Echte Ratschläge

Mit einem leichten Lächeln setzte ich mich an den großen Tisch zu meinen Kollegen. Ein Kollege, den ich an sich mag, setzte sich neben mich. Er ist ein wenig schrullig, verrückt, ein ziemlicher Individualist und Querdenker. Einer, der aus Gewohnheit gegen den Strom schwimmt. Ich glaube, ihm ist nicht mal klar, dass er, wenn man ihm im Gespräch zustimmt, plötzlich die Richtung ändert. Nicht immer, aber doch oft genug.


Er setzte sich neben mich und begann ein wenig oberflächliches Gespräch mit den Worten "Na? Und? Haste dein Heimweh jetzt langsam überwunden?". Irgendwas in mir verhärtete sich und ich konnte spüren, wie mein eigener Blick gefror. In dem Moment fielen mir sicherlich ein halbes Dutzend unfreundliche Entgegnungen ein und ich fragte mich, wie ausgerechnet er mich soetwas fragen kann und dann auch noch vor den Augen und Ohren einiger Kollegen. Er, der mir vor einem Dreivierteljahr den ebenfalls unangeforderten Rat gab, mein Heimweh und meine Abneigung gegenüber dieser Gegend hier nicht mehr so offensichtlich raushängen zu lassen. Weil ich einigen Menschen, die hier ihr ganzes Leben lang schon leben, damit übel vor dem Kopf stoßen würde. Ich sah damals ein, dass er Recht hatte und betrachtete seinen Rat als den Rat eines Menschen, der seinem jüngeren Ich aus der Vergangenheit vielleicht genau diesen Rat geben würde, wenn er könnte. Denn vor ein paar Jahrzehnten befand er sich in einer ganz ähnlichen Situation. Er war in einer Gegend, in der er nicht sein wollte, war unglücklich und ließ es so sehr raushängen, dass er damit den Unmut anderer Menschen auf sich zog. Vor einem Dreivierteljahr wusste ich diesen Hinweis also zu schätzen und zu nutzen.


Und dann setzt er sich heute neben mich und spricht genau dieses Thema an.
"Nein.", sagte ich nur. Sehr knapp, sehr unfreundlich und die Lippen schmal aufeinander gepresst.
"Was denn? Immer noch nicht? Ach, das wird schon. Bist ja noch jung."
"Ja, klar. Wird bestimmt. Natürlich. Wenn du das sagst.",
erwiderte ich tonlos. Ich war dermaßen verbittert in dem Moment, dass ich ihn gar nicht erst ansah. Ich war wütend, dampfte innerlich vor Zorn und regte mich über dermaßen dämliche Floskeln auf. Floskeln helfen rein gar niemandem. Höchstens der Person, die sie von sich gibt, weil diese sich selbst dafür feiert, etwas gesagt gewusst zu haben.
Ich bin jetzt seit über zwei Jahren hier. Wie lang soll ich denn bitte hier bleiben, bis ich mich mit einem Umstand arrangiere, mit dem ich absolut unglücklich bin?


Ich hätte ihn das gern gefragt. Ich hätte ihm gern all die anderen tausend Dinge an den Kopf geworfen, die mir in dem Moment durch den Kopf flogen. Aber ich spürte, dass Tränen der Wut und der Traurigkeit nicht mehr allzu weit entfernt waren und sparte es mir. Als ich meinen Blick von der Tischplatte hob, kurz nach meinem Kommentar, sah ich in das grinsende Gesicht einer Kollegin, die den Wortwechsel mitverfolgt hatte. Ich weiß nicht recht, warum sie grinste, aber ich hatte das Gefühl, dass sie sich über meine Art amüsierte. Man kennt mich für gewöhnlich nicht unfreundlich, abweisend und so strikt. Nur die Menschen, mit deren Verhalten ich mal aus irgendeinem Grund nicht einverstanden war oder bin, lernen diese Seite an mir kennen. Kämpferisch, abweisend, strikt, selbstbewusst und völlig klar in meiner Art. Jemand mit Biss, der sich von niemandem irgendwas sagen oder gefallen lässt. Dem Rest gegenüber bin ich immer sehr nachgiebig, freundlich, zurückhaltend, auch eindeutig zu gutmütig und zu angepasst.


Er machte irgendwelche Kommentare darüber, dass ich ja in meine Heimat könne. Dass ich ja Anträge stellen könne. Und dass doch bestimmt jeder hierhin wolle.
"Wer will denn nicht in dieses Bundesland, hm?",
fragte er.
"Ja", murmelte ich, "weiß ich auch nicht, wer nicht hier hin will. Kann ich wirklich nicht nachvollziehen, wie man es hier nicht klasse finden kann."
Die Ironie tropfte spürbar aus meinen Worten, aber er ignorierte sie. Vielleicht war sie ihm aber auch tatsächlich entgangen. Jedenfalls pflichtete er mir bei.
Unser Gespräch zog zu dem Zeitpunkt schon immer mehr Aufmerksamkeit auf sich.
Ich erklärte ihm das Antrags-Prozedere und erklärte ihm die Unwahrscheinlichkeit meiner Chancen. Ich weiß gar nicht, ob man von "Chancen" sprechen kann, wenn die quasi nicht existent sind.
Alles, was er mir dazu sagen konnte, war: "Musst halt ein wenig Werbung machen für das Bundesland. Hier läuft doch alles besser. Und wir haben die besseren Landschaften. Und die angenehmeren Menschen."
Ich ignorierte das. Ich wollte nicht wirklich darüber diskutieren, dass er gerade dabei war, meine Heimat schlecht zu machen, nur weil er keine Ahnung hat.


Er sprach seine Zeit in dieser Gegend, in der er so unglücklich war, an.
"Da hättest du mal sein müssen. Warst du da schon mal? Mensch, da hab ich damals gedacht, wenn ich da bleiben muss, ist mein Leben wirklich verwirkt."

Seine Worte stachen mir entsetzlich ins Herz und wieder merkte ich, wie sich Tränen unsichtbar anbahnten. Seine Worte drückten genau das aus, was ich empfinde, wenn ich an diesen Ort hier denke.
Ich atmete einmal tief durch und meinte dann möglichst beherrscht: "Okay. Wie alt warst du da?"
"So um die 30?"
"Achso. Du warst also kaum älter als ich und du meinst, dass
ich ganz offensichtlich im Gegensatz zu dir damals jung genug bin, um darüber hinweg zu kommen, ja?"
Entrüstet sah er mich an: "Was? Du willst doch nicht ernsthaft ... mit der Gegend hier vergleichen?"
"Doch."
, ich nickte. "Doch, ich denke, genau das will ich. Genau das, was ... für dich damals war, ist diese Gegend hier für mich."
Damit war das Thema für mich beendet. Ich hoffte, dass möglichst viele Menschen meine Worte gehört und verstanden hatten. Um mir nie wieder anhören zu müssen, dass es nicht klar gewesen wäre, wie ich empfinde.


Der Rest des Tages verlief gut und unauffällig. Ich hatte das Gefühl, gut zurechtzukommen, fühlte mich stolz darauf, zu bemerken, wie gut ich vieles auf der Arbeit doch hinkriege. Ich bin lange noch nicht so souverän, kompetent professionell und gefestigt, wie ich es sein möchte, aber zumindest bin ich wohl auf dem Weg. Im Moment habe ich das Gefühl, stetig erleben zu können, wie ich in meinem Beruf weiter wachse.


Als ich dann später das Gebäude verlassen und zu meiner Wohnung fahren wollte, lief ich genau diesem Kollegen wieder über den Weg. Das Gespräch vom Morgen hatte ich weitgehend abgehakt und es hatte sich für mich so ziemlich erledigt.
Er kam gerade in den Raum, in dem ich war und warf mir, ziemlich aus heiterem Himmel, folgende Bemerkung an den Kopf: "Du musst mal die Dinge wieder etwas positiver angehen."
Ich hatte gerade eigentlich etwas Süßes im Moment und war recht gelassen, weil ich mich auf meine Couch und etwas zu essen freute. All das war in dem Moment verpufft und ich verkrampfte. Ich schluckte die Süßigkeit runter und der Zucker, den ich gerade noch genosesn hatte, schmeckte jetzt aufdringlich und unpassend.
"Bitte?"
"Ja, geh das mal etwas positiver an, dass du hier bist."

"Klar. Wenn du meinst." Jede Wortgewandtheit, jede Gesprächigkeit die ich eventuell noch kurz vorher empfunden hatte, war augenblicklich verpufft.
"Letztes Jahr warst du viel beser drauf."
"Tja."
"Und jetzt bist du so negativ und man sieht dir das richtig an."
"Ja, woran das bloß liegt."
Die Verbitterung vom Morgen war schlagartig wieder da.
Ich verließ den Raum, drehte ihm den Rücken zu und ging Richtung Ausgang.
"Was?", fragte er mich. Ich hatte keinen Nerv, meine Worte zu wiederholen.
"Nichts", pfefferte ich zurück. Unfreundlicher als notwendig. Ich sah ihn nicht an, drehte mich nicht mal um. Ich war so sauer.
"Du wirst schon in deine Heimat kommen."
"Klar. Sicher. Natürlich. Wenn du das sagst."
"Ja, bestimmt."
"Jaja."
, sagte ich - im vollen Bewusstsein, dass ich mehr nach einem trotzigen Kind als nach einer reifen Erwachsenen klang. Aber es war mir egal. Ich ging, blickte nicht zurück und war so unendlich wütend, als ich zu meinem Auto ging. Heute war es mir endlich nach Wochen wieder gelungen, möglichst unbeschwert zur Arbeit zu gehen und an all das nicht zu denken. Und dann kommt jemand daher, der meint, ich hätte nur auf seine klugen Worte gewartet, die aus meiner Sicht alles andere als klug waren.


Vor etwa dreizehn Jahren hatte ich einen Deutschlehrer, den ich wirklich sehr mochte. Er war ein ähnlicher Individualist wie mein Kollege. Ein Querdenker. Einer, der die Dinge immer etwas unkonventionell sah und anging. Er weckte damals meine Liebe zur Sprache, die sicherlich immer in mir schlummerte, aber selten so angeregt worden war. Er war der erste, der ein gewisses Bewusstsein für Worte und Sprache in mir weckte.
Ich erinnere mich an viele Deutschstunden, in denen er irgendwelche Worte aufgriff und uns bewusst machte, was in ihnen eigentlich steckt.
Und so erinnere ich mich auch an eine Stunde, in der er das Wort "Ratschlag" an die Tafel kritzelte und immer wieder mit seiner recht energischen Art versuchte, einem Haufen 15- und 16-Jähriger bewusst zu machen, was in diesem Wort steckt. Für ihn (aber für die meisten meiner damaligen Mitschüler wohl kaum) endete die Stunde mit der Erkenntnis, dass ein Ratschlag nicht so gut sein kann, wenn das Wort Schlag ein wichtiger Bestandteil dieses Wortes ist.
Und natürlich kann man sagen, dass das an den Haaren herbeigezogen ist und dass das einen Ratschlag nicht zu etwas Schlechtem macht, aber ich halte das trotzdem für bedenkenswert. Ich für meinen Teil sehe es seit dieser damaligen Deutschstunde ganz genauso und benutze seit diesem Tag als 15-Jährige das Wort Ratschlag nicht mehr, wenn ich nicht genau das zum Ausdruck bringen möchte.


Ein Rat und ein Ratschlag sind nicht das Gleiche. Manchmal meint jemand, einem Menschen nur einen nett gemeinten Rat zu geben und bemerkt vielleicht nicht mal, dass dieser für den anderen Menschen in Wirklichkeit mehr ein Schlag als ein Rat ist. Ein echter Ratschlag. Genau so ging es mir heute.

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Wege und Richtungen

Ich fühle mich immer ein wenig seltsam, wenn ich hier anspreche, was die Kartenlegerin vor ein paar Monaten zu mir gesagt hat und dass mir ihre Worte nicht aus dem Kopf gehen. Seltsam deshalb, weil ich weiß, dass die meisten Menschen das für Quatsch halten. Und weil ich selbst viel zu überzeugt davon bin, dass ich es für Quatsch halten sollte als dass ich es gedanklich einfach als Erfahrung ablegen könnte.


Aber ich denke, ich kann mit diesem Eintrag gut an dem letzten anschließen. Im Moment gehen mir ihre Worte so oft durch den Kopf.
Ich will, dass sie Recht hat, dass es stimmt, was sie mir gesagt hat. Ich will herausfinden, wie diese Zukunft ist, die sie angeblich für mich gesehen hat und ob ihre Worte wirklich das bedeutet haben, von dem ich denke, dass sie es bedeutet haben könnten.
Und wie ich bereits im letzten Eintrag schrieb, bin ich durch dieses Denken wunderbar dazu geeignet, diese ganze Geschichte zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung zu machen. Am Ende passiert das alles nur, weil ich unbedingt wollte, dass es passiert. Diese Angst habe ich zumindest manchmal, wenn ich darüber nachdenke.
Was ist, wenn ich durch diese Geschichte Entscheidungen treffe, die ich sonst nicht treffen würde?
Oder - ein noch viel unheimlicherer Gedanke - was ist, wenn ich am Ende eine Richtung einschlage, die mein Weg nicht vorgesehen hat, sodass ihre Worte keine Gültigkeit mehr haben, weil sich meine Zukunft durch eine unerwartete Entscheidung von mir verändert hat? Was ist, wenn sie, würde sie nun noch mal die Karten legen, das alles nicht mehr sehen, weil es nicht mehr für mich gilt?


Ich glaube nicht, dass Zukunft so funktioniert. Meine persönliche Vorstellung von Zukunft ist die, dass der eigene Weg schon immer ein paar Schritte weit vorgegeben ist. Viele meiner Entscheidungen sind doch jetzt schon klar, auch wenn ich noch gar nicht weiß, welche Entscheidungen auf mich warten. Trotzdem ist die Zukunft dadurch schon ein ganzes Stück realer als sie es für mich gerade ist. Denn was für meine Entscheidungen gilt, gilt ja genauso auch für die Entscheidungen anderer Menschen. Selbst wenn sich jemand spontan umentscheidet, tut er doch immer noch das, was zu ihm passt und seiner Natur entspricht. Und so ist es, denke ich, auch schon ein kleines Stück weit vorgegeben, wer mein Leben in nächster Zeit betritt, weil sich unsere Wege kreuzen, und wer es wieder verlässt. Spannend, wenn ich darüber nachdenke. Aber gleichzeitig auch vollkommen überflüssig und wenig hilfreich. Denn selbst wenn die Zukunft schon ein Stück weit vorgegeben wäre, kenne ich sie ja nicht. Und nur weil eine Frau ein paar Karten auf einen Tisch in einem von Nikotin geprägten Raum legen kann, bedeutet das nicht, dass sie von der Zukunft mehr Ahnung hat als ich.


Aber da ist dieses Gefühl. Dieses Gefühl, dass sie Recht haben könnte. Das gleiche Gefühl, das sich nur ausgibt als das Gefühl, dass sie Recht haben könnte, und in Wirklichkeit nur Hoffnung ist, Hoffnung darauf, dass sie Recht haben könnte.


Ich weiß, dass es allmählich Zeit wird, diese Erfahrung hinter mir zu lassen, einfach als falschen Hokuspokus zu bewerten und weiterzuleben als hätte ich diese Worte nie gehört. Ansonsten werde ich keinen Schritt mehr gehen können ohne mir zu überlegen, ob das immer noch die Richtung ist, die ich gehen muss, damit ihre Worte wahr werden. Denn wenn ich nur deswegen Dinge mache oder bleiben lasse, wird mich das gar nirgendwo hinführen.
Ich sollte ganz eindeutig in der Zukunft keine Kartenlegerinnen oder dergleichen aufsuchen. Aber ich weiß, wer ich bin und wie ich bin und ich denke, es ist wahrscheinlich, dass ich das irgendwann wiederholen werde.


Ich verstehe wirklich jeden Skeptiker und Kritiker, der nach diesen Worten den Kopf schüttelt und sich fragt, wie man so einen Quatsch glauben kann. Die Wahrheit aber ist: Es gibt Wahrsagerinnen und Kartenlegerinnen nicht ohne Grund. Es gibt sie nicht, weil sie tatsächlich irgendwas über die Zukunft sagen könnten (ausschließen möchte ich es aber auch nicht), sondern weil es immer wieder Menschen gibt, die ihnen Glauben schenken.
Und dieser Eintrag hier... der mag zwar von einer Frau handeln, die sich die Worte einer Kartenlegerin zu Herzen nimmt. Aber in Wahrheit geht es doch viel mehr um einen Menschen, der sich so unsicher geworden ist und sich so sehr ein Stück Sicherheit, ein Stück Berechenbarkeit wünscht, dass es nur naheliegend ist, sich diese Worte zu Herzen zu nehmen. Ich glaube, es geht mir wirklich weniger um das, was sie gesagt hat als darum, dass ich vielleicht einfach schon weiß, wie es weitergehen könnte und einen Ausblick darauf habe, dass nicht alles so bleibt, wie es ist.


So. Das war eindeutig der letzte Eintrag zu diesem Thema. Es gibt nichts mehr dazu zu sagen. Ich bekomme die Krise, wenn ich an die Zukunft im Allgemeinen denke, weil ich mir selten so unsicher damit war wie in letzter Zeit, wie es weitergeht. Und das wäre auch ohne die Kartenlegerin so gekommen.

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Wundervoll und furchtbar zugleich

Gestern, kurz vor dem Einschlafen, dachte ich an sehr belanglose Erinnerungen aus meinem Studium. Ich war damals in Weitweg, es waren noch Semesterferien und mein Wecker klingelte elendig früh, damit ich den Bus nehmen und zu meinem Praktikum fahren konnte. Ich erinnerte mich daran, weil ich mich in den letzten zwei Wochen morgens ähnlich schwerfällig und extrem müde gefühlt hatte, wie es in meiner Erinnerung damals der Fall gewesen war. Damals aß ich morgens im schwummrigen Licht meiner Nachttischlampe und in der geistigen Benebelung des Halbschlafs eine Scheibe Brot mit Kochschinken. Der Geschmack und der Geruch sind mir noch immer sehr präsent, obwohl es schon wirklich lange her ist. Ich genoss die geschmackliche Kombination damals, auch wenn das, wie ich das bei Essen sehr oft erlebe, nur eine Phase war.


Gestern dachte ich daran, dass das ungefähr zu dem Zeitpunkt war, als mir jemand etwas über Vegetarier erzählte und ich eine dieser typischen Fleischesser-Aussagen machte, die irgendwie in der Art ging wie "Wow, einfach auf Fleisch verzichten... also für mich wäre das nichts." Zu dem Zeitpunkt war für mich klar, dass ich wohl niemals auf Fleisch verzichten würde. 1 1/2 Jahre später änderte ich meine Meinung und wurde Vegetarierin. In den letzten 6 1/2 Jahren habe ich so strikt darauf geachtet, dass es unwahrscheinlich schien, dass sich daran nochmal was ändern würde. Und plötzlich esse ich gelegentlich (Gelatine-)Gummibärchen und merke, wie ich sie nicht mehr am liebsten direkt ausspucken möchte. Ich schließe mittlerweile nicht mal mehr aus, dass ich irgendwann mal wieder den Weg zu einem Schnitzel oder zu einer Bratwurst finden könnte, auch wenn mich der Gedanke gerade noch nicht begeistert. Aber ich schließe es nicht aus.
Dinge ändern sich nämlich.


Diese Weitweg-Erinnerung war etwa 1 1/2 Monate, bevor ich eine Beziehung mit Mr. Nevermind einging. Mr. Nevermind war zu dem Zeitpunkt nur eine sehr  flüchtige Person im Hintergrund, deren Weg sich mal mit meinem kreuzte, wenn er mich kurz grüßte oder einen dämlichen Mr. Nevermind-Witz machte. Das war ganz ehrlich nicht absehbarer als mein Vegetarismus.
Noch darüber hinaus war ich mir zu dem Zeitpunkt nahezu sicher, dass ich vermutlich nie jemanden finden würde, mit dem ich eine Beziehung sowohl eingehen könnte als auch eingehen wollte. Jemand, der mich so mögen würde. Das war zu einer Zeit, in der ich ähnlich selbstzerstörend dachte, wie ich das in den letzten Monaten getan habe. Und 1 1/2 Monate später fand ich mich in seinem Bett wieder, nachdem wir einige schöne Abende und Tage miteinander hatten und hörte mich auf seinen Vorschlag, es miteinander zu versuchen, sagen, dass ich ebenfalls zu dem Entschluss gekommen sei, es mit einer Beziehung versuchen zu wollen.


Erinnerungen wie diese geben mir immer ein wenig Kraft und machen mir gleichzeitig Angst. Zukunft ist so unbeständig, so unsicher. Das macht es so wundervoll und furchtbar zugleich. Es ist so vieles offen. Innerhalb eines Jahres kann die persönliche Welt aufblühen ebenso wie sie komplett in sich zusammenfallen kann. Was sag ich - dafür reichen manchmal auch schon Monate, Wochen. Tage, Stunden. Minuten. Sekunden. Zeit spielt da keine so große Rolle. Manchmal schleichen sich die Veränderungen ein, manchmal treffen sie einen wie der Schlag, wie ein Blitz oder meinetwegen auch wie ein Lotto-Gewinn. Knall auf Fall und aus heiterem Himmel.


Manchmal bin ich sauer auf mich, wenn ich mir ansehe, wie ich mein Leben lebe. Es ist nicht das, was ich mir für mich wünsche und ich habe das Gefühl, vor mir selbst nichts vorzuweisen zu haben. Da ist so wenig, auf das ich wirklich stolz bin und in den letzten zwölf Monaten habe ich mehr Zeit damit verbracht, mich selbst dafür zu verabscheuen, wer ich bin, statt daran zu arbeiten, auf etwas wirklich stolz sein zu können.


Eine ganze Zeit lang in der Vergangenheit habe ich nicht nur in dem Bewusstsein gelebt, wie vergänglich das Leben ist, ich habe auch mit voller Lebensfreude versucht, das Beste daraus zu machen und einfach glücklich zu sein mit dem, was ich bin und was ich habe. "Einfach" ist dabei der blanke Hohn, denn für mich ist das seit einiger Zeit ganz und gar nicht mehr einfach.


In den letzten zwei Wochen war ich die meiste Zeit über müde und missmutig. Ich hab viel geweint und oft ging es mir nicht gut. Es ist nicht die Art, wie ich mein Leben verbringen will. Es ist nicht die Art, von der ich sagen könnte, dass ich es nutzen würde.
Was die Müdigkeit angeht, scheine ich wohl im Moment auch einfach zu kränkeln. Tatsächlich könnte ich nur schlafen und ich merke ständig, wie mir die Augen weh tun und sich gereizt anfühlen - als hätte ich nicht genug geschlafen.
Es dürfte ein Leichtes sein, den Menschen auf der Arbeit meine schlechte Laune und meine Niedergeschlagenheit der letzten zwei Wochen auf diese Weise zu erklären. Ich war einfach nicht so fit und dadurch nicht gut drauf, jetzt ist wieder alles gut.
Heute kam ich zu dem Entschluss, dass es vielleicht besser so wäre. Um negatives Gerede zu vermeiden und um zu verhindern, dass irgendjemand mir irgendetwas von meinen Gefühlen und Gedanken übelnehmen könnte. Aber ich glaube nicht, dass das letztendlich die Lösung ist. Nichts von dem, was ich mir selbst als Lösung in den letzten zwölf Monaten verkauft habe, ist nur annähernd eine. Nicht mal ansatzweise.


Seit ich im Juli bei dieser Wahrsagerin war, habe ich oft daran gedacht, was sie mir gesagt hat. Sicher auch, weil ein Teil dessen, was sie mir aus den Karten gelesen hat, mir sehr entgegen kommen könnte. Weil vieles davon hoffnungsvoll und vor allem nach Veränderungen klang. Veränderungen sind gerade genau das, wonach ich mich so dringlich sehne. Alles anders, alles neu. Alles, nur nicht das, was gerade ist. Da spielt es nicht mal eine Rolle, dass sie gleichzeitig irgendetwas von Stress, Schwierigkeiten und Anstrengungen erwähnt hatte.
Man kann von Kartenlegerei halten, was man mag - ich selbst bin da eher sehr zwiespältig eingestellt. Einerseits halte ich es für haltlosen Hokuspokus, andererseits würde ich einfach gerne daran glauben können und fühle mich durch meine Freundin, die der Frau eine hohe Trefferquote ausgesprochen hat, doch sehr dazu ermutigt.
Aber das, woran ich gerade hauptsächlich denke: Sie hat mir so viele Veränderungen für die nächsten 18 Monate (jetzt sind es schon ein paar weniger) angekündigt. Ein sehr nervenaufreibender, stressiger Umzug. Einige mögliche berufliche Veränderungen. Ein Mann, mit dem ich zusammenziehen möchte und der zu weit von mir entfernt wohnen wird als dass das einfach so machbar wäre. Ich habe vermutlich die besten Voraussetzungen, um das Ganze zu einem Erlebnis aus der Kategorie 'selbsterfüllende Prophezeiungen' zu machen, aber nichtsdesotrotz ist es gerade das Einzige, was mich wirklich hoffnungsvoll stimmt. Denn selbst wenn diese Möglichkeit von einer möglicherweise komplett unseriösen Kartenlegerin kommt, die vielleicht einfach besser im Menschenlesen als im Kartenlesen ist, ist das doch alles für mich eine Hoffnung wert. Im Moment möglicherweise meine einzige. Es kann sein, dass da die Veränderungen auf mich warten, nach denen ich mich so sehne. Und selbst wenn es nicht exakt die Veränderungen sind, von denen sie behauptet hat, sie für meine Zukunft zu sehen, so kann ich mir zumindest sicher sein, dass Veränderungen an jeder Ecke, in jeder Minute und in jedem Gesicht lauern.


Und irgendwann - in einem Jahr, 1 1/2 oder auch meinetwegen in acht Jahren - werde ich daran zurückdenken, wie schwierig das für mich alles war, als ich hier gelebt habe. Ich werde darüber denken, dass ich das vielleicht alles besser hätte hinbekommen können oder dass ich es mir schwerer als notwendig gemacht habe. Und dass ich wertvolle Lebenszeit damals verschwendet habe. Und ich werde froh sein, dass diese Zeit sich verändert hat und hinter mir liegt. Vielleicht werde ich mich aber auch danach zurücksehnen, weil aus der Erinnerung heraus damals alles so viel leichter, einfacher und sorgloser war. Auch wenn es mir gerade undenkbar vorkommt, die Zeiten, in denen wir momentan leben, als "leicht, einfach und sorglos" zu bezeichnen. Nicht mal im Rückblick. Aber wir wissen ja nicht, was auf uns noch wartet, auf jeden Einzelnen und auf uns alle zusammen. Das macht es so wundervoll und furchtbar zugleich.

25.9.17 22:20, kommentieren