Da sein

Heute habe ich mir vorgenommen, aufzuschreiben, was bei mir los ist. Erstmal nur für mich, für mich ganz allein. Ich wollte das alles in Worte fassen, begreifen und vielleicht irgendwann anderen Menschen die Chance geben, zu begreifen.


Ich kam nicht über den ersten Satz hinaus. Nach einem Satz musste ich abbrechen, weil nicht mehr viel ging. Ich nahm mir vor, es vielleicht ein anderes Mal zu versuchen, aber ich denke, ich weiß, dass es dazu nicht kommen wird.


Dabei ist Schreiben eines der wenigen Dinge - vielleicht sogar das einzige Ding -, das mir keine große Mühe bereitet. Selbst bei persönlicheren Themen nicht. Für gewöhnlich fließen meine Gedanken, fließen die Worte, sobald meine Hände sich auf der Tastatur befinden (tatsächlich haben sich meine Finger so sehr an die Tastatur gewöhnt, dass es mit einem Stift nicht mehr ganz so reibungslos klappt beim Schreiben...). Ich bin gut darin, mein Herz in geschriebene Worte zu legen. Eigentlich.


Natürlich habe ich mich Menschen anvertraut. Natürlich gibt es in meinem Leben Menschen, die wissen, was mich gerade beschäftigt. Es sind nicht viele, aber ich denke, das braucht es auch nicht. So oder so habe ich den Eindruck, keinem verständlich machen zu können, was das für mich bedeutet, was das mit mir macht.


Das liegt nicht an den anderen Menschen. Es liegt in erster Linie an mir. Ich bin wesentlich besser darin, die Sorgen und Probleme eines anderen Menschen anzunehmen als meine eigenen in Form von Worten an einen anderen Menschen zu richten und sie dabei nicht schon währenddessen zu zermalmen und so zu tun als wären es keine echten Sorgen. Ich glaube, ich nehme die Sorgen anderer Menschen meist doch irgendwie ernster als meine eigenen. Vielleicht ist es leichter, so zu tun als wären die eigenen nicht so ernst, denn wenn man keine ernsten Sorgen hat, hat man auch nichts, worum man sich ernsthaft kümmern muss. Ich glaube aber nicht mal, dass es das ist. Es erfüllt mich mit tiefem Unbehagen, jemandem so wirklich zu zeigen, was los ist, weil das bedeutet, zu zeigen, wie schwach ich eigentlich bin und weil es auch immer das Risiko beinhaltet, dass ein anderer Mensch nicht versteht und mich verurteilt.


Ich war in den letzten Tagen gereizt, schwierig, ratlos und immer wieder verzweifelt. Und teilweise komplett überfordert. An manchen Tagen nimmt mich all das gerade so ein und ich erkenne mich nicht richtig wieder. Das tut mir so leid. Ich drehe mich seit ein paar Tagen wieder so sehr im Kreis, so oft um die eigene Achse, dass mir danach nur noch der Kopf schwirrt.


Leid tut es mir vor allem für meine Mutter. Und für die Menschen, die versuchen, für mich da zu sein. Wir haben alle gerade unterschiedliche Vorstellungen davon, was richtig wäre. Mir tut es aber auch für mich selbst leid, weil es irgendwie alles verändert.


Mr. Nevermind schrieb mich gestern an und fragte mich, wie es mir gehe. Ich sagte ihm nur, dass es gerade nicht so leicht sei. Ich sagte ihm nicht, was los ist und er fragte nicht. Mr. Nevermind ist nicht der Typ Mensch, der fragt.
Stattdessen schickte er mir ein Emoji (in dem Fall ein Küken mit ausgebreiteten Flügeln) mit einem Fragezeichen. Als ich mit meiner Reaktion deutlich zeigte, dass ich diese Geste nicht verstand, erklärte er mir, dass das eine Umarmung sei - und daraufhin schickte er mir noch einige Küken.
Und virtuelle Umarmung hin oder her, mich hat die Geste zum Lächeln gebracht und für einen Moment ehrlich aufgemuntert.


Vielleicht bräuchte ich das gerade sehr viel mehr als jemanden, der mir Dinge rät, der wertet, der mit dem Kopf schüttelt und mir zeigt, wie überfordert er ist damit. Einfach nur jemand, der da ist. Da sein ist aber ziemlich schwierig, das weiß ich gerade selbst nur zu gut. Man hat immer das Gefühl, mehr tun zu müssen und glaubt immer, es würde nicht genügen, einfach nur da zu sein. Irgendwann zweifelt man, dass das überhaupt einen Effekt haben könnte.
Bis man irgendwann denkt, dass man das vielleicht gar nicht so gut kann - einfach für jemanden da sein. Es geht eben nur, wenn man wirklich auch da ist und es nicht im eigenen Kopf genug gibt, das einen fort treibt.

5.6.17 23:59

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