf Textnachrichten merke ich, dass es nicht gut für mich ist. Ich habe Tränen in den Augen und stelle fest, dass nicht mal halbwegs alles so in Ordnung ist, wie ich es heute Vormittag erst noch den Kollegen gegenüber dargestellt habe. Für mich ist nichts in Ordnung und in Wahrheit ist, das ist das Einzige, was ich wirklich verändern will. Ich will, dass die Dinge für mich wieder in Ordnung sind, dass ich auf mein Leben schauen kann und mit den Umständen, in denen es sich befindet, zufrieden und im Reinen bin.

16.10.17 21:41, kommentieren

gefühlt

Es gibt recht viel, was mir im Moment durch den Kopf geht. Vieles davon ist sehr konfus und immer, wenn ich überlege, ob ich einen Eintrag schreibe, merke ich, dass mein Kopf sich zwar sehr voll anfühlt und da auch dieses Gefühl ist, dass es so viel gäbe, über das ich sprechen könnte, vielleicht auch sollte. Wenn ich aber dann darüber nachdenke, worüber ich schreiben möchte, merke ich, dass es für mich gerade nicht viele Worte gibt. Keine ausdrucksstarken und schon gar keine interessanten. Ich schätze, ich könnte gerade besser ein Gemälde malen, weil es für mich gerade mehr gefühlte als gedachte Dinge gibt. Und ohne dass ich tatsächlich eines male, würde ich sagen, es würde aus vielen Farbspritzern bestehen. Viel viel Gelb, darüber viel Blau, dunkles Blau, und immer wieder dazwischen ein wenig Rot. Keine Mischungen, nur Primärfarben. Satt und jede einzelne eine Aussage für sich. Keine Kleckse, nur langgezogene Spritzer, die sich über das Bild verteilen und die einst weiße Leinwand doch nicht ganz verdecken können. Ja, irgendwie passt das zu dem Gefühl, das ich im Moment habe und ich kann nicht mal erklären, warum. Es sind einfach die Farben, nach denen mir gerade ist.


Da ist einfach so viel Verschiedenes, was ich empfinde und denke im Moment.
Ich fang mit den banalen Dingen an, vielleicht komme ich irgendwie am Ende zu einem Ergebnis. Vielleicht auch nicht.


Auf der Arbeit hatte ich nach dem gestrigen Ereignis, das, mit etwas Glück, im Verborgenen bleibt, den ganzen Tag dieses flaue Gefühl in der Bauchgegend. Ich stellte mich immer wieder darauf ein, dass es doch noch alle mitbekommen könnten. Oder dass es schon jemand mitbekommen haben könnte.
Und mir ist aufgefallen, wie oft man, wenn man ein Geheimnis hat, in beklemmende Situationen kommt. Plötzlich sagen Menschen Dinge wie "Du, hör mal, ich war gestern etwas verwirrt und ich dachte erst, ich hätte das irgendwie falsch mitbekommen" oder "Weißt du eigentlich, dass ich dich gestern voll verteidigt habe?". Oder man bemerkt plötzlich bedeutungsschwangere Pausen in den Worten anderer Menschen und jedes Mal denkt man "Jetzt ist es gleich so weit, jetzt gleich wirst du erfahren, dass es doch jemand mitbekommen hat". Ich weiß nicht, wie viele kurze Herzaussetzer ich heute erlebt habe. Ein paar waren es auf jeden Fall. Ich sollte wirklich nicht unter die Poker-Spieler gehen.


Heute habe ich mich das erste Mal nach Wochen wieder zu K-Kollegin gesetzt. Ich weiß, dass das überfällig war. So überfällig, dass ich heute bereits auf etwas Ähnliches angesprochen wurde und mich für mein Verhalten rechtfertigen musste. Eine Rechtfertigung, die ich nicht liefern konnte, weil ich keine habe. Manchmal macht man Dinge aus einem Gefühl heraus, nicht aus einer Logik. Und manchmal stoße ich die Menschen von mir weg, die es wirklich nicht verdient haben und an denen mir doch eigentlich etwas liegt.
K-Kollegin ist so ein Mensch. Ich gebe zu, ich war überrascht, dass sie keine spöttische Bemerkung oder einen Witz, über den ich nicht lachen könnte, machte. Sie tat einfach so als wäre es das Normalste der Welt, dass ich mich neben sie setze (was es ja auch eine ganze Zeit lang war) und ich rechnete ihr das hoch an. Wahrscheinlich ist es aber, nach dieser Bemerkung, nur eine Frage von Tagen, bis sie irgendeinen Satz äußert, der mich wünschen lässt, ich hätte diese Äußerung hier doch einfach weggelassen.


Ein Kollege, dem ich gestern ein Buch auslieh und davon erzählte, was mich in den letzten Wochen bewegt und aufgeregt hatte, schenkte mir heute Schokolade. Ich entdeckte sie in meinem Fach und war erst überrascht, weil ich mir sicher war, dass es sich um einen Irrtum handeln musste und jemand die Schokolade ins falsche Fach gelegt hatte. Nachdem ich darunter das Buch entdeckte, hellte sich mein Gesicht auf, weil mir klar wurde, dass die Schokolade tatsächlich für mich gedacht war - und ich lächelte breit. Schokolade ist die richtige Geste, um mir eine Freude zu machen. Immer.
Als ich mich zur Seite drehte, um zu sehen, ob der Kollege bereits im Raum anwesend war, sah ich noch, wie er sich schnell wegdrehte. Er hatte auf meine Reaktion gewartet und ich sah noch die Spuren eines Lächelns, als er entdeckt hatte, dass er mir eine Freude gemacht hatte. Das war tatsächlich noch ein wenig besser als die Schokolade selbst. Es ist schön, zu bemerken, dass man für andere Menschen von Bedeutung ist.


Beruflich gab es noch die eine oder andere Sache, die mich heute bewegt hat. Da ich da immer sehr vorsichtig bin, weil ich nicht Dinge äußern möchte, die ich nicht äußern darf, lasse ich das an der Stelle. Was aber vielleicht unverfänglich ist: Ich habe für die nächste Zeit etwas geplant, was offenbar großen Anklang gefunden hat. Das freut mich und das macht mich gerade wieder Feuer und Flamme dafür, das so gut hinzubekommen, wie es in meiner Vorstellung sein könnte.


Supermarktmann
meldete sich heute außerdem. Obwohl ich jetzt meiner Meinung nach schon recht deutlich meine Sicht der Dinge angesprochen habe, scheint es nichts an seinem Verhalten zu verändern. Nicht mal in die Richtung, dass er jetzt daraus schließen würde, dass er seine Chance verpasst hat. Ich schätze, es ist an der Zeit, zu lernen, noch deutlichere Worte zu wählen. Tatsächlich liegt mir das nicht. Nicht bei soetwas.
Aber vielleicht auch, weil ich mir einer Sache nie so richtig sicher bin. Was ist denn, wenn ich feststelle, dass jemand doch zu den Menschen gehören könnte, die ich gerne in meinem Leben haben möchte? Oder auch nicht?
Allerdings reicht das in diesem Fall nicht aus. Wir sind nicht auf der Wellenlänge, die ich suche.


Hm. Ich merke, dass die Luft raus ist aus meinen Worten. Das Leben ist mir gerade dazwischen gekommen und all das, was ich schreiben wollte, hat sich in meinem Kopf aufgelöst als würde es gar nicht existieren. Nur um anderen Gedanken Platz zu machen. Ich mag darüber nicht schreiben, weil ich nicht wüsste, was ich darüber schreiben sollte. Es ist ein wenig wie mit dem erwähnten Gemälde oben. Es ließe sich gerade besser mit Farben als mit Worten ausdrücken.

12.10.17 00:22, kommentieren