Es tut mir leid.

Du stehst direkt vor mir, in greifbarer Nähe. Ich sehe die Entschlossenheit in deinen Augen. Ich sehe das Mitgefühl in deinem Blick, sehe, wie sehr du leidest, wie sehr du mit dir ringst, aber es ändert nichts an dem festen Ausdruck in deinen Augen. Kein Leuchten darin. Nur diese tiefe Entschlossenheit eines Menschen, der mir sagt, dass all das nichts ändert und es so nicht weitergehen kann.
Ich sehe dir an, wie sehr ich dich verletzt habe und ich frage mich, warum du dir das alles noch immer von mir gefallen lässt. Wie oft muss man dich denn eigentlich von sich wegstoßen, bis du gehst? Verfügst du denn nicht über wenigstens ein wenig Selbstschutz? Siehst du nicht, dass ich dir furchtbar weh tun werde? Siehst du nicht, dass du von mir nichts mehr zu erwarten hast?


Hast du denn nicht meine Worte verstanden? Ich habe dir gesagt, dass es genau dazu kommen würde. Erinnerst du dich? Ich sagte dir, ich würde nicht können, sagte, dass ich nicht dieser tolle, großartige Mensch sei, den du offenbar in mir siehst. Immer wieder und wieder sagte ich es dir, aber du hast mir nicht geglaubt.


Jetzt stehst du vor mir. Deine grünen Augen fest auf mich gerichtet. Ich kann dem Blick deiner Augen nicht Stand halten, halte nicht aus, wie dein Blick mich durchbohrt und du mir das Gefühl gibst, direkt in mich hineinzusehen. Bitte schau weg. Du willst nicht wirklich sehen, was es dort zu sehen gibt. Glaub mir.


Aus deinem Mund kommen Vorwürfe und in jedem deiner Worte schwingt deine Verletzung mit. Du bemühst dich, es zu verbergen, doch du warst noch nie sonderlich gut darin, deine Gefühle zu verbergen. Du gibst dir so sehr Mühe, nicht zu zeigen, wie es dir geht, doch es prägt deine Worte, zeigt sich in deinem Blick, in deiner ganzen Haltung. Am Rande registriere ich, wie deine Stimme kurz bricht bei der Frage, wie es weitergehen solle. Du bist nur ehrlich und glaube mir, das weiß ich zu schätzen. Aber du setzt mich unter Druck, du löst in mir das Gefühl aus, ich kann dich nur enttäuschen und ich merke, wie ich nur noch verschwinden möchte.
Du willst etwas, was du nicht haben kannst. Du willst das, was mal war. Und es wird nicht mehr sein. Ich kann nicht.


Du ringst um Fassung, bemühst dich, diplomatisch zu bleiben und ich frage mich, warum du dir überhaupt noch die Mühe gibst. Ich weiß nicht, womit ich das verdient haben soll.
Verstehst du es denn immer noch nicht? Siehst du noch immer nicht, dass ich recht hatte? Ich bin längst nicht so gut, wie du das dachtest. Es liegt doch gar nicht an dir. Ich bin das Problem. Weil ich immer das Problem bin.


Ja, ich weiß, dass es dir nicht gut geht mit all dem. Ich sehe es dir an, sehe es in deinem ernsten Blick, erkenne es an dem fehlenden Lächeln in deinem Gesicht. Dein Gesicht wirkt ohne ein Lächeln so fremd, so ungewohnt.
Mir geht es doch auch nicht gut damit. Du hast ja keine Ahnung. Du kannst dir nicht vorstellen, was bei mir los ist, wie es mir geht. Du hast einfach keine Ahnung. Daran wird sich nichts ändern, tut mir leid. Es geht nicht darum, ob ich will. Es geht darum, dass ich nicht kann.


Ich bemerke die Tränen in deinen Augen. Du verstehst mich nicht und ich verstehe deine Tränen nicht. Warum bedeute ich dir so viel? Warum schenkst du mir so viel Bedeutung?
"Ich wünsche mir einfach etwas Sicherheit",
sagst du. Du wünscht dir das Gefühl, wichtig für mich zu sein, Platz in meinem Leben zu haben. Das Gefühl, dass es ein Wir gibt. "Ich wünsche mir doch einfach nur eine Reaktion von dir. Irgendeine. Ignoriere mich nicht mehr, wenn ich etwas Persönliches sage. Gehe nicht einfach über das hinweg, was dich überfordert. Sprich mit mir. Hör auf, mich wegzustoßen."
Für einen winzigen Moment flackert diese Wut in deinen Augen auf. Das Grün deiner Augen sticht mir geradewegs ins Herz bei diesem Anblick. Du meinst, du könntest alles ertragen, solange du das Gefühl hast, dass ich dich in meinem Leben haben möchte. Du begreifst nicht, dass ich mir dessen nicht mehr sicher bin. Du begreifst nicht, dass ich deine Fragen immer wieder ignoriere, weil ich mich nicht traue, sie zu beantworten. Was ist, wenn ich dir sagen muss, dass ich dich nicht mehr in meinem Leben haben möchte, haben kann? Wenn ich das Gefühl habe, dass das alles zu verfahren ist, um es mit jemandem zu teilen? Wenn ich glaube, dass es besser wäre, du würdest dein Leben weiterleben, nicht mehr auf mich warten, gehen?
Du hast mir vorgeworfen, dass ich deine Worte jedes Mal ignoriere. Dass ich nicht mal mehr bereit sei, dir das Gefühl zu geben, von Bedeutung zu sein und stattdessen meine Zuneigung zu dir unter Oberflächlichkeit und Distanz begrabe.
Du hast ja keine Ahnung. Ich schließe dich aus meinem Leben aus, sagst du. Mag sein, dass das stimmt. Ja, vermutlich ist es sogar ziemlich eindeutig. Aber warum sollte ich auch nicht? Du würdest es verstehen, würdest du mein Leben kennen.


Du hast keine Ahnung, wie es ist, sich so gelähmt zu fühlen, dass mich jede Reaktion Anstrengung kostet. Ich funktioniere nur noch, weißt du? Ich versuche irgendwie diesen Alltag zu meistern, versuche irgendwie zurecht zu kommen. Es geht nicht um dich, es geht um mich.


Es tut mir leid, aber ich kann nicht. Was ist, wenn du jemand Besseren verdient hast? Was ist, wenn ich dir nicht das bieten kann, dir nicht der Mensch sein kann, den du dir wünschen würdest? Ich bin längst nicht so gut, wie du das denkst, wie du dir das wünschst. Du hast dich täuschen lassen, tut mir leid.


Ich bin ein Wrack. Verstehst du? Die Welt um mich herum bricht zusammen. Dich in mein Leben zu lassen, würde nichts daran ändern. Vielleicht würde es dir ohne mich besser gehen.


Du bist nicht der erste Mensch, der dachte, mich zu verstehen, und mich dann doch nicht verstanden hat. Du bist nicht der erste Mensch, der mich zurücklässt. Und vielleicht ist das besser so.


Vielleicht hast du recht und da ist gerade tatsächlich kein Platz für dich. Mag sein, dass dich das verletzt. Aber es ändert doch nichts. Lebe einfach dein Leben und vergiss mich. Ich bin mir ganz sicher, dein Leben ist besser ohne mich. Es wird dir auch ohne mich gut gehen. Ich hab ohnehin nie verstanden, was du dachtest in mir zu sehen.


Und noch während ich dir das sage, sehe ich diese Sturheit, diese Entschlossenheit in deinen Augen.
"Selbstmitleid hilft nicht", sagst du. Der Trotz in deiner Stimme tropft aus deiner Stimme und ich verstehe nicht, was du meinst. Was hat das denn mit Selbstmitleid zu tun? Du sagtest mal, Selbstmitleid sei nur eine weitere elendige Form von Egoismus.
Ist es das, wie du mich siehst? Dann solltest du wirklich gehen. Ich bin nicht egoistisch. Ich bin verzweifelt.


Du wirst bei mir keine Sicherheit bekommen. Ich werde dir nicht das geben können, was du suchst, was du zu finden gehofft hast. Du irrst dich, sage ich dir. Vielleicht war das einfach nicht unsere Zeit. Vielleicht ist es Zeit für dich zu gehen.


Ich hole tief Luft, halte mich an diesem Gedanken fest. Du merkst, wie die Stimmung im Raum umschlägt und schaust mir mit deinen Augen geradewegs in meine. Du spürst, das gerade etwas Entscheidendes passiert.
Ich bemühe mich, nicht den Halt zu verlieren, bemühe mich, nicht der Versuchung zu unterliegen, Halt zu suchen bei dir. Halt, den ich doch eh nicht finden kann.
All das schiebe ich zurück. Ich schiebe es zur Seite, konzentriere mich auf das, was ich für richtig halte, konzentriere mich auf meinen Entschluss. "Du solltest endlich verschwinden. Hörst du? Verschwinde endlich!", sage ich und lege jegliche Kälte, die ich aufbringen kann, in meine Stimme.


Ich sehe, wie etwas in dir zerbricht. Deine Seifenblase ist endlich geplatzt. Du erkennst endlich, wer ich bin. Erkennst, dass ich recht hatte. Ich sehe die tiefe Verletzung in deinem Blick. Sehe, wie du in dir zusammenfällst, wie du mit dir ringst.


Du nickst. Eine wackelige Bewegung. Du bringst keinen Ton mehr heraus und ich sehe dir an, wie sehr du mit den Tränen kämpfst.
Ein letztes Mal siehst du mich noch an, ehe du endlich die entscheidenden Schritte gehst und den Raum verlässt.


Ich wusste, dass du verschwinden würdest, dass du mich verlassen würdest, sobald du endlich einsehen würdest, dass meine Worte stimmen. So ist es besser, glaub mir. Du hast jemanden verdient, der sich auf dich konzentriert. Jemand, der dir das Gefühl geben kann, wichtig zu sein. Du bist wichtig. Ich habe dir mal gesagt, dass, egal, was passiert, ich dich nie vergessen werde. Du darfst mir glauben, dass ich das so gemeint habe. Ich werde dich nicht vergessen. Du wirst einen festen Platz in meiner Erinnerung haben und irgendwann werde ich an dich  zurückdenken als der Mensch, der versucht hat, für mich da zu sein und ich werde mir vielleicht wünschen, ich hätte es zulassen können. Vielleicht werde ich mir sogar wünschen, du wärst noch hartnäckiger gewesen. Doch wenn ich ehrlich bin, habe ich mir alle Mühe gegeben, dich von mir wegzustoßen, dass ich nicht noch mehr Hartnäckigkeit von dir hätte erwarten können, hätte erwarten dürfen.
So ist es besser. Besser für dich. Und vielleicht auch für mich. Ich ertrage nicht noch mehr Chaos, noch mehr Katastrophen in meinem Leben.


Eine Weile denke ich darüber nach, versuche mir sicher zu sein, dass es besser so ist. Ich höre ein leises Klopfen und wundere mich. Vorsichtig drehe ich mich zur Tür und öffne sie ein Stück. Und da sehe ich dich, wie du auf dem Boden sitzt, direkt an der Tür, mit dem Rücken zu ihr und den Kopf leicht in meine Richtung gedreht. Ich frage mich, wie lang du da schon sitzt, ohne dass ich es geahnt habe.
Das Grün deiner Augen strahlt mich an. Voller Wärme. Voller Zuneigung.
"Ich wollte dir nur sagen, dass ich noch immer da bin. Ich bin da für dich und ich bleibe", sagst du mit einem vorsichtigen Lächeln. Du bleibst vor meiner Tür sitzen wie jemand, der bereit ist, jegliches Unheil davon abzuhalten, diese Schwelle zu übertreten.
Ich dachte, du wärst gegangen. Doch du bist es nicht. Es tut mir alles so leid. Ich wünsche mir, dass ich das hinbekomme. Nicht nur für mich. Aber versprechen kann ich dir nichts.

1.6.17 01:30

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