Abschied

Nach ein paar Minuten kam ich zurück und setzte mich auf meinen Platz neben den Snickers-Kollegen.
"Was hat du gemacht? Erstmal eine Runde geweint?",
meinte Snickers-Kollege - gewohnt neckend.
"Klar, was sonst?", meinte ich lächelnd.
"Jetzt echt?", er schaute mich ernst an.
"Nein", erwiderte ich augenverdrehend und schnaufend zugleich. Er hatte es innerhalb einer Dreiviertelstunde geschafft, mich das insgesamt drei Mal zu fragen, nämlich jedes Mal, wenn ich den Raum für ein paar Minuten verlassen hatte und dann zurückgekommen war. Und jedes Mal ignorierte er meine wirklich offensichtliche Ironie und nahm mich stattdessen lieber ernst. Ich schätze, er hatte wirklich darauf gewartet, dass ich irgendwo als Häufchen Elend weinend in der Ecke sitze (stattdessen habe ich einfach viele Dinge in der Zeit erledigt, aber rumzuweinen schien ihm naheliegender zu sein).


Der Grund dafür war, dass ich ihm und der Küken-Kollegin wenig vorher anvertraut hatte, wie es mir gerade geht. Küken-Kollegin konnte dem nachempfinden. Snickers-Kollege so rein gar nicht. Er hat mir erst vor ein paar Wochen erklärt, er würde sich wirklich viel mehr Gedanken machen als die Leute das immer von ihm erwarten, aber er tut herzlich wenig dafür, dass ich ihm das auch wirklich glauben kann.


Auf der Arbeit verändert sich gerade gefühlt alles. Vorgestern verkündete eine meiner Lieblingskolleginnen, dass sie versetzt wurde. Heute war es eine andere Kollegin. Und ich bleibe fassungslos zurück. Insgesamt sechs Gesichter werden ausgetauscht gegen neue und ich merke, dass der Gedanke mir nicht bekommt, obwohl mir nicht mal jedes dieser Gesichter ans Herz gewachsen ist. Das spielt keine Rolle. Überall Veränderungen. Veränderungen, auf die ich keinen Einfluss habe und die auch Veränderungen für mich bedeuten können, ohne dass ich das jetzt schon wissen könnte.


"Ach komm schon",
meinte Snickers-Kollege (nachdem er ein halbes Dutzend Witze darüber gemacht und immer wieder meine Reaktion beobachtet hatte) "das beschäftigt dich? Das ist doch total unnötig, sich darüber Gedanken zu machen. Für dich verändert sich doch nichts. Du bist hier immer noch am Tisch. Und (...) (K-Kollegin). Und (...) (Küken-Kollegin)."
Fast wollte ich trotzig erwidern: "Und du? Du vielleicht nicht mehr!" Es steht schließlich noch immer nicht fest, ob er wirklich bei uns bleiben kann. Aber ich dachte (und denke es immer noch), dass es zu viel Gefühlsoffenbarung gewesen wäre. Ich vermeide es dann doch eher, den Menschen übermäßig zu zeigen, was sie mir eigentlich bedeuten.
Abgesehen davon... Wer weiß, wie das dann alles sein wird? Ich schrieb es bereits mal: Kein Jahr ist wie das andere. Das vorherige Jahr habe ich in den Pausen mit komplett anderen Kollegen verbracht als in diesem. In beiden habe ich mich, zumindest hinsichtlich meiner Kollegen, wohl gefühlt. Aber ich will nicht schon wieder so eine Veränderung. Ich will an diesem Tisch bleiben. Mit K-Kollegin. Und Küken-Kollegin. Und Snickers-Kollege. Und ja, ich weiß, das klingt ohnehin schon kindisch, aber ich merke, dass ich die Gespräche, die Witze und die Vertrautheit an diesem Tisch mit niemandem teilen möchte. Ich verhalte mich wirklich kindisch.


Heute habe ich eine meiner Lieblingskolleginnen zum vorerst letzten Mal gesehen. Ich habe sie nur gedrückt und ihr "Tschüss" gesagt. Sie wollte nicht viele Worte, da sie durch die ganzen Verabschiedungen ohnehin schon Tränen in den Augen stehen hatte. Für mich war es dadurch einfach, mich möglichst unemotional zu verabschieden und mir dadurch nicht bewusst machen zu müssen, wie endgültig dieser Abschied wohl war.


Abschiede nerven. Ich habe das Gefühl, mein Leben war in letzter Zeit voll damit. Immer wieder Menschen, die in mein Leben stolpern und sich dann wieder verabschieden. Mich nervt das gerade alles so sehr. So sehr.


Ich habe den Eindruck, mich nur noch umzusehen nach Menschen, die länger in meinem Leben bleiben können oder wollen. An solchen Tagen wird mir bewusst, wie sehr ich mir gerade jemanden wünsche, an dem ich mich ein Stück weit festhalten kann. Jemand, der ein wenig Beständigkeit in mein Leben bringt. In solchen Augenblicken denke ich noch immer an Mr. Nevermind, die personifizierte Beständigkeit. Das stimmt so nicht. Eigentlich ist es weniger Mr. Nevermind selbst, an den ich in solchen Momenten denke. Ich denke viel mehr daran, wie ich damals, wenn es mir so ging wie gerade, mit wenigen Worten auf ihn zustürmte und er mich dann einfach in seine Arme nahm. Das Gefühl dabei ist nach über vier Jahren noch immer so präsent, dass mir allein die Erinnerung daran manchmal noch ein wenig Trost spenden kann. Dieses Gefühl, wenn ich den Kopf an seine warme Brust legen konnte und er mich einfach festgehalten hat. Das ist das, was ich mir wünsche. Das, wonach ich mich so sehne.


Ich bin nicht nur kindisch, ich bin manchmal auch ein entsetzliches Mädchen.

27.7.17 21:14

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