Oberfläche

Mit sicheren Schritten betrat ich den kleinen Handyladen.
"Hallo!", sagte ich laut, fröhlich, lächelnd.
Der Verkäufer auf der anderen Seite der Ladentheke sah kurz hoch, grüßte zurück, sah flüchtig seinen aktuellen Kunden an und widmete sich wieder dem Stück Papier auf der Theke.
Geduldig wartete ich. Meine Mutter im Hintergrund.
Der Kunde war fertig, verschwand.
"So", sagte der Verkäufer, "wie kann ich weiterhelfen?" Er sah mir geradewegs ins Gesicht. Gutaussehend, strahlendblaue Augen, recht jung, Anfang 20 vielleicht.
"Also, ich hab da mal eine Frage", ich lächelte - ich habe immer dieses bestimmte Lächeln drauf, das sich ganz von selbst auf mein Gesicht stiehlt, wenn ich weiß, dass da gleich etwas kommt, was ich möglichst charmant verpacken sollte, "ich habe hier vor zwei Jahren einen Vertrag geschlossen. Ähm, ich hab das Gefühl, ich hätte den vor ein paar Monaten kündigen sollen, kann das sein?"
Ein kleines Grinsen schlich sich auf das Gesicht des Verkäufers. Ich interpretierte das als "Du bist nicht die Erste, der das passiert." Seine wirklich blauen Augen blitzten mich an. Da war nichts Arrogantes oder Unfreundliches, eher im Gegenteil. Ich registrierte im Stillen, dass ich ihn sympathisch fand.
"Ja, das wäre gut gewesen."
"Hm okay, hab ich nicht gemacht. Und was passiert jetzt?"

Er erklärte mir, dass meine Rabatte nun wegfallen würden.
"Ok", ich überlegte, "ähm, hab ich denn irgendwelche Rabatte?"
Er fragte mich nach meinem Nachnamen, nach meiner Handynummer und nach den letzten vier Ziffern meiner Kontonummer (und musste erstmal lachen, als er sah, wie ich zögerte, weil es mich etwas gedankliche Anstrengung kostete).
Anschließend schlossen wir einen neuen Vertrag ab. Strahlend verließ ich den Laden wieder. Alles gut.


Ich erzähle das jetzt sicherlich nicht, weil ich auf dem Tiefstniveau der belanglosen Alltagserzählungen angekommen wäre (Oh nein, Leute, das geht immer noch etwas tiefer!).
Was bis hierhin nämlich noch keiner ahnen kann, ist, was es mich an Überwindung gekostet hat, diesen Laden überhaupt zu betreten.


Letzte Woche ging ich bereits an den Laden mit meiner Mutter vorbei.
"Da geh ich nicht rein!", sagte ich direkt, als wir vorbeigingen und ich den gleichen Verkäufer darin sah. "Auf gar keinen Fall."
Meine Mutter hatte geseufzt, es aber ansonsten hingenommen.
Heute das Gleiche.
"Da sitzt immer noch der Gleiche, da geh ich nicht rein."

Meine Mutter fragte nicht weiter nach, nahm es erneut hin.
Ich erklärte ihr ungefragt mein Problem. Sie beschwichtigte mich und irgendwie fand ich auf dem Rückweg genug Energie, um den Laden zu betreten und mein Anliegen vorzutragen.


"Hast du eigentlich gemerkt, was passiert ist, als du den Laden betreten hast?", fragte meine Mutter anschließend.
"Nö, warum? Was denn?"
"Du hast den Verkäufer komplett verunsichert. Der war am Anfang echt unsicher, als er dich gesehen hat."

Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob ein Außenstehender das auch so wahrgenommen hätte. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Meine Mutter hat immer ihre ganz eigene Art, die Dinge wahrzunehmen. Und eine sehr kreative Interpretationsgabe, wenn man mich fragt.


Sehen wir der Wahrheit ins Gesicht: Ich bin oberflächlich. Viel zu oberflächlich.
Ich sah einen schlanken Kerl mit glatter Haut und dieser komischen angesagten Männerfrisur, die bestimmt einen total modernen, angesagten, englischen Namen hat, meinen persönlichen Geschmack allerdings so rein gar nicht trifft (Ihr wisst schon, diese Frisuren, bei denen an der Seite was abrasiert ist und der Rest wird wie gewohnt weitergetragen.).
Ich habe Vorurteile. Viele Vorurteile. Vorurteile, die mich dazu bringen, zu denken, dass jemand, der so aussieht, mir höchstwahrscheinlich oberflächlich und vorurteilsbeladen begegnet. Welche Ironie! Ich sehe so jemanden und denke mir: Dem werde ich sicher nicht genügen, dem werde ich nicht hübsch, nicht interessant, nicht attraktiv genug sein. Der wird denken, er ist etwas Besseres und mich so behandeln.


Und klar, es geht nicht darum, dass ich den Handyverkäufer meines Tarifs betören und mit ihm am Ende durchbrennen will, aber ich will auch nicht am Ende aus dem Laden gehen und das Gefühl haben, dass mich jemand nur auf Grund meiner Erscheinung ablehnt. Denn dieses Gefühl habe ich so oft in der Vergangenheit gehabt und auch gelegentlich in der Gegenwart. Hier spielt also - das erscheint mir wichtig - das Geschlecht keine Rolle. Das gleiche Unbehagen hätte ich bei einer Frau gehabt, die derartige Vorurteile in mir auslöst.


Dabei bin ich es. Ich bin es, die andere Menschen ablehnt, aus der eigenen Ablehnung mir selbst gegenüber heraus. Absurd. Ich weiß.


Und ich weiß, das hier wirft ein sehr sehr fieses Licht auf mich. Ich glaube, diese Vorurteile sind aus einer Zeit übrig geblieben, die ich wirklich hinter mir lassen sollte. Zeiten, in denen diese Vorurteile sicherlich Bestand hatten. Und ja, das haben sie teilweise sicher immer noch, aber ich verlasse mich zu sehr in letzter Zeit darauf. Mal ehrlich: Ich betrete einen Handyladen nicht, weil ich befürchte, der Verkäufer könnte oberflächlich sein und mir dadurch, dass ihm vielleicht meine Nase, meine Haare oder mein ganzes Gesicht nicht passen könnte, unfreundlich begegnen. Das ist arm. Und traurig.


Es gibt mir allerdings ein wenig Trost, dass ich nicht diese Vorurteile habe, um mich selbst aufzuwerten. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich ihre Mitmenschen nach Haarfarbe, Art der Nagelmaniküre oder der Keidung aussuchen und andere Menschen für weniger wertvoll halten. Ich gehöre eher zu denen, die Menschen, bei denen das alles so verdächtig stark nach Oberflächigkeit schreit, schon vorab meiden. Aus Furcht, von ihnen abgelehnt zu werden.


Dieses Problem mit mir selbst... das sitzt echt tief und ich bin gerade erst dabei, in meinem Inneren tief zu graben, um feststellen zu können, wo genau es beginnt, um es am Ende komplett ausgraben und endlich wegwerfen zu können. Vielleicht brauche ich am Ende Hilfe, weil es zu schwer ist, um es alleine herauszuheben, aber dann ist das so. Das ist okay. Darüber kann ich nachdenken, wenn ich an diesem Punkt bin.


Im Moment versuche ich erstmal, mich in meinen alten Denkmustern zu ertappen und etwas daran zu ändern. Das Gespräch mit dem Handyverkäufer wagte ich, nachdem mir klar wurde, dass ich das nicht soweit kommen lassen darf, dass ich Angst vor möglicherweise unfreundlichen Handyverkäufern habe, die ausstrahlen könnten, dass sie von mir auf dem ersten Blick nichts halten. Ich muss echt verkorkst wirken. Gleichzeitig glaube ich, dass in vielen Köpfen ähnliche Denkmuster existieren. Man kommt wunderbar damit aus, bis einem klar wird, was da eigentlich zwischendurch im eigenen Kopf so passiert. Vielleicht ist es aber auch nicht so, vielleicht bin nur ich manchmal so oberflächlich und vorurteilsbeladen. Aber ich arbeite daran. Der Handyverkäufer war jedenfalls echt nett.

9.8.17 15:29

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