An manchen Tagen

Manche Tage holen mich wieder ein bisschen zurück auf den Boden. Heute war so ein Tag.
Irgendwann vor ein paar Monaten hat es angefangen, dass ich all meine Gedanken und Gefühle auf ein Thema fokussiere und mich teilweise gedanklich daran komplett aufhänge. In solchen Momenten fühle ich mich wie bei einem Computerabsturz: Nichts geht mehr und man hat keine Ahnung, was man noch versuchen soll. Mich persönlich überkommt da immer schnell die Panik, dass der Computer am Ende komplett hinüber sein könnte (der Datenverlust wäre in meinem Fall so enorm, dass mir allein bei dem Gedanken murmelig wird... und jedes Mal nehme ich vor, ein Backup zu machen).


An manchen Tagen, wie heute, kann ich das wieder wesentlich klarer sehen. Das, woran ich mich so aufhänge, sind nicht die großen Probleme. Ich bin mir nicht mal sicher, ob es echte Probleme sind oder ob ich nur vor mir selbst so tue als wären sie es. Sie schrecken mich ab und ich wage es gar nicht erst, mir die richtigen Probleme anzusehen. Es gibt so vieles, was mich beunruhigt, was mich schmerzt, so viele Ängste, die so tief sitzen, und klar, die Angst, nicht liebenswert genug zu sein, ist nicht zu unterschätzen, aber sie ist im Vergleich zu dem, was sonst in mir noch schlummert, vermutlich... hm, nicht harmlos, aber umgänglich.


An manchen Tagen, wie heute, tut mir das alles so leid. Mir selbst gegenüber, weil ich damit Zeit verplempere, die ich besser, wertvoller verbringen und nutzen könnte. Aber vor allem für die Menschen, denen gegenüber ich in letzter Zeit so oft nicht mehr ich selbst sein kann sondern nur noch dieser unsichere, wankelmütige Abklatsch von mir. Es ist die Unzufriedenheit mit mir selbst. Jedes Mal, wenn sie hochkommt, hilft mir nichts außer das Alleinsein und dann ertrage ich einfach gerade nichts und niemanden. Ich muss das ein wenig aushalten und mit mir selbst ausmachen, denke ich, aber ich weiß manchmal selbst nicht recht, wie ich damit umgehen soll. All die Ratgeber, die einem raten, sich vor dem Spiegel zu stellen und immer wieder laut "Ich liebe mich wie ich bin" zum eigenen Spiegelbild zu sagen, finde ich nicht wirklich hilfreich. Um nicht zu sagen: Ich kann jemanden, der mir allen Ernstes diesen Rat gibt, einfach nicht ehrlich ernst nehmen.


Der Tag heute war im Wesentlichen gut. Ich war beim Optiker. Der zweite Versuch innerhalb von etwa einer Woche. Der letzte Versuch vor einer Woche war nicht allzu erfolgreich. Ich brauche eine neue Brille und das ist ein Prozess, der bei mir manchmal etwas länger dauert, einige Nerven des Optikers und meiner Mutter kostet, mehrere Besuche an verschiedenen Tagen bedeutet und beinhaltet, dass ich am Ende mindestens fünfzig verschiedene Brillen mal ausprobiert habe (insgesamt betrachtet - bis ich mich endlich am Ende für eine entschieden habe).
Der letzte Besuch war auch deshalb nicht erfolgreich, weil mich die freundliche Optikerin einfach nicht wirklich beraten hat, während ich mir erhofft hatte, dass sie mir objektiv zu einer Farbe und einer Form rät. Die letzten drei Brillen, die ich in den vergangenen zehn Jahren hatte , waren zwar alle irgendwie unterschiedlich, aber dennoch immer typisch Exhausted und ich will das nicht mehr. Ich will keine typische Exhausted-Brille mehr, ich will was Neues, was anderes, trotzdem will ich nicht wie ein anderer Mensch damit aussehen, ich möchte nur eine andere Seite an mir betonen. Welche genau das sein soll, weiß ich hoffentlich, sobald ich die richtige Brille auf der Nase habe.


Der aktuelle Brillentrend allerdings sieht irgendwie vor, dass ich am Ende wie eine ulkige Eule aussehe. Jedenfalls fällt es mir schwer, etwas anderes zu sehen, wenn ich in den Optikerspiegel schaue.
"Also die Brillen gefallen mir wirklich gut", sagte ich heute ehrlich, "ich finde, die Form ist mal was anderes." - wohlwissend, dass der aktuelle Trend einfach hingeht zu eher rundlichen Gläsern. "Trotzdem", fuhr ich fort, "schaue ich in den Spiegel und hab das Gefühl, mein Gesicht besteht nur noch aus Brille."
Bei der Gelegenheit habe ich festgestellt, dass ich aus Sicht der Optikerin offenbar ein kleines Gesicht habe. - Eine Einschätzung, die ich selbst so niemals getroffen hätte, allerdings geht bei manchen Gestellen tatsächlich irgendwie mein Gesicht verloren und das möchte ich sicher auch nicht.


Später war ich dann mit meinem Nachbar verabredet. Streng genommen ist er der Nachbar meiner Mutter. Ich kenne ihn schon lang. Vor ein paar Jahren ist seine Ehefrau gestorben und seitdem ist er recht allein, aber er und meine Mutter haben sich seitdem auch angefreundet. Vorher war es manchmal nachbarschaftlich nicht immer ganz einfach, aber sie leben beide allein und helfen sich gegenseitig, wenn etwas ist.
Ich mag ihn, wenngleich ich ihn auch als recht schrullig manchmal erlebe und er in meinen Augen doch ein paar witzige Eigenschaften hat, die mich immer wieder mal den Kopf schütteln lassen. Zum Beispiel ist er irgendwie ständig der Meinung, jede noch so überflüssige technische Erfindung auch besitzen zu müssen. Und sei es nur eine App, die ihm hilft, auf Knopfdruck von allen Plätzen der Welt eine Lampe an seinem Haus einzuschalten - was nützlich wäre, wäre das Haus nicht ohnehin schon von oben bis unten automatisch ausgeleuchtet. Er hat vor allem die Sorte von Eigenschaften, für die man jemanden vielleicht manchmal ein wenig belächelt, die aber letztendlich dazu führen, dass man jemanden doch recht mag, weil diese Eigenschaften diesen Menschen ausmachen und von anderen abheben.


Er hatte mich vorgestern gefragt, ob ich mit ihm ins Kino gehen würde. Ich hatte ihm erst abgesagt. Planet der Affen. Bis dahin kannte ich nur aus den letzten Jahren immer wieder irgendwelche Trailer, die mir deutlich das Gefühl gaben, dass das nichts für mich wäre.
Nachdem ich darüber nachgedacht hatte und mir den Trailer angesehen hatte, entschied ich mich dann doch dafür. Wohl auch, weil ich damit rechnete, dass er sich den Film sonst nicht ansehen würde und weil ich mir dachte, es könnte ganz nett werden. Er hat zwar ein eigenes Kind und auch ein Enkelkind - aber beide würden wohl eher nicht mit ihm ins Kino gehen.


Vorher gingen wir noch gemeinsam essen, was gut war. Leckeres Essen. Der Kino-Besuch wird mir auf jeden Fall noch eine Weile im Gedächtnis bleiben.
Ich habe mich ein wenig gefühlt als wäre er mein Opa und ich das moderne Enkelkind, das sich ein wenig befremdlich damit abfindet, dass Opa einfach nicht auf dem neusten Stand ist. So musste ich bereits ein wenig schmunzeln, als wir das Kino betraten und sein erster Kommentar ein lautes "So, also, wie geht das jetzt? Wie kommen wir jetzt in den Film?" war, während er sich in allen Richtungen umsah. Wir gingen auf meine freundliche Entgegnung hin zur Kasse, während ich höflich mit dem Kassierer sprach und noch während ich die beiden Karten trennte und meinem Nachbar die 3D-Brille gab ("Wir gucken doch 3D, oder? Ich war noch nie in einem 3D-Film!" ), meinte er zum Kassierer (der verständnisvoll lächelte, aber mehr so aussah als hätte er herzlich wenig Verständnis): "Oh? Das ist jetzt meine Karte, damit komm ich rein, ja? Und so sieht die Brille aus? Ich war seit zwanzig Jahren nicht mehr im Kino."
Wir gingen, auch wenn wir doch sehr früh dran waren, Richtung Kino-Saal. Ein netter, sehr junger Kino-Mitarbeiter kam uns entgegen, der uns erklärte, dass wir "wortwörtlich freie Platzwahl" hätten, weil wir eben die Ersten waren.
"Das ist aber schön", sagte mein Nachbar, "was raten Sie mir denn? Wo sitzt man am besten?"
"Da, wo Sie am besten etwas sehen",
antwortete der Kino-Mitarbeiter. Irgendwie logisch. "Am besten dort, wo sie vollen Blick auf die Leinwand haben."
"Also in der ersten oder zweiten Reihe?",
fragte mein Nachbar.
"Ganz so nah vielleicht nicht", murmelte ich und schlug ihm die Mitte vor. Die nahmen wir dann auch - nach ausführlicher Sitzplatzberatung von Seiten des Mitarbeiters. Dürfte ihm auch nicht alle Tage passieren.


Während wir dann darauf warteten, dass die Vorstellung losgehen würde und beobachteten, wie noch ein paar Plätze außer unsere besetzt wurden, unterhielten wir uns noch. Es ist einfach, sich mit ihm zu unterhalten. Ich kann sagen, was ich möchte, was ich denke und wonach mir ist - ich weiß, es kommt nicht nur richtig bei ihm an, es ändert auch nichts daran, dass er viel von mir hält. Und das macht es einfach, denn so kann ich nicht nur der Mensch sein, der ich bin, ich bin auch gleichzeitig der Mensch, von dem er sich wünscht, dass ich dieser Mensch bin.


"Ich war früher viel im Kino. Mit meinem Ex-Freund."
, erwähnte ich und dachte seelig an die Weitweg-Zeiten. Eine Zeit lang war das wirklich Mr. Neverminds und mein gemeinsames Ding. Iron Man, Star Trek, Avengers... Mr. Nevermind war insgesamt betrachtet ein ziemlicher Nerd und das war eines der Dinge, die ich so sehr an ihm geliebt habe. Ich finde das an Männern sympathisch, wenn sie auf Science Fiction und Superhelden stehen, auch wenn ich nicht alles davon teile, aber ich kann mich leicht dafür begeistern.
"Ist das nicht mehr aktuell?", fragte mein Nachbar.
"Nein", ich sah ihn stirnrunzelnd an, "aber schon seit vier Jahren nicht mehr."
"Echt? So lange schon! Wie die Zeit vergeht."

Mir dämmerte es, dass wir nicht den gleichen Ex-Freund meinten (wenngleich ich zuvor den Ort genannt hatte, in dem ich nur mit Mr. Nevermind gelebt hatte) und ich stellte das klar.
"Mit dem anderen (Nachbarjunge) bin ich seit einem Jahr nicht mehr zusammen."
"Ah, hatte ich das doch richtig. Und? Was Neues in Sicht?"
"Nein",
ich lächelte. Nichts. Irgendwie auch ein gutes Gefühl.
Ich erzählte ihm leichtfüßig vom Supermarkt-Mann, der mich vor ein paar Wochen auf dem Supermarktparkplatz angesprochen hat. Allerdings kommt er nicht so richtig in die Gänge und so geduldig ich auch sein kann, bin ich doch der Meinung, dass man einander nur schwer kennenlernen und verabreden kann, wenn man maximal ein Mal am Tag auf Whatsapp-Nachrichten antwortet. Unser Treffen letzte Woche kam nicht zu Stande. Er hatte mir abgesagt und so sehr ich glaube, dass er wirklich daran interessiert ist, mich kennenzulernen, kann ich mich doch nicht dem Eindruck verwehren, dass so nicht mal eine Freundschaft funktionieren kann. Wenn ich jemanden mag und ich mich für jemanden interessiere, dann setze ich alles in Bewegung, damit ich mit dieser Person n irgendwie in Kontakt komme.
"Ich denke, das Entscheidende ist bei dir, dass du jemanden hast, mit dem es intellektuell passt", sagte mein Nachbar. Ich nickte lächelnd. Aus seiner Sicht mag das so sein. Ich weiß, dass er das damals mit dem Nachbarjungen und mir aus genau diesen Gründen kritisch gesehen hat. Genauso wie meine Familie. Und ja, irgendwie stimmte das auch. Aber es liegt nicht daran, dass ich so ein Genie wäre (ich sehe das eher gegenteilig...). Es lag schlichtweg daran, dass die Interessen des Nachbarjungen und meine in unterschiedliche Richtungen gingen und das hat sich im intellektuellen Bereich manchmal bemerkbar gemacht. Gelegentlich dachte ich später während des Films daran, wie schön es wäre, hätte ich einen Partner, mit dem ich das wieder öfter erleben könnte. Gemeinsam Filme im Kino ansehen, sich an den anderen anlehnen, gemeinsam einen großen Eimer Popcorn kaufen und essen, die ganzen Emotionen, die witzigen, traurigen und spannenden Momente gemeinsam ansehen und zu empfinden, zusammen in eine Geschichte eintauchen und einander einfach so vertraut und nahe sein in einem großen dunklen Raum voller anderer Menschen.


Während mein Nachbar und ich uns gerade noch unterhielten, ging die Musik plötzlich aus und das Licht im Saal wurde gedimmt.
"Was passiert denn jetzt?", rief mein Nachbar entrüstet.
Ich lächelte: "Der Film geht los."
"Oh, achso."

Der Film war eindrucksvoll, auch wenn ich mich schon innerhalb der ersten Momente dafür verfluchte, in einem 3D-Film zu sitzen. Mir bekommt 3D nicht so gut. Ich habe Konsolen wie Playstation immer abgelehnt, mit der ehrlichen Begründung, dass mir das zu "realistisch" sei. Ich konnte nie sonderlich gut damit umgehen. Und das Gleiche erlebe ich auch in 3D-Filmen. Einerseits fasziniert es mich, andererseits überfordern mich die ganzen Eindrücke und wenn dann gelegentlich etwas auf mich zugeflogen kommt oder irgendwelche hektischen Bewegungen passieren, dann versetzt mich das innerlich in Panik.
Ich weiß damit umzugehen - ich schließe eben immer wieder die Augen, wenn ich das Gefühl habe, dass es mir zu viel wird. Zwar bekomme ich keine Kopfschmerzen oder Übelkeit von 3D, aber die Gefühle, die es in mir auslöst, sind teilweise sehr unangenehm. Ich bin wohl manchmal ein ziemliches Weichei.

 

Während des Films dachte ich ein paar Mal daran, dass es nur eine Frage der Zeit wäre, bis die Zuschauer hinter uns sich beschweren. Oder mit Popcorn werfen. Immer wieder, wenn es mucksmäuschenstill im Raum war und alle gebannt auf die Leinwand saßen, kommentierte mein Nachbar das Geschehen. Leider in einer Lautstärke, die auch andere Menschen außer mir an den Kommentaren teilhaben ließen. Mir war das unsagbar unangenehm, weil ich in solchen Augenblicken daran denke, wie sehr andere Menschen sich darüber wohl aufregen und dieser Gedanke beunruhigt mich. Gleichzeitig ist es mir auch unangenehm, ihm das einfach zu sagen. Dazu konnte ich mich erst durchringen, als er während des Films sein Smartphone herausholte und Nachrichten las (was ungünstig ist wegen der Handybeleuchtung).
Und so sehr das auch so klingen muss als hätte ich mich darüber aufgeregt... ganz so war es nicht. Ich fand das alles vor allem ulkig und irgendwie hat es diesen Besuch heute erst zu dem gemacht, was er war. Ich konnte in so vielen Momenten bemerken und wahrnehmen, wie besonders und faszinierend dieser Kino-Besuch war für meinen Nachbarn und das hat mir gefallen. Manchmal neige ich dazu, mich über etwas auszulassen und so zu tun als würde es mich aufregen, wobei es mich in Wahrheit einfach erheitert.

 

Zum Film selbst mag ich gar nicht so viel sagen, denn Teil dieses Blogs sollen weder Buch- noch Filmrezensionen sein. Nur: In meinen Augen ist es ein guter Film. Viele sehr emotionale, sehr berührende Stellen. Haufenweise Action, wobei mir das teilweise zu viel war. Es waren viele Kriegsszenen darin, was allein der Titel nahelegt und das alles war, meiner Meinung nach, gut eingebettet, aber ich kann mir soetwas einfach nicht ohne Übelkeit und Unbehagen ansehen. Es gibt Menschen, für die soetwas vollkommene Realität ist (vielleicht mal abgesehen von den Affen als Kriegsgegner...) und ich sitze als Kinozuschauer in einem Film und schaue mir das gebannt auf der Leinwand an. Mir geht soetwas nahe.
Was ich sonst zu dem Film sagen kann: Ich finde, er ist gut produziert, mit vielen eindrucksvollen und gelungenen Bildern. Und mit wirklich sehr guter Filmmusik. Mir fällt Musik oft in Filmen nicht so auf, aber diese war nicht nur präsent, sie hat den Film an manchen Stellen förmlich getragen (was einem mit geschlossenen Augen sicherlich auch noch mal anders auffällt...).


Es war ein schöner Abend. Als wir dann aber im Auto saßen auf dem Nachhauseweg, schaffte er es, eine Diskussion über die aktuelle Lage zwischen Nordkorea und USA zu beginnen. Wer hier schon länger liest, weiß, wie schwer ich mich damit tue, nicht in Angesicht mancher Weltgeschehnisse in Panik und Weltuntergangsstimmung zu verfallen. Ich kann mittlerweile damit umgehen, aber diese Diskussion hat mich zwischenzeitlich wieder in diese Panik versetzt, was durch viele Gedanken, die mir durch den Film und währenddesen gekommen waren, einfach nicht allzu gut für mich auszuhalten war. Und ja, dazu kam es letztendlich zu den Gedanken, mit denen ich diesem Eintrag begonnen habe. Manchmal ersetzt man Ängste durch andere, schlechte Gedanken durch andere. Ersetzen ist das falsche Wort. Ich ersetze sie nicht, ich setze nur einfach eins drüber. Es ist ein wenig so als würde ich ein hässliches, furchtbares Bild, das an der Wand mit superklebendem Superkleber angebracht wurde, durch ein weiteres hässliches, furchtbares Bild verdecken, das mindestens genauso gut, fest und haltbar dort angebracht wurde, aber letztendlich einfach nichts besser macht.


Aber trotzdem ist mir gerade danach einfach zu sagen: Mir geht es wirklich gut. Schön, dass ich die Möglichkeit hatte, diesen Abend zu erleben. Und das hier aufzuschreiben. Ich habe bei diesen ewiglangen, irgendwie belanglosen Einträgen oft das Gefühl, dass man da das meiste über mich erfahren kann.

12.8.17 02:41, kommentieren

Wie die Dinge sind

Ich schätze, in den letzten beiden Einträgen bin ich nicht sonderlich gut davon gekommen. Manchmal wundert es mich, dass ich offenbar dennoch regelmäßige Leser habe, denn ich finde, dass manche Einträge mich wirklich nicht allzu sympathisch wirken lassen können.


Gleichzeitig darf es mir hier nicht darum gehen, gut zu wirken und Menschen von mir zu überzeugen. Ich will sein können, wie ich bin und ich will vor allem auch mir selbst gegenüber ehrlich sein können. Wenn das beinhaltet, auch weniger schmeichelhafte Gedanken festzuhalten, dann ist das eben so.


Ich sehe das noch immer als Prozess, den ich durchlaufen muss. Etwas irritiert nehme ich dennoch wahr, dass es mir an Tagen wie dem gestrigen oder dem vorgestrigen spürbar schwer fällt, etwas Positives über mich zu sagen. Nicht, weil es da nichts Positives gibt. Nicht, weil ich nichts Positives an mir entdecke.
Es liegt viel mehr daran, dass es sich jedes Mal falsch anfühlt. Wenn ich beispielsweise sage, dass ich ein recht gutmütiger Mensch bin, dann ist mir direkt danach, das zu entkräftigen, zu relativieren. Manchmal kann ich auch fies sein. Ich habe mir in der Vergangenheit Dinge erlaubt, die ich mir noch immer übel nehme. Wenn ich sage, dass ich ein fürsorglicher Mensch bin, der sich um die Menschen sorgt, die er liebt, dann will ich direkt darauf hinweisen, dass ich in Beziehungen auch schon weniger fürsorglich und kümmernd war.
Wenn ich etwas Positives an mir betone, dann fürchte ich mich davor, man könnte zu positiv über mich denken, könnte Erwartungen an mich stellen, denen ich nicht gerecht werden kann.
Es wäre vielleicht okay, wenn ich es bei negativen Eigenschaften ähnlich halten würde. Aber nein, da habe ich diesen Drang, das einzuschränken, spürbar weniger.


Woran liegt das? Ich denke, ich bin - trotz dieses Blogs hier, der anderes nahelegen könnte - im Wesentlichen keine große Selbstdarstellerin. Mir liegt es nicht, mich selbst zu verkaufen und mir ist in den letzten Tagen bewusst geworden, dass es auch beruflich eine meiner großen Schwächen ist. Klar, es gibt Momente, in denen ich das selbstbewusste Mädchen bin - gerade beruflich gab es ein paar Situationen im vergangenen Jahr, in denen ich meinem Vorgesetzten fast schon leichtsinnig die Stirn geboten habe, aber dadurch meine erfolgreichsten Momente verbuchen konnte und immer noch ehrlich stolz auf mich bin. Allerdings ging es da nicht anders, auch weil es da nicht allein um mich ging. Aber ansonsten bin ich eben doch oft das zurückhaltende Mädchen, das sich möglicherweise eher unter Wert verkauft. Zumindest hoffe ich das, denn wenn meine Wertvorstellung meinen eigenen Wert präzise trifft, dann ist er teilweise nicht sonderlich hoch.


Vielleicht muss ich daran arbeiten. Vielleicht muss ich lernen, mich besser zu verkaufen, mich besser darzustellen und zu präsentieren. Ich denke da an meinen Cousin, der eine ganze Ecke jünger ist als ich, aber mit seinem Talent, sich gut zu verkaufen, schon jetzt wirklich weitgekommen ist. Um das klarzustellen: Er gehört nicht zu denen, hinter deren Worte sich nur heiße Luft verbirgt, er ist nur eben gut darin, das, was er ist, hat und kann, auch zu zeigen. Mir liegt das eher nicht. Positive Eigenschaften zu betonen bewirkt bei mir immer, dass ich mich wie eine Hochstaplerin fühle und zwangsläufig meine eigenen Worte entkräftigen möchte.


Vor etwa zehn Jahren kam mir mal der Gedanke, dass ich die Dinge immer so kennen und darstellen möchte, wie sie sind. Ich möchte, dass mich jemand kennenlernt und er ein Bild davon hat, wer ich bin und dass dieses Bild eben doch auch die Realität trifft. Das wird es allerdings nie. Wer gut über mich denkt, wird nicht in der Lage sein, meine Schwächen - und zwar die hässlichen, nicht die charmanten, liebenswerten - wirklich wahrzunehmen. Wer mich ablehnt, wird nie in der Lage sein, das, was mich positiv ausmacht, kennenzulernen.


Wenn ich also denke "Mensch, Exhausted, du musst echt mal lernen, dich besser zu präsentieren", dann merke ich, wie sich in mir alles dagegen sträubt. Es gibt Menschen, die viel in mir sehen. Ich würde sagen, sie sind nicht in der Überzahl, aber es gibt eben doch Menschen, die sehr positiv über mich denken. Das muss genügen.


Und wenn ich ehrlich bin: Diese Menschen bringen mich schon oft genug in eine Art seelische Zwickmühle. Ich denke da wieder an die Arbeit: Die Kollegen, die meine Arbeit kennengelernt haben, denken positiv über mich. "Was? Du bist unordentlich? Hör mal, dein Zimmer hier ist immer total aufgeräumt", meinte letztens eine Kollegin beispielsweise. Meine Antwort war nur: "Naja, das kommt davon, dass du in die falschen Ecken schaust." Tatsächlich ist Ordentlichkeit nicht meine Stärke. Leute, die mit mir zusammenarbeiten, meinen aber, ich wäre ordentlich, strukturiert und gut organisiert. Blanke Ironie (ganz ehrlich, das ist wirklich nicht meine Stärke, ich bin mehr der Typ "kreatives Chaos".
Wenn dann also jemand betont, wie gut ich meine Arbeit mache, wie gut ich im Umgang mit Menschen bin... dann habe ich das Gefühl, diese Menschen schauen einfach nicht genau hin, sehen die entscheidenden Momente nicht und sehen nur das, was sie sehen wollen, das Offensichtliche, das eben zu offensichlich ist, um das Wesentliche zu sein.
Und das macht letztendlich diese innere Zwickmühle aus: Ich möchte das glauben, wie andere Menschen mich sehen. Ich möchte gerne ihre Einschätzung, ihre Wahrnehmung teilen. Ich möchte auch gerne so über mich denken, wie sie es tun. Aber ich weiß, dass es einer blanken Lüge mir selbst gegenüber gleich käme.


Ähnlich ist es auch im privaten Bereich. Der Langhaarige beispielsweise. Er ist einer der wenigen Menschen, mit denen ich teile, wie ich über mich selbst denke. Er entkräftigt das, betont meine Stärken, betont meine Intelligenz, meinen Charme, mein gutmütiges Wesen und meine äußere Attraktivität. Und ich glaube ihm wirklich, dass er mich so sieht (während ich bei vielen anderen doch eher das Gefühl habe oder hätte, sie sagen das, weil sie sich dazu verpflichtet fühlen)- aber ich habe nicht den geringsten Schimmer, wie er dazu kommt, so über mich zu denken. Ich habe ein grauenhaftes Allgemeinwissen und erweise mich in lebenspraktischen Fragen oft als sehr weltfremd und unlogisch. Charmant bin ich vermutlich gelegentlich, aber eben nur in meinen wirklich guten Momenten. Gutmütig - das hatten wir oben schon, ja, teilweise wohl, teilweise sehe ich mich aber auch als ziemliches Biest. Und mit der Attraktivität will ich gar nicht anfangen, ich denke, die meisten Menschen würden seine Meinung da nicht teilen.
Ich möchte also glauben, was er sagt, möchte mich so sehen können, wie er das tut. Und jedes Mal macht es mich dann doch nur traurig, dass jemand so über mich denkt, weil es sich wie eine Lüge anfühlt. Vielleicht hat er einfach geringe Ansprüche oder er sieht Wesentliches an mir nicht. Und das wiederum ist ihm gegenüber nicht nett oder fair - denn damit unterstelle ich ihm, dass er nicht in der Lage ist, einen Menschen korrekt einzuschätzen. Natürlich kann er das, aber offenbar möchte ich mit aller Kraft glauben, dass seine Fähigkeiten da mich ausklammern und er sich bei mir eben irrt.


Über dieses Thema könnte ich im Moment ewig und ausführlich philosophieren, nachdenken und schreiben. Ich denke, es ist eintönig und ermüdend, sowohl für mich als auch für Menschen, die das hier lesen. Aber ich kann nicht anders. Ich strauchel und es gehört dazu, auch das festzuhalten. Irgendwann stehe ich wieder fest auf beiden Beinen und trage diese Zeit ebenso im Herzen.

1 Kommentar 10.8.17 11:38, kommentieren

Oberfläche

Mit sicheren Schritten betrat ich den kleinen Handyladen.
"Hallo!", sagte ich laut, fröhlich, lächelnd.
Der Verkäufer auf der anderen Seite der Ladentheke sah kurz hoch, grüßte zurück, sah flüchtig seinen aktuellen Kunden an und widmete sich wieder dem Stück Papier auf der Theke.
Geduldig wartete ich. Meine Mutter im Hintergrund.
Der Kunde war fertig, verschwand.
"So", sagte der Verkäufer, "wie kann ich weiterhelfen?" Er sah mir geradewegs ins Gesicht. Gutaussehend, strahlendblaue Augen, recht jung, Anfang 20 vielleicht.
"Also, ich hab da mal eine Frage", ich lächelte - ich habe immer dieses bestimmte Lächeln drauf, das sich ganz von selbst auf mein Gesicht stiehlt, wenn ich weiß, dass da gleich etwas kommt, was ich möglichst charmant verpacken sollte, "ich habe hier vor zwei Jahren einen Vertrag geschlossen. Ähm, ich hab das Gefühl, ich hätte den vor ein paar Monaten kündigen sollen, kann das sein?"
Ein kleines Grinsen schlich sich auf das Gesicht des Verkäufers. Ich interpretierte das als "Du bist nicht die Erste, der das passiert." Seine wirklich blauen Augen blitzten mich an. Da war nichts Arrogantes oder Unfreundliches, eher im Gegenteil. Ich registrierte im Stillen, dass ich ihn sympathisch fand.
"Ja, das wäre gut gewesen."
"Hm okay, hab ich nicht gemacht. Und was passiert jetzt?"

Er erklärte mir, dass meine Rabatte nun wegfallen würden.
"Ok", ich überlegte, "ähm, hab ich denn irgendwelche Rabatte?"
Er fragte mich nach meinem Nachnamen, nach meiner Handynummer und nach den letzten vier Ziffern meiner Kontonummer (und musste erstmal lachen, als er sah, wie ich zögerte, weil es mich etwas gedankliche Anstrengung kostete).
Anschließend schlossen wir einen neuen Vertrag ab. Strahlend verließ ich den Laden wieder. Alles gut.


Ich erzähle das jetzt sicherlich nicht, weil ich auf dem Tiefstniveau der belanglosen Alltagserzählungen angekommen wäre (Oh nein, Leute, das geht immer noch etwas tiefer!).
Was bis hierhin nämlich noch keiner ahnen kann, ist, was es mich an Überwindung gekostet hat, diesen Laden überhaupt zu betreten.


Letzte Woche ging ich bereits an den Laden mit meiner Mutter vorbei.
"Da geh ich nicht rein!", sagte ich direkt, als wir vorbeigingen und ich den gleichen Verkäufer darin sah. "Auf gar keinen Fall."
Meine Mutter hatte geseufzt, es aber ansonsten hingenommen.
Heute das Gleiche.
"Da sitzt immer noch der Gleiche, da geh ich nicht rein."

Meine Mutter fragte nicht weiter nach, nahm es erneut hin.
Ich erklärte ihr ungefragt mein Problem. Sie beschwichtigte mich und irgendwie fand ich auf dem Rückweg genug Energie, um den Laden zu betreten und mein Anliegen vorzutragen.


"Hast du eigentlich gemerkt, was passiert ist, als du den Laden betreten hast?", fragte meine Mutter anschließend.
"Nö, warum? Was denn?"
"Du hast den Verkäufer komplett verunsichert. Der war am Anfang echt unsicher, als er dich gesehen hat."

Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob ein Außenstehender das auch so wahrgenommen hätte. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Meine Mutter hat immer ihre ganz eigene Art, die Dinge wahrzunehmen. Und eine sehr kreative Interpretationsgabe, wenn man mich fragt.


Sehen wir der Wahrheit ins Gesicht: Ich bin oberflächlich. Viel zu oberflächlich.
Ich sah einen schlanken Kerl mit glatter Haut und dieser komischen angesagten Männerfrisur, die bestimmt einen total modernen, angesagten, englischen Namen hat, meinen persönlichen Geschmack allerdings so rein gar nicht trifft (Ihr wisst schon, diese Frisuren, bei denen an der Seite was abrasiert ist und der Rest wird wie gewohnt weitergetragen.).
Ich habe Vorurteile. Viele Vorurteile. Vorurteile, die mich dazu bringen, zu denken, dass jemand, der so aussieht, mir höchstwahrscheinlich oberflächlich und vorurteilsbeladen begegnet. Welche Ironie! Ich sehe so jemanden und denke mir: Dem werde ich sicher nicht genügen, dem werde ich nicht hübsch, nicht interessant, nicht attraktiv genug sein. Der wird denken, er ist etwas Besseres und mich so behandeln.


Und klar, es geht nicht darum, dass ich den Handyverkäufer meines Tarifs betören und mit ihm am Ende durchbrennen will, aber ich will auch nicht am Ende aus dem Laden gehen und das Gefühl haben, dass mich jemand nur auf Grund meiner Erscheinung ablehnt. Denn dieses Gefühl habe ich so oft in der Vergangenheit gehabt und auch gelegentlich in der Gegenwart. Hier spielt also - das erscheint mir wichtig - das Geschlecht keine Rolle. Das gleiche Unbehagen hätte ich bei einer Frau gehabt, die derartige Vorurteile in mir auslöst.


Dabei bin ich es. Ich bin es, die andere Menschen ablehnt, aus der eigenen Ablehnung mir selbst gegenüber heraus. Absurd. Ich weiß.


Und ich weiß, das hier wirft ein sehr sehr fieses Licht auf mich. Ich glaube, diese Vorurteile sind aus einer Zeit übrig geblieben, die ich wirklich hinter mir lassen sollte. Zeiten, in denen diese Vorurteile sicherlich Bestand hatten. Und ja, das haben sie teilweise sicher immer noch, aber ich verlasse mich zu sehr in letzter Zeit darauf. Mal ehrlich: Ich betrete einen Handyladen nicht, weil ich befürchte, der Verkäufer könnte oberflächlich sein und mir dadurch, dass ihm vielleicht meine Nase, meine Haare oder mein ganzes Gesicht nicht passen könnte, unfreundlich begegnen. Das ist arm. Und traurig.


Es gibt mir allerdings ein wenig Trost, dass ich nicht diese Vorurteile habe, um mich selbst aufzuwerten. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich ihre Mitmenschen nach Haarfarbe, Art der Nagelmaniküre oder der Keidung aussuchen und andere Menschen für weniger wertvoll halten. Ich gehöre eher zu denen, die Menschen, bei denen das alles so verdächtig stark nach Oberflächigkeit schreit, schon vorab meiden. Aus Furcht, von ihnen abgelehnt zu werden.


Dieses Problem mit mir selbst... das sitzt echt tief und ich bin gerade erst dabei, in meinem Inneren tief zu graben, um feststellen zu können, wo genau es beginnt, um es am Ende komplett ausgraben und endlich wegwerfen zu können. Vielleicht brauche ich am Ende Hilfe, weil es zu schwer ist, um es alleine herauszuheben, aber dann ist das so. Das ist okay. Darüber kann ich nachdenken, wenn ich an diesem Punkt bin.


Im Moment versuche ich erstmal, mich in meinen alten Denkmustern zu ertappen und etwas daran zu ändern. Das Gespräch mit dem Handyverkäufer wagte ich, nachdem mir klar wurde, dass ich das nicht soweit kommen lassen darf, dass ich Angst vor möglicherweise unfreundlichen Handyverkäufern habe, die ausstrahlen könnten, dass sie von mir auf dem ersten Blick nichts halten. Ich muss echt verkorkst wirken. Gleichzeitig glaube ich, dass in vielen Köpfen ähnliche Denkmuster existieren. Man kommt wunderbar damit aus, bis einem klar wird, was da eigentlich zwischendurch im eigenen Kopf so passiert. Vielleicht ist es aber auch nicht so, vielleicht bin nur ich manchmal so oberflächlich und vorurteilsbeladen. Aber ich arbeite daran. Der Handyverkäufer war jedenfalls echt nett.

9.8.17 15:29, kommentieren