Gold

"Menschen Ihres Farbtyps tragen meiner Erfahrung nach sehr viel Gold. Und wissen Sie auch, wo?", fragte mich die Typberaterin, bei der ich heute war. Eine schillernde Persönlichkeit, freundlich, kommunikativ und seit einigen Jahrzehnten in diesem Beruf. Sie hatte mir erst kurz zuvor erklärt, sie habe während ihrer Arbeit über Jahre festgestellt, dass die Farbtypen bestimmte Charaktereigenschaften aufweisen. Es sei ähnlich wie bei einer Horoskop-Charakterisierung zu verstehen: Nicht alles muss zutreffen, aber die grundsätzliche Tendenz stimmt für gewöhnlich.
Verdattert, weil ich nicht wusste, worauf sie hinaus wollte, schüttelte ich den Kopf.
"Im Herzen",
sagte sie, "Frauen Ihres Farbtyps tragen sehr viel Gold im Herzen. Das sind Menschen, die loyal und verlässlich sind, die für andere da sind und die sich für andere Menschen nahezu aufopfern und das noch als selbstverständlich empfinden."


Ich bemerkte, wie ihre Worte mich berührten. Ich wäre gerne so ein Mensch.


Später, als ich einen von ihr geschriebenen Text über meinen Farbtyp las, bemerkte ich erneut die Berührung dieser Worte. Der Gedanke, ich könnte so ein Mensch sein, wie er in diesem Text beschrieben wird, gefällt mir. Ein Mensch, der darin aufblüht, für einen anderen Menschen ein Halt, eine verlässliche Person zu sein.


Ganz so selbstlos sehe ich mich aber sicher nicht. Ich bin ziemlich oft recht egoistisch und selbstbezogen.


Eine Freundin sagte mir heute, es sei Zeit für mich, endlich auf mich Rücksicht zu nehmen und meinen Seelenfrieden wieder herzustellen. Was sie damit meinte und mir riet, war recht eindeutig. Und seit nun diese Worte ihren Kopf verlassen haben, spuken sie in meinem herum.


Ich möchte gerne ein Mensch sein, der Gold in seinem Herzen trägt. Vieles, was ich tue oder denke, halte ich aber für selbstverständlich. Selbst das steht in diesem Text. Wenn es um mein Verhalten gegenüber meinen Mitmenschen geht, habe ich vermutlich tatsächlich hohe Ansprüche, die ich an mich stelle. Und - auch das wird in dieser Beschreibung angedeutet - ich verstehe es nicht, wenn jemand, der mir viel bedeutet, ganz offensichtlich nicht die gleichen Ansprüche an sich stellt.


In den letzten Tagen und Wochen habe ich viel speziell darüber nachgedacht. Es gibt Momente, in denen ich mich gerne rücksichtslos, wirklich egoistisch und vielleicht sogar etwas unfair verhalten hätte. Aber selbst, wenn das jemand mit mir macht, bedeutet das nicht, dass ich das andersherum kann. Niemand kann sich vorstellen, was diese an sich simple Erkenntnis in mir ausgelöst hat.


Auf eine Äußerung einer Freundin erwiderte ich, dass ich das rücksichtslos und daneben fänd. Sie entwaffnete mich mit der Frage, mit wie viel Rücksicht man mir begegne. Und ich blieb ratlos zurück. Die Antwort, die sie hören wollte, war eindeutig. Ebenso wie es eindeutig war, dass ich keine guten Argumente hatte, dies zu entkräften. Nur mein Verständnis, von dem ich mich selbst manchmal wundere, wo es herkommt. Ich kann nicht lange sauer auf einen Menschen sein, denn egal, wie mies ich behandelt werde, ich kann es irgendwie verstehen. Es gibt immer Gründe dafür, warum sich Menschen verhalten, wie sie es tun. Und letztendlich halte ich nichts davon, ein Verhalten zu zeigen, das nicht meinem Gefühl, meinem Herzen entspricht.


Einerseits mag ich den Gedanken ein Mensch zu sein, der "Gold im Herzen" trägt.

Andererseits kann ich es nicht leiden, wenn Menschen extrem gutmütig sind. Und noch weniger kann ich es leiden, wenn andere Menschen so über mich denken. Ich bin niemand, der sich alles gefallen lässt. Ich bin niemand, der keinen eigenen Kopf hat und sich von der Liebe und Wertschätzung eines Menschen abhängig macht, nur weil er sich ansonsten wertlos fühlen würde.


Ich will für die Menschen, die mir etwas bedeuten, da sein, möchte verlässlich sein, möchte ihnen der Mensch sein, den ich mir gleichzeitig an meiner Seite wünsche. Aber ich habe dennoch Stolz und soetwas wie ein Selbstwertgefühl. Manche Menschen geben mir das Gefühl, sie würden vermuten, dass das anders wäre.



Sehr gut heute gefallen hat mir übrigens auch der Vergleich mit einem "stillen, tiefen Bergsee". Das würde bedeuten, ich wäre jemand, der im Inneren sehr viel mehr in sich trägt als nach außen zu vermuten ist. Was meine Gefühle betrifft, stimmt das auch irgendwie, denke ich.

1.6.17 00:08

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