Für mich

Gerade war der Irland-Freund noch da. Er ist noch nicht lange weg und obwohl ich eigentlich wirklich nun schlafen sollte, möchte ich schreiben. Ich muss. Unbedingt. Jetzt ist genau der richtige Moment und ich bin so dankbar dafür, endlich mal wieder das Gefühl zu haben, dass etwas das Richtige ist und nicht einfach nur das Falsche. Das war in letzter Zeit nicht so oft.


Jetzt gerade, in genau diesem Moment, höre ich "Sowieso" von Mark Forster. So passend. Ich hab's heute im Radio gehört und wollte es unbedingt ein zweites Mal hören.


Irland-Freund
hatte viel zu erzählen. Vielleicht hätte er sich von mir mehr Reaktion gewünscht. Wenn Menschen mit mir über Persönliches reden, passiert so viel in mir, da passiert so viel in meinem Kopf und ich bin mit jeder Pore innerlich bei diesem Menschen. Es berührt mich, viel über das Leben, über die Gedanken und Probleme eines anderen Menschen zu erfahren. Aber ich glaube, ich bin mieserabel darin, das zu zeigen. Und während ich innerlich nur gefüllt war mit dem, was ihn gerade beschäftigt, was ihn umtreibt, nickte ich, hörte zu und äußerte mich nicht allzu sehr. Ich komme mir immer aufdringlich vor, wenn ich frage. Also tue ich das für gewöhnlich nicht so sehr. Ob ihn das wirklich gestört hat, weiß ich allerdings nicht.


Heute war ich außerdem noch kurz unterwegs und lief dabei an einer Gruppe von Männern vorbei, die teilweise rauchend und teilweise einfach nur aufeinander wartend vor einem Gebäude standen. Sie waren etwa Mitte 30. Ich lächelte freundlich und grüßte die Männer, ehe ich ins Gebäude ging und quittierte dabei ebenso freundliche Erwiderungen.
"Hallo", sagte ich auch zu den zwei Männern, die direkt am Eingang standen. Einer von Beiden schaute gerade auf sein Handy und murmelte ein "Hallo" zurück. Gerade lief ich an ihm vorbei, hatte ihm schon den Rücken zugedreht, als er plötzlich aufsah und rief "Hey, dreh dich bitte mal kurz um!". Ich drehte mich etwas irritiert um und lächelte ihn zögerlich an. Ein breites Lächeln kam zurück und ein überschwängliches "Hallo".
Lachend ging ich ins Gebäude und fühlte mich ein wenig geschmeichelt. Ich wertete das so, dass er vielleicht einfach hatte sehen wollen, ob ich möglicherweise ein ansprechendes Gesicht haben könnte und hatte dem Lächeln entnommen, dass das aus seiner Sicht vielleicht sogar so war.
Nun, er entschuldigte sich später und meinte, dass mir das hoffentlich nicht unangenehm gewesen sei und er einfach nur hatte wissen wollen, ob wir uns vielleicht kennen könnten (der Ehering an der Hand hat das auch nahegelegt). (Meine Mutter, die einen Teil der Geschichte mitbekommen hatte, wollte das allerdings nicht so recht glauben.) An sich ist das völlig egal. Es war einfach eine Situation, in der ich mich gut gefühlt habe, unbeschwert.


Nun. Ich drücke mich vor dem, was ich eigentlich schreiben wollte. Dabei ist es, denke ich, wichtig, dass ich schreibe, was ich schreiben wollte.


Heute war ein guter Tag. Und gestern auch. Zwei gute Tage von fast zwei Wochen. Morgen fahre ich wieder quer durch Deutschland, weg von meiner Heimat für die nächsten Wochen.
Ich sollte dankbar dafür sein, diese Zeit daheim zu haben. Sollte sie genießen, nutzen, froh sein.


Und schon beim letzten Mal, als ich hier war, habe ich es innerlich sehr bereut, dass ich das nicht getan habe. Und jetzt wieder das Gleiche. Zwei Wochen sind vorbei und ich fühle mich schlecht. Ich würde die Zeit gerne noch mal zurückdrehen, alles besser machen. Aber ich vermute fast, das Ergebnis wäre das Gleiche.


Ich war in diesen zwei Wochen nicht gerade ich selbst. Was genau das bedeutet, möchte ich nicht ausführen. Nicht im Moment. Ich bin viel zu oft in letzter Zeit nicht ich selbst und an manchen Tagen wusste ich ehrlich gesagt nicht mal mehr sicher, was das heißt, ich selbst zu sein. Gestern und heute war das anders. Vielleicht ist es auch ein wenig die Aussicht auf meinen Alltag. Ein Alltag an einem Ort, an dem ich nicht sein will, aber Alltag bedeutet Routine. Routine bedeutet Sicherheit. Halt.


Schlechte, selbstzerstörerische Gedanken können wie ein Zwang sein. Man weiß, dass sie schlecht sind, dass sie einem schaden, dass sie weh tun. Trotzdem gibt man sich ihnen immer mehr hin. Und je nachdem können sie bewirken, dass man sich immer mehr Stück für Stück verliert. Ich habe mich in den letzten zwei Wochen, in denen ich mich so intensiv mit all dem beschäftigt habe, manchmal so gefühlt, als würde ich mich bewusst selbst bestrafen mit so manchem schlechten Gedanken, indem ich mir diesen penetrant immer wieder und wieder und wieder vor Augen gehalten habe. Und das wiederum hat so manches Mal in mir das Gefühl ausgelöst, das so tun zu müssen. Wenn man erst mal in dieser Spirale drin ist, muss man das vielleicht auch. Gewissermaßen. Zumindest glaubt man, das zu müssen.


Als ich den letzten Eintrag schrieb, den, in dem ich die Geschichte mit Mr. Nevermind gewissermaßen als Einstieg nutzte, ging es darum.


Am Donnerstag, als eine Freundin anrief, war da mehr denn je dieses Gefühl, irgendwie plötzlich von den anderen Menschen da draußen getrennt zu sein. Seelisch, nicht körperlich. Und ich erinnere mich an das Gefühl und den Gedanken "Niemand versteht, was mit mir los ist und wie es mir geht". Ein erbärmliches Gefühl, denn ich verachte Selbstmitleidsgedanken dieser Art. Egal, ob sie von mir oder von sonst wem kommen. Es ist jämmerlich, im Selbstmitleid zu baden. Für den Moment okay, aber dann bitte damit aufhören und anpacken, was es anzupacken gilt. Ansonsten findest du da nie heraus und ertrinkst am Ende in deinem eigenen Mitleid, was einfach nur erbärmlich ist. Es ist keine gute Art zu enden.
Ich erinnere mich daran, wie die Freundin meinte "Ich komme gar nicht mehr richtig an dich heran. Egal, was ich sage". Und ich schnaufte in den Hörer - denn andersherum hatte ich in dem Moment das gleiche Gefühl. Das Gefühl, ich kann sagen, was ich will, ohne dass man versteht, was ich sage.
Aber gleichzeitig haben diese Worte auch etwas in mir gelöst. Mir wurde klar, was ich den Menschen, denen ich wirklich etwas bedeute, damit wirklich antue.


Ich könnte noch so viel darüber schreiben. Aber ich mag nicht. Ich habe das alles in letzter Zeit viel zu oft mit mir mitgemacht. Gestern ging es mir gut. Heute geht es mir gut. Aber das gab es in letzter Zeit häufiger. Und dann wurde ich bisher doch wieder unerwartet von dieser Gedankenwelle überrollt und mitgezogen, unter Wasser gedrückt. Ich kann mich nicht erinnern, soetwas schon mal derartig erlebt zu haben. Da ist, wie mir klar geworden ist, einfach zu viel, was geklärt werden muss. Zu viel, mit dem ich mich endlich auseinandersetzen muss.
"Weißt du, meistens steckt viel mehr dahinter als man selbst denkt", sagte die Freundin, "und dann ist das, worum es dir gerade geht, eigentlich nur ein Aufhänger für etwas ganz anderes."
Ich nickte, wohlwissend, dass sie das gar nicht sehen könnte. Dennoch. Ich ahne schon, wie lang der Rattenschwanz ist und wie genau er aussieht, vermute ich auch bereits. Es erscheint mir zu offensichtlich, um es nicht sehen zu können.


Und sicher. Ich kann noch ganz oft sagen, es muss sich etwas ändern. Nun. Muss es ja auch. Ich werde in der kommenden Woche ein Termin für ein Gespräch ausmachen. Ich brauche einfach jemanden, jemand Neutralen, mit dem ich mal über all diese Dinge reden kann. Es macht mich sonst noch wahnsinnig. Die letzten zwei Wochen haben mir einen Vorgeschmack darauf gegeben, wie das sein kann, wenn man dabei ist, sich zu verlieren. Dabei bin ich doch der einzige Mensch, von dem ich sicher sein kann (oder es zumindest sein sollte), dass er mir mein ganzes Leben lang erhalten bleibt.


Ich gelte wohl nicht als sonderliche Optimistin. Aber im Grunde meines Herzens bin ich jemand, der fest daran glaubt, dass alles gut wird und doch immer die Kraft findet, etwas Gutes zu sehen. Das hat sich nicht geändert. Ich weiß, dass alles wieder besser werden wird und dass da dieser Punkt sein wird, an dem ich mit all dem, was mich gerade belastet, zurecht kommen werde. Ich weiß das.


Ich weiß aber auch nach den letzten zwei Wochen, dass es nicht mehr so lange dauern darf. Irgendwann ist der Punkt, an dem man sagen muss, dass es genügt. Für sich selbst.

18.6.17 02:24

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