Einfach

"Dir geht's gut, oder?", fragte mich der freundliche Eisdielen-Mann, der mich quasi schon mein ganzes Leben kennt.
Ich lächelte und nickte.
"Schön, sieht man, dass es dir gut geht."

Ich lächelte und dachte daran, wie einfach es ist, nach außen so zu wirken.


Mit anderen Menschen ist es oft einfach. Es ist nicht so, dass ich mich großartig verstellen müsste, um nicht zu zeigen, wie es mir wirklich geht. So ist es gar nicht. In Gegenwart anderer Menschen geht es mir tatsächlich recht gut, da brauche ich mich nicht verstellen.


Heute saß ich in dem Wartezimmer meines Hausarztes und geriet in ein kurzes Gespräch mit einer älteren Dame, die sich wunderte, ob man sie vergessen haben könnte, weil sie schon so lang warte. Kurz darauf, als diese endlich aufgerufen wurde, verwickelte mich ein älterer Herr, der mit seiner Frau im Wartezimmer war, in ein Gespräch und ich merkte, wie ich diese ausgeglichene, aufgeschlossene Exhausted war. Die, die für gewöhnlich freundlich, fröhlich und aufmerksam ist.
Auch kurz darauf bei meinem Hausarzt war das nicht anders. Da war ich die fröhliche, lustige Exhausted, über die sich mein Arzt immer so amüsiert.
Ihm fiel während des Gesprächs auf, dass er sein Auto aus dem Landkreis hat, in dem ich zur Zeit wohne.
"Ach, da habe ich ja meinen Mercedes hier, stimmt ja",
überlegte er, "ist ein richtig guter Wagen, der war gebraucht, aber fährt echt richtig gut."
"Hm, dann kann man da zumindest Autos gut kaufen. Dann gibt's wenigstens eine gute Sache, die ich über die Gegend sagen kann."
, murmelte ich. Er schaute mich irritiert an, entdeckte mein verkniffenes Grinsen und musste selbst lachen.
"Ach, wenn ich daran gedacht hätte, hättest du mir ja mein Auto hierher bringen können."
"Hätte ich gemacht",
bestätigte ich mit einem energischen Nicken und wir lachten beide bei dem Gedanken, wie ich mit seinem Mercedes quer durch Deutschland fahre.
Und weg war die Exhausted, die gerade gelegentlich das Gefühl hat, nicht mehr aus ihrem Tief herauszukommen.


Bei anderen Menschen ist es einfach, diesen unbeschwerten Teil in mir zu zeigen und mich nicht von irgendwelchen Gedanken gefangen nehmen zu lassen.
Gleichzeitig werden mir andere Menschen schnell zu viel im Moment. Ich ertrage all die sozialen Situationen gerade nicht so gut. Da ist zu viel, was ich für mich klären muss, über das ich mir im Klaren werden muss. Zu viele Dinge, die ich neu sortieren und neu bewerten muss. Zu viel, mit dem ich erst mal wieder zurecht kommen muss, ehe ich mit dem Rest dieser Welt zurecht kommen kann. Zu viel, das ich zwar zur Seite schieben kann, aber nicht zur Seite schieben sollte.


Und gelegentlich habe ich das Gefühl, dass man es mir ansieht, obwohl ich mir große Mühe gebe, die Exhausted zu sein, die man von mir gewohnt ist. Unbeschwert, freundlich, gelegentlich humorvoll, immer ein wenig arg vernünftig und kopfgesteuert, aber im Wesentlichen doch recht gutmütig und aufgeschlossen.
Gerade habe ich manchmal das Gefühl, diese Exhausted ist verschüttet worden. Begraben unter einem Haufen Gedanken und Gefühlen der letzten Zeit. Zumindest wenn ich allein bin.


Mir ist bewusst, worauf das alles hinauslaufen wird. Hinauslaufen muss.
Aber noch nicht. Ich bin einfach noch nicht soweit.


Und wisst ihr, was der größte Witz an dieser Aussage ist? Man drückt sich vor Dingen mit dem Gedanken, dass man einfach noch nicht soweit ist. "Ist sicher noch nicht der richtige Zeitpunkt". Ein anderes Mal eben. Und dann verschiebt man es und zögert es hinaus. Redet sich raus, rechtfertigt sich vor sich selbst. Und eigentlich weiß man ganz genau, dass "noch nicht" in den meisten Fällen "gar nicht" heißt. Für mich heißt es das.


Normalerweise. In dem Fall nicht. Vielleicht nicht. Hier und jetzt würde ich sagen, manche Dinge sind unausweichlich. Es ist eines der Dinge, die mich an Geschichten faszinieren. Manches ist so absehbar. Liest man das Ende einer Geschichte hat man meist das Gefühl - mir jedenfalls geht es so -, dass es gar kein anderes Ende hätte geben können. Zumindest nicht bei Geschichten, die in sich schlüssig und logisch sind. Sehe ich auf manche Geschichten in meinem Leben zurück, ist es auch so, dass ich heute denke, es hätte gar nicht anders ausgehen können... Sicher ist das auch so, weil es immer nur das Ende gab, das ich jeweils kennengelernt habe.


Wie auch immer. Ich verzettel mich da gerade in einem Wirrwarr aus Gedanken.


Es ist noch nicht so lange her, dass ich dachte, alles könnte anders verlaufen, könnte anders ausgehen. Und irgendwie gehört auch das zu Geschichten dazu. Die eigene ist eben doch nie wirklich absehbar. Zumindest nicht für einen persönlich. Nicht für mich.

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Das Ehepaar in dem Wartezimmer hat mir übrigens heute tief imponiert. Als die Tür des Wartezimmers geöffnet wurde, kam zuerst die Frau auf Krücken in das Zimmer. Sie hatte eine Verletzung am Fuß. Dicht hinter ihr befand sich ihr Mann, der sich kurz darauf neben mich setzte. Ich denke, er und seine Frau waren etwa 60 Jahre alt - ich bin aber für gewöhnlich echt mies im Schätzen.
Ein paar Mal beobachtete ich aus dem Augenwinkel, wie seine Frau das Bein anhob, um den verletzten Fuß nicht auf den Boden absetzen zu müssen. Er legte sein Bein unter ihres, sodass sie ihr Bein nicht die ganze Zeit in der Luft halten musste. Das funktionierte allerdings nicht so gut, sodass er selbst sein Bein in der Luft hielt - damit sie ihres wiederum bequem auf seines ablegen konnte. Ich erlebe in meiner Heimat und in meinem derzeitigen Wohnumfeld genug ältere Ehepaar, um festzustellen, dass die meisten nach außen hin eher den Eindruck machen, dass sie einander über die Jahre und Jahrzehnte lästig geworden sind und sich einfach nur an der Seite des anderen befinden, weil das die letzten zwanzig Jahre eben auch schon so war.
Bei den Beiden war das anders. Sie wirkten auf mich wie eine Einheit, wie zwei Menschen, die an der Seite des anderen glücklich und zufrieden sind. Selbst mit einem schmerzenden Fuß und der Aussicht auf weitere elendige Stunden in Arzt- und Krankenhauswartezimmern.


Im Gespräch mit ihm erzählte er mir, welchen Arztmarathon sie schon hinter sich hatten.
"Und dann ging's dort zum MRT", schloss er seine Erzählung ab.
"CT", korrigierte seine Frau ihn.
Er drehte sich zu ihr und meinte "Nein, das war das MRT."
Sie sahen einander an und ich konnte von meinem Platz aus genau beobachten, wie sie in seine Augen sah und der Blick von einem zum anderen Auge wechselte. Sie sahen sich nur einige Sekunden tief in die Augen und sagten dabei nichts weiter. Kurz darauf nickte sie und meinte "Okay, dann war's wohl doch das MRT."
"Ach, ist nicht wirklich wichtig",
sagte der Mann und beide lachten und die Geschichte ging weiter.


Und ich blieb noch ein wenig gedanklich bei diesem Moment hängen, weil ich in diesem kurzen Augenblick das Gefühl hatte, als Außenstehende einen kurzen Einblick in das Leben zweier Menschen bekommen zu haben, die miteinander verbunden sind.
Es ist wirklich schwer, in Worten wiederzugeben, wie sich dieser Moment angefühlt hat und welcher Eindruck da bei mir entstanden ist. Es war einer dieser Momente, in denen ich mir als Außenstehende denke, dass wenn ich auch mal soetwas persönlich erleben sollte, mich wirklich verdammt glücklich schätzen kann.

7.6.17 23:09

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