Wahrheiten

Ich bin gerade ziemlich durcheinander. Zu viele Gefühle, die ich selbst nicht mehr recht verstehen kann. Ich versuche einfach, das Beste daraus zu machen und all meine Gedanken und Gefühle zu einem halbwegs strukturierten Eintrag zusammenzukleben. Es wird höchst wahrscheinlich ein ziemlich großes, zusammengeklebtes Gebilde.


Ich steh auf einer Wiese. Viele Menschen um mich herum. Kinder, Erwachsene. Die Stimmung um mich herum ist gut, auch wenn ich das Gefühl habe, dass die Erwachsenen um mich herum die Angespanntheit wiederspiegeln, die ich selbst gerade empfinde. Aber egal, in welches Gesicht ich schaue, verwandelt sich der Ausdruck darauf direkt in ein freundliches, aufrichtiges Lächeln. Und alles, was ich denke, ist, dass es unmöglich wirklich so aufrichtig sein kann.
Mir ist warm, aber ich sehe all die Menschen um mich herum, die recht dick teilweise gekleidet sind und unwillkürlich denke ich mir, ich hätte mich vielleicht wärmer anziehen sollen. Nicht unbedingt ein Kleidchen mit einem leichten Jäckchen darüber. Außerdem habe ich eindeutig für eine Wiese das falsche Schuhwerk an. Darüber hätte ich vorher nachdenken sollen. Und noch während unser "Buffet" eröffnet wird, denke ich mir, dass das, was ich dafür zum Essen mitgebracht habe, vielleicht am Ende niemandem schmeckt. Panik überkommt mich. Bei jedem einzelnen dieser Gedanken. Und ehe ich mich versehe, beschleicht mich das Gefühl, im Grunde alles falsch zu machen.
Ich komme mit verschiedenen Menschen ins Gespräch, lache, rede, beantworte Fragen, gebe Rat. Und bei jedem Wort, das ich sage, bei jedem Lacher, den ich mache, denke ich mir, dass es vielleicht falsch ist. Ich hätte was anderes sagen sollen. Ich hätte an einer anderen Stelle lachen sollen.


Ich weiß, dass ich nach außen meist nicht so wirke. Zumindest ist da niemand, der sagt "Mensch, sei doch mal selbstbewusster" oder "Hey, warum bist du bloß immer so kritisch mit dir?". Das sagen nur die, die durch mich von meinen Gedanken wissen. Der Rest ist offensichtlich ahnungslos und ich schätze, nach außen bekomme ich das halbwegs transportiert, so zu wirken als hätte ich alles im Griff.


Die Wahrheit aber ist, ich hab mich selbst nicht mehr so im Griff. Mein Alltag ist voll mit Situationen, in denen ich mich völlig fertig mache und das erst merke, wenn ich schon völlig fertig von mir selbst bin. Kleine Sticheleien. Stiche, deren Pieks ich teilweise noch nach Stunden merke. Manchmal fühle ich mich wie mein eigener Mobber. Ich kann es mir selbst einfach nicht mehr recht machen und hinter allem, was ich mache, wittere ich einen weiteren Fehler. Alles, was ich mache, hinterfrage ich, lege es auf die Goldwaage, untersuche es nach Schwachstellen. Und selbst dann, wenn ich denke, alles ist in Ordnung, ich hab alles gut gemacht, komme ich kurz darauf wieder in einer Situation aus, in der ich feststelle, ich hätte es doch alles anders machen müssen. Und dann geht dieser Selbstzweifel-Kreislauf wieder von vorne los.


Versteht mich nicht falsch. Das hier ist an sich ein positiver Eintrag. Ich habe gerade die Kraft und den ehrlichen Blick, um diese Gedanken hier zu fassen und mir ins Bewusstsein zu rufen. Ich sehe gerade all die Momente, in denen ich mich selbst runter mache. Momente, die mir im Alltag oft gar nicht so bewusst sind. War es richtig, den Kollegen diese Geschichte zu erzählen? Habe ich nicht meine Arbeit, die ich beim Chef abgeben musste, völlig versaut? Waren meine Worte gegenüber dem Snickers-Kollegen okay oder könnte er mich durchschaut haben? Und als ich heute dieser Frau diese persönliche Geschichte erzählt habe - bin ich da nicht vielleicht doch zu weit gegangen? Ist es wirklich in Ordnung, wie ich aussehe oder denken die Menschen nicht vielleicht doch insgeheim so darüber, wie ich es tue?
Ich könnte das ewig in die Länge ziehen.


Dann denke ich: Der Chef hat gesagt, es war gut. Snickers-Kollege hat getan als wäre nichts gewesen (abgesehen davon habe ich nur reagiert). Die Frau hat gemeint, es hätte geholfen. Es gibt Menschen, die mich sogar auf dem Supermarktplatz ansprechen - offenbar gibt es zumindest einen Menschen da draußen, der mich äußerlich ansprechend findet.


Und nicht zu vergessen all die Menschen heute, die mich für meine Arbeit gelobt haben. Hoch gelobt haben. "Na siehst du! Und du denkst immer, du würdest nicht genug machen!", wird meine Mutter nachher sagen, wenn ich ihr davon erzähle. Weil sie das immer sagt, wenn ich ihr soetwas erzähle. Und weil es auch immer eine gewisse Gültigkeit hat, schließlich sage ich tatsächlich ziemlich oft, ich leiste nicht genug.
Und ja, das denke ich ja auch ständig. Vielleicht sind die Kollegen, mit denen ich zusammenarbeite ja insgeheim schon genervt und verärgert, weil ich nicht genug leiste. Vielleicht übernimmt K-Kollegin bei unserem Projekt nur so viel, weil sie denkt, dass es nichts wird, wenn sie es nicht übernimmt. Und vielleicht hatten die Leute heute nur deshalb so viele positive Worte für mich übrig, weil sie einfach so viele Dinge nicht mitbekommen. Vielleicht gehöre ich ja einfach zu denen, bei denen nach außen so vieles so gut und gelungen wirkt, während es doch mehr Schein als Sein ist.


Ja. Das denke ich mir oft. Dass die Leute mich einfach falsch einschätzen. Zu gut. Zu positiv. Dass sie nicht kritisch genug sind. Oder nicht genau genug hinschauen. Mit dem Gedanken, dass ich vielleicht zu kritisch bin, zu genau hinsehe, werde ich zwar manchmal durch die Menschen, die mir viel bedeuten, konfrontiert, aber auch den fege ich einfach weg. Kann gar nicht sein, ich bin einfach nur ehrlich mit mir.


Jedes Lob, jede Ermutigung, jede Bestätigung von außen fege ich weg. Manchmal fühle ich mich, wenn ich am Ende eines solchen Tages darüber nachdenke, wie ein gigantisch hoher Schutzwall. Immun gegen alles Positive, was mich erreichen könnte.


Ich weiß gar nicht mehr richtig, wann das angefangen hat. Wann bin ich so selbstvernichtend geworden? Wann habe ich angefangen zu glauben, dass ich alles falsch mache? Dass ich selbstkritisch mit mir bin, ist nicht neu und ich denke, es ist auch nicht unbedingt eine Schwäche, aber selbstvernichtend? Das ist in letzter Zeit vielleicht bei all den Schwächen, die ich an mir sehe, meine größte - und diese sehe ich meist nicht mal so.

Heute schon. Weil ich heute in all diesen Momenten so viel Ermutigung von außen bekommen habe, so viel positive Bestätigung, dass ich irgendwann einsehen musste, zumindest gerade in diesem Moment nicht viel falsch gemacht zu haben.


Okay. Wo ist der Weg, der aus all dem herausführt? Wie bekomme ich das wieder hin?



Ich bin nun seit zwei Jahren hier. Zwei Jahre. Als ich vor zwei Jahren die Wohnung, in der ich gerade sitze und diesen Eintrag schreibe, zum ersten Mal betreten habe, sagte ich meiner damals noch zukünftigen Vermieterin voller Überzeugung, dass ich nicht länger als zwei Jahre bleiben werde. Ich habe das damals mit einer Entschlossenheit gesagt, mit der ich mich in dem Moment selbst davon überzeugen konnte, dass ich mich mit jedem Amt, das mich nach zwei Jahren nicht wieder gehen lassen wollen würde, anlegen würde. Und in dem Moment habe ich das trotz der wirklich niedrigen Wahrscheinlichkeit geglaubt. Weil ich es glauben wollte. Vielleicht auch, weil ich es glauben musste, um mich an etwas festhalten zu können.
Und wenn ich diese zwei Jahre Revue passieren lasse, muss ich ehrlich sagen, dass ich in meiner persönlichen Entwicklung, in meiner Selbstfindung (die ja im Grunde das ganze Leben lang dauert, aber eben wesentlich präsenter ist, wenn man noch jung ist) selten zwei so schlimme Jahre durchgemacht habe. Nicht mal in der Pubertät.
Als ich hier vor zwei Jahren ankam, hatte ich damit zu kämpfen, hier sein zu müssen. Ich hatte plötzlich mit Ängsten zu kämpfen. Ziemlich tiefe Ängste. Von heute auf morgen begleiteten mich konsequent Ängste vor dem Tod. Ängste vor Weltkriegen. Ängste davor, Menschen, die ich liebe, zu verlieren. An manchen Tagen steigerte ich mich da komplett in meine Ängste hinein.
Ich erinnere mich noch ziemlich gut daran. Während der Pubertät hatte ich auch mal so eine Phase - damals las ich, dass diese Ängste vor allem dann ausgelöst werden, wenn man im Leben mit starken Umbrüchen konfrontiert wird.
Ich hatte neben all den Umstellungen, die sich durch meinen Orts- und Arbeitsplatzwechsel ergeben hatten, sehr mit beruflichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Vor allem am Ende meines ersten Jahres hier. Das hatte mir ziemlich den Boden unter den Füßen weggerissen.
Ich hatte außerdem damit zu kämpfen, in einer Beziehung zu sein, in der ich nicht sein wollte und einen Partner zu haben, über den ich in vielerlei Hinsicht ähnlich negativ gedacht habe, wie ich es heute über mich tue. Ich schätze, ich war oft nicht sonderlich fair, allerdings sehe ich das auch als Zeichen dafür, dass da zu viele Unterschiede waren.
Unsere Beziehung beendete ich, nachdem ich mich im Grunde über Monate hinweg damit gequält hatte, dass ich nicht glücklich in dieser Beziehung war. Ich erinnere mich an all die Tage, an denen ich darüber nachdachte, sie zu beenden und es dennoch nicht tat. An all die Gespräche, in denen wir darüber redeten und sich dann doch nichts änderte. Weil es nichts gab, was man hätte ändern können. Wir waren einfach die beiden Menschen, die wir immer waren und nach wie vor sind. Zwei Menschen, die einander nicht wirklich viel geben konnten und geben können.


Vor einem Jahr (in ein paar Tagen ist es genau ein Jahr her) beendete ich die Beziehung. Hals über Kopf und ich erlebte einen recht guten Sommer. Einer, in dem ich mich befreit fühlte. Gut und glücklich.
Ich merkte nicht, wie die Ängste, die ich zuvor über Monate hinweg - fast über ein Jahr hinweg - hatte, allmählich verschwanden.


Und ich merkte nicht, wie sie durch andere allmählich ersetzt wurden. Erst war es die Angst, auf der Arbeit nicht genug zu leisten, die sich vor allem durch meine erst kurz vorher gemachten Erfahrungen entwickeln konnte.
Aber die viel größere Angst, die sich in mir breit machte, war die, allgemein nicht gut genug zu sein und das übertrug ich vor allem auf mein Aussehen. Ich will nicht darüber schreiben, wie das letzte halbe Jahr war, denn ich schäme mich dafür und es ist mir unangenehm. Außerdem glaube ich, dass es schwierig ist, die Worte, mit denen ich das beschreiben könnte, wirklich nachzuvollziehen. Ich möchte nur sagen: Es war wieder etwas, womit ich kämpfen musste. Und ich weiß, dass ich damit noch immer nicht fertig bin. In den letzten Wochen und Monaten habe ich viel zu oft gedacht, ich wäre fertig damit. In Wirklichkeit sind es nur kleine Verschnaufpausen, kleine Waffenruhen, die ich mir selbst gönne, ehe ich wieder gegen mich selbst in die Schlacht ziehe. Eine weiße Flagge ist noch nicht endgültig in Sicht.


An schlechten Tagen gebe ich diesem Ort hier die Schuld. Ich ziehe in einen Kampf mit mir selbst nach dem nächsten. Eine Schlacht nach der anderen, die ich mit mir selbst austrage. Eine Angst wird von einer neuen abgelöst. Und ja, manchmal weiß ich nicht, ob ich dabei bin, meinen Weg aus all dem herauszufinden oder mich in Wirklichkeit nicht noch tiefer in all dem zu verlieren, ehe ich irgendwann knietief stecken bleibe und nicht mehr den Weg rausfinde. Manchmal macht mich das sauer. Andere Menschen haben echte Probleme. Und ich mach mir das Leben schwer mit Dingen, die es nur in meinem Kopf gibt. Aber das macht die Probleme letztendlich auch nicht weniger echt.


Ich lerne, dass es viele Wahrheiten gibt. Es gibt nicht nur die eine. Das, was ich über mich denke, was ich sehe, was ich fühle. Das ist meine Wahrheit. Das, wie die Menschen nach außen mich sehen und wahrnehmen, ist ihre eigene Wahrheit. Früher haben sich beide Wahrheiten in vielen Punkten gedeckt, jetzt scheint es immer mehr als könnten sie nicht unterschiedlicher sein.


Während ich das hier schreibe, merke ich erst, wie sehr das für mich persönlich alles den Kopf auf den Nagel trifft. Ich denke mir, ich muss nach außen schwach wirken, konfus, kompliziert, vielleicht auch therapiebedürftig. Vielleicht bin ich ja all das. Ich denke, das habe ich hier schon mal so ähnlich geschrieben.


Das Ding ist... Das letzte halbe Jahr hat mich einige Nerven gekostet (und wenn ich ehrlich bin - meiner Mutter auch, sie hat wirklich viel mit mir mitgemacht in den letzten sechs Monaten). Ich habe mich da so sehr reingesteigert, auch durch eine Situation von außen - aber all das, was in meinem Kopf passiert ist, ging allein von mir aus. Ich habe mich in dem Gefühl reingesteigert, einfach zu fehlerbehaftet zu sein, nicht gut genug und gleichzeitig auch irgendwie nicht einzigartig, nicht besonders genug. Nicht liebenswert genug.


Ich habe diesen Eintrag schon lange geplant. Eigentlich hatte ich ihn geplant für einen Tag, an dem ich sagen kann, dass ich das alles endlich hinter mir lassen konnte. Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Vermutlich noch lange nicht.
Aber ich glaube, ich bin dabei, in meinem Leben aufzuräumen und auch deshalb bin ich in der Lage, das, was da gerade mit mir passiert, als Teil dieses Prozesses zu betrachten. Ich räume auch innerlich auf. Hinterfrage alles danach, ob es bleiben kann, ehe ich mich dafür entscheide, ob ich es wegwerfe oder behalte. Und was diese Selbstzweifel angeht - da weiß ich, ich sollte sie endlich wegwerfen, aber ich kann mich insgeheim nicht davon trennen. Ich klammere mich an meine Selbstzweifel, aus Sorge, ich könnte zu gut über mich denken, aus Angst, ich könnte mich selbst annehmen, um dann irgendwann festzustellen, dass ich kein recht damit habe, mich so anzunehmen, wie ich bin, weil ich doch nicht gut genug bin. Und natürlich ist das ausgemachter Blödsinn. Jeder Mensch hat das recht, sich so anzunehmen, wie er ist. Mein Verstand weiß das. Es reicht aber nicht aus, wenn nur der Verstand etwas weiß.


"Wie geht es Ihnen denn hier?",
wurde ich heute gefragt. Ob ich mich eingelebt hätte. Ob ich mich hier wohl fühle. Ob ich weg möchte.
Und ich musste ehrlich zugeben, dass das "Mir geht's hier miserabel", das "Nein, ich will mich hier nicht einleben", das "Hier werde ich mich nie wohl fühlen können" und vor allem das "Auf jeden Fall will ich hier wieder weg" längst nicht mehr so endgültig und so präsent sind. Diese Aussagen, diese Gedanken, die in meinem Kopf fest verankert waren, ihren festen, unverrückbaren Platz hatten, sind verschwunden. An ihrer Stelle haben sich große Fragezeichen breit gemacht. Lässige Fragezeichen, die nicht sonderlich drängen, sondern die meiste Zeit über mich darauf hinweisen, dass ich alle Zeit der Welt habe, sie irgendwann wieder durch andere Gedanken zu ersetzen. Und ja, irgendwie beruhigt mich das. Lieber lässige Fragezeichen als all diese Gedanken, die immer noch von abgrundtiefer Wut geprägt waren, überhaupt hier sein zu müssen.
Heute, auf dem Weg zu dem Fest, als ich meine gewohnte Strecke fuhr, die ich sonst täglich zur Arbeit zurücklege, war ich für einen Moment glücklich. Glücklich über all die Vertrautheit um mich herum. Ich bin noch nicht soweit, mich damit abfinden zu wollen, dass sich das jetzt alles mittlerweile vertraut anfühlt und mich das auch noch kurzzeitig glücklich macht. Soweit bin ich noch lange nicht, aber ich kann das zumindest für den Moment ertragen.


In meinem Leben ist gerade so vieles in Bewegung. So viele Dinge, die in den letzten Monaten angestoßen wurden. Viele Dinge auch, auf die ich mit viel Unbehagen schaue, mit viel Sorge. Oder auch Enttäuschung. Aber das darf nicht entscheidend sein. Entscheidend ist, dass nichts still steht, dass sich alles dreht, dass alles seine Wege geht. Dass ich meinen Weg gehe.



Ich habe nun innerhalb von etwa sechs Monaten zehn Kilo abgenommen und ein Gewicht erreicht, von dem ich nicht weiß, wann ich so wenig das letzte Mal gewogen habe, weil es schon wirklich sehr lange her sein muss. Ich bin noch nicht am Ziel, aber ich bin in der Lage, es als Erfolg zu würdigen.
Das Verrückte daran ist aber wohl, dass ich nach zehn Kilo weniger in den Spiegel gucke und immer noch keinen großen Unterschied sehe (und ich habe ein Gewicht, bei dem zehn Kilo mehr oder weniger schon einen optischen Unterschied ausmachen sollten). Selbst im Vergleich zu Fotos, die ich extra zu Beginn des Abnehmens gemacht habe, sehe ich keinen großen Unterschied. Manchmal, wenn ich mir selbst beim Denken gerade nicht so zuhöre, denke ich mir "Das muss Wasserverlust sein", ehe mir die Worte eines Menschen einfallen, der für mich in diesem halben Jahr ein guter Freund war und der in solchen Momenten mich immer damit aufzog, dass man sich sechs, sieben oder eben auch zehn Kilo unmöglich mit Wasserverlust erklären kann. Gut, die Freundschaft hat offensichtlich nicht überlebt (oder es ist eine sehr passive Freundschaft, die so unsichtbar ist, dass man denkt, dass sie nicht existiert), aber seine Worte schon. Er hat ja recht. Es macht mir nur deutlich, wie blind ich im Prinzip für mich selbst geworden bin, während ich immer denke, mich selbst mit besonders wachen Augen zu betrachten. (Gleichzeitig denke ich dann wieder, dass mich ja auch kaum jemand auf diesen Gewichtsverlust anspricht und das ja anders wäre, würde es wirklich so einen Unterschied ausmachen... Man kann sich da wirklich wunderbar ewig im Kreis drehen mit sich selbst).


Dann gab es da vor einer Woche eine Geschichte... Hm. Ich weiß nicht, was ich darüber denken soll. Oder fühlen soll. Ich habe mich da wohl in etwas verrannt, etwas falsch interpretiert oder missverstanden. Ich weiß es nicht. An sich will ich mich weigern, zu glauben, ich hätte das wirklich missverstanden. Dann denke ich mir, dass ich in der Situation vielleicht zu sehr von mir auf andere geschlossen habe. Ich weiß, was diese Worte bedeutet hätten, wären sie von mir ausgegangen. Das muss aber nicht für andere Menschen gelten. In der Situation dachte ich an Mr. Nevermind und daran, was er vor etwa drei Jahren in einer vergleichbaren Situation gesagt hatte. "Ich glaube, du hast ein Problem", hat er damals gemeint. Ich hatte mich daran erinnert und dafür entschieden, seine Worte nachträglich - obwohl er sie dieses Mal nicht gesagt hatte - schneller ernstzunehmen, eher zu glauben. Und dann stelle ich fest, ich muss mir das alles eingebildet haben. Immer noch schwer zu fassen, aber okay. Abgehakt.


Mein letzter Eintrag handelte, unter anderem, von diesem Mann, der mich auf dem Supermarktparkplatz angesprochen hat. Wir haben uns seitdem - also die letzten fünf Tage - regelmäßig geschrieben und das eine oder andere weiß ich mittlerweile schon über ihn. Ich weigere mich, zu glauben, dass ich mehr als eine Freundschaft in diesem Kontakt finden könnte. Und trotzdem interessiert mich dieser Kontakt. Es hat mich nachhaltig beeindruckt, dass er mich auf dem Parkplatz angesprochen hat. Und es beeindruckt mich gewissermaßen auch, dass er keinerlei Anstalten macht, gerade einen weiteren Schritt zu machen. Gut, man könnte dadurch auch davon ausgehen, dass er vielleicht das Interesse verloren hat, den Kontakt zu vertiefen. Vielleicht hat er beim Ansprechen oder beim Schreiben gemerkt, dass ich doch nicht so sympathisch oder angenehm bin wie gedacht. Allerdings macht er gerade all das, was ich als goldrichtig empfinde. Er hatte mich noch am gleichen Tag angeschrieben, hat es aber seitdem nicht eilig. Er klebt nicht ständig am Handy, um mir sofort zu antworten (so wie ich es bei den Menschen tue - ich vergesse sonst das Antworten in den meisten Fällen), dennoch sind es aufmerksame, ausführliche, kluge Nachrichten, die ich bekomme. Ich merke, der Kontakt ist ihm nicht egal, aber er macht sich auch nicht davon abhängig, mich besser kennenzulernen. Ziemlich sympathisch.
Ebenfalls imposant finde ich, dass ich immer mehr den Eindruck habe, dass er aus seiner Sicht nicht irgendein Mädchen auf dem Supermarktparkplatz angesprochen hat, das er optisch vielleicht ganz nett fand.
Irgendwie erscheint es mir beeindruckend, dass er sich auf dem Parkplatz ausgerechnet eine Frau ausgeguckt hat, die weder verheiratet ist, noch Kinder hat und sich beruflich und bildungsmäßig auf einer vergleichbaren Stufe mit ihm befindet. Noch mehr beeindruckt mich allerdings, dass ich hier ausnahmsweise mal angesprochen werde und das auch noch von einem Mann, der unverheiratet, kinderlos und in meinem Alter ist, offenbar auch studiert hat und jahrelang im Ausland gearbeitet hat (Letzteres habe ich nicht, aber wie gesagt, Über-den-Tellerrand-Gucker gibt es hier nicht so oft, die ziehen meistens weg und bleiben dort...). Ihr kennt diese Gegend nicht, aber ich kann euch versichern, die Wahrscheinlichkeit, von so jemandem hier angesprochen zu werden, strebt gegen 0.


Trotzdem. Trotz allem denke ich, ich bin nicht an mehr als Freundschaft interessiert. Aus unterschiedlichen Gründen. Manches schreckt mich auch ein wenig ab. Teilweise Kleinigkeiten. Teilweise nicht. Außerdem: Mir ist durch eine, vielleicht auch durch zwei andere Geschichten bewusst geworden, dass ich mich immer von einer Geschichte zur nächsten hangele. Seit dieser Wahrsagerin-Geschichte ist mir das alles nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Ich kann nicht mal sagen, dass ich an soetwas glauben würde, trotzdem hatte mich der Gedanke, sie könnte vielleicht tatsächlich recht haben, komplett beflügelt. Ja, ich bin davon überzeugt, dass sich in den nächsten 1 1/2 Jahren etwas mit jemandem ergeben könnte. Nicht unbedingt, weil sie das vorhergesagt hat, eher weil ich auch denke, dass die Wahrscheinlichkeit dafür nicht völlig mies ist. Aber - und das ist das Problem - seit sie diese Worte gesagt hat, habe ich mir so sehr den Kopf darüber zerbrochen, dass ich mir am Ende eingestehen musste, dass ich mich da in etwas verrenne. Die Namen, die mir durch den Kopf gingen, die Gesichter, die ich vor Augen hatte... Nun, ich kann es letztendlich nicht wissen, aber in meiner Gegenwart sehe ich keines davon an meiner Seite und das sollte entscheidend sein.


Ich habe vor so vielen Dingen Angst, aber ich mag mich nicht nur nicht mehr von Geschichte zu Geschichte hangeln - ich möchte auch nicht mehr eine Angst durch eine neue ersetzen. Ich weiß, dass es dauern wird, bis ich das umsetzen kann und dass ich vermutlich in den nächsten Monaten immer wieder an mir scheitern werde, ähnlich wie ich es in den letzten Monaten getan habe. Gleichzeitig muss ich auch so ehrlich sein zuzugeben, dass ich die ganz dunklen Momente der letzten sechs Monate offenbar weitgehend hinter mir gelassen habe. Irgendwann wird der Tag kommen, an dem ich erstaunt feststelle, dass ich all dem entwachsen bin.


Und bis dahin bleibt, dass ich irgendwie mit diesen Ängsten auskommen muss. Natürlich weiß ich nicht, was in den nächsten Monaten sein wird. Und ob das, worüber ich mir Sorgen mache, tatsächlich sein könnte. Natürlich weiß ich nicht, ob das, was ich befürchte, in einem Jahr wirklich passieren wird. Natürlich kann es sein, dass am Ende meine Selbstzweifel, meine Angst, wirklich so zu sein, wie ich denke, dass ich es bin, ihre Berechtigung haben. Aber es hilft mir nicht, von all diesen Dingen auszugehen. Es hilft mir kein Stück.


Nun, ich habe genug für heute geschrieben. Das ersetzt ein bisschen die Wortlosigkeit der letzten Tage...

23.7.17 22:14

Letzte Einträge: Vergangene Zeit , Sich fallen lassen , Der richtige Mensch, Echte Ratschläge, gefühlt

bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


. (26.7.17 01:14)
Du, Angst ist überlebensnotwendig!
Ich denke, du leidest unter einer generalisierten Angststörung, ein Leiden das du behandeln lassen solltest.
Ich will, dass du stetig glücklich bist. Dazu gehört, dass du diesem Leiden auf den Grund gehst.
Setz deine große Intelligenz dazu rational ein.


Exhausted (29.7.17 22:10)
Es könnte durchaus sein, dass du mit deiner Ferndiagnose recht hast Jedenfalls legt der Eintrag es nahe. Das viel größere Problem ist in letzter Zeit aber mein oft ziemlich mangelhaftes Selbstwertgefühl. Sicher, auch dadurch habe ich Ängste, die die Angstliste nicht gerade kleiner macht, aber wenn ich überlege, was mich im Alltag wirklich behindert... dann denke ich, habe ich die Ängste recht gut im Griff und weiß damit umzugehen. Wie du schon sagst, Angst ist überlebensnotwendig. Und ich werte Angst auch immer als Chance, etwas über sich zu lernen. Viele Ängste verraten sehr viel über einen Menschen - ich könnte beispielsweise auch Angst vor Naturkatastrophen haben oder davor, meinen ganzen Besitz zu verlieren oder vor einen Unfall. Nicht, dass ich mir nicht darüber im Klaren bin, dass mir das alles passieren kann. Der Gedanke daran ist beunruhigend, ja, aber er löst nicht so eine tiefe, manchmal regelrecht lähemende Angst aus, wie der Gedanke, die Menschen, die ich liebe, zu verlieren oder der Gedanke, dass ich vielleicht so, wie ich bin, nicht liebenswert genug bin. Und das zeigt ganz klar, welche Prioritäten ich setze. Die Zeit, dass diese Ängste alles andere in meinem Leben lahm legen, weil ich nur noch daran denke, habe ich zur Zeit wohl durchgestanden.

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