zukommen lassen

Ich hatte mir ziemlich Zeit gelassen. Erst war ich im Baumarkt, weil ich mir in den Kopf gesetzt habe, dass es nicht nur für mein Leben gilt, dass es nicht so bleiben kann wie es ist - sondern eben auch für meine Wohnung.
Anschließend war ich in meinem Lieblingssupermarkt, um dort ein paar Teile zu besorgen, weil Snickers-Kollege mir heute spontan verkündet hatte, dass er morgen gern in meinem Gästezimmer übernachten würde, weil er abends bei einer beruflichen Veranstaltung in der Nähe ist und die Rückfahrt für ihn in der Nacht einfach zu weit wäre. Er hat mich damit ganz schön aus dem Konzept gebracht, denn meine Wohnung ist im Moment genauso sehr ein Chaos wie mein Leben. Also versuche ich bis morgen das größte Chaos zu beseitigen.
Zwar geh ich davon aus, dass er vermutlich erst spät hier sein wird und dann quasi müde ins Bett fallen wird, ehe wir Freitagmorgen aufstehen und zur Arbeit müssen, aber ich wäre wohl nicht das Kind meiner Mutter, hätte ich nicht dennoch vorsorglich Süßigkeiten, Knabberkram und Frühstückssachen eingekauft.
"Du brauchst mir auch kein Frühstück machen",
sagte Snickers-Kollege heute grinsend, als er mich fragte, ob er bei mir übernachten könne. Wir hatten eigentlich ausgemacht, dass er übernächste Woche hier übernachten würde und ich hatte ihm aus einem Witz heraus versichert, dass ich ihm am Morgen Rührei mit Speck machen würde.
"Nee du, das kriegst du am Freitag bestimmt auch nicht, da hab ich am Morgen vor der Arbeit wirklich keinen Nerv für", meinte ich lachend und er grinste erneut. Trotzdem. Honig, Gelee und Marmelade habe ich da (alles selbstgemacht, wenn auch nicht von mir). Brot nun ebenfalls. Obst sowieso. Und, ja, die Zutaten für Rührei auch, wenn auch kein Speck - der würde bei mir als Vegetarierin umkommen, falls wir doch nicht zum Frühstücken kommen sollten. Süßigkeiten kaufe ich zwar normalerweise auch nicht in der Menge ein, weil ich sie viel zu schnell vernichte, aber ich habe auf der Arbeit am Freitag ansonsten genug Abnehmer - ist also bereits alles durchdacht.
Vielleicht alles ein wenig zu durchdacht. Am Ende wird er vermutlich ewig spät bei mir auftauchen, direkt schlafen und am nächsten Tag huschen wir nacheinander schnell ins Bad und dann geht's direkt zur Arbeit. Ja, aber irgendwie finde ich den Gedanken nett, ihn als Gast zu haben.


Als ich endlich aus meinem Lieblingssupermarkt kam mit einem Einkaufswagen voll mit Erdbeeren und anderem Obst, Brot, Süßigkeiten, Eier, Milch, Orangensaft für ein eventuelles Frühstück und ein paar Lebensmittel, die ich für mich noch brauchte, war da ein breites Grinsen auf meinem Gesicht. Ich fühlte mich gut und ging mit dem Gefühl zu meinem Wagen. Ich ging auf dem Weg an zwei Wagen vorbei, in denen, wie ich flüchtig registrierte, jeweils Personen saßen und lächelte einfach in die Welt hinein. Als ich den Kofferraum öffnen wollte, entdeckte ich an der Klappe ein kleines Insekt, das so bunt und interessant aussah, dass ich es fasziniert beobachtete, ehe ich die Klappe dann tatsächlich öffnete. Im Nachhinein will ich gar nicht daran denken, wie das gewirkt haben muss.


Als ich die ersten Teile in meiner Tasche verstaut hatte, hörte ich, wie der Motor des Autos hinter mir ausgeschaltet wurde. Ich dachte mir nichts dabei und hatte bis zu dem Moment gar nicht registriert, dass der Motor bis dahin die ganze Zeit über lief. Jemand stieg aus. Ich stand mit dem Rücken zu ihm.
"Hallo", hörte ich. Ich sah kurz auf, erwiderte ein "Hallo" und sah in das Gesicht eines Mannes, der offenbar selbst gerade nicht recht wusste, ob er sich gerade auf mich zu- oder von mir weg bewegte. Anders kann ich mir zumindest nicht erklären, dass er irgendwie beides gleichzeitig tat. Als er sich dann entschied, doch auf mich zuzugehen und es nicht nur bei einem "Hallo" zu belassen, meinte er nur "Hey, ich bin der...". Ich lächelte und brachte ein selbstwusstes "Hi, ich bin ..." heraus und streckte ihm selbstsicher die Hand entgegen. Ein wenig erstaunt fragte ich mich, wo ich manchmal diese Energie und dieses Selbstbewusstsein plötzlich hernehme. Er schien selbst erstaunt zu sein und erwiderte den Händedruck. Nicht besonders fest, aber auch nicht lasch. Ein angenehmer durchschnittlicher Händedruck würde ich sagen.
"So ist das also, wenn man angesprochen wird", dachte ich im Stillen und lachte mich selbst gedanklich aus für diese Feststellung.


Ich hatte ihn sofort erkannt.
Wir hatten uns bereits am Samstag vor drei Wochen im gleichen Supermarkt getroffen. Ich bekomme sogar ungefähr noch die Uhrzeit rekonstruiert, was er sicherlich nicht ahnen wird. An dem Tag hatte ich mein aktuelles Lieblingskleid an. Kurz und körperbetont. Auf der Arbeit trage ich es nicht, aber an Wochenendtagen, an denen mir danach ist, mich wohl zu fühlen, schon. Ich kam aus dem Supermarkt heraus, strahlend. Er ging an mir vorbei und wir grinsten uns an, auch wenn ich allgemein in dem Moment einfach grinste. Als ich mit dem Auto an ihm vorbeifuhr, spürte ich noch seinen Blick auf mir und fühlte mich einfach wohl in meiner Haut.


Und nun stand plötzlich genau dieser Mann vor mir. Ich registrierte erst später, dass er offenbar meinen Wagen erkannt und sich extra mit dem Auto gegenüber davon gestellt und auf mich gewartet hatte. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass er mich auf mein Kennzeichen ansprach und auf dem Parkplatz stand, obwohl es zwei Minuten vor Ladenschluss war (nach dem Gespräch ging er noch schnell hinein, er dürfte sich nicht äußerst beliebt damit gemacht haben - das tat mir direkt ein wenig leid, weil ich mir im Supermarkt nichtsahnend so viel Zeit gelassen hatte).


Wir unterhielten uns ein wenig miteinander. Über seinen Beruf. Über meinen Beruf. Darüber, dass wir uns schon mal gesehen haben. Später verfluchte ich mich dafür, dass ich in der Lage bin, Gespräche zu führen, ohne aufmerksam zuzuhören und zu sprechen. Ich war einfach zu reizüberflutet - zu beschäftigt damit, den Menschen vor mir anzusehen, gedanklich zu analysieren und Kleinigkeiten wahrzunehmen. Wenn ich Menschen kennenlerne, kann ich mich manchmal blendend mit ihnen unterhalten - und am Ende kann ich kaum ein Wort von der Unterhaltung wiedergeben, weil ich gesprochen habe, ohne mitzudenken. So weiß ich, er hat mir seinen Beruf genauer beschrieben und ich hab trotzdem keinen Schimmer, was er arbeitet. Ziemlich traurig, aber das lag nicht an ihm.


Am Ende des Gesprächs fragte er mich, ob wir uns vielleicht mal schreiben wollen. Ich lächelte und sagte zu, sagte ihm aber auch, dass ich gerade mein Handy nicht greifbar habe (Die Wahrheit war, dass es irgendwo in den absurden Tiefen meiner vergleichsweise eher kleinen Handtasche war und ich hatte einfach keine Lust, das Chaos in meiner Handtasche vor einem Fremden offenzulegen) und diktierte ihm deshalb meine Nummer. Er sagte, er würde sich melden und wir verabschiedeten uns.


Und noch während ich ihm meine Nummer gab, fragte ich mich, was ich da tat. Er hatte mir damit imponiert, mich einfach so angesprochen zu haben. Freundlich, nicht aufdringlich. Und im Nachhinein finde ich es auch süß, dass er offensichtlich gewartet hatte, denn das - und auch das, was ich aus dem Gespräch noch weiß - wies darauf hin, dass er mich schon vor drei Wochen ansprechend genug gefunden hatte, dass er sich vorgenommen hatte, mich beim nächsten Mal möglichst anzusprechen.


Aber dann waren da all die anderen Dinge, die ich registriert hatte. Die offensichtliche Unsicherheit, die aber niemandem in der Situation zu verübeln ist. Das ganze Auftreten, die Ausstrahlung... Ich war mir sicher, einen gutmütigen, sympathischen Menschen vor mir zu haben, der am Ende hofft, dass sich da was entwickeln könnte, während ich nicht den Schneid habe, zuzugeben, dass sich da gerade nichts entwickelt. Und wieder war da die Beklemmung, weil ich Sorge hatte, irgendwelchen Erwartungen am Ende nicht gerecht werden zu können - dieses Mal Erwartungen daran, was ich über jemanden denke.


Deshalb dachte ich erst daran, ihm das direkt zu sagen. Dann dachte ich, dass das weder fair noch richtig wäre. "Würdest du jemanden ansprechen, würdest du dir auch wünschen, dass er dir erstmal eine Chance gibt, dass du dich zeigen kannst", dachte ich mir im Stillen. Also gab ich mir Mühe, der ganzen Sache eine eher ungezwungene Note zu geben und brachte zeitgleich zum Ausdruck, dass ich angetan darüber war, dass er mich einfach angesprochen hatte, weil ich mir dachte, dass er zumindest wissen sollte, dass das so oder so eine gute Idee war. Ich war mir sicher, jemanden mit Charakter vor mir zu haben.


Er ging. Ich blieb am Auto, ein wenig innerlich kopfschüttelnd, ein wenig beflügelt. In den letzten Wochen habe ich ständig betont, dass ich nie angesprochen werde. Und dass das auch besser so wäre, weil ich komplett verkrampfe, wenn mich jemand ansieht. Heute hat beides nicht zugetroffen. Vielleicht auch, weil ich insgeheim fand, dass ich niemanden vor mir habe, vor dem ich mich verstecken müsste. Ich fragte mich, ob er mich aus ähnlichen Gedanken heraus angesprochen hatte, fand diesen Gedanken aber nicht allzu nett und verwarf ihn dann wieder.


Und noch während ich mir schon wieder zu viele Gedanken machte, unterbrach mich meine Mutter in all den Überlegungen und sagte mir, ich solle es doch einfach mal alles auf mich zukommen lassen.
"Warte doch erst mal, ob er sich meldet."
, meinte sie.
"Mama, ich bitte dich. Als wenn der irgendwen auf der Straße anspricht, nach der Nummer fragt und sich dann nicht meldet", erwiderte ich.
"Stimmt, aber dann kannst du ja immer noch sehen. Und wenn du merkst, dass du das nicht willst, kannst du ihm das immer noch sagen."

Stimmt. Ich glaube, ich neige viel zu oft dazu, mich selbst zu sabotieren. Ich werde ausnahmslos einfach alles auf mich zukommen lassen. Alles.



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Heute war insgesamt ein guter Tag. Ich hatte mich heute für eine kurze Hose und ein Top entschieden - ein ziemlich seltener Anblick in meinem Fall. Ein Kollege begrüßte mich heute auf dem Gang vom Weiten mit den Worten "Sag mal, kann das sein, dass du auch immer dünner wirst?", was mich direkt freute - ich hab mittlerweile rund neun Kilo abgenommen, werde aber quasi nie darauf angesprochen.
"Ja, ich hab ein wenig abgenommen", sagte ich lächelnd. Vorher war ich nahe an der Grenze zum Übergewicht - jetzt hab ich wohl eine akzeptable Normalfigur.
"Aber hallo", meinte der Kollege anerkennend und ich lächelte noch etwas mehr in mich hinein.


Später rief mich mein Chef zu sich. Ich hatte ein flaues Gefühl, weil ich ihm ein paar Dinge hatte vorlegen müssen. Und während er mit mir die Sachen durchging und einen angestrichenen Fehler nach dem nächsten analysierte und ausführte, versank ich immer mehr vor Scham in meinem Stuhl. Innerlich rügte ich mich für meine offensichtlich schlechte Leistung und machte mich ganz schön dafür runter, dass ich in letzter Zeit so viele Dinge nicht so gut mache, wie ich sollte.
Als ich das immer weniger ertragen konnte, meinte ich nur leise: "Okay, ich werde das ändern. Ich hab das aber auch einfach noch nicht so oft gemacht."
Mein Chef sah mich erstaunt an und meinte: "Ja, weiß ich, aber das hier ist ziemlich gut. Auch sprachlich recht einwandfrei, sonst hätte ich das unmöglich so schnell durcharbeiten können. Ich muss nur die paar Fehler ansprechen, damit die ausgebessert werden."
Ich atmete auf und lächelte ihn breit an. Und dann passierte das, was im Moment ständig in mir passiert, wenn mir jemand für einen Augenblick Sorgen nimmt oder etwas Freundliches sagt: Ich entkräftete es und dachte mir, dass er das vermutlich zu allen anderen auch gesagt hat.
"Und das sage ich lange nicht zu jedem", kam prompt im gleichen Moment. Als könnte mein Chef Gedanken lesen. Er sah mir geradewegs in die Augen und ich meinte zu erkennen, wie aufrichtig seine Worte waren. Ich bedankte mich herzlich.


Und dann ging ich zu den anderen Kollegen. Es gab etwas zu essen. Zwei Kolleginnen, darunter eine ältere Kollegin, quasi meine Dampfwalzenkollegin, mit der ich schon mal aneinander geraten bin, weil sie sich teilweise ziemlich unsensibel verhält, und ich nahmen uns davon. Ich nahm noch einen kleinen Nachschlag, als meine Dampfwalzenkollegin sich gerade, nachdem sie selbst schon etwas gegessen hatte, vom Karottensalat nahm - im gleichen Moment, in dem ich überlegt hatte, ob ich mir auch etwas davon nehmen sollte.
Was Höflichkeit und Benehmen angeht, hat meine Mutter mich, denke ich, recht gut erzogen. Sie hat immer sehr viel Wert auf diese Dinge gelegt (und tut es heute natürlich auch noch). Ich bin allerdings auch von Natur aus etwas penibel und manchmal pedantisch.
Und deshalb sah ich die Kollegin, als sie sich gerade etwas vom Karottensalat nahm, völlig entgeistert an und sagte sehr direkt (was eher untypisch für mich ist): "Sag mal, nimmst du dir gerade etwas mit deiner benutzten Gabel davon?"
Die Kollegin sah mich erstaunt an. "Ja!? Stört dich das?"
"Ja!",
sagte ich entrüstet, "Das macht man nicht! Meine Mutter hat mir beigebracht, dass sich das nicht gehört." Streng genommen hat sie mir allerdings auch beigebracht, dass man auf seinen Ton achten sollte, vor allem bei Menschen, die mehr als doppelt so alt sind als man selbst (naja, als Kind war es wohl eher noch das sechs- bis zehnfache Alter).
"Guck, ich nehme das, was ich mit meiner Gabel berühre",
sagte sie noch und pickte demonstrativ weiter die Karotten aus dem Salat. Mit der benutzten Gabel.
Ich versuchte die Situation zu entschärfen, weil sie schon mal sehr empfindlich darauf reagiert hat, als ich ihr ehrlich gesagt habe, was ich denke. Erklärte ihr, dass ich penibel und einfach sehr höflich erzogen wurde. Konnte es aber auch nicht lassen zu sagen: "Aber ganz ehrlich - das ist für mich Grund genug, mir jetzt nichts mehr davon nehmen zu wollen."
Als sie mich dann ein paar Minuten später fragte, ob das mein ernst sei, dass ich deshalb nichts davon esse, bestätigte ich ihr das, versuchte es aber erneut zu entkräftigen, indem ich betonte, dass das nicht schlimm sei, nur dass ich das einfach generell ekelig fände - auch bei anderen Personen.
Zu der zweiten Kollegin, die ebenfalls wesentlich älter ist als ich, sagte ich später, dass ich vielleicht etwas zu direkt war.
"Fand ich gar nicht. Ich hätte ihr das in der Situation selbst wohl nicht gesagt, aber ich fand's richtig, dass du es getan hast. Wir machen das zuhause auch so wie sie, aber wenn man woanders ist, macht man das nicht."
Das ist vermutlich eine tyische Mücke-Elefant-Situation. Es war deshalb auch später nicht mehr der Rede wert und hat mich auch nicht aufgeregt. Es hat mich nur ein wenig erstaunt, wie direkt ich in manchen Momenten dann doch sein kann.


Hihi. Ich habe gerade eine Nachricht bekommen. Ha! Und meine Mutter hat noch so getan als könnte es sein, dass er sich gar nicht meldet.

19.7.17 22:40

Letzte Einträge: Vergangene Zeit , Sich fallen lassen , Der richtige Mensch, Echte Ratschläge, gefühlt

bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


PP (20.7.17 19:32)
Ich weiß, du hasst meine Einträge. Aber kannst du mal ein Bild von dir schicken? An

mondlotze@web.de

Ich bin zufällig solo ..


Exhausted (20.7.17 23:05)
Wer sagt, dass ich deine Einträge hasse?
Und wenn ich deine Einträge hasse, warum sollte ich dir dann ein Bild von mir schicken?
Ich bin ein wenig erstaunt, dass dir das Äußere offenbar so wichtig ist. Ich treffe den Geschmack der meisten Männer nicht so. Und Fotos sind da nicht allzu zuverlässig, um das zu beurteilen

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