Abgründe

In ein paar Tagen ist es vier Jahre her, dass Mr. Nevermind und ich uns endgültig trennten. Unglaublich, dass es nun vier Jahre her ist. Für mich fühlt sich das alles noch immer so nahe an, dass mich das manchmal ein wenig irritiert. Es ist ein wenig so als wäre ein Teil von mir in dieser Beziehung stecken geblieben.
Er macht eben einfach einen Teil vieler guter Gedanken und Erinnerungen in mir aus.


Nach unserer Beziehung, als ich schon fortgezogen war, besuchte er mich zwei Mal in meiner damaligen Wohnung.
Daran musste ich heute denken, weil zwischen diesem einen und dem zweiten Besuch nur zwei Monate lagen, aber irgendwie reicht manchmal diese Zeit aus, um bei einem Menschen alles zum Kippen zu bringen. Ich meine, was sind zwei Monate? Selbst drei, vier oder fünf sind nicht die Welt. Man sollte nicht meinen, dass sie so eine Bedeutung haben können.


Können sie aber. Und so war der Mr. Nevermind, den ich damals beim zweiten Besuch empfing, nicht wirklich vergleichbar mit dem, den ich bis dahin gekannt hatte. Viel mehr mag ich nicht darauf eingehen, weil das nicht meine Geschichte ist und ich kein Recht habe, darüber zu philosophieren. Es geht hier auch nicht um Mr. Nevermind. Es geht um mich. Weil ich diesen zweiten Besuch heute so viel besser verstehe als ich es vor drei Jahren getan habe.


Es beruhigt mich so gesehen, in meinem Leben so viele Menschen zu haben (und gehabt zu haben), die mir gezeigt haben, wie menschlich das alles ist. Von den meisten Menschen, die ich kenne, weiß ich etwas, was ihnen mal lange zu schaffen gemacht hat oder es vielleicht immer noch tut.
Die Menschen, über die ich etwas Derartiges nicht sagen kann, kenne ich vermutlich einfach nicht so gut.


Wir sind Menschen. Es ist menschlich, zu straucheln, zu irren, zu stürzen und zu verzweifeln. Es gehört manchmal zum Leben dazu, für einen Moment nicht mehr weiter zu wissen und das Gefühl zu haben, an einer Klippe zu stehen. Nur um dann eben wieder umzukehren und einen anderen Weg zu versuchen.


Ich muss im Moment oft daran denken, wie ich mich damals gefühlt habe. Ich fühlte mich hilflos, ratlos. Ich hatte das Gefühl, nicht mehr wirklich an ihn heranzukommen. Eine ganze Zeit lang war ich beharrlich und versuchte, nicht locker zu lassen, meldete mich regelmäßig bei ihm, versuchte die Freundin zu sein, von der ich dachte, ich könnte sie für ihn sein.


Und irgendwann resignierte ich, weil ich auch nicht mehr das Gefühl los wurde, dass er das im Grunde gar nicht wollte und ich ihm wesentlich mehr Bedeutung schenkte als ich zeitgleich für ihn hatte. In dem Zusammenhang erinnere ich mich an die Worte eines Freundes, der zu mir neulich in einem anderen Kontext meinte, die Menschen hätten eine Weile Verständnis, bis sie irgendwann die Geduld verlieren und erwarten, dass man alles wieder auf die Reihe bekommt.
Oder bis man zumindest den Anschein macht, dass man wieder vorwärts geht und nicht stetig im Stillstand bleibt.


An seinem Geburtstag vor drei Jahren entschied sich Mr. Nevermind dann zu einer persönlichen Geste gegenüber all den Menschen in seinem Leben, die zu diesem Zeitpunkt von Bedeutung für ihn waren - dazu gehörte ich offenbar auch. Ich fand das damals schön. Einfach, weil alles, was ich mir von ihm gewünscht hatte, war, gezeigt zu bekommen, dass ich ihm nicht egal bin und ich mich nicht um einen Menschen bemühe, der mich gar nicht in seiner Nähe haben möchte. Ich habe allerdings mittlerweile verstanden, dass man manchmal nicht mehr in der Lage ist, das den Menschen, die man eigentlich mag, zu zeigen. Das ist keine böse Absicht, es ist eher die Hilflosigkeit eines Menschen, der mit allem überfordert ist.


Ich denke, an sich ist es "interessant", wie sehr sich alles verschieben kann, wenn es einem Menschen nicht gut geht. Ich weiß, interessant ist das falsche Wort. Und trotzdem fasziniert es mich gewissermaßen, wie sehr sich für einen Menschen das gesamte Gewicht dieser Welt verändern kann, wie plötzlich etwas (oder auch jemand), was einem wichtig war, an Bedeutung verlieren kann und etwas anderes alles einzunehmen scheint. Und plötzlich ist da das Gefühl, von den Menschen da draußen unsichtbar aber spürbar getrennt zu sein. Ein wenig als würde man in zwei unterschiedlichen Welten leben, obwohl man scheinbar in der gleichen lebt. Sie verstehen nicht wirklich, was los ist und verstehen nicht, warum das, was sie sagen oder tun, nicht hilft und nichts besser macht. Genauso wenig wie man selbst versteht, wie sie nur so wenig verstehen können oder wie man selbst vielleicht verstehen mag, dass auch für sie das alles nicht einfach ist.


Aus meiner eigenen Überheblichkeit heraus habe ich möglicherweise gedacht, mir würde soetwas nicht so schnell passieren. Jeder Mensch hat seine Abgründe. Das sollte man einfach nicht vergessen. Und wenn man das Gefühl hat, selbst keine zu haben, dann muss das nicht heißen, dass es keine gibt. Es kann auch einfach bedeuten, dass man gut darin geworden ist, sie zu ignorieren und so zu tun als wären sie nicht da.


Und wenn man dann doch auf einen stößt, dann sollte man sich vielleicht einfach Zeit dafür nehmen, ihn eine Weile zu erforschen, zu verstehen und eine Möglichkeit zu finden, ihn zu überqueren. Das braucht Zeit. Es ist okay, sich diese Zeit zu nehmen. Nicht nur das. Man ist es sich selbst schuldig.


Und keine Sorge. Wer meint, dass da wirklich nichts bei ihm ist - solche Abgründe können sich ganz schnell auftun. Zwei Monate, wie gesagt.

16.6.17 19:00

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