zukommen lassen

Ich hatte mir ziemlich Zeit gelassen. Erst war ich im Baumarkt, weil ich mir in den Kopf gesetzt habe, dass es nicht nur für mein Leben gilt, dass es nicht so bleiben kann wie es ist - sondern eben auch für meine Wohnung.
Anschließend war ich in meinem Lieblingssupermarkt, um dort ein paar Teile zu besorgen, weil Snickers-Kollege mir heute spontan verkündet hatte, dass er morgen gern in meinem Gästezimmer übernachten würde, weil er abends bei einer beruflichen Veranstaltung in der Nähe ist und die Rückfahrt für ihn in der Nacht einfach zu weit wäre. Er hat mich damit ganz schön aus dem Konzept gebracht, denn meine Wohnung ist im Moment genauso sehr ein Chaos wie mein Leben. Also versuche ich bis morgen das größte Chaos zu beseitigen.
Zwar geh ich davon aus, dass er vermutlich erst spät hier sein wird und dann quasi müde ins Bett fallen wird, ehe wir Freitagmorgen aufstehen und zur Arbeit müssen, aber ich wäre wohl nicht das Kind meiner Mutter, hätte ich nicht dennoch vorsorglich Süßigkeiten, Knabberkram und Frühstückssachen eingekauft.
"Du brauchst mir auch kein Frühstück machen",
sagte Snickers-Kollege heute grinsend, als er mich fragte, ob er bei mir übernachten könne. Wir hatten eigentlich ausgemacht, dass er übernächste Woche hier übernachten würde und ich hatte ihm aus einem Witz heraus versichert, dass ich ihm am Morgen Rührei mit Speck machen würde.
"Nee du, das kriegst du am Freitag bestimmt auch nicht, da hab ich am Morgen vor der Arbeit wirklich keinen Nerv für", meinte ich lachend und er grinste erneut. Trotzdem. Honig, Gelee und Marmelade habe ich da (alles selbstgemacht, wenn auch nicht von mir). Brot nun ebenfalls. Obst sowieso. Und, ja, die Zutaten für Rührei auch, wenn auch kein Speck - der würde bei mir als Vegetarierin umkommen, falls wir doch nicht zum Frühstücken kommen sollten. Süßigkeiten kaufe ich zwar normalerweise auch nicht in der Menge ein, weil ich sie viel zu schnell vernichte, aber ich habe auf der Arbeit am Freitag ansonsten genug Abnehmer - ist also bereits alles durchdacht.
Vielleicht alles ein wenig zu durchdacht. Am Ende wird er vermutlich ewig spät bei mir auftauchen, direkt schlafen und am nächsten Tag huschen wir nacheinander schnell ins Bad und dann geht's direkt zur Arbeit. Ja, aber irgendwie finde ich den Gedanken nett, ihn als Gast zu haben.


Als ich endlich aus meinem Lieblingssupermarkt kam mit einem Einkaufswagen voll mit Erdbeeren und anderem Obst, Brot, Süßigkeiten, Eier, Milch, Orangensaft für ein eventuelles Frühstück und ein paar Lebensmittel, die ich für mich noch brauchte, war da ein breites Grinsen auf meinem Gesicht. Ich fühlte mich gut und ging mit dem Gefühl zu meinem Wagen. Ich ging auf dem Weg an zwei Wagen vorbei, in denen, wie ich flüchtig registrierte, jeweils Personen saßen und lächelte einfach in die Welt hinein. Als ich den Kofferraum öffnen wollte, entdeckte ich an der Klappe ein kleines Insekt, das so bunt und interessant aussah, dass ich es fasziniert beobachtete, ehe ich die Klappe dann tatsächlich öffnete. Im Nachhinein will ich gar nicht daran denken, wie das gewirkt haben muss.


Als ich die ersten Teile in meiner Tasche verstaut hatte, hörte ich, wie der Motor des Autos hinter mir ausgeschaltet wurde. Ich dachte mir nichts dabei und hatte bis zu dem Moment gar nicht registriert, dass der Motor bis dahin die ganze Zeit über lief. Jemand stieg aus. Ich stand mit dem Rücken zu ihm.
"Hallo", hörte ich. Ich sah kurz auf, erwiderte ein "Hallo" und sah in das Gesicht eines Mannes, der offenbar selbst gerade nicht recht wusste, ob er sich gerade auf mich zu- oder von mir weg bewegte. Anders kann ich mir zumindest nicht erklären, dass er irgendwie beides gleichzeitig tat. Als er sich dann entschied, doch auf mich zuzugehen und es nicht nur bei einem "Hallo" zu belassen, meinte er nur "Hey, ich bin der...". Ich lächelte und brachte ein selbstwusstes "Hi, ich bin ..." heraus und streckte ihm selbstsicher die Hand entgegen. Ein wenig erstaunt fragte ich mich, wo ich manchmal diese Energie und dieses Selbstbewusstsein plötzlich hernehme. Er schien selbst erstaunt zu sein und erwiderte den Händedruck. Nicht besonders fest, aber auch nicht lasch. Ein angenehmer durchschnittlicher Händedruck würde ich sagen.
"So ist das also, wenn man angesprochen wird", dachte ich im Stillen und lachte mich selbst gedanklich aus für diese Feststellung.


Ich hatte ihn sofort erkannt.
Wir hatten uns bereits am Samstag vor drei Wochen im gleichen Supermarkt getroffen. Ich bekomme sogar ungefähr noch die Uhrzeit rekonstruiert, was er sicherlich nicht ahnen wird. An dem Tag hatte ich mein aktuelles Lieblingskleid an. Kurz und körperbetont. Auf der Arbeit trage ich es nicht, aber an Wochenendtagen, an denen mir danach ist, mich wohl zu fühlen, schon. Ich kam aus dem Supermarkt heraus, strahlend. Er ging an mir vorbei und wir grinsten uns an, auch wenn ich allgemein in dem Moment einfach grinste. Als ich mit dem Auto an ihm vorbeifuhr, spürte ich noch seinen Blick auf mir und fühlte mich einfach wohl in meiner Haut.


Und nun stand plötzlich genau dieser Mann vor mir. Ich registrierte erst später, dass er offenbar meinen Wagen erkannt und sich extra mit dem Auto gegenüber davon gestellt und auf mich gewartet hatte. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass er mich auf mein Kennzeichen ansprach und auf dem Parkplatz stand, obwohl es zwei Minuten vor Ladenschluss war (nach dem Gespräch ging er noch schnell hinein, er dürfte sich nicht äußerst beliebt damit gemacht haben - das tat mir direkt ein wenig leid, weil ich mir im Supermarkt nichtsahnend so viel Zeit gelassen hatte).


Wir unterhielten uns ein wenig miteinander. Über seinen Beruf. Über meinen Beruf. Darüber, dass wir uns schon mal gesehen haben. Später verfluchte ich mich dafür, dass ich in der Lage bin, Gespräche zu führen, ohne aufmerksam zuzuhören und zu sprechen. Ich war einfach zu reizüberflutet - zu beschäftigt damit, den Menschen vor mir anzusehen, gedanklich zu analysieren und Kleinigkeiten wahrzunehmen. Wenn ich Menschen kennenlerne, kann ich mich manchmal blendend mit ihnen unterhalten - und am Ende kann ich kaum ein Wort von der Unterhaltung wiedergeben, weil ich gesprochen habe, ohne mitzudenken. So weiß ich, er hat mir seinen Beruf genauer beschrieben und ich hab trotzdem keinen Schimmer, was er arbeitet. Ziemlich traurig, aber das lag nicht an ihm.


Am Ende des Gesprächs fragte er mich, ob wir uns vielleicht mal schreiben wollen. Ich lächelte und sagte zu, sagte ihm aber auch, dass ich gerade mein Handy nicht greifbar habe (Die Wahrheit war, dass es irgendwo in den absurden Tiefen meiner vergleichsweise eher kleinen Handtasche war und ich hatte einfach keine Lust, das Chaos in meiner Handtasche vor einem Fremden offenzulegen) und diktierte ihm deshalb meine Nummer. Er sagte, er würde sich melden und wir verabschiedeten uns.


Und noch während ich ihm meine Nummer gab, fragte ich mich, was ich da tat. Er hatte mir damit imponiert, mich einfach so angesprochen zu haben. Freundlich, nicht aufdringlich. Und im Nachhinein finde ich es auch süß, dass er offensichtlich gewartet hatte, denn das - und auch das, was ich aus dem Gespräch noch weiß - wies darauf hin, dass er mich schon vor drei Wochen ansprechend genug gefunden hatte, dass er sich vorgenommen hatte, mich beim nächsten Mal möglichst anzusprechen.


Aber dann waren da all die anderen Dinge, die ich registriert hatte. Die offensichtliche Unsicherheit, die aber niemandem in der Situation zu verübeln ist. Das ganze Auftreten, die Ausstrahlung... Ich war mir sicher, einen gutmütigen, sympathischen Menschen vor mir zu haben, der am Ende hofft, dass sich da was entwickeln könnte, während ich nicht den Schneid habe, zuzugeben, dass sich da gerade nichts entwickelt. Und wieder war da die Beklemmung, weil ich Sorge hatte, irgendwelchen Erwartungen am Ende nicht gerecht werden zu können - dieses Mal Erwartungen daran, was ich über jemanden denke.


Deshalb dachte ich erst daran, ihm das direkt zu sagen. Dann dachte ich, dass das weder fair noch richtig wäre. "Würdest du jemanden ansprechen, würdest du dir auch wünschen, dass er dir erstmal eine Chance gibt, dass du dich zeigen kannst", dachte ich mir im Stillen. Also gab ich mir Mühe, der ganzen Sache eine eher ungezwungene Note zu geben und brachte zeitgleich zum Ausdruck, dass ich angetan darüber war, dass er mich einfach angesprochen hatte, weil ich mir dachte, dass er zumindest wissen sollte, dass das so oder so eine gute Idee war. Ich war mir sicher, jemanden mit Charakter vor mir zu haben.


Er ging. Ich blieb am Auto, ein wenig innerlich kopfschüttelnd, ein wenig beflügelt. In den letzten Wochen habe ich ständig betont, dass ich nie angesprochen werde. Und dass das auch besser so wäre, weil ich komplett verkrampfe, wenn mich jemand ansieht. Heute hat beides nicht zugetroffen. Vielleicht auch, weil ich insgeheim fand, dass ich niemanden vor mir habe, vor dem ich mich verstecken müsste. Ich fragte mich, ob er mich aus ähnlichen Gedanken heraus angesprochen hatte, fand diesen Gedanken aber nicht allzu nett und verwarf ihn dann wieder.


Und noch während ich mir schon wieder zu viele Gedanken machte, unterbrach mich meine Mutter in all den Überlegungen und sagte mir, ich solle es doch einfach mal alles auf mich zukommen lassen.
"Warte doch erst mal, ob er sich meldet."
, meinte sie.
"Mama, ich bitte dich. Als wenn der irgendwen auf der Straße anspricht, nach der Nummer fragt und sich dann nicht meldet", erwiderte ich.
"Stimmt, aber dann kannst du ja immer noch sehen. Und wenn du merkst, dass du das nicht willst, kannst du ihm das immer noch sagen."

Stimmt. Ich glaube, ich neige viel zu oft dazu, mich selbst zu sabotieren. Ich werde ausnahmslos einfach alles auf mich zukommen lassen. Alles.



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Heute war insgesamt ein guter Tag. Ich hatte mich heute für eine kurze Hose und ein Top entschieden - ein ziemlich seltener Anblick in meinem Fall. Ein Kollege begrüßte mich heute auf dem Gang vom Weiten mit den Worten "Sag mal, kann das sein, dass du auch immer dünner wirst?", was mich direkt freute - ich hab mittlerweile rund neun Kilo abgenommen, werde aber quasi nie darauf angesprochen.
"Ja, ich hab ein wenig abgenommen", sagte ich lächelnd. Vorher war ich nahe an der Grenze zum Übergewicht - jetzt hab ich wohl eine akzeptable Normalfigur.
"Aber hallo", meinte der Kollege anerkennend und ich lächelte noch etwas mehr in mich hinein.


Später rief mich mein Chef zu sich. Ich hatte ein flaues Gefühl, weil ich ihm ein paar Dinge hatte vorlegen müssen. Und während er mit mir die Sachen durchging und einen angestrichenen Fehler nach dem nächsten analysierte und ausführte, versank ich immer mehr vor Scham in meinem Stuhl. Innerlich rügte ich mich für meine offensichtlich schlechte Leistung und machte mich ganz schön dafür runter, dass ich in letzter Zeit so viele Dinge nicht so gut mache, wie ich sollte.
Als ich das immer weniger ertragen konnte, meinte ich nur leise: "Okay, ich werde das ändern. Ich hab das aber auch einfach noch nicht so oft gemacht."
Mein Chef sah mich erstaunt an und meinte: "Ja, weiß ich, aber das hier ist ziemlich gut. Auch sprachlich recht einwandfrei, sonst hätte ich das unmöglich so schnell durcharbeiten können. Ich muss nur die paar Fehler ansprechen, damit die ausgebessert werden."
Ich atmete auf und lächelte ihn breit an. Und dann passierte das, was im Moment ständig in mir passiert, wenn mir jemand für einen Augenblick Sorgen nimmt oder etwas Freundliches sagt: Ich entkräftete es und dachte mir, dass er das vermutlich zu allen anderen auch gesagt hat.
"Und das sage ich lange nicht zu jedem", kam prompt im gleichen Moment. Als könnte mein Chef Gedanken lesen. Er sah mir geradewegs in die Augen und ich meinte zu erkennen, wie aufrichtig seine Worte waren. Ich bedankte mich herzlich.


Und dann ging ich zu den anderen Kollegen. Es gab etwas zu essen. Zwei Kolleginnen, darunter eine ältere Kollegin, quasi meine Dampfwalzenkollegin, mit der ich schon mal aneinander geraten bin, weil sie sich teilweise ziemlich unsensibel verhält, und ich nahmen uns davon. Ich nahm noch einen kleinen Nachschlag, als meine Dampfwalzenkollegin sich gerade, nachdem sie selbst schon etwas gegessen hatte, vom Karottensalat nahm - im gleichen Moment, in dem ich überlegt hatte, ob ich mir auch etwas davon nehmen sollte.
Was Höflichkeit und Benehmen angeht, hat meine Mutter mich, denke ich, recht gut erzogen. Sie hat immer sehr viel Wert auf diese Dinge gelegt (und tut es heute natürlich auch noch). Ich bin allerdings auch von Natur aus etwas penibel und manchmal pedantisch.
Und deshalb sah ich die Kollegin, als sie sich gerade etwas vom Karottensalat nahm, völlig entgeistert an und sagte sehr direkt (was eher untypisch für mich ist): "Sag mal, nimmst du dir gerade etwas mit deiner benutzten Gabel davon?"
Die Kollegin sah mich erstaunt an. "Ja!? Stört dich das?"
"Ja!",
sagte ich entrüstet, "Das macht man nicht! Meine Mutter hat mir beigebracht, dass sich das nicht gehört." Streng genommen hat sie mir allerdings auch beigebracht, dass man auf seinen Ton achten sollte, vor allem bei Menschen, die mehr als doppelt so alt sind als man selbst (naja, als Kind war es wohl eher noch das sechs- bis zehnfache Alter).
"Guck, ich nehme das, was ich mit meiner Gabel berühre",
sagte sie noch und pickte demonstrativ weiter die Karotten aus dem Salat. Mit der benutzten Gabel.
Ich versuchte die Situation zu entschärfen, weil sie schon mal sehr empfindlich darauf reagiert hat, als ich ihr ehrlich gesagt habe, was ich denke. Erklärte ihr, dass ich penibel und einfach sehr höflich erzogen wurde. Konnte es aber auch nicht lassen zu sagen: "Aber ganz ehrlich - das ist für mich Grund genug, mir jetzt nichts mehr davon nehmen zu wollen."
Als sie mich dann ein paar Minuten später fragte, ob das mein ernst sei, dass ich deshalb nichts davon esse, bestätigte ich ihr das, versuchte es aber erneut zu entkräftigen, indem ich betonte, dass das nicht schlimm sei, nur dass ich das einfach generell ekelig fände - auch bei anderen Personen.
Zu der zweiten Kollegin, die ebenfalls wesentlich älter ist als ich, sagte ich später, dass ich vielleicht etwas zu direkt war.
"Fand ich gar nicht. Ich hätte ihr das in der Situation selbst wohl nicht gesagt, aber ich fand's richtig, dass du es getan hast. Wir machen das zuhause auch so wie sie, aber wenn man woanders ist, macht man das nicht."
Das ist vermutlich eine tyische Mücke-Elefant-Situation. Es war deshalb auch später nicht mehr der Rede wert und hat mich auch nicht aufgeregt. Es hat mich nur ein wenig erstaunt, wie direkt ich in manchen Momenten dann doch sein kann.


Hihi. Ich habe gerade eine Nachricht bekommen. Ha! Und meine Mutter hat noch so getan als könnte es sein, dass er sich gar nicht meldet.

2 Kommentare 19.7.17 22:40, kommentieren

1 1/2 - Mann mit Herz

Was für ein Tag, was für ein Abend! Ich bin noch ziemlich aufgekratzt, wenn auch mittlerweile ziemlich müde, aber ich muss unbedingt diesen Tag festhalten. Macht euch auf einen Bandwurmeintrag mit unnötigen, wenig bedeutsamen Details gefasst.


Ich war mit einer Freundin verabredet. Mädelsabend. Das hatten wir einander schon vor Wochen versprochen. Sie hatte mir den Vorschlag gemacht, weil sie sich sicher gewesen war, dass ich genau das brauche und irgendwie hat sie recht behalten.
Wir hatten uns beide recht schick gemacht. Ich hatte mich in eines meiner aktuellen Lieblingskleider gesteckt und meinem Gesicht noch ein wenig mehr Aufmerksamkeit geschenkt als sonst. Ziel war es, mich wohl zu fühlen und alles andere interessierte mich heute (was das angeht) nicht.


Wir fuhren eine Stunde lang. Eine ernste Fahrt. Sie erzählt immer ziemlich viel. Pizza-Freundin. Sie führt ein aufregendes Leben, ohne jemals darum gebeten zu haben. Voller Irrungen und Verwirrungen und irgendwie gilt das auch für all die Menschen, die in ihrem Leben vorkommen. Noch mehr Irrungen und Verwirrungen. Manchmal dampft mir ganz schön der Kopf bei all den Geschichten, die sie mir erzählen kann. Verglichen damit ist mein Leben ein recht langweiliges, eintöniges und sehr gradliniges Konstrukt. Kein buntes Krikelkrakel, in dem man keine einzelnen Linien mehr erkennen kann.


Pizza-Freundin und ich gingen zuerst essen. Ich gönnte mir einen Veggie-Burger und einen alkoholfreien Erdbeer-Cocktail. Sämtliche aktuellen Abnehmpläne warf ich heute kurzfristig erstmal über Board, weil ich der Meinung war, dass es für heute mal okay wäre (wobei es die letzten Tage auch schon ein wenig zu sehr okay war). Das sollte sich später rächen, aber dazu gleich. Pizza-Freundin machte noch vor dem Essen ein Selfie von uns. Ich finde, wir sehen beide ein wenig schräg darauf aus, aber ich mag das Bild sehr, wir strahlen beide über's ganze Gesicht.


Nach dem (wirklich guten) Essen gingen wir zu einer Brücke, auf der einige Leute standen. Ich genoss so sehr diesen Augenblick. Sonne, Wind, Wasser und Musik. Ich lehnte an einer Mauer, hörte das Rauschen von Wasser hinter mir, spürte Sonne auf meinem Körper und den Wind im Haar. Ein mittelmäßig guter Straßenmusiker befand sich vor uns und sorgte für etwas seichte Unterhaltung. Ich war so glücklich in diesem einen Moment. Diese kleinen Momente, die so glücklich sind, sind manchmal so schwer zu fassen. Ich möchte diese Momente nehmen, in kleine Fläschchen füllen und mich immer wieder in dem Gefühl baden, wenn mir danach ist. Und alles, was ich weiß, ist, dass das nicht geht und ich diesen Moment nur für den Augenblick habe.
Traurig und wunderschön zugleich.


Dann wurde dieser Moment abgelöst von dem Moment, in dem mir der Körper zum unzähligsten Male in den letzten Tagen mitteilte, dass irgendetwas nicht stimmt. Ich hatte vorher schon Bauchweh vom Essen (wie in den letzten Tagen schon), plötzlich wurde mir übel, aus der Übelkeit entstand ein ziemliches Hitzegefühl, das mit dem Wetter nichts zu tun hatte. Ich kenne das bereits und ich bemerkte mit ungutem Kribbeln, wie sich das alles hochschaukelte und sich plötzlich mein Blickfeld immer mehr verdunkelte, weil mein Kreislauf gerade dabei war, den Geist aufzugeben. Ich hielt das aus, in der Hoffnung, es würde vorbei gehen, bis ich mir sicher war, dass ich entweder in wenigen Sekunden umkippen oder Pizza-Freundin noch direkt vor die Füße brechen würde. Oder beides. Ich murmelte, dass wir uns hinsetzen sollten, was wir direkt taten. Nach einigen Minuten wurde es allmählich besser.


Und dann kam der schöne Moment zurück. Es war schön, da unten auf dem Boden zu sitzen, den Menschen von unten aus zuzusehen und einfach glücklich zu sein. Wir saßen lange so dort, redend und lachend. Uns gegenüber standen drei Männer, zwei von ihnen trugen Sonnenbrille. Den Mittleren musterte ich ein paar Mal, ich hatte das Gefühl, er würde mich ansehen - durch die Sonnenbrille kann man das allerdings schwer sagen.
Pizza-Freundin machte ein Bild von mir, wie ich auf dem Boden saß, strahlend. Sie zeigte mir das Bild und - es ging einfach nicht anders - ich brach in schallendes Gelächter aus. Ich lache nicht oft auf diese Art und Weise, laut und unbeherrscht, aber wenn ich etwas wirklich witzig finde, dann kann ich nicht anders. Und dieses Bild ist verdammt witzig. Sie hat es von recht weit oben aufgenommen und die Proportionen meines Körpers wirken verrückt, seltsam. Als hätte ich einen übergroßen Kopf und einen extrem schlanken Körper, mit megalangen, ultraschlanken Puppenbeinen (und nein, so sehe ich echt nicht aus, das ist einfach durch den Winkel so passiert). Witzig ist auch mein Grinsen. Ich selbst erinnere mich an diese witzigen Bilder, auf denen man Kühe oder Esel von ganz Nahem fotografiert hat und dann ein übergroßes Grinsen (zumindest bei Eseln) sehen kann. Okay, ganz so extrem ist es natürlich nicht. Am witzigsten ist vermutlich, dass der Winkel so ungeschickt gewählt ist, dass sich mein Kopf optisch genau in dem Schritt eines Mannes befindet, der im Hintergrund zu sehen ist und seine Hand - optisch - genau oberhalb meines Kopfes hält. Ich glaube, ich habe ein neues Lieblingsfoto (was so klingt, als hätte ich vorher überhaupt ein Lieblingsfoto gehabt... ich mag Fotos von mir sonst eher nicht so).


Ich sah also dieses Bild und konnte nicht mehr das Lachen aufhören. Während des Abends holte ich es noch ein paar Mal heraus, um mich darüber zu amüsieren. Pizza-Freundin bot an, ein neues Bild zu machen. "Hm, gerade ist ungünstig", meinte sie, "dann schauen wohl die drei Männer da drüben noch mehr zu dir hin. Fällt dir das eigentlich auf?"
Ich war erstaunt, denn ich dachte, ich hätte mir das bei dem Mittleren einfach eingebildet. "Nein, die schauen ziemlich arg zu dir her", meinte sie. Schmeichelhaft, wenn ich bedenke, wie viele wirklich hübsche Frauen auf dieser Brücke standen. Später betonte sie, ich hätte recht leicht einen Flirt haben können. Aber ganz ehrlich? Sowas liegt mir einfach nicht. Ich bin in solchen Situationen komplett unbeholfen und verkrampft und alles Mögliche, nur nicht ich selbst. Es bringt mir nichts.


Wir liefen später noch ein wenig am Fluss entlang. Mit den gesundheitlichen Beschwerden hatte ich an dem Abend immer wieder zu kämpfen, sollte es sich nicht bald legen, werde ich zum Arzt gehen. Ich vermute, dass ich irgendetwas im Moment nicht vertrage. Ich esse aber auch ziemlich viel ungesunden Kram. Später aß ich noch Schokoerdbeeren. Ich konnte nicht widerstehen. "Mädelsabend, heute darf ich das mal", dachte ich mir.


Auf dem Volksfest, das wir besuchten, gingen wir zu einer Wahrsagerin. Ja, ernsthaft, ich gab heute Geld für eine Wahrsagerin aus und nein, das habe ich vorher noch nie getan. Aber ich wollte es immer mal, nachdem meiner Mutter mal vor Jahrzehnten - weit vor meinem Leben - einige Dinge vorhergesagt wurden, die sich offenbar bewahrheitet hatten. Ich bin eine Skeptikerin, keine Sorge. Ich glaube nicht alles, obwohl ich recht naiv sein kann. Aber ich bin nach heute auch nicht ganz abgeneigt, den Worten der Frau Glauben zu schenken, weil vieles doch sehr passte.


Pizza-Freundin
geht seit Jahren im Jahresabstand zu dieser Frau, nachdem sie bisher mit ihren teilweise ziemlich präzisen Vorhersagen für gewöhnlich sehr ins Schwarze getroffen hat.
Zuerst legte sie für Pizza-Freundin die Karten und ich beobachtete aufgeregt und gespannt. Es dauerte keine zwei Minuten, ehe ich die Wahrsagerin völlig fassungslos anschaute, weil sie Pizza-Freundin Dinge über ihr Leben erzählte, die stimmten und die sie unmöglich hatte erraten können - zumal Pizza-Freundin zu diesem Zeitpunkt nichts als Name und Alter über sich verraten hatte. Die Wahrsagerin stellte schon einige sehr präzise Fragen. Wenn beispielsweise ein Mann in den Karten vorkam, dann fragte sie schon gezielt nach einzelnen Personen im Leben, ein Bruder, ein Sohn, ein Mann... "Okay, das könnte ich auch", könnte man sagen. Aber es würde vieles, was ich da heute gehört habe, dennoch nicht erklären. Die Karten, die Pizza-Freundin gelegt bekam, hätten beispielsweise nicht zu mir gepasst - obwohl ich die Fragen genau so beantwortet hätte wie Pizza-Freundin es tat (kein zweiter Bruder, kein Sohn,... etc.). Die Wahrsagerin geriet bei Pizza-Freundin ein wenig an ihre Grenzen, konnte sich nicht recht erklären, was sie in den Karten sah. Die ältere Frau saß stirngerunzelt vor den Karten, während Pizza-Freundin mir einen kurzen flüchtigen Blick zuwarf. Wir dachten beide das Gleiche. Absurd, dass die Frau, ohne es sich erklären oder interpretieren zu können, etwas sah, was im Leben der Pizza-Freundin ohnehin schon so verrückt ist, dass es nicht naheliegend war und die Frau das einfach erraten könnte. Zumal die Frau ja selbst nicht richtig glaubte, was sie da sagte - ohne zu wissen, dass jedes Wort stimmte. Die Frau verzweifelte, konnte sich die Karten nicht erklären und wir klärten sie nicht auf.


Allerdings war das wohl für die Frau eher eine Art Aufwärmübung, könnte man sagen. Zuerst musste ich kurz ihre Hände halten. "Kontakt zur Aura aufnehmen" nennt sie das, andere würden es vielleicht "Quatsch" nennen. Aber ganz ehrlich? Heute war Mädelsabend, ich hatte mir ein wenig Quatsch verdient.
Sie sah mir in die Augen und bei mir kribbelte es, ich hatte das Gefühl, dass sie etwas sehen konnte in meinen Augen und damit meine ich nicht mal einen Wahrsager-Hokuspokus. Ich meine nur, dass ich das Gefühl hatte, sie würde sich in meinen Augen ein wenig verlieren, ehe sie den Blickkontakt plötzlich abbrach und nach unten sah. Sie drückte mir Karten in die Hand, die ich mischen sollte, während ich an nichts anderes denken sollte. Tat ich.
"Stopp", rief sie und ich gab ihr die Karten.
Noch während sie die Karten aufdeckte und nach meiner Karte suchte, zuckte ein leichtes, kaum feststellbares Erstaunen im Gesicht auf. Es wirkte so als würde da etwas Interessantes auf mich zukommen und irgendwie schien ich Recht zu behalten mit dem Gedanken.


Die ersten fünf Karten, die sie mir legte, ergaben noch nicht viel. Zwei Männer, die vielleicht mal zeitgleich eine Rolle gespielt haben. Oder auch nicht. Ziemlich unkonkret. "Ein Mann mit Herz wird eine Rolle spielen", sagte sie mir. Vielleicht kenne ich ihn schon, vielleicht auch nicht. Vielleicht war er mal einer der beiden Männer. Vielleicht auch nicht. Vielleicht würde ich ja auch mal einen Sohn bekommen. Immer noch alles ziemlich unkonkret. (Der Sohn tauchte in den späteren Überlegungen auch nicht mehr auf.)
Trotzdem freute ich mich, dass es ein Mann mit Herz sein würde. Es hätte ja auch ein Mann ohne Herz sein können. Oder ein Mann mit viel Geld. Oder ein Mann, der in Wirklichkeit ein Idiot ist. Aber nein, für mich ist es ein Mann mit Herz - genau das, was ich mir doch wünsche. Ziemlich gut, würde ich sagen.


Sie fragte immer wieder Dinge, interessant war, dass viele der Antworten sie dann doch nicht zu interessieren schienen. "Haben Sie einen Bruder?", fragte sie mich, als sie herausfinden wollte, wer dieser eine Mann sein könnte - der andere, nicht der mit Herz.
"Ja, ein Halbbruder", antwortete ich ehrlich.
"Hm", murmelte sie. "Nein, das ist ein anderer Mann."
Und so ging es bei vielen Fragen. Später, nach dem Legen und Bezahlen, erzählte sie uns, sie habe mal einer Frau zwei Jahre hintereinander erklärt, da käme immer wieder ein Mann in den Karten vor und sagte immer wieder, dass sie einen Bruder habe, während die Frau beteuerte, keinen Bruder zu haben. Als ihr Vater auf dem Sterbebett lag erfuhr die Frau dann, dass er ihr all die Jahre über einen Halbbruder verschwiegen habe. Sicher, könnte sie sich auch ausgedacht haben, die Wahrsagerin. Glaube ich aber nicht, sie wirkte wie eine ehrliche Haut auf mich.


Natürlich blieb es an vielen Stellen auch später ziemlich unkonkret. Aber es gab da Dinge, die sie einfach nicht hätte wissen können aus der Vergangenheit und der Gegenwart, die einfach zu spezifisch waren, um sie nun leugnen zu können.


"Also Sie werden definitiv nicht alleine bleiben, definitiv nicht",
murmelte sie. Naja, dass ich nicht die nächsten dreißig Jahre allein bleiben würde, damit hatte ich fast gerechnet. Aber sie sprach ja doch eher von der näheren Zukunft als von den nächsten dreißig Jahren.
"Da kommt ein Wechsel auf Sie zu, vielleicht ein Umzug oder beruflich, hm"
, sagte sie bereits ziemlich am Anfang. Ich seufzte. Nicht schon wieder, echt nicht, nein danke. Genug gewechselt, genug umgezogen. Ich war enttäuscht, soetwas steht doch gerade gar nicht an. Nichts in Sicht, sagte ich jedoch nicht. "Dieser Wechsel wird sehr viel Stress bedeuten.", kam weiter. Okay, auch nicht wirklich besser.


Ich will nicht zu viel über meine Zukunft sagen an der Stelle. Der Mann mit Herz und ich, wir werden einige Turbulenzen vor uns haben. Ich weiß jedenfalls nach heute, wem ich von dieser Vorhersage nicht erzählen darf, weil ich weiß, was mir diese Person erzählen würde.


Während die Wahrsagerin bei Pizza-Freundin ihre eigenen Karten schon nicht ganz verstand, verzweifelte sie allerdings bei mir vollends. "Das macht überhaupt gar keinen Sinn", murmelte sie ein paar Mal. Sie stellte mir ein paar oberflächliche Fragen. "Nein, das macht gar keinen Sinn", murmelte sie noch mal. Ein paar Mal sah sie auf die Karten, lehnte sich zurück, sah darauf und beugte sich dann wieder nach vorne. Gute Showeinlage? Vielleicht. Glaub ich aber nicht, dafür hat es sich zu echt angefühlt. Lasst mich einfach glauben.


Sie sagte mir ein paar ziemlich erstaunliche Dinge über den Mann mit Herz, grenzte das nicht genau ein, gab mir ein paar Möglichkeiten, was davon am Ende stimmen würde, war sich aber sehr sehr sicher, dass es eines von den drei Dingen sein würde und die waren wiederum recht spezifisch. Eines davon erscheint mir ziemlich heftig, aber sie betonte einige Male, dass sie auch diese Möglichkeit nennen und in Betracht ziehen müsse. Also ich weiß nicht, was ich tue, wenn sie mit dieser einen Möglichkeit wirklich recht behalten sollte, es erscheint mir doch ziemlich unglaublich. In der Vorhersage, die sie mir gemacht hat, spielt dieses Ding allerdings offenbar nicht so eine große Rolle für mich, dass es mir deshalb mit ihm weniger ernst wäre.


"Aber diese beiden Karten... die da oben, die versteh ich nicht", murmelte sie dann wieder. "Wenn diese Karte hier da liegen würde", sie zeigte auf eine andere, "dann wäre die Sache ganz klar und einfach... aber so... so ergibt das alles keinen Sinn. Das ist, also wenn es wirklich so ist... das wäre utopisch, das kann einfach nicht sein." Sie lachte fast zynisch auf, klang fast verzweifelt und ich schaute sie immer fassungsloser an.
"Stört es Sie, wenn ich eine rauche?", fragte die Frau, immer noch mit starrem Blick auf die Karten, während sie sich den Aschenbecher zu sich heranzog. Das alles schien sie tatsächlich ziemlich zu stressen.
"Ähm, nein, machen Sie meinetwegen", murmelte ich. Immer noch nicht ganz sicher, was ich von diesem Moment halten sollte. Ich war zu schockiert von der Feststellung, dass selbst eine Frau, die ständig Karten legt und seit einigen Jahren ihr Geld damit vedient, ihre Karten plötzlich nicht zu verstehen scheint. Aber sie hätte sich ja auch irgendeinen Mist ausdenken können. Das tat sie jedoch nicht.
Dass sie mir allerdings keine Erklärung liefern konnte, schien sie selbst nicht gut zu finden. Sie vergaß bei all ihren Grübeleien am Ende sogar, dass sie eigentlich eine hatte rauchen wollen.


"Aber ich kann Ihnen sicher sagen, Sie werden mit Sicherheit nicht alleine bleiben. Nein nein, ganz sicher nicht. Da wird jemand sein"
"Sie können mir vermutlich nicht sagen, wie lang das alles passieren wird, oder?",
sagte ich leise.
"Oh doch", kam direkt als Antwort und ihre Augen weiteten sich, "von heute an allerspätestens 1 1/2 Jahre." Nun, das ist lange. Wobei für das, was sie mir vorhergesagt hat, sind 1 1/2 Jahre wiederum gar nicht so lang. Pizza-Freundin hatte mir erzählt, dass die Frau ihr mal ein konkretes Datum vorausgesagt hatte und gesagt hatte, dass etwas bis spätestens zu diesem Tag passieren würde - es geschah am Ende wenige Tage vorher.


"Toll", sagte ich am Ende zu Pizza-Freundin, "ausgerechnet bei mir kommt so ein Murks heraus."
Sie lachte. "Also wenn du mich fragst, ich hab mir gedacht, dass dieses Chaos in deinen Karten gerade perfekt zu dem Chaos in deinem Leben passt."
Recht hat sie ja irgendwie.


Ich werde nicht mein Glück von den Worten einer Wahrsagerin abhängig machen. Es ist nicht so, dass ich nun denke, dass all das auf jeden Fall passieren wird, auch wenn ich gerade daran glaube. Und sicher, ich möchte auch daran glauben. Es klingt danach, dass ein paar aufregende, turbulente Dinge auf mich zukommen werden. Aber selbst wenn nicht, wird mir das Leben schon genug gute Dinge zu bieten haben.


Also, Mann mit Herz, du hast noch maximal 1 1/2 Jahre. Ab jetzt. Ich freu mich auf dich und die Turbulenzen. Langweilig wird es wohl nicht für uns. Vielleicht findest du mich ja. Oder hast es schon. Wer weiß (Die Wahrsagerin ganz offensichtlich nicht...). Mal sehen. So oder so bin ich heute aus dem kleinen Wagen förmlich herausgeschwebt. Nicht beflügelt von den konkreten Aussagen, nur beflügelt von den Gedanken, dass so oder so da draußen das Leben auf mich wartet. Und vielleicht auch ein Mann mit Herz. Wie schön.

4 Kommentare 9.7.17 04:18, kommentieren

Meer ohne Salz

"Ich wollte Meer ohne Salz,
du wolltest uns ohne mich"

(Was machst du dann - Die Höchste Eisenbahn)


Ich denke immer wieder über diese Herz-Kopf-Sache nach. Stell dir vor, es gibt da diesen Menschen, für den dein Herz schlägt und der es höher schlagen lässt. Streng genommen läuft es nicht gut mit euch, irgendwie gibt es da all diese Stolpersteine und ihr seid die meiste Zeit mehr damit beschäftigt, darüber, über euch, über einander und über das Leben zu stolpern als zu stehen oder vielleicht sogar ein wenig gemeinsam zu gehen.
Was würde passieren, würde dir nun ein Mensch begegnen, mit dem du wirklich glücklich sein könntest? Ein Mensch, bei dem du dein großes Glück finden könntest, der zu dir passt? Ein Mensch, mit dem du lachen und weinen, dich freuen, dich ärgern könntest, jemand, dessen Leben du bereichern könntest und der deines bereichern könntest?
Angenommen dein Herz schlägt für diesen ersten, anderen Menschen wirklich so sehr - da könnte sonst wer daher kommen, es würde wohl nichts ändern. Und das erscheint mir manchmal so unwahrscheinlich tragisch. Gleichzeitig denke ich, wie beruhigend das eigentlich ist, denn sonst würden wir uns noch mehr immer danach umsehen, mit wem wir noch etwas glücklicher sein könnten. Wobei es mir darum hier gerade gar nicht geht. Es geht mir darum, dass wir vielleicht die echten Chancen im Leben verpassen, weil unser Herz gerade besetzt ist, selbst dann, wenn es kein glücklich besetztes Herz ist.


Und das führt mich zu dieser Herz-Kopf-Frage. Ich denke, das Herz möchte, was es möchte. Es interessiert sich meist gar nicht dafür, wer wirklich zu einem passt und mit wem man wirklich sein Glück finden kann. Es interessiert sich nur für das Gefühl, lässt sich berauschen, mitreißen, beeindrucken. Und auch das ist irgendwie beruhigend. Ein herzgesteuertes Leben ist mir deutlich lieber als ein verkopftes. Trotzdem wäre es schön zu wissen, dass Herz und Kopf sich einig sind, wenn es darauf ankommt, aber daran zweifel ich.


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An dieser Stelle nun ein Cut. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Es war einfach nur ein Gedanke, der mir kam und den ich festhalten wollte.
Ein wenig aus meinem Leben, ein paar Momente:


Jemand hat, ohne es wissen, ahnen oder sich überhaupt denken zu können, mir dabei geholfen, eine weitere Linie zu ziehen an der Stelle, an der demnächst ein Schlussstrich sein soll. Ich danke dir dafür, dass du alles dafür tust, mir die Möglichkeit zu geben, zu denken, ich hätte mich in dir getäuscht. Das macht es leichter, nicht an etwas festhalten zu wollen, bei dem ich keinen Halt finden kann. Ich weiß, die Chancen stehen gut, dass ich mich nicht getäuscht habe und du ganz in Ordnung bist, aber diese Gedanken führen zu nichts. Meine Worte haben nicht ihre Gültigkeit verloren. Eine Menge Vielleichts und ein Abschied. Ich werde dich immer mit offenen Armen empfangen. Der Unterschied zu dem Zeitpunkt, an dem ich das schrieb, ist, dass ich, schon nach wenigen Wochen, nicht mehr so viel Gedanken und Gefühl daran verschwende. Du bist irgendwo im Hinterkopf, tauchst gelegentlich auf, lässt mich die Frage stellen, was mit dir ist. Und dann verschwindest du wieder in der Versenkung, irgendwo auf der Ablage mit der Aufschrift "Abhaken und weiterleben". Ich weiß, diese Worte werden nicht bei dir ankommen, das macht mich mutig.


Heute habe ich eine Menge ungesundes Zeugs gegessen. In den letzten Tagen hatte ich recht gesund gegessen, in erster Linie deshalb, weil ich seit ein paar Tagen von dem ungesunden Kram sofort Bauchweh bekomme (was mich heute dann aber doch nicht davon abgehalten hat).
In unserer gemeinsamen Pause ärgerte ich Snickers-Kollege und er meinte dann: "Also ich wollte dir gerade eigentlich ein KitKat anbieten, aber wenn du so frech bist, kriegst du keins."
Ich schmunzelte. KitKat? Was ist bloß aus Snickers geworden? Ich dachte außerdem, dass das jetzt vorbei wäre, dass er ständig Schokolade mitbringt und die dann auch noch brüderlich mit mir teilt.
Trotz seiner Ankündigung holte er eine Packung KitKat heraus, hielt mir eines hin und fragte mich, ob ich auch eines wolle.
Ich seufzte, hielt mir den Bauch und jammerte ein wenig: "Ich hab heute schon soo viel gegessen. Das ist echt keine gute Idee."
Snickers-Kollege verdrehte die Augen, als wäre es völlig absurd, dass ich ablehne. Zugegeben, das kennt er nicht von mir, ich lehne sonst nie ab. Ich bemerkte, wie sein Blick kurz an meinem Körper runterwanderte. "Ach komm schon."
"Du willst das nur nicht alles alleine essen müssen",
zeterte ich und dann sah ich, dass es sich auch noch um ein besonders großes KitKat handelte. Und ich gab nach.
Begeistert drückte er mir das KitKat in die Hand, aber statt es sofort zu essen (wie sonst), legte ich es (weil ich mir sicher war, dass ich sonst direkt wieder Bauchweh bekommen würde) wie einen Schatz in mein Fach, völlig euphorisch bei dem Gedanken, wie sehr ich mich irgendwann in der kommenden Woche darüber freuen werde. Vermutlich dann, wenn ich es schon längst wieder vergessen habe (was ich mir allerdings gerade nicht vorstellen kann, denn ich denke unentwegt daran, dass da Schokolade auf mich wartet...).
Snickers-Kollege war in den letzten Tagen nicht auf der Arbeit. Küken-Kollegin entrümpelte gestern unseren Tisch, an dem wir zu viert für gewöhnlich sitzen. Ich zog ihn damit auf, dass er dort Essen hatte stehen lassen, das in den letzten Tagen bis dahin wohl fröhlich vor sich hingammelte. Ich mag an Snickers-Kollege, dass er so offensichtlich unperfekt ist. Auch wenn das schimmelnde Lebensmittel bedeutet.


Als ich Kuchen mitgebracht hatte, bewunderte er mein Blech samt passendem Deckel.
"Siehst du, Exhausted ist eine ziemlich gute Partie, da solltest du zuschlagen", sagte K-Kollegin lachend, die immer noch ihre Witze macht.
Ich verdrehte die Augen und murmelte ein verlegenes "Jetzt ist mal langsam gut", während Snickers-Kollege unbedingt wissen wollte, was sie gesagt hatte, weil er es nicht verstanden hatte. Als K-Kollegin irgendwann nachgab und ihren Satz wiederholte, meinte er nur: "Sei mal nicht so gehässig."
Ruckartig drehte ich meinen Kopf zu ihm um und meinte gespielt entrüstet: "Hey, Moment mal, ich BIN eine gute Partie."
Snickers-Kollege sah mich an, blinzelte ein paar Mal irritiert und musste dann, als er meine Worte entschlüsselt hatte, erst mal loslachen, weil ich ihn absichtlich falsch verstanden hatte.
Es kann offenbar sein, dass er jetzt doch bei uns auf der Arbeit bleiben kann. Es würde mich zwar freuen, aber erfahrungsgemäß ist ohnehin kein Jahr wie das andere, auch mit den Kollegen nicht und während sich das jetzt an unserem Tisch alles noch so freundschaftlich, witzig, vertraut und gut anfühlt, kann es sein, dass all das Gute nächstes Jahr schon wieder weg ist. Selbst dann, wenn er immer noch da sein sollte. Irgendwie traurig, wenn ich mir das so überlege, aber ich habe das einfach schon oft genug erlebt.


Aber wo ein Platz leer wird, wird auch ein Platz frei für etwas Neues. Immer wieder und wieder. Es ist nur für den Moment immer irgendwie bitter. Und dann geht es weiter. Immer wieder und wieder. Und das kann man, denke ich, auf so ziemlich den gesamten Eintrag beziehen.

7.7.17 23:52, kommentieren