Haken

Bis vor ein paar Jahren war ich im Grunde mit der Vergangenheit immer halbwegs im Reinen. Es gab Vergangenes, das ich nicht gut fand oder über das ich im Nachhinein kritisch dachte, aber all das war, aus meiner Sicht, irgendwie okay.


Irgendwann vor ein paar Jahren ist das gekippt und die Liste der Dinge, die ich bereute, wurde zunehmend größer. Manchmal gab es Tage, an denen ich regelrecht fürchtete, dass mich manche Geschichten aus der Vergangenheit irgendwann noch mal verfolgen oder wieder Erwähnung finden würden. Und ganz ehrlich, bei so mancher Geschichte, die mir passiert ist, könnte ich getrost darauf verzichten.

 

In letzter Zeit denke ich sehr viel an meine Zeit in Weitweg. An Mr. Nevermind. Und all die Dinge, die ich hätte machen oder lassen sollen. Die Liste dieser Dinge wächst an manchen Tagen ins Unendliche und sicher, es gäbe da eine ganze Menge.
Es ist aber, wenn ich so darüber nachdenke, nichts, von dem ich denke, dass es meine Beziehung beispielsweise gerettet hätte. Oder dass es mich irgendwie in ein besseres Licht hätte stellen können.
Es sind alles Dinge, die mir lediglich im Nachhinein, wenn ich an so manches denke, vielleicht ein besseres Gefühl geben würden.


Mr. Nevermind
hatte in der Anfangszeit unserer Beziehung eine beste Freundin, die ich vor ein paar Monaten schon mal erwähnt hatte. In meinen Augen war ihr Verhalten einfach furchtbar und vor allem im Rückblick hat sie auf meiner Seite in den ersten Beziehungsmonaten für sehr viel Kummer gesorgt. Sie ließ sich damals mir gegenüber oft über Mr. Nevermind aus und vergiftete manche meiner Gedanken mit ihrer Unzufriedenheit, die seinem Verhalten galt. Manche ihrer Worte schweben mir manchmal noch immer im Kopf. Sie sagte mal, Mr. Nevermind lebe nur in der Vergangenheit und er würde, wenn man ihm zuhöre, über die Vergangenheit sprechen als sei sie immer noch gegenwärtig.


Ich empfand es damals nicht so, auch wenn ich, nachdem ich darauf achtete, zugeben musste, dass er sich manchmal doch sehr in seinen Schwärmereien für Vergangenes verlor. Mr. Nevermind plauderte gerne und viel und brachte bei jeder Gelegenheit Anekdoten aus der Vergangenheit zum besten. Er blühte dabei jedes Mal auf, sodass man ihm, zumindest wenn man die jeweilige Geschichte zum ersten Mal hörte, mit Begeisterung und in meinem Fall vielleicht auch mit etwas Bewunderung zuhörte.
Erst später wurde mir bewusst, dass sie nicht völlig unrecht mit ihren Worten hatte. Mr. Nevermind verlor sich in manche Zeiten aus seiner Vergangenheit und ich denke, es lag daran, dass er, wie uns beiden erst sehr viel später klar wurde, mit Herz und Kopf noch viel zu sehr an manch Vergangenes hing.


Ich glaube, es geht mir in letzter Zeit ähnlich. Ich denke daran, wie schön es wäre, irgendwann noch mal eine Beziehung zu haben und sehe die Beziehung mit Mr. Nevermind vor mir, bemerke den schwachen Abklatsch von Gefühlen, von denen ich mich erinnere, sie mal gehabt zu haben und erinnere mich an diese Vertrautheit und diese Sicherheit, die mir von allem mit weitem am meisten fehlen. Es ist nicht Mr. Nevermind, der mir so fehlt. Es war die Zeit mit ihm, die Zeit als Studentin, die mir so unendlich fehlt, weil ich im Nachhinein das Gefühl habe, selten so sorglos und glücklich gewesen zu sein wie damals. Ich weiß, dass das so nicht stimmt. Ich habe mich damals oft alles andere als sorglos und glücklich gefühlt. Das weiß ich ganz genau. Aber es ist das Gefühl, mit dem ich die Vergangenheit betrachte.


Ich will Mr. Nevermind nicht zu eine dieser Geschichten machen, mit denen man nie so ganz abschließt. Als ich ihn vor rund einem Dreivierteljahr getroffen habe, war nichts mehr von dem Mr. Nevermind da, den ich aus dieser Zeit kannte, nichts von den Gefühlen und Gedanken, die ich mal hatte. Wir sind mittlerweile zwei Fremde, die sich zwei Mal im Jahr eine WhatsApp-Nachricht schreiben. Traurig eigentlich, wenn man bedenkt, wie sehr wir davon überzeugt waren, so viel gemeinsam zu haben.


Interessant ist, dass ich all das eine ganze Weile nie so gesehen habe. Unsere Beziehung war zu Ende und ich war recht bald darüber hinweg, konnte weitermachen, ließ mich sogar nach einer Weile wieder auf einen anderen Menschen ein. Und jetzt, nach rund vier Jahren, frage ich mich, ob ich das wirklich alles hinter mir gelassen habe oder ob ich nicht doch mit etwas zu viel Sehnsucht auf diese Zeit zurückblicke.
Ich werde in ein paar Wochen in der Nähe von Weitweg Urlaub machen. Es wird unvermeidlich sein, dass ich Weitweg an einem Tag besuchen werde. Und vielleicht auch eine andere Stadt in der Nähe, von der ich noch vor einem halben Jahr sicher war, dass ich sie bald sehen würde.
Ich trete dem mit recht viel Unbehagen entgegen. Ich habe Angst davor, was es in mir auslöst, wieder dort zu sein. Ich war seit drei Jahren nicht mehr in Weitweg und vom Verstand her, weiß ich, dass alles vertraut und doch völlig fremd für mich sein wird. Zwar bin ich mir ziemlich sicher, diesen Tag zu brauchen. Ich bin mir sicher, dass ich dort hin muss, aus meinem inneren Antrieb heraus. Aber ich bin mir nicht sicher, was das für mich heißen wird.


Es gibt viel zu viele Dinge im Leben, die man bereut oder mit denen man nie so wirklich abgeschlossen hat. Ich habe oft an die "Man sieht sich immer zwei Mal im Leben"-Weisheit festgehalten. Sie hat sich in meinem bisherigen Leben erstaunlich oft bestätigt, denn immer dann, wenn ich nicht damit gerechnet hätte, bekam ich Gelegenheit, unter etwas wirklich einen Haken zu setzen.


Dann gibt es da aber noch jene, hinter denen ich, teilweise auch nach Jahren noch keinen Haken gesetzt habe. Geschichten, in denen immer noch etwas offen ist, weil ich nie Gelegenheit hatte, etwas auszusprechen, etwas anzusprechen.


Auch diese Liste ist länger geworden und ich weiß, dass es einen erheblichen Unterschied macht, ob ich etwas ansprechen konnte oder nicht. Es schwebt immer wieder in meinem Kopf wie eine unerledigte Aufgabe.


Ich muss gerade daran denken, wie oft ich in den letzten Jahren mir gewünscht hatte, ich könnte noch mal mit meinem ehemaligen Klassenlehrer reden, um noch mal die Gelegenheit zu haben, mit dieser Zeit meiner Vergangenheit abzuschließen. Seit wir uns letztes Jahr getroffen haben, ist das auch tatsächlich für mich abgeschlossen. Wir machten damals aus, wir würden in Kontakt bleiben, was offensichtlich nicht der Fall ist - aber es ist okay für mich. An dieser Stelle steht jetzt der große Haken, den ich mir gewünscht hatte, auch wenn ich mich schon während des Schreibens frage, ob so ein Haken im Laufe der Zeit verblassen kann, so wie alte Tinte, denn gefühlt ist ja Ähnliches mit meiner Weitweg-Zeit passiert. Vielleicht war da aber auch nie ein richtiger Haken und ich habe das, was ich gedanklich dorthin gekritzelt habe, nur für einen Haken gehalten. Okay, genug seltsame Metaphern.


Es gibt da noch ein paar Dinge, die ich für mich nie geklärt habe. Da ist etwas, was ich Mr. Nevermind wahnsinnig gern fragen würde und ich merke, schon während ich diese Worte schreibe, wie sehr das in mir brennt und wie viel für mich von dieser Frage und seiner möglichen Antwort abhängt. Ich glaube, ich brauche diese Antwort und ich habe keine Ahnung, wie ich eine bekommen soll. Ich kann ihn nicht einfach fragen, nicht jetzt, nicht so. Aber ich sollte. Ja, ich glaube, ich sollte wirklich.


Da ist außerdem etwas, worüber ich mit dem Weltenbummler mal hätte reden sollen. Etwas, was ich nie angesprochen habe und immer unsichtbar im Raum hängen blieb, wie dichter Nebel, der uns beiden ein wenig die Sicht auf die Dinge erschwert hat. Ich sage mir oft, dass es keine Rolle mehr spielt. Dass es nicht mehr von Bedeutung ist, aber ich glaube, dass das so nicht stimmt.


Dann gibt es noch einen Menschen, mit dem ich nie sonderlich viel zu tun hatte, der aber trotzdem immer wieder Platz in meinen Gedanken gefunden hat. Ein Mensch, von dem ich mir fast sicher bin, dass er nie wieder eine Abbiegung nehmen wird, die sich zufällig mit denen in meinem Leben kreuzen wird. Aber ich würde es mir wünschen.


Ich will das nicht mehr. Ich will nicht mehr, dass Menschen aus der Vergangenheit mir, ohne es zu wissen, so viel Energie abzapfen, weil ich manchmal gedanklich und emotional immer noch bei ihnen bin. Diese Menschen können nichts dafür. Vielleicht hätte ich manches davon verhindern können, wäre ich manchen Weg anders gegangen.


Nun. In aller Überschwänglichkeit, etwas verändern zu wollen, habe ich Mr. Nevermind angeschrieben. Und nach nicht mal fünf Textnachrichten merke ich, dass es nicht gut für mich ist. Ich habe Tränen in den Augen und stelle fest, dass nicht mal halbwegs alles so in Ordnung ist, wie ich es heute Vormittag erst noch den Kollegen gegenüber dargestellt habe. Für mich ist nichts in Ordnung und in Wahrheit ist, das ist das Einzige, was ich wirklich verändern will. Ich will, dass die Dinge für mich wieder in Ordnung sind, dass ich auf mein Leben schauen kann und mit den Umständen, in denen es sich befindet, zufrieden und im Reinen bin.

16.10.17 21:41, kommentieren

gefühlt

Es gibt recht viel, was mir im Moment durch den Kopf geht. Vieles davon ist sehr konfus und immer, wenn ich überlege, ob ich einen Eintrag schreibe, merke ich, dass mein Kopf sich zwar sehr voll anfühlt und da auch dieses Gefühl ist, dass es so viel gäbe, über das ich sprechen könnte, vielleicht auch sollte. Wenn ich aber dann darüber nachdenke, worüber ich schreiben möchte, merke ich, dass es für mich gerade nicht viele Worte gibt. Keine ausdrucksstarken und schon gar keine interessanten. Ich schätze, ich könnte gerade besser ein Gemälde malen, weil es für mich gerade mehr gefühlte als gedachte Dinge gibt. Und ohne dass ich tatsächlich eines male, würde ich sagen, es würde aus vielen Farbspritzern bestehen. Viel viel Gelb, darüber viel Blau, dunkles Blau, und immer wieder dazwischen ein wenig Rot. Keine Mischungen, nur Primärfarben. Satt und jede einzelne eine Aussage für sich. Keine Kleckse, nur langgezogene Spritzer, die sich über das Bild verteilen und die einst weiße Leinwand doch nicht ganz verdecken können. Ja, irgendwie passt das zu dem Gefühl, das ich im Moment habe und ich kann nicht mal erklären, warum. Es sind einfach die Farben, nach denen mir gerade ist.


Da ist einfach so viel Verschiedenes, was ich empfinde und denke im Moment.
Ich fang mit den banalen Dingen an, vielleicht komme ich irgendwie am Ende zu einem Ergebnis. Vielleicht auch nicht.


Auf der Arbeit hatte ich nach dem gestrigen Ereignis, das, mit etwas Glück, im Verborgenen bleibt, den ganzen Tag dieses flaue Gefühl in der Bauchgegend. Ich stellte mich immer wieder darauf ein, dass es doch noch alle mitbekommen könnten. Oder dass es schon jemand mitbekommen haben könnte.
Und mir ist aufgefallen, wie oft man, wenn man ein Geheimnis hat, in beklemmende Situationen kommt. Plötzlich sagen Menschen Dinge wie "Du, hör mal, ich war gestern etwas verwirrt und ich dachte erst, ich hätte das irgendwie falsch mitbekommen" oder "Weißt du eigentlich, dass ich dich gestern voll verteidigt habe?". Oder man bemerkt plötzlich bedeutungsschwangere Pausen in den Worten anderer Menschen und jedes Mal denkt man "Jetzt ist es gleich so weit, jetzt gleich wirst du erfahren, dass es doch jemand mitbekommen hat". Ich weiß nicht, wie viele kurze Herzaussetzer ich heute erlebt habe. Ein paar waren es auf jeden Fall. Ich sollte wirklich nicht unter die Poker-Spieler gehen.


Heute habe ich mich das erste Mal nach Wochen wieder zu K-Kollegin gesetzt. Ich weiß, dass das überfällig war. So überfällig, dass ich heute bereits auf etwas Ähnliches angesprochen wurde und mich für mein Verhalten rechtfertigen musste. Eine Rechtfertigung, die ich nicht liefern konnte, weil ich keine habe. Manchmal macht man Dinge aus einem Gefühl heraus, nicht aus einer Logik. Und manchmal stoße ich die Menschen von mir weg, die es wirklich nicht verdient haben und an denen mir doch eigentlich etwas liegt.
K-Kollegin ist so ein Mensch. Ich gebe zu, ich war überrascht, dass sie keine spöttische Bemerkung oder einen Witz, über den ich nicht lachen könnte, machte. Sie tat einfach so als wäre es das Normalste der Welt, dass ich mich neben sie setze (was es ja auch eine ganze Zeit lang war) und ich rechnete ihr das hoch an. Wahrscheinlich ist es aber, nach dieser Bemerkung, nur eine Frage von Tagen, bis sie irgendeinen Satz äußert, der mich wünschen lässt, ich hätte diese Äußerung hier doch einfach weggelassen.


Ein Kollege, dem ich gestern ein Buch auslieh und davon erzählte, was mich in den letzten Wochen bewegt und aufgeregt hatte, schenkte mir heute Schokolade. Ich entdeckte sie in meinem Fach und war erst überrascht, weil ich mir sicher war, dass es sich um einen Irrtum handeln musste und jemand die Schokolade ins falsche Fach gelegt hatte. Nachdem ich darunter das Buch entdeckte, hellte sich mein Gesicht auf, weil mir klar wurde, dass die Schokolade tatsächlich für mich gedacht war - und ich lächelte breit. Schokolade ist die richtige Geste, um mir eine Freude zu machen. Immer.
Als ich mich zur Seite drehte, um zu sehen, ob der Kollege bereits im Raum anwesend war, sah ich noch, wie er sich schnell wegdrehte. Er hatte auf meine Reaktion gewartet und ich sah noch die Spuren eines Lächelns, als er entdeckt hatte, dass er mir eine Freude gemacht hatte. Das war tatsächlich noch ein wenig besser als die Schokolade selbst. Es ist schön, zu bemerken, dass man für andere Menschen von Bedeutung ist.


Beruflich gab es noch die eine oder andere Sache, die mich heute bewegt hat. Da ich da immer sehr vorsichtig bin, weil ich nicht Dinge äußern möchte, die ich nicht äußern darf, lasse ich das an der Stelle. Was aber vielleicht unverfänglich ist: Ich habe für die nächste Zeit etwas geplant, was offenbar großen Anklang gefunden hat. Das freut mich und das macht mich gerade wieder Feuer und Flamme dafür, das so gut hinzubekommen, wie es in meiner Vorstellung sein könnte.


Supermarktmann
meldete sich heute außerdem. Obwohl ich jetzt meiner Meinung nach schon recht deutlich meine Sicht der Dinge angesprochen habe, scheint es nichts an seinem Verhalten zu verändern. Nicht mal in die Richtung, dass er jetzt daraus schließen würde, dass er seine Chance verpasst hat. Ich schätze, es ist an der Zeit, zu lernen, noch deutlichere Worte zu wählen. Tatsächlich liegt mir das nicht. Nicht bei soetwas.
Aber vielleicht auch, weil ich mir einer Sache nie so richtig sicher bin. Was ist denn, wenn ich feststelle, dass jemand doch zu den Menschen gehören könnte, die ich gerne in meinem Leben haben möchte? Oder auch nicht?
Allerdings reicht das in diesem Fall nicht aus. Wir sind nicht auf der Wellenlänge, die ich suche.


Hm. Ich merke, dass die Luft raus ist aus meinen Worten. Das Leben ist mir gerade dazwischen gekommen und all das, was ich schreiben wollte, hat sich in meinem Kopf aufgelöst als würde es gar nicht existieren. Nur um anderen Gedanken Platz zu machen. Ich mag darüber nicht schreiben, weil ich nicht wüsste, was ich darüber schreiben sollte. Es ist ein wenig wie mit dem erwähnten Gemälde oben. Es ließe sich gerade besser mit Farben als mit Worten ausdrücken.

12.10.17 00:22, kommentieren

Typisch ich

Aus eigener Vernunft heraus habe ich die Worte, die hier ursprünglich standen, gelöscht. Und gegen jede Vernunft bin ich noch wach, obwohl ich schlafen wollte.
Schon längst.


Allein in den letzten sechzig Minuten habe ich einige grundunterschiedliche Gefühle durchgemacht. Wut. Ärger. Zweifel. Hoffnung. Resignation.
Und allein in den letzten sechzig Minuten habe ich mir mindestens fünf verschiedene Dinge vorgenommen, die ich machen sollte.


Allem voran vielleicht, dass ich schlafen gehen sollte. Dieses Vorhaben wurde zu allererst gestört, als Irland-Freund, den ich heute aus einer Not heraus anschrieb, mir anbot, zu telefonieren. Das Telefonat ist gerade erst zu Ende und ich habe noch immer die Lachtränen im Augenwinkel.


Manchmal, wenn ein Mensch so viel Gefühl in mir auslöst, neige ich zu Überschwänglichkeit, will die Welt umarmen und einfach allen sagen, wie toll es ist, so einen Menschen in meinem Leben zu haben. Das gilt für meine Mutter. Für den Irland-Freund. Für den Freak. Für K-Kollegin galt das noch bis vor ein paar Wochen. Für Pizza-Freundin. Für eine Menge Menschen, die irgendwann in mein Leben gestolpert kamen und irgendwann auch wieder herausfielen.


Heute ist es Irland-Freund, der mich letztendlich aufgefangen hat und mir gerade genau das gegeben hat, was ich brauchte. Humor und etwas Bodenständigkeit. Jemand, der sagt "Also, ich weiß ja nicht, was du für ein Problem mit ... hast, aber gut, das musst du ja wissen", nur um mich feststellen zu lassen, dass er völlig Recht hat. Ich habe ein Ding zu einer großen Sache gemacht, was zu banal ist, um sich darüber so einen Kopf zu machen.
"Klar wäre das nicht angenehm, aber es gäb deutlich Schlimmeres."



Natürlich war er neugierig, worum genau es ging und was der Inhalt meines Problems war und als ich ihm davon erzählt habe und von meiner absurden Reaktion heute, haben wir uns beide herzlich darüber lustig gemacht.


Manchmal bin ich einfach typisch ich. Oft denke ich, so ein "typisch ich" gäbe es in meinem Fall nicht, weil ich dann finde, dass ich mich nicht genug abgrenze, nich genug hervorhebe. Aber doch, ja. Ziemlich viele Dinge sind typisch für mich.


Das bin typisch ich, wenn mich jemand ansieht und mir Interesse signalisiert und ich daraufhin verkniffen schaue oder direkt das Weite suche.
Das bin typisch ich, wenn jemand überschwänglich und stürmisch in seinen Gefühlen ist und ich demjenigen erstmal jeden Wind aus den Segeln nehme.
Es ist typisch für mich, dass ich, wenn niemand damit rechnet, ich am allerwenigsten, plötzlich die Worte völlig klar meinen Mund verlassen und wie kleine Pfeilspitzen ins Schwarze treffen. Und immer dann, wenn ich mir der Wichtigkeit meiner Worte völlig bewusst bin, hört man nicht mehr als einen Haufen undefinierten Wortmatsches von mir.


Das bin typisch ich, dass ich beim Lachen oft den Mund zukneife oder recht ernst gucke, obwohl ich innerlich mich gerade schüttel vor lachen.


Es ist typisch für mich, dass die Menschen mich für meine ruhige, besonnene, "abgeklärte" Art loben, obwohl in mir drin nichts sonderlich besonnen oder abgeklärt ist. Ich frage mich immer wieder, wie irgendwer zu so einem Urteil kommt. Das ist nicht weniger absurd wie die Einschätzung, ich sei ein sehr organisierter, planender Mensch bin (Blanke Ironie, ganz ehrlich!). Tatsächlich sind meine Freunde die ersten auf einer sehr langen Liste, die jedem, der es gerne hören will, bescheinigen würden, wie schrecklich weltfremd, seltsam und unbesonnen ich sein kann.
Irland-Freund hat sich vor lachen nicht mehr eingekriegt am Telefon, als ich ihm geschildert habe, was mir heute passiert ist und wie ich in der Situation gehandelt habe.
"Du weißt schon,
dezent ist nicht immer so meine Stärke", murmelte ich nur zerknirscht ins Telefon, zerknirscht auch deshalb, weil ich selbst das Lachen kaum noch unterdrücken konnte.

Ich denke so oft, typisch ich zu sein wäre nicht gut genug. Denn typisch ist für mich auch, dass ich ständig sehe, was besser an mir sein könnte, was nicht optimal ist. Ich sehe all die Eigenschaften, mit denen ich mir im Weg stehe und sehe all das, was bei allen anderen besser zu klappen scheint als bei mir. Die Wahrheit ist, wie mir in den letzten Monaten einige Menschen unfreiwilligerweise sehr deutlich vor Augen geführt haben, dass die meisten Menschen sich einfach besser zu verkaufen und ins rechte Licht zu rücken wissen. Diese Fähigkeit habe ich nicht und ich scheue mich oft auch davor, sie mir anzueignen. Mir behagt der Gedanke, mich könnte jemand anders sehen als ich bin, nicht sonderlich. Ich will dafür geliebt werden, wer ich bin. Nicht dafür bewundert werden, wer ich nicht bin. Über einen Erfolg, den man mir bescheinigt, möchte ich nicht denken, dass die Menschen das überbewerten, weil sie nicht das ganze Bild sehen, sondern dass sie Recht damit haben, dass ich in einer Sache wirklich erfolgreich war. Ich möchte etwas Echtes. Nichts, was nur echt zu sein scheint.


Ein Kollege sprach mich heute darauf an, ob es mir wieder besser gehe. In dem Moment war es so. Und jetzt gerade, ja, jetzt ist es gerade ganz deutlich so. Ich habe keinen Schimmer, wie es weitergeht, aber es gibt eine Menge Möglichkeiten, wie es weitergehen kann.
Bei all dem, was mir heute durch den Kopf gegangen ist, bei all den Was-wäre-der-schlimmste-Fall-Gedanken ist mir klar geworden, dass es auch typisch für mich ist, dass ich auch im Gedanken an den allerschlimmsten Fall, den ich mir für eine Situation vorstellen kann, mir etwas vorstellen kann, wie ich mit der Situation umgehe. Es gibt immer einen Ausweg. Es gibt immer etwas, wie man das Beste aus der Situation machen kann, auch wenn einem der Ausweg an sich nicht immer sonderlich gefällt.


Ich will nicht zu denen gehören, die sich über Monate auf gruselige, fast schon selbstbemitleidende Art im Kreis drehen und sich und der Welt sagen, wie sehr sie doch alles dafür tun, dass es nicht so ist, nur um festzustellen, dass es doch so ist, dass sie sich im Kreis drehen. Das ist traurig und sicherlich auch eine Form von Selbstbetrug. Die Wahrheit ist: Wenn man nichts ändert, dann ändert sich auch nichts. Und man muss die Dinge wirklich wollen. Oder eben nicht.


Für mich ist jetzt gerade alles recht klar. Ich weiß, dass es da noch eine andere Sache gibt, die typisch für mich ist. Ich neige dazu, Dinge, die ich weiß, nicht umzusetzen und die Dinge, die ich fühle oder nicht fühle, zu ignorieren. Aber immerhin. Dieser Eintrag hat es geschafft und auch, wenn es jetzt schon viel zu spät ist, gehe ich beflügelt von den heiteren Worten eines guten Freundes nun schlafen.

11.10.17 00:23, kommentieren