Was wirklich wichtig ist

Am Computer, hinter diesem Eintrag, sitzt eine komplett aufgelöste, tränenverschmierte, leichenblasse Exhausted. Nicht, dass ich nicht gelegentlich mal weinen würde, aber das, was ich gerade erlebt habe, war neu.


Nach der heutigen langen Fahrt quer durch Deutschland zu meiner Wohnung hatte ich mich später am Abend noch ins Fitnessstudio begeben. Danach wollte ich Dinge für morgen vorbereiten, noch ein wenig meine Sachen verstauen und meine Mutter anrufen.


Meine Mutter und ich telefonieren ziemlich viel und ziemlich oft am Tag. Mr. Nevermind und später auch der Nachbarjunge haben sich oft darüber lustig gemacht. Mr. Nevermind fand das nach 3 1/2 Jahren allerdings nicht nur witzig (vermutlich bis dahin sogar eher weniger witzig) sondern auch etwas irritierend. Solange ich außerhalb einer Beziehung bin, kann ich sagen, dass meine Mutter der absolut wichtigste Mensch in meinem Leben ist. Ich finde nicht alles gut an ihr, sie geht mir manchmal ganz ungeheuerlich auf den Keks (so wie kein anderer Mensch das schafft) und nach zwei Wochen Urlaub daheim sind wir beide froh, wenn wir dann nicht mehr die ganze Zeit gemeinsam im gleichen Haus sind, aber: Sie ist immer für mich da, wir sind uns ähnlich und wir haben eine enge Bindung zueinander.


Viele der Anrufe sind in den Alltag eingebaut. Morgens telefonieren wir beispielsweise kurz, bevor ich zur Arbeit fahre.Manchmal telefonieren wir lange und viel, manchmal kurz und wenig. Für gewöhnlich telefonieren wir auch abends kurz, bevor eine von uns schlafen geht.


Mir ist klar, wie verrückt das auf viele Menschen wirken muss. Mutterkind. Ja, mag sein. Ich rechtfertige mich an der Stelle gerne damit, dass die Bindung eines Kindes zu seiner alleinerziehenden Mutter einfach eine andere ist, auch im Erwachsenenalter. Ich hatte immer mit Verlustängsten zu kämpfen und tue es gewissermaßen noch immer, da mir heutzutage einfach besonders bewusst ist, wie vergänglich alles ist. Manchmal überkommt mich durch manche meiner Gedanken der Verdacht, dass ich - und das muss dann auch als Kind schon so gewesen sein - immer eine gewisse Verantwortung gegenüber meiner Mutter und ihrem Glück empfunden habe.


Nun. Ich kam also in meiner Wohnung an, räumte ein paar Sachen weiter aus, griff zum Hörer. Und erreichte sie nicht. Ich zuckte die Schultern, setzte mich an den Computer, ging ein wenig ins Internet, versuchte es ein paar Minuten später erneut. Und erneut. Ich wurde allmählich stutzig, dachte mir aber noch nicht viel dabei. Manchmal schläft sie dann eben doch schon früher. Normalerweise bekomme ich dann aber eine Nachricht. Oder sie ist spontan eingeschlafen. Normalerweise geht dann aber meine komplett müde, brummige Mutter ans Telefon, weil es dennoch in Reichweite liegt. Sie hat einen recht leichten Schlaf.


"Was ist",
meldete sich dann eine ziemlich hässliche Angst in meinem Kopf, "wenn es einen anderen Grund hat, warum du sie nicht erreichst?"


Allein bei diesen Worten schießen mir wieder die Tränen in die Augen.
Innerhalb einer Dreiviertelstunde habe ich sie wohl etwa zwanzig Mal angerufen (allein auf dem Handy waren es neun Mal). Bis zu dem Zeitpunkt war ich noch relativ ruhig, auch wenn ich mit jedem Anruf ein wenig nervöser wurde, etwas zittriger.


Ich sah vor Augen alle möglichen Szenarien. Gestürzt. Bewusstlos. Schlimmeres. Und mit jeder weiteren Szene in meinem Kopf nahm ich erneut den Hörer in die Hand. Sie ist doch alleine in diesem Haus. "Der Hund würde Alarm schlagen", kam mir in den Sinn. Mit Sicherheit kann ich das aber nicht sagen und so zerschlug ich den Gedanken wieder, ehe er mich richtig beruhigen konnte.


Genau das ist nämlich - tut mir leid - die Scheiße mit dieser Entfernung. Mein Kopf ratterte, ich überlegte, was ich tun könnte. Zuerst schrieb ich einer Freundin meiner Mutter per Whatsapp. Keine Reaktion (vermutlich schlief sie schon oder hatte das Handy nicht in Reichweite).
Danach schrieb ich meinen Cousin an, um zu erfragen, ob meine Tante vielleicht noch wach sei. Auch der meldete sich nicht und ich wurde immer panischer. Die Hilflosigkeit und die Panik wurden immer mehr.


Dann setzte ich mich wieder an den PC, suchte im Online-Telefonbuch die Telefonnummer unseres Nachbarn. Netter Mann Ende 60, der sich immer freut, wenn er etwas von mir hört. Normalerweise reden wir aber persönlich miteinander, nicht am Telefon.
"Ja?", schnauzte er in den Hörer - klar, ich rief zu einer eher unchristlichen Uhrzeit an.
"Hallo ...", sagte ich mit zittriger Stimme und versuchte, mir nicht zu sehr meine Panik anmerken zu lassen, "...hier ist ... ."
Sofort grüßte er mich überschwänglich und ich bemerkte erleichtert die Veränderung in der Stimme - es war okay, dass ich anrief. Und selbst wenn nicht, ich sah keine andere Möglichkeit. Hätte ich ihn nicht erreicht, hätte ich bei seinem Sohn (ebenfalls über Telefonnummer aus dem Telefonbuch) angerufen (oh, der wäre begeistert gewesen... mit Sicherheit... ich denke, er ist nicht unbedingt gut auf mich zu sprechen, aber egal).


Ich erklärte ihm die Situation und versagte jämmerlich bei dem Versuch, mir nicht zu viel anmerken zu lassen.
"Oh, es ist bestimmt alles gut", sagte er, "sie meinte vorhin noch, sie sei so müde und sie sei so geschlaucht von der Hitze"
Ich versuchte ein Geräusch zu machen, das sagen sollte, dass er bestimmt recht habe und versagte dabei ebenso kläglich.
Er versprach mir, mal nach ihr zu sehen und legte auf.


Und dann ging's erst so richtig los bei mir. In den fünf Minuten, in denen ich nichts hörte, hatte ich eine astreine Panikattacke. Ich hyperventilierte auf eine Art und Weise, wie mir das noch nie passiert ist, sodass ich am Ende schwummrig durch meine Wohnung torkelte und versuchte, mich zusammenzureißen, um nicht noch wegen Sauerstoffmangel umzukippen. Es gibt da diese Atemtechnik beim Hyperventilieren, die man anwenden kann (nutze ich öfter mal, wenn Kinder auf der Arbeit hyperventilieren...), doch als ich mich gerade halbwegs beruhigt hatte, sah ich zufällig in den Spiegel und stellte fest, dass ich plötzlich schneeweiß war, weil mir sämtliche Farbe (ist eh nicht so viel) aus dem Körper gewichen war. Daraufhin wurde mir wieder bewusst, wie ernst sich das alles für mich anfühlte. Also wieder von vorne. Ich schluchzte, heulte und schmiedete schon Pläne, ganz viele B-Pläne für den Fall, dass mein Nachbar unrecht haben könnte und es doch etwas Schlimmes wäre. Ich sah mich schon innerlich ins Auto steigen und machte mir Gedanken, wo ich um die Uhrzeit hier in der Gegend noch tanken könnte. Gedanklich befasste ich mich damit, dass ich das irgendwie auf der Arbeit würde erklären müssen. Ich sagte es bereits ein paar Mal hier... ich bereite mich innerlich immer auf einige Eventualitäten vor.


Nach etwa fünf ewiglangen, unendlichen Minuten klingelte das Telefon. Ich stellte erleichtert fest, dass es meine Heimat-Festnetznummer war.
"Kind, was ist denn los?", fragte meine Mutter mit zerknitterter und müder Stimme in den Hörer.
Und dann schluchzte ich erst richtig los, konnte nicht mal mehr richtig sprechen und allein bei der Erinnerung daran, wie das gerade alles gelaufen ist, kommen mir wieder die Tränen. Meine Mutter war dadurch natürlich auch recht betroffen. Sie war ungewollt eingeschlafen und hatte das Telefon einfach nicht gehört, weil sie es ausnahmsweise nicht in der Nähe hatte.


So ist das mit der Angst. Sie überwältigt. Ich weiß, wie seltsam das alles klingen muss, aber das ist mir noch nie passiert. Dass ich mich mal wundere, weil meine Mutter gerade nicht direkt erreichbar ist, ja... Aber dass sich das so hochschaukelt, dass ich am Ende das Gefühl habe, gleich selbst zusammenzuklappen, passiert mir normalerweise nicht. Normalerweise ist es aber auch nicht so schwierig, sie zu erreichen...


Jetzt muss ich immer noch die Dinge vorbereiten für morgen. Aber es ging gerade einfach nicht. Ich musste das hier zuerst festhalten. Mir geht gerade noch so viel durch den Kopf. In mir sitzt so tief die Angst, was ist, wenn irgendwann wirklich etwas sein sollte. Die Situation hat mir gerade noch bewusster gemacht als es ohnehin schon war, wie schnell etwas sein kann und wie hilflos ich dann bin. Am anderen Ende Deutschlands.


Und so wurde aus einem Geht-so-Tag ein richtig fieser Abend. Ich bin gerade wirklich fertig mit den Nerven.

18.6.17 23:39

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