Belanglose Menschen

"Du solltest lernen, belanglose Menschen als solche zu erkennen. Erwarte nicht, dass Leute, die selbst nicht wissen, wer sie sind, ernsthaft wissen wollen, wer du bist." (Aus einem Buch von Mhairi McFarlane)


Im Moment verbringe ich meine Tage hauptsächlich damit, nichts zu tun. Entschleunigen, mir selbst keinen Druck machen. Und mich dabei immer wieder bemühen, gedanklich nicht in irgendeine Ecke meines Hirns abzudriften, die mir nicht gut tut.


Gestern kaufte ich mir ein Buch. Jenes, aus dem das obige Zitat stammt. Ich liebe es, mir ein belangloses, seichtes Buch zu kaufen und den Tag über mit nichts anderem zu verbringen als es zu lesen. So habe ich gestern über den Tag verteilt die ersten 500 Seiten geschafft und die restlichen vierzig nach dem Wachwerden beendet. Ich mache das nicht oft. Zum einen würde es mir wahnsinnig viel Zeit auf Dauer rauben und ich würde nicht mehr so viel Lust dabei empfinden, mich in einem Buch zu verlieren. Andererseits fällt es mir auch einfach schwer, ein seichtes Buch zu finden, das ich trotzdem gerne lesen möchte. Ich ertrage seit einiger Zeit nicht mehr die ganzen Dramen, die berühren, ans Herz gehen, schmerzen und mich tränenverschmiert zurücklassen. Der Fernseher ist voll damit, das echte Leben auch. Ich brauche das nicht zusätzlich noch als Buch. Wenn ich lese, soll es leicht sein, aber trotzdem auch nicht zu belanglos. Einen seichten Roman zu lesen, muss nicht heißen, dass man ein ödes Klischee nach dem anderen ertragen muss.


Wie auch immer. Das hier wird keine Buchempfehlung, auch, weil ich das Buch nicht empfehlen würde. Es ist okay. Der Schreibstil ist müßig, ausschweifend und langatmig. Die Handlung an sich ist recht vorhersehbar und damit nicht allzu originell (wobei es deutlich schlechter geht) - das erwarte ich bei derartigen Büchern aber auch nicht. Mich interessieren viel mehr die Dialoge und die Charaktere. Und die sind schon ganz in Ordnung und stellenweise recht gelungen.
Ich habe mich an ein paar Stellen in dem Buch wiedergefunden, auch weil die Hauptprotagonisten, eine Mittdreißigerin, irgendwie die gleichen Identitätsprobleme durchmacht, wie ich sie seit einiger Zeit bei mir wahrnehme (ich nehme ihr im Allgemeinen das Alter nicht ab, das ist nicht sonderlich gut getroffen...).


Das obige Zitat hat mir vom ersten Augenblick an sehr gefallen. Sie hat sich emotional auf einen Menschen eingelassen, der nur Schwierigkeiten für sie letztendlich bedeutet und ihr eindeutig nicht die Zuneigung entgegenbringt, mit der sie gerechnet hat. Daraufhin sagt jemand in ihrem Umfeld ihr zu Beginn dieser Geschichte eben genau diese Worte.


Es gibt einen Dutzend Gründe, warum ich diese Worte mag. Der Hauptgrund ist, dass ich mich gewissermaßen ertappt und angesprochen fühlte. In meinem Leben gab und gibt es immer wieder diese belanglosen Menschen. Menschen, aus deren Meinung ich mir etwas mache, obwohl ich das nicht tun sollte. Menschen, die sich nicht wirklich für mich interessiert haben (oder interessieren), aber ich selbst mache mir weiß, es wäre anders.
Und sicher hat es letztendlich mich auch zu der Frage geführt, was mit mir ist. Bin ich einer dieser belanglosen Menschen? Ja, vermutlich schon.


Es ist nicht so, dass ich mich nicht für meine Mitmenschen interessieren würde oder dass mir andere Menschen egal wären. Ich weiß, wie viel Energie ich investiere, wie viel Leidenschaft und Gefühl ich empfinde, wenn ich an jemanden glaube und ihm vertraue. Gut, ich bin damit schon auf die Nase gefallen, aber es ändert nichts. Ich denke, das könnte mir noch weitere zehn Mal passieren - es würde nichts ändern, denn tiefe Zuneigung für jemanden zu empfinden, gehört zu den wohl größten Dingen im Leben. Ich merke es immer dann, wenn ich hier oder anderswo über Menschen spreche, die mir etwas bedeuten - ich verliere mich dann so schnell in Schwärmereien, in ganzen Aufsätzen und merke dabei jedes Mal, wie mein Herz übersprudelt von all den guten Gefühlen, die ich für einen Menschen empfinde.  Meine Mutter, der Freak, der Langhaarige, K-Kollegin, ein wenig wohl auch Snickers-Kollege (so gut kennen wir uns bisher nicht)... Aus der Vergangenheit müsste ich eigentlich noch Mr. Nevermind auf diese Liste draufsetzen, denn aus meinen Erinnerungen heraus passiert das immer noch, wenn ich über ihn spreche. Es gibt noch andere Menschen, die mir etwas bedeuten - aber die hier genannten sind die, bei denen allein der Gedanke an sie schon so viel in mir bewegt.


Dennoch weiß ich nicht - oder nicht mehr -, wer ich eigentlich bin. Und wie. Ich habe keine Ahnung. Meine Meinung von mir selbst ist mehr dennje ein Fähnchen im Wind und finde ich mich gerade ganz okay, kann es sein, dass ich in einer Stunde wieder äußerst schlecht von mir denke. Oder genauso doch eigentlich ganz zufrieden damit bin, zu sein, wer ich glaube zu sein.
Und ja, ich merke, ich schenke dadurch meiner Umwelt in letzter Zeit nicht immer die Aufmerksamkeit, die sie verdient hat. Vieles ist mir egal geworden, vieles hat sich bei mir verschoben.


Und manch anderes ist mir erst klar geworden. Ich bin nicht gerade erst damit aufgewacht, keine sonderlich gute Meinung von mir zu haben. Ich erinnere mich daran, dass es eine Zeit gab, über die ich gesagt habe, dass ich da mit mir im Reinen war, aber das fühlt sich mittlerweile wie eine Lüge an. Da gibt's Gefühle, die ich mir gegenüber hege, die ich nie ausgesprochen oder ausgedacht habe, für die ich mir nie Zeit genommen habe, sie zu empfinden und die dennoch da sind. Gefühle, die meine eigene Wahrnehmung so beeinträchtigen, dass auf Dauer einfach nichts besser werden kann, solang sie da sind. Ich habe nie jemandem davon erzählt. Nicht so, wie es nötig wäre, jemandem die Bedeutung dessen begreiflich machen zu können. Aber ich weiß ohnehin nicht, ob das wirklich möglich ist. Gefühle sind irrational und die Gefühle eines anderen Menschen sind manchmal so unglaublich abstrakt. Was sie bedeuten könnten, wird einem doch oft erst klar, wenn man sie selbst mal empfunden hat.


Absurderweise musste ich gestern im Laufe des Buchs feststellen, dass die Hauptprotagonistin genau die gleichen Schlüsse über sich zog, wie ich sie schon vor einer ganzen Weile über mich ziehen musste. Manchmal ist es beruhigend, mit den Problemen nicht allein zu sein - selbst wenn es in dem Fall eine fiktive Figur ist, die diese Probleme teilt, trotzdem hat sich jemand schließlich die Figur und somit auch ihre Schwierigkeiten ausgedacht. Es ist also nicht völlig abwegig.


Ich mag Menschen. Aber ich mag mich nicht genug, um damit fertigzuwerden, wenn mich jemand nicht mag. Ich bin ständig darauf aus, gemocht zu werden, suche Bestätigung und mache mir zu viel aus dem, was jemand über mich denkt. Am Wochenende wurde ich mit der Mädelsgruppe meiner Cousine konfrontiert. Meine Cousine war selbst nicht dabei - sie ist eine sehr beliebte und soziale Person, ein insgesamt wirklich toller Mensch. Seit ich ihr im vergangenen Jahr bei einer Uni-Sache geholfen habe, hat sich der Kontakt ein wenig gefestigt, aber ich habe trotzdem oft das Gefühl, dass wir grundunterschiedlich sind. Oft überkommt mich der Gedanke, dass sie wohl einige nicht so gute Gedanken über mich haben müsste, aber diese vermutlich ignoriert, weil wir eben miteinander verwandt sind. Vielleicht ist es sogar so. Fair ist es dennoch nicht so zu denken, denn sie hat mir nie einen Anlass gegeben, ihr soetwas zu unterstellen und damit sind es letztendlich nicht ihre Gedanken über mich - sondern meine eigenen, mit denen ich mich abwerte.
Der Freundeskreis meiner Cousine besteht aus ziemlichen Tussis - Mädchen, die alle gleich aussehen, sich gleich schminken, gleich die Haare frisieren, sich gleich kleiden und die man wirklich nur mit Mühe auseinander halten kann. Ich glaube, sie sind nicht mal so nur auf Oberflächlichkeiten fixiert, meine Cousine ist es jedenfalls nicht, aber trotzdem sehen sie alle ein wenig wie wenig individuelle Klone aus. Klone, die am liebsten laut Party machen, keine Gelegenheit zum Feiern auslassen und letztendlich ein Selbstbewusstsein ausstrahlen, das ich auch gerne hätte.
Hm. Ich muss gerade an den Langhaarigen, an Mr. Nevermind und an ein paar andere Menschen denken, die mir an dieser Stelle vehement widersprechen würden. Ich weiß, dass ich überwiegend selbstbewusst wirke. Und ich weiß, dass ich dafür keine Oberflächlichkeit ausstrahle. Eher im Gegenteil.
Dann weiß ich letztendlich nicht, was mich dazu bringt, mir zu wünschen, mich manchmal ein wenig mehr wie diese wenig individuellen Mädchen zu fühlen. Vielleicht ist es das gelegentliche Gefühl, nicht so richtig zu anderen Menschen zu passen. Dieses Problem haben diese Mädchen nicht, sie fügen sich problemlos in ihre Gruppe ein.
Als sie am Samstag an mir vorbeigingen, hatte ich förmlich das Gefühl, den abwertenden Blick auf mir spüren zu können. Vielleicht gehört es aber auch gewissermaßen dazu, jemandem direkt so zu begegnen - einfach um sich nicht angreifbar zu machen. Der Gedanke kam mir, als ich hörte, wie sich ein paar Mädchen draußen mit meiner Mutter unterhielten. Eine von ihnen erzählte etwas und meine Mutter warf einen Gedanken ein - und unterbrach damit für ein paar Worte das eine Mädchen. Ich glaube, meiner Mutter selbst fiel es gar nicht auf, aber ich konnte jedoch mithören, wie das Mädchen einfach währenddessen weitererzählte und laut und unerträglich schrill wurde, um die Stimme meiner Mutter möglichst zu ignorieren und sich durchzusetzen. Ziemlich daneben aus meinem Blickwinkel. Allerdings gehöre ich auch zu den Menschen, die oft ewig lang darauf warten, endlich mal zu Wort zu kommen.


Ich weiß, dass das alles aufhören muss. Solang ich mich so unzulänglich fühle, bin ich es. Ich kann nicht darauf warten, dass mich jemand mag und dann in Dankbarkeit ausbrechen, weil mich jemand akzeptiert, wie ich bin. Okay, das ist übertrieben. Das passiert alles nur in mir drin, aber das reicht völlig aus, um zu sagen, dass es so nicht sein sollte.


Ich glaube, dass ich für die meisten Menschen einfach nicht sonderlich interessant bin. Ich habe keine besonderen Talente vorzuweisen, irgendein Spezialwissen habe ich auch nicht. Okay, es gibt genug Menschen, bei denen das ähnlich ist. Soziale Situationen fallen mir zudem insgesamt oft unsagbar schwer. Ich habe nie Wert darauf gelegt, besonders originell oder individuell zu sein. Im Grunde möchte ich nur leben, Menschen um mich herum haben und zufrieden mit allem sein können.


Aber ich habe dabei nie gemerkt, wie sehr ich Angst davor habe, etwas von mir zu zeigen. Ich investiere Energie, Zeit und Gefühl, wenn mir jemand etwas bedeutet, aber ich glaube, ich mache das nur immer auf eine Art und Weise, mit der ich möglichst viel Schadensbegrenzung betreiben kann, wenn es schief geht. Wenn jemand mich enttäuscht, wenn mich jemand verletzt, wenn ich feststelle, ich habe jemandem doch nicht so viel bedeutet - macht alles nichts, ich komme bald darüber hinweg. Ich glaube, ich investiere viel Gefühl, aber wenig von mir selbst, von meiner eigenen Person, wenig wirklich Persönliches.
Ich meine, oft genug hat sich ein gemeinsamer Weg entzweit, oft genug haben sich Richtungen verändert und waren plötzlich zwei statt eine. Und oft genug wurde mir für den Moment der Boden unter den Füßen weggezogen. Oft genug habe ich Tränen vergossen, weil mir ein Mensch und ein Kontakt etwas bedeutet haben und oft genug habe ich um das, was ich mit jemandem hatte, getrauert. Aber oft genug bin ich schon im nächsten Moment wieder weitergezogen und habe mich auf neue Menschen gestürzt. Oft genug konnte ich ein paar Wochen oder wenige Monate später sagen "Ist wieder alles in Ordnung". Keine Lücke, die jemand hinterließ, blieb wirklich längere Zeit unausgefüllt. Ich weiß nicht, ob das alles gesund oder bedenklich ist. Schwer zu sagen. Vielleicht ist die Grenze da eher sehr schwammig, fließend.


Ich glaube, ich zeige vielen Menschen nicht, wer ich bin. Vielleicht gibt es da aber auch gar nicht so viel zu zeigen. Weißt du was? Ich weiß es nicht mehr. Ich wüsste nicht, was ich mehr von mir zeigen sollte. Was sollte ich mehr über mich sagen, mehr über mich erzählen? Ich habe nicht den Eindruck, dass es da so viel geben würde. Ja, ich ziehe es wirklich in Erwägung, zu diesen belanglosen Menschen zu gehören.


Vielleicht ist das dann einfach so. Kann ich etwas daran ändern? Wie wird man weniger belanglos? Ich habe keine Ahnung. Will ich das denn? Ach, ich will einfach nur noch sein, wonach es sich gerade anfühlt. Und ich möchte, dass das für mich so in Ordnung ist, dass ich nicht ständig danach strebe, mehr zu sein, anders zu sein als ich bin. Ich glaube, ich habe mich viel zu oft darauf konzentriert, nicht zu anders zu sein. Man kann sicher ganz viel spekulieren, woran das liegt. Ich denke, ich habe meine eigenen Antworten darauf.


Und ich denke, es ist gut, die Wurzel von etwas zu kennen und die Ursachen der eigenen inneren Missstände, die man offensichtlich manchmal auch erst nach Jahren, nach Jahrzehnten aufdeckt, zu erkennen. Etwas gegen einen Gestank zu unternehmen, ist einfacher, wenn man die Quelle dafür kennt. Aber das allein bringt eben auch nichts. Rein gar nichts.


Bäh. Ich bin gerade all diese Gedanken so leid. Manche Schatten aus der Vergangenheit sollte ich endlich bei Seite legen können. Ich weiß, dass ich damals, zu Beginn mit Mr. Nevermind, mir sicher war, dass all das abgehakt wäre. Vergangenheit. Und ja, ich weiß, dass das auch gewissermaßen so ist. Aber die Unzulänglichkeit, die ich empfinde, die ist immer noch da. Ich schaue mich an und habe das Gefühl, es gibt eigentlich nur Dinge, die man verbessern kann, verbessern sollte.


Ich weiß, auf Dauer wird es irgendwann wieder jemanden geben, mit dem sich alles gut und leicht anfühlt. Jemand, der mich dazu bringt, das L-Wort in den Mund zu nehmen. Aber ich weiß auch, dass wenn ich das nicht in den Griff bekomme, wieder nur an jemanden gerate, der es ausgesprochen gut mit mir meint, sich um mich sorgt, sich um meine Zuneigung, meine Liebe, bemüht. Jemand, der sicher eine Weile das Gefühl haben wird, das auch tatsächlich zu bekommen und vermutlich doch nur einen Abklatsch davon bekommen wird. Jemand, den ich ganz aufrichtig als wahnsinnig tollen, lieben und liebenswerten Menschen beschreiben werde und mit dem es sich trotzdem nicht erfüllend anfühlen wird. Jemand, auf den ich mich vielleicht vor allem deshalb einlassen werde, weil er einfach da ist, weil er mir Zuneigung entgegen bringt, ohne dass ich etwas dafür tun muss.


Ich will soetwas nicht mehr. Ich habe es oft genug gehabt. Für heute weiß ich nicht weiter und ich schätze, dieser Eintrag ist ziemlich zerdachter, unstrukturierter Murks geworden. Trotzdem nett, auch Murks-Gedanken aufschreiben zu können. Manches wird sich sicherlich auch in der nächsten Zeit weiter ergeben und zeigen. Identitätskrisen sind ermüdend. Und sie machen Hoffnung, weil man ahnt, dass das, was folgt, all die Anstrengungen, all die Krisen und das Straucheln am Ende locker wert war.

9.8.17 00:57, kommentieren

Beziehungskatastrophen

Gestern kam ich durch eine Mischung aus Langeweile, Grübelei und Neugier bei meinen alten Whatsapp-Gesprächsverläufen mit dem Nachbarjungen aus.
Dass wir das letzte Mal zu tun hatten, ist schon ein paar Monate her. Ich sollte ihm bei einer Sache helfen und seit ich das getan habe, kam kein Lebenszeichen mehr. Nicht mal ein Gruß zum Geburtstag. So viel zum Thema "Bitte lass uns unbedingt Freunde bleiben".


Dass ich die Beziehung beendete, ist nun ein Jahr und vier Monate her. Ich habe immer ein wenig darauf gewartet, dass es mir irgendwann geht wie mit der Beziehung mit Mr. Nevermind: dass ich darauf voller Liebe zurückblicke Vielleicht sogar mehr Liebe, als ich jemals in der Beziehung selbst gespürt habe.
Aber: Nichts.


Bis gestern. Gestern, als ich die alten Verläufe überflog - zum ersten Mal überhaupt - überkam mich etwas wie Reue. Nicht weil ich die Beziehung beendete. Aber dafür, weil ich sie bis dahin mit ihm so geführt hatte, wie ich es getan hatte. Jede einzelne Textnachricht war ein kleiner Stich, weil mir bewusst geworden war, wie wenig er eine echte Chance gehabt hatte. Und wie sehr ich diesen Schritt, den ich vor einem Jahr und vier Tagen gegangen bin, schon sehr viel eher hätte gehen müssen.


Gut. Man kann sagen: Das ist Vergangenheit, das braucht jetzt niemanden mehr interessieren. Sollte es aber, damit es wirklich Vergangenheit bleibt und Geschichten dieser Art nicht auch meine Zukunft prägen. Zwei Beziehungen habe ich geführt und zwei Mal war ich in dieser Situation, mich nicht mehr glücklich zu fühlen und dennoch einfach mit diesem Gefühl zu verharren und darauf zu hoffen, dass alles besser wird. Irgendwie. Weil ich feige war. Und weil ich vor mir selbst nicht zugeben konnte, dass der Mensch an meiner Seite, mir nicht (länger) das geben konnte, was ich mir wünschte.


Mr. Nevermind ist nach vier Jahren immer noch in meinen Gedanken, in meinen Erinnerungen und meinen Worten präsent. Ich setze ihn auf keinen Podest, denn dafür habe ich ihn dann doch zu gut kennengelernt und unsere Beziehung war stellenweise eine Katastrophe, aber in meiner Erinnerung ist unglaublich viel Liebe präsent. Wärme, Geborgenheit, Sicherheit. Ich denke an die Beziehung mit Mr. Nevermind und im Wesentlichen bleibt da ein gutes Gefühl. Ich weiß, dass all die Gefühle, die bei dem Gedanken an unsere Beziehung nichts mit dem heutigen Mr. Nevermind zu tun haben, aber sie lassen mich nicht bereuen, diese Beziehung geführt zu haben. Es gab genug gute Gründe, warum es diese Beziehung nicht mehr gibt, aber es gab eben auch viele, dass sie überhaupt entstand und ein paar Jahre gehalten hat.


Und der Nachbarjunge? Ich bereue teilweise, dass ich mich darauf eingelassen habe und dass ich diese Beziehung geführt habe. Weil ich denke, dass es von Anfang an zu offensichtlich war, dass diese Beziehung scheitern würde. So offensichtlich, dass ich mich heute frage, wie ich mich überhaupt darauf einlassen konnte. Aber, um fair zu bleiben: Ich habe mich wirklich verliebt gefühlt. Am Anfang.


Der Nachbarjunge konnte sein Glück nie fassen, mich als seine Freundin zu wissen. Nicht, weil ich so unglaublich wäre. Es lag eher daran, dass er selbst einfach nicht allzu positiv über sich dachte. Es gab viele Dinge, die mich an ihn störten. Dinge, die wie ein großer Graben zwischen uns lagen. Wir hatten einfach nicht wirklich viel gemeinsam, weder in unseren Interessen noch in unseren Einstellungen. Und mit der Zeit wurde ich, aus heutiger wie auch aus damaliger Sicht, ein ziemliches Monster von Freundin. Ich war wirklich kein sonderlich angenehmer Mensch zu dieser Zeit. Zwar bemühte ich mich immer wieder, ihm die Liebe zu zeigen, die er verdient hatte und von der ich anfangs auch ehrlich überzeugt war, sie zu empfinden - aber meist gelang es mir doch irgendwie nicht. Und heute zweifel ich daran, überhaupt sonderlich viel Liebe empfunden zu haben. Es gab vieles, für das ich ihn kritisierte und heute auch noch gedanklich kritisiere. Er war mir in vielen Dingen zu unreflektiert, zu unbeherrscht, zu unreif. Aber dann hätte ich mich eben nie darauf einlassen dürfen. Das hätte mir vorher schon bewusst sein müssen.


"Ich glaube, du hast mich nie wirklich geliebt", hat Mr. Nevermind mal kurz nach unserer Beziehung gesagt, die er letztendlich beendet hatte, auch wenn das in unser beider Sinne gewesen war.
Diese Worte nagen immer noch an mir. Weil ich mir sicher bin, dass er nur etwas ausgesprochen hatte, was er wirklich so empfunden hatte. Und ich habe irgendwann begonnen an meinen Gefühlen zu zweifeln. Vielleicht hatte er Recht. Es würde vieles dafür sprechen, dass er Recht hatte.
Ironischerweise erklärte er mir ein ganzes Jahr später, dass er mich nie geliebt habe, weil er  zu diesem Zeitpunkt nie in der Lage gewesen sei. Auch das nagt. Noch immer.


Und ja, natürlich ist irgendwann Zeit das hinter sich zu lassen.


In letzter Zeit habe ich mir nichts sehnlicher gewünscht, als jemand, der einfach für mich da ist, jemand, der mich auffängt, der mich in den Arm nimmt, der mich genau so liebt, wie ich bin, äußerlich und charakterlich. Jemand, der mich gut ergänzt, der mich im Wesentlichen versteht. Jemand, mit dem ich ein gutes Team sein kann. Jemand, für den ich da sein kann, der mich in sein Leben lässt, dem ich eine Stütze, eine Hilfe sein kann, dessen Leben ich bereichere. Jemand, der mich nicht braucht, damit sein Leben einen Sinn hat, der sich aber glücklich schätzt, dass ich darin vorkomme.


Gestern wurde mir dann erst bewusst, wie wenig ich in der Lage bin, eine funktionierende Beziehung zu führen. Ich erinnere mich nicht daran, dass es in meinen beiden Beziehungen jemals einen Zeitpunkt gegeben hätte, an dem das alles wirklich funktioniert hätte. Naja, vielleicht bei Mr. Nevermind, aber dann nur für sehr kurze Zeit.
"Du hattest einfach noch nicht wirklich jemanden, der zu dir passt",
sagte meine Mutter mal vor ein paar Monaten dazu.
Aber wer passt denn bitte zu mir, hm? Ich sehe da niemanden. Ich habe manchmal das Gefühl, dass es in meinem Leben nur Männer gibt, auf die ich mich irgendwann einlasse, weil ich nach genug Nachdenken und Grübeln der Meinung bin, dass es eine gute Idee wäre. Und die, bei denen sich das von Anfang an gut anfühlen würde - denen scheine ich nicht zu genügen, zu gefallen oder was auch immer.


Irgendwann vor Monaten, vor über einem halben Jahr, bin ich in diese Selbstkrise gestolpert, die beinhaltet, dass ich mich selbst am liebsten gegen einen anderen Menschen ausgetauscht hätte. Ich fühle oft genug noch immer so, wenn ich in den Spiegel schaue. Und allmählich komme ich davon weg, mich äußerlich so abzulehnen. Aber gerade scheint sich das teilweise auf meinen Charakter zu verschieben.


Ich war bisher nicht wirklich eine gute Partnerin. Und ich denke, ich werde es auch vorerst nicht sein.
"Ich vermisse, abends mit dir ins Bett zu gehen und mit dir darüber zu reden, was dich beschäftigt. Komischerweise sprichst du erst immer im Bett darüber.",
lautete eine der alten Nachrichten des Nachbarjungen. Ich fühlte mich damals schon erwischt, als ich das las. Als ich gestern darüber nachdachte, fiel mir auf, wie sehr er damit wirklich Recht gehabt hatte. Beide meiner Beziehungen sind im Bett entstanden, das heißt, bei beiden Beziehungen fand das Gespräch, dass wir es versuchen könnten, im Bett statt. All die Gespräche zuvor - das war alles im Bett. Ich weiß, wie das klingen muss. Ich meine damit nicht, dass ich mit jemandem Sex habe und dann irgendwann darauf komme zu sagen "Hey, also ich möchte gern eine Beziehung mit dir". So war es nicht. In beiden Fällen war ich einfach dem Mann körperlich und emotional nahe, ehe ich das ansprach - oder es angesprochen wurde. In der Dunkelheit des Zimmers und in den Armen des Menschen neben mir habe ich mich immer sicher genug gefühlt, um anzusprechen, was mich beschäftigt hat. Auch, wenn es Probleme gab. Aber sonst? Sonst eher nicht. Selbst Krisengespräche habe ich in der Vergangenheit eher im Bett geführt. Oder im Auto. Das ist doch verrückt.


Da ist so viel, was ich erst ändern muss. Ändern möchte. Ich muss endlich lernen, offener damit umzugehen, was in mir passiert und wie es mir geht. Und ja - das liegt wohl auf der Hand - ich muss natürlich auch erst lernen, mich selbst endlich anzunehmen. Nach meinen Gedanken gestern ist mir bewusst geworden, dass ich Mr. Nevermind und den Nachbarjungen nie so richtig annehmen konnte, wie sie sind. Sicher. Ich war in beiden Beziehungen oft auch sehr aufmerksam und zeitweise auch fürsorglich, aber ich habe vieles, was in mir schlummerte, nie richtig verarbeitet und beachtet. Nicht genug, um eine funktionierende Beziehung zu führen. Führen zu können.


Und natürlich. Hinzu kommt auch, mit wem ich eine Beziehung geführt habe. Mr. Nevermind war selbst damals nicht in der Lage dazu und ich erinnere mich an die unzähligen Male, als ich das Gefühl hatte, dass er selbst nicht richtig wisse, was er an mir eigentlich mag. Und der Nachbarjunge - nun... Wir waren, so gemein das klingen mag, einfach nicht auf einer Stufe. Uns trennte zu vieles voneinander.


Also bleibe ich jetzt einfach allein. Ich werde weiter an mir arbeiten - für mich selbst. Und ich werde mich auf niemanden mehr einlassen, von dem ich glaube, dass ich, wenn ich nur lang genug warte, Gefühle für ihn entwickeln könnte. Denn das geht - es sind nur nicht die Gefühle, auf die ich insgeheim hoffe und warte.


Am Dienstag treffe ich mich mit dem Supermarkt-Mann. "Ich dachte, er gefällt dir nicht", meinte Pizza-Freundin, als ich ihr davon erzählte. Naja. Ich bin immer noch der Meinung, dass ich ihn nicht gut genug kenne, um das zu wissen, aber ich denke, dass es mit ihm ähnlich verlaufen würde wie mit Mr. Nevermind oder den Nachbarjungen. Ich habe da wohl niemanden vor mir, der mich wirklich anzieht, aber darum geht es mir auch nicht. Seit wir miteinander schreiben, ist es unverbindlich und zwangslos geblieben. Einfach ein netter Kontakt, der zu Stande kommt. Ich möchte ihn auf jeden Fall persönlich kennenlernen und sollte sich mein Gefühl bestätigen, werde ich das eben äußern. Auch das muss ich nämlich lernen: Dazu zu stehen und mich nicht auf etwas einlassen, weil ich zu feige bin, um zuzugeben, dass ich nicht die Gefühle habe, die ich gerne hätte. Aber - auch das ist mir klar geworden - ich habe in der Vergangenheit mich viel  zu oft vor Dingen, Leuten und Situationen verschlossen, um gar nicht erst irgendetwas oder irgendwan an mich ranlassen zu müssen. Und auch das geht so nicht mehr. Ich darf nicht vorher schon alles und jeden ablehnen, weil ich Angst habe, ich könnte sonst überfordert sein. Im Moment glaube ich, dass ich auch deshalb normalerweise nicht angesprochen werde - nicht nur, weil ich vielleicht den optischen Geschmack der meisten Männer nicht treffe, sondern auch, weil ich ausstrahle, wie sehr es mich überfordern würde, mich auf etwas oder jemanden einlassen zu müssen.


Es kann ziemlich lange dauern, ehe mir jemand begegnet, bei dem ich das Gefühl habe, er könnte zu mir passen. Jemand, der mich mit seiner Art und seiner Ausstrahlung anzieht. Vielleicht passiert das auch nie. Bisher ist mir nicht oft so jemand begegnet. Der Langhaarige. Der Freund meines Mitbewohners. Sicher auch Mr. Nevermind. Der Freund eines Freundes. Das war's. Diese vier Männer haben mich in meinem Leben wirklich umgeworfen (wobei ich nicht bei jedem dieser Männer das Gefühl hatte, sie könnten zu mir passen). Mit sehr viel mehr Männern als den genannten hatte ich auch nichts (- wobei ich mit dem Freund eines Freundes nie etwas hatte...). Also. Sollte ich mich noch mal auf jemanden einlassen, dann soll es jemand sein, den ich auf diese Liste setzen könnte. Und der zugleich auch seine ganz eigene Liste bekommt: Die Liste der Männer, mit denen es sich gut angefühlt hat, die zu mir charakterlich passen und auf die ich mich voll und ganz eingelassen habe. Die ist noch leer.

30.7.17 20:32, kommentieren

Abschied

Nach ein paar Minuten kam ich zurück und setzte mich auf meinen Platz neben den Snickers-Kollegen.
"Was hat du gemacht? Erstmal eine Runde geweint?",
meinte Snickers-Kollege - gewohnt neckend.
"Klar, was sonst?", meinte ich lächelnd.
"Jetzt echt?", er schaute mich ernst an.
"Nein", erwiderte ich augenverdrehend und schnaufend zugleich. Er hatte es innerhalb einer Dreiviertelstunde geschafft, mich das insgesamt drei Mal zu fragen, nämlich jedes Mal, wenn ich den Raum für ein paar Minuten verlassen hatte und dann zurückgekommen war. Und jedes Mal ignorierte er meine wirklich offensichtliche Ironie und nahm mich stattdessen lieber ernst. Ich schätze, er hatte wirklich darauf gewartet, dass ich irgendwo als Häufchen Elend weinend in der Ecke sitze (stattdessen habe ich einfach viele Dinge in der Zeit erledigt, aber rumzuweinen schien ihm naheliegender zu sein).


Der Grund dafür war, dass ich ihm und der Küken-Kollegin wenig vorher anvertraut hatte, wie es mir gerade geht. Küken-Kollegin konnte dem nachempfinden. Snickers-Kollege so rein gar nicht. Er hat mir erst vor ein paar Wochen erklärt, er würde sich wirklich viel mehr Gedanken machen als die Leute das immer von ihm erwarten, aber er tut herzlich wenig dafür, dass ich ihm das auch wirklich glauben kann.


Auf der Arbeit verändert sich gerade gefühlt alles. Vorgestern verkündete eine meiner Lieblingskolleginnen, dass sie versetzt wurde. Heute war es eine andere Kollegin. Und ich bleibe fassungslos zurück. Insgesamt sechs Gesichter werden ausgetauscht gegen neue und ich merke, dass der Gedanke mir nicht bekommt, obwohl mir nicht mal jedes dieser Gesichter ans Herz gewachsen ist. Das spielt keine Rolle. Überall Veränderungen. Veränderungen, auf die ich keinen Einfluss habe und die auch Veränderungen für mich bedeuten können, ohne dass ich das jetzt schon wissen könnte.


"Ach komm schon",
meinte Snickers-Kollege (nachdem er ein halbes Dutzend Witze darüber gemacht und immer wieder meine Reaktion beobachtet hatte) "das beschäftigt dich? Das ist doch total unnötig, sich darüber Gedanken zu machen. Für dich verändert sich doch nichts. Du bist hier immer noch am Tisch. Und (...) (K-Kollegin). Und (...) (Küken-Kollegin)."
Fast wollte ich trotzig erwidern: "Und du? Du vielleicht nicht mehr!" Es steht schließlich noch immer nicht fest, ob er wirklich bei uns bleiben kann. Aber ich dachte (und denke es immer noch), dass es zu viel Gefühlsoffenbarung gewesen wäre. Ich vermeide es dann doch eher, den Menschen übermäßig zu zeigen, was sie mir eigentlich bedeuten.
Abgesehen davon... Wer weiß, wie das dann alles sein wird? Ich schrieb es bereits mal: Kein Jahr ist wie das andere. Das vorherige Jahr habe ich in den Pausen mit komplett anderen Kollegen verbracht als in diesem. In beiden habe ich mich, zumindest hinsichtlich meiner Kollegen, wohl gefühlt. Aber ich will nicht schon wieder so eine Veränderung. Ich will an diesem Tisch bleiben. Mit K-Kollegin. Und Küken-Kollegin. Und Snickers-Kollege. Und ja, ich weiß, das klingt ohnehin schon kindisch, aber ich merke, dass ich die Gespräche, die Witze und die Vertrautheit an diesem Tisch mit niemandem teilen möchte. Ich verhalte mich wirklich kindisch.


Heute habe ich eine meiner Lieblingskolleginnen zum vorerst letzten Mal gesehen. Ich habe sie nur gedrückt und ihr "Tschüss" gesagt. Sie wollte nicht viele Worte, da sie durch die ganzen Verabschiedungen ohnehin schon Tränen in den Augen stehen hatte. Für mich war es dadurch einfach, mich möglichst unemotional zu verabschieden und mir dadurch nicht bewusst machen zu müssen, wie endgültig dieser Abschied wohl war.


Abschiede nerven. Ich habe das Gefühl, mein Leben war in letzter Zeit voll damit. Immer wieder Menschen, die in mein Leben stolpern und sich dann wieder verabschieden. Mich nervt das gerade alles so sehr. So sehr.


Ich habe den Eindruck, mich nur noch umzusehen nach Menschen, die länger in meinem Leben bleiben können oder wollen. An solchen Tagen wird mir bewusst, wie sehr ich mir gerade jemanden wünsche, an dem ich mich ein Stück weit festhalten kann. Jemand, der ein wenig Beständigkeit in mein Leben bringt. In solchen Augenblicken denke ich noch immer an Mr. Nevermind, die personifizierte Beständigkeit. Das stimmt so nicht. Eigentlich ist es weniger Mr. Nevermind selbst, an den ich in solchen Momenten denke. Ich denke viel mehr daran, wie ich damals, wenn es mir so ging wie gerade, mit wenigen Worten auf ihn zustürmte und er mich dann einfach in seine Arme nahm. Das Gefühl dabei ist nach über vier Jahren noch immer so präsent, dass mir allein die Erinnerung daran manchmal noch ein wenig Trost spenden kann. Dieses Gefühl, wenn ich den Kopf an seine warme Brust legen konnte und er mich einfach festgehalten hat. Das ist das, was ich mir wünsche. Das, wonach ich mich so sehne.


Ich bin nicht nur kindisch, ich bin manchmal auch ein entsetzliches Mädchen.

27.7.17 21:14, kommentieren