Wie die Dinge sind

Ich schätze, in den letzten beiden Einträgen bin ich nicht sonderlich gut davon gekommen. Manchmal wundert es mich, dass ich offenbar dennoch regelmäßige Leser habe, denn ich finde, dass manche Einträge mich wirklich nicht allzu sympathisch wirken lassen können.


Gleichzeitig darf es mir hier nicht darum gehen, gut zu wirken und Menschen von mir zu überzeugen. Ich will sein können, wie ich bin und ich will vor allem auch mir selbst gegenüber ehrlich sein können. Wenn das beinhaltet, auch weniger schmeichelhafte Gedanken festzuhalten, dann ist das eben so.


Ich sehe das noch immer als Prozess, den ich durchlaufen muss. Etwas irritiert nehme ich dennoch wahr, dass es mir an Tagen wie dem gestrigen oder dem vorgestrigen spürbar schwer fällt, etwas Positives über mich zu sagen. Nicht, weil es da nichts Positives gibt. Nicht, weil ich nichts Positives an mir entdecke.
Es liegt viel mehr daran, dass es sich jedes Mal falsch anfühlt. Wenn ich beispielsweise sage, dass ich ein recht gutmütiger Mensch bin, dann ist mir direkt danach, das zu entkräftigen, zu relativieren. Manchmal kann ich auch fies sein. Ich habe mir in der Vergangenheit Dinge erlaubt, die ich mir noch immer übel nehme. Wenn ich sage, dass ich ein fürsorglicher Mensch bin, der sich um die Menschen sorgt, die er liebt, dann will ich direkt darauf hinweisen, dass ich in Beziehungen auch schon weniger fürsorglich und kümmernd war.
Wenn ich etwas Positives an mir betone, dann fürchte ich mich davor, man könnte zu positiv über mich denken, könnte Erwartungen an mich stellen, denen ich nicht gerecht werden kann.
Es wäre vielleicht okay, wenn ich es bei negativen Eigenschaften ähnlich halten würde. Aber nein, da habe ich diesen Drang, das einzuschränken, spürbar weniger.


Woran liegt das? Ich denke, ich bin - trotz dieses Blogs hier, der anderes nahelegen könnte - im Wesentlichen keine große Selbstdarstellerin. Mir liegt es nicht, mich selbst zu verkaufen und mir ist in den letzten Tagen bewusst geworden, dass es auch beruflich eine meiner großen Schwächen ist. Klar, es gibt Momente, in denen ich das selbstbewusste Mädchen bin - gerade beruflich gab es ein paar Situationen im vergangenen Jahr, in denen ich meinem Vorgesetzten fast schon leichtsinnig die Stirn geboten habe, aber dadurch meine erfolgreichsten Momente verbuchen konnte und immer noch ehrlich stolz auf mich bin. Allerdings ging es da nicht anders, auch weil es da nicht allein um mich ging. Aber ansonsten bin ich eben doch oft das zurückhaltende Mädchen, das sich möglicherweise eher unter Wert verkauft. Zumindest hoffe ich das, denn wenn meine Wertvorstellung meinen eigenen Wert präzise trifft, dann ist er teilweise nicht sonderlich hoch.


Vielleicht muss ich daran arbeiten. Vielleicht muss ich lernen, mich besser zu verkaufen, mich besser darzustellen und zu präsentieren. Ich denke da an meinen Cousin, der eine ganze Ecke jünger ist als ich, aber mit seinem Talent, sich gut zu verkaufen, schon jetzt wirklich weitgekommen ist. Um das klarzustellen: Er gehört nicht zu denen, hinter deren Worte sich nur heiße Luft verbirgt, er ist nur eben gut darin, das, was er ist, hat und kann, auch zu zeigen. Mir liegt das eher nicht. Positive Eigenschaften zu betonen bewirkt bei mir immer, dass ich mich wie eine Hochstaplerin fühle und zwangsläufig meine eigenen Worte entkräftigen möchte.


Vor etwa zehn Jahren kam mir mal der Gedanke, dass ich die Dinge immer so kennen und darstellen möchte, wie sie sind. Ich möchte, dass mich jemand kennenlernt und er ein Bild davon hat, wer ich bin und dass dieses Bild eben doch auch die Realität trifft. Das wird es allerdings nie. Wer gut über mich denkt, wird nicht in der Lage sein, meine Schwächen - und zwar die hässlichen, nicht die charmanten, liebenswerten - wirklich wahrzunehmen. Wer mich ablehnt, wird nie in der Lage sein, das, was mich positiv ausmacht, kennenzulernen.


Wenn ich also denke "Mensch, Exhausted, du musst echt mal lernen, dich besser zu präsentieren", dann merke ich, wie sich in mir alles dagegen sträubt. Es gibt Menschen, die viel in mir sehen. Ich würde sagen, sie sind nicht in der Überzahl, aber es gibt eben doch Menschen, die sehr positiv über mich denken. Das muss genügen.


Und wenn ich ehrlich bin: Diese Menschen bringen mich schon oft genug in eine Art seelische Zwickmühle. Ich denke da wieder an die Arbeit: Die Kollegen, die meine Arbeit kennengelernt haben, denken positiv über mich. "Was? Du bist unordentlich? Hör mal, dein Zimmer hier ist immer total aufgeräumt", meinte letztens eine Kollegin beispielsweise. Meine Antwort war nur: "Naja, das kommt davon, dass du in die falschen Ecken schaust." Tatsächlich ist Ordentlichkeit nicht meine Stärke. Leute, die mit mir zusammenarbeiten, meinen aber, ich wäre ordentlich, strukturiert und gut organisiert. Blanke Ironie (ganz ehrlich, das ist wirklich nicht meine Stärke, ich bin mehr der Typ "kreatives Chaos".
Wenn dann also jemand betont, wie gut ich meine Arbeit mache, wie gut ich im Umgang mit Menschen bin... dann habe ich das Gefühl, diese Menschen schauen einfach nicht genau hin, sehen die entscheidenden Momente nicht und sehen nur das, was sie sehen wollen, das Offensichtliche, das eben zu offensichlich ist, um das Wesentliche zu sein.
Und das macht letztendlich diese innere Zwickmühle aus: Ich möchte das glauben, wie andere Menschen mich sehen. Ich möchte gerne ihre Einschätzung, ihre Wahrnehmung teilen. Ich möchte auch gerne so über mich denken, wie sie es tun. Aber ich weiß, dass es einer blanken Lüge mir selbst gegenüber gleich käme.


Ähnlich ist es auch im privaten Bereich. Der Langhaarige beispielsweise. Er ist einer der wenigen Menschen, mit denen ich teile, wie ich über mich selbst denke. Er entkräftigt das, betont meine Stärken, betont meine Intelligenz, meinen Charme, mein gutmütiges Wesen und meine äußere Attraktivität. Und ich glaube ihm wirklich, dass er mich so sieht (während ich bei vielen anderen doch eher das Gefühl habe oder hätte, sie sagen das, weil sie sich dazu verpflichtet fühlen)- aber ich habe nicht den geringsten Schimmer, wie er dazu kommt, so über mich zu denken. Ich habe ein grauenhaftes Allgemeinwissen und erweise mich in lebenspraktischen Fragen oft als sehr weltfremd und unlogisch. Charmant bin ich vermutlich gelegentlich, aber eben nur in meinen wirklich guten Momenten. Gutmütig - das hatten wir oben schon, ja, teilweise wohl, teilweise sehe ich mich aber auch als ziemliches Biest. Und mit der Attraktivität will ich gar nicht anfangen, ich denke, die meisten Menschen würden seine Meinung da nicht teilen.
Ich möchte also glauben, was er sagt, möchte mich so sehen können, wie er das tut. Und jedes Mal macht es mich dann doch nur traurig, dass jemand so über mich denkt, weil es sich wie eine Lüge anfühlt. Vielleicht hat er einfach geringe Ansprüche oder er sieht Wesentliches an mir nicht. Und das wiederum ist ihm gegenüber nicht nett oder fair - denn damit unterstelle ich ihm, dass er nicht in der Lage ist, einen Menschen korrekt einzuschätzen. Natürlich kann er das, aber offenbar möchte ich mit aller Kraft glauben, dass seine Fähigkeiten da mich ausklammern und er sich bei mir eben irrt.


Über dieses Thema könnte ich im Moment ewig und ausführlich philosophieren, nachdenken und schreiben. Ich denke, es ist eintönig und ermüdend, sowohl für mich als auch für Menschen, die das hier lesen. Aber ich kann nicht anders. Ich strauchel und es gehört dazu, auch das festzuhalten. Irgendwann stehe ich wieder fest auf beiden Beinen und trage diese Zeit ebenso im Herzen.

10.8.17 11:38

Letzte Einträge: gefühlt, Unerwartet, Was will ich? , Egozentrisch , Fragen, Fragen, Fragen. Und keine Antworten.

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Marie / Website (10.8.17 12:30)
Hallo,

ich hoffe sehr, dass Du diesen Lebensabschnitt bald hinter Dir lassen kannst. Das Du wieder etwas befreiter in Deinen Alltag und auch in Dein Privatleben gehen kannst.

Ich weiß, dass zu viel nachdenken und grübeln manchmal eher kontraproduktiv ist. Da bin ich ja selbst Vollprofi drin. ;-)

Aber dennoch solltest Du versuchen mehr an Dich zu glauben. Du bist bestimmt ein toller Mensch!

Und das private Chaos bzw. Unordentlichkeit, ja, die habe ich auch. Aber was soll´s, so ist es eben.

"Look up at the stars and not down at your feet!"

LG, Marie

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