Vierzehn

Das Leben geht weiter. Unerbittlich und hemmungslos. Auch dann, wenn man nicht das Gefühl hat, mitzukommen, mithalten zu können. Zu wollen.


Ich widme dir, dachte ich, so ziemlich jedes Jahr einen Eintrag. Nun habe ich festgestellt, dass ich das an diesem entscheidenden Tag das einzige Mal vor vier Jahren gemacht habe - so lange her ist das schon, ich dachte, das wäre letztes Jahr gewesen. Und das Jahr davor. Und davor. Mir tut es ein wenig leid, dass das schon so lange her ist. Dabei bist du doch noch immer jeden Tag in meinen Gedanken und vor allem in meinem Herzen.


Vierzehn Jahre ist es nun her, dass du aus meinem, aus unserem, Leben verschwunden bist. Vierzehn Jahre lang hast du mich begleitet. Ab jetzt wird die Zeit, die ich mit dir verbringen konnte, immer geringer sein im Vergleich zu der Zeit meines Lebens, die ich ohne dich gelebt habe.
Das wird sie nicht geringer gewichten. Das nicht.


Ich frage mich manchmal, was du wohl sagen würdest, was du denken würdest, könntest du mich heute erleben. Ich glaube, du wärst stolz auf mich. Du warst immer stolz auf mich und ich musste nichts anderes dafür tun, als der Mensch zu sein, der immer in mir steckte.


Es gibt so unendlich viele glückliche Momente, in denen du eine wichtige Rolle gespielt hast. Allein bei dem Gedanken an diese Momente kommen mir die Tränen. Trauer verschwindet nicht, ich denke, das wusstest du selbst nur zu gut. Sie hört nur irgendwann auf, so penetrant zu schmerzen und einen so konsequent zu belästigen. Man lernt, mit ihr umzugehen, zu akzeptieren, dass sie nie mehr ganz verschwinden wird. Sie ist nicht mehr so grell, zieht nicht mehr so viel Aufmerksamkeit auf sich, aber sie ist da.


So wie du immer in meinen Gedanken bist, in meinem Herzen. Du warst ein toller Mensch und ich trauere ein wenig darum, dass ich dich immer nur aus meinen Kinderaugen sehen konnte und nicht dir als die Erwachsene begegnen konnte, die ich heute bin. Ich konnte dich nie so verstehen, dich nie so als kompletten Menschen wahrnehmen, wie ich es vielleicht heute hätte tun können. Ich habe dich immer nur als meinen Opa verstanden und wahrgenommen.


Mama hat immer noch dieses Foto von uns, das damals im Garten der Sandkastenfreundin aufgenommen wurde. Es war ein warmer Sommerabend. Ich war sieben Jahre alt und ganz braun von der Sonne, hatte ein rotes T-Shirt und eine Jeans an. Wir hatten gegrillt und du warst vorbei gekommen, einfach nur, um "Hallo" zu sagen. Und ich bin - ganz Kind - auf dich zugerannt, lachend und laut "Opi" schreiend. Ich hatte dich damals stürmisch begrüßt und die Mutter der Sandkastenfreundin hatte ein Bild davon aufgenommen, wie ich breit grinsend an deiner Seite hing, immer noch in einer Umarmung, während du verhalten in die Kamera grinstest. Trotzdem sieht man deinen warmen Augen an, wie glücklich du da gerade warst.


Ich sehe mir das Foto nicht zu oft an, bei dem Anblick durchströmen mich Glück und Trauer gleichermaßen. Es ist aber erst wenige Wochen her, dass ich es in die Hand genommen hatte und ein weiteres von unzähligen Malen voller Liebe an dich denken musste.


Wir reden immer noch oft über dich. Mama, mein Onkel und ich. Du bist in unseren Köpfen noch immer so präsent.
Und manchmal, bei bestimmten Gerüchen, habe ich das Gefühl, dass du uns wieder so unglaublich nahe bist.


Viele Dinge kann ich nicht mehr, ohne an dich zu denken. Harry Potter lesen zum Beispiel. In unseren Garten gehen. Pflaumen sehen oder essen. Weihnachten oder Geburtstage feiern. Den 20. Mai erleben.
Oder wirklich glückliche Momente erleben, von denen ich mir wünschen würde, du könntest dabei sein.


Ich würde gerne glauben, dass du da noch irgendwo bist. Aber weißt du, in meinen Herzen ist es immer noch, als wärst du da. Manchmal sehe ich dein Grinsen vor mir, höre deine Stimme, rieche deinen Duft. Manchmal glaube ich zu wissen, was du gerade sagen oder tun würdest. Auch nach vierzehn Jahren noch.


Es gibt wenige Dinge, derer ich mir im Leben wirklich sicher bin. Aber dieses eine weiß ich: Ich werde dich nicht vergessen. Du warst einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben und wirst es im Grunde immer bleiben. Du hast mich begleitet, hast alles für mich getan, hast mich geliebt, wurdest von mir geliebt. Manchmal habe ich Angst, ich könnte dir das zu wenig gezeigt haben. Ich war manchmal viel zu beschäftigt mit mir selbst, um zu realisieren, dass unsere gemeinsame Zeit endgültig vorbei sein würde.


Vierzehn Jahre... Ich weiß ganz ehrlich nicht, wo all die Zeit hingeflossen ist. Sie scheint gerannt zu sein, doch wenn ich mir überlege, was alles währenddessen passiert ist, scheint sie nur zäh dahin getropft zu sein. Vierzehn Jahre. Ich frage mich, was du sagen würdest, könntest mich heute so sehen, mit all den Dingen, die mir gerade durch den Kopf gehen, mich beschäftigen, mich belasten. Es nagt an mir das Gefühl, dass es dir nicht damit gut gehen würde, dass es dich traurig machen würde und es dir Kummer bereiten würde.


Es wird wohl nie ganz aufhören, dass ich dich vermisse. Und ich hätte noch gerne so viele Worte für dich gefunden, aber ich bin ehrlich gesagt gerade nicht in der Lage dazu, ohne endgültig in Tränen auszubrechen, die sich schon seit den ersten Worten hartnäckig in meinen Augen festgesetzt haben. Tut mir leid, mehr geht gerade nicht.

20.5.17 18:55

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