Wahrnehmung

Ich habe es in letzter Zeit hier schon oft thematisiert und es ist für mich wieder Zeit für einen solchen Eintrag: ein oberflächlicher Eintrag.
Für mich ist mein Aussehen in den vergangenen Monaten so ein wichtiges Thema geworden. Das heißt nicht, dass ich nur noch Youtube-Make-up-Tutorials schaue oder unentwegt shoppen gehe oder mich den ganzen Tag mit der Frage beschäftige, welcher Nagellack zu welcher Handtasche und welchem Paar Schuhe am besten passt oder welche Frisur ich mal wieder ausprobieren könnte...


Diese Art von Aussehensfokussierung ist es wohl nicht. Ich schaue keine derartigen Tutorials, shoppen mag ich zwischendurch schon, aber nur ungezwungen und zeitlich begrenzt, Nagellack trage ich keinen und meist trage ich ohnehin zu allem die gleiche Tasche. Und spätestens beim Thema Frisuren bin ich endgültig raus, weil meine Haare im Grunde nur "offen" und "Zopf" kennen und das ist in meinem Fall mehr ein Zustand als eine Frisur.
Egal. Ich will nur sagen: Ich bin keines dieser Modepüppchen.


Ich bin mehr jemand, der mit sich selbst im Unreinen ist und sich in dieser Situation irgendwann zu sehr auf das eigene Äußere und die damit einhergehenden Makel festgebissen hat. Aus meiner Sicht gibt es da genug. Auch genug, das in meinen Augen einfach zu sehr abweicht von der Norm, auf eine unschöne Art, nicht auf eine "Das macht mich besonders"-Art.


Mir ist bewusst, dass diese Gedanken auch Ausdruck meiner Sorge sind, nicht zu genügen, nicht gut genug zu sein. Ich habe mich sehr in den letzten Monaten da reingesteigert und ich habe einigen Menschen in meiner Umgebung einige Nerven gekostet. In letzter Zeit ist es besser geworden. Meine Makel sind immer noch da, die Dinge, die mich stören, haben sich optisch nicht oder kaum spürbar verbessert und das werden sie auch nicht. Das sind Dinge, die sich nicht verändern. Nicht wie die Haarfarbe oder Hautprobleme.


Es gibt einige Wege, wie man sich mit seinem eigenen Aussehen in den Wahnsinn treiben kann. Glaubt mir, ich habe einige davon ausprobiert und ich bin es so leid. Mittlerweile habe ich immer mehr Strategien entwickelt, um mich selbst da ein wenig zu beruhigen und mir den eigenen Wahnsinn ein wenig zu nehmen. Das gelingt oft, nicht immer, aber damit bin ich vorerst zufrieden. Ich arbeite daran und die letzten Wochen waren insgesamt sehr positiv und oft habe ich in den Spiegel geschaut und mich letztendlich angelächelt, weil ich das, was ich sah, okay fand.


Statt mich auf Körpermerkmale zu fokussieren, die ich ohnehin nicht verändern kann, habe ich mich aber stattdessen wohl ein wenig in letzter Zeit auf mein Gewicht festgeschossen und da habe ich in den letzten Tagen und Wochen ein paar Dinge festgestellt, die mich auch durch ein heutiges Erlebnis dazu bewogen haben, darüber zu schreiben. Vielleicht hilft es mir auch irgendwann, wenn ich meine Erinnerung an diese Zeit auffrischen möchte.


Ich weiß mittlerweile, dass es bei Gewicht und Figur unterschiedliche Vorstellungen gibt. Irgendwann vor etwa zwölf, dreizehn Jahren stieg mein Gewicht allmählich und heimlich an. Ich unternahm mehrere Versuche, ein wenig abzunehmen, aber das alles war wohl zu halbherzig, um es wirklich zu schaffen. Es war ohnehin nie kritisch, aber eben auch nicht wirklich schön. In der Beziehung mit Mr. Nevermind gab es dann damals ein paar Jahre, in denen ich eine gute Normalfigur hatte und etwa sieben Kilo weniger wog. Ich fühlte mich schlank und war sehr zufrieden mit meinem Gewicht. An der Ernährung hatte ich nicht viel verändert - es kam wohl einfach durch die Pille.


Nachdem ich die Beziehung beendet hatte und die Pille kurz vorher abgesetzt hatte (was aber sehr unabhängig voneinander passierte), nahm ich stetig und heimlich wieder zu. So schleichend, dass es mir erst richtig auffiel, als ich wieder mein altes Gewicht zurückhatte. Seitdem achtete ich immer wieder mal darauf, nahm zwischendurch ein oder zwei Kilo ab, aber wirklich weniger wurde es nicht. Auch hier: eher halbherzige Versuche.


Ich weiß, dass ich trotz eines BMI von 25 nie als dick wahrgenommen wurde. Dennoch war ich an der Grenze zum Übergewicht - und das nicht etwa mit einer sportlichen Figur. Sicher, als schlank wurde ich auch nicht wahrgenommen, aber viele Personen in meinem Umfeld taten so als wäre es völlig unnötig, abnehmen zu wollen. Allerdings vermute ich, dass das auch daran lag, dass sie selbst nicht mein Gewicht hatten - es ist etwas anderes, wenn man in der eigenen Haut steckt.

 

Es gab auch immer wieder Menschen, die das durchaus ähnlich einschätzten wie ich. Ich denke da an die Mutter des Nachbarjungen, die immer wieder mal betonte, dass ich mal Sport machen könnte. Oder an mehrere Verkäuferinnen im Geschäft, die mich einige Male vor dem Anprobieren unabhängig voneinander sehr penetrant darauf hinwiesen, dass die Größen sehr klein ausfallen und ich lieber eine Nummer größer versuchen sollte (was dann aber nicht mal notwendig war...).


Zu Beginn des Jahres nahm ich mir dann vor, es mal ausdauernd mit Sport zu versuchen. Nicht nur ein wenig Rad fahren, schwimmen oder Ähnliches, wie ich es in den Jahren davor in sehr unregelmäßigen Abständen gelegentlich getan hatte. Ich meldete mich im Fitnessstudio an und gehe seitdem zwei, drei, vier Mal die Woche (manchmal auch mehr, dafür dann aber auch in der Folgewoche mal gar nicht), solang ich nicht gerade daheim bin. Meine Ernährung hätte in der Zeit wohl besser sein können, ich arbeite noch immer daran, aber zumindest achtete ich darauf, nicht zu viel zu essen (und trotzdem genug). Aber gerade meinen Zuckerbedarf überschreite ich im Grunde täglich maßlos (das ist keine Vermutung - ich habe es mehrmals nachgerechnet).


Insgesamt nahm ich seit meinem ersten Besuch im Fitnessstudio vor sieben Monaten zehn Kilo ab. Das Gewicht aus meiner Beziehung mit Mr. Nevermind hab ich mittlerweile um drei, vier Kilo unterschritten und wiege damit so wenig wie ich es das letzte Mal vor etwa dreizehn Jahren tat. Allerdings nehme ich seit ein paar Monaten aus hormonellen Gründen auch wieder die Pille. Iich bin mir jedoch sicher, dass ich auch so abgenommen hätte - denn ich hatte zu dem Zeitpunkt schon gut abgenommen. Zufrieden bin ich dennoch noch nicht. Ich sehe in den Spiegel und sehe noch all die Stellen, die noch nicht meiner Zufriedenheit entsprechen. Ich finde nicht, dass ich im Vergleich zu vorher nun zehn Kilo sehr viel leichter und dünner aussehe. Oder sportlicher. Dabei habe ich in der Zeit immer wieder mal Maße genommen, Fotos gemacht,... Es ist ein Unterschied da, aber ich nehme ihn nicht als so extrem wahr.


Andere Menschen sehen das offenkundig anders. Meine Mutter zum Beispiel zieht es vor, so zu tun als wäre ich bald nur noch Haut und Knochen, was bei meinem Körperfettanteil einfach Blödsinn ist. Da ist noch ziemlich viel Brust, ziemlich viel Po, reichlich Oberschenkel und auch noch genug Bauch. Das darf alles so bleiben - nur das am Bauch, das will ich ändern. Ansonsten finde ich, dass das Kurvige letztendlich auch einfach Teil meiner Figur ist.


Gestern erwähnte ich gegenüber einer Bekannten, dass ich nun zehn Kilo abgenommen habe. "Du bist ja bescheuert" kam als Antwort - was ich wiederum ziemlich bescheuert fand. Nochmal: Ich war an der Grenze zum Übergewicht, da braucht man nicht so tun als wäre es völlig unnötig und wahnsinnig, ein wenig abnehmen zu wollen. Jetzt habe ich einen wirklich akzeptablen BMI von knapp 22. Ich weiß schon, BMI ist nicht zuverlässig. Aber ich habe auch keine Lust, hier genaue Körpermaße und Gewichtsangaben zu machen. Es muss reichen, um eine halbwegs realistische Vorstellung davon zu haben, wie ich aussehe. Oder nicht aussehe.


In letzter Zeit habe ich oft das Thema "Zucker" im Kopf. Weil ich einfach immer noch zu viel davon zu mir nehme und ich meine damit nicht, dass ich mal einen Schokoriegel esse. Oder eine Banane. Wenn es nur ein Schokoriegel am Tag ist, werte ich das durchaus als riesigen Erfolg. Ich kann Unmengen von Schokolade verdrücken... und alles andere, was süß ist. Da kann ich mich nur schlecht zügeln, aber ich arbeite daran. Mit sehr viel Mühe.


Nun. Heute war ich mit meiner Mutter in der Stadt. Es war ein unglaublich schöner Nachmittag. Wir gingen zum Bäcker, setzten uns ans Fenster und aßen ein Stück Kuchen. Anschließend gingen wir noch in ein paar Geschäfte. Dabei fiel mir in einem Geschäft ein etwa knielanger Rock in eine meiner Lieblingsfarben in die Hände. Ursprünglich hatte ich ihn gar nicht anprobieren wollen, weil mir nicht so sehr danach war, aber nachdem ich auch ein Oberteil fand, das zu dem Rock und zu ein paar anderen Röcken gut passte, für die ich noch etwas Passendes finden wollte, entschied ich mich doch für den Gang zur Umkleide. Ich wählte für den Rock zwei Größen - die, die ich seit ein paar Monaten eigentlich gewohnt bin und dann die kleinere Größe. Die im Laden wohl kleinste, verfügbare Größe. Ich weiß gar nicht, ob es überhaupt eine kleinere Frauengröße gibt. Die letzten Kleidungsstücke, die ich kaufte - eine Hose und ein Rock -, waren bereits in der Größe. Manchmal fallen die Dinge eben größer aus.

"Eigentlich kannst du das direkt lassen, so dünn bist du jetzt auch nicht", dachte ich mir noch, als ich den kleineren Rock betrachtete. "Der ist schon ziemlich schmal."
In der Umkleide probierte ich den kleineren Rock zuerst an, auch weil ich neugierig war. Und erstaunt merkte ich, wie er problemlos über die Beine glitt und sich noch problemloser zumachen ließ. Das Oberteil war eine Größe größer als der Rock, aber immer noch eine Größe kleiner als ich sonst immer genommen habe und er passte recht gut, wenn auch nicht sehr enganliegend. Im Gegensatz zum Rock, da zeichneten sich Oberschenkel und Po schon deutlich ab, was bei vielen Röcken aber eben auch einfach so üblich ist.


Ich verließ die Umkleide, drehte mich ein paar Mal mit dem Outfit im Spiegel. Das mach ich normalerweise nicht, aber ich fühlte mich wohl in den Sachen. Meine Mutter nickte, sagte ein paar nette Worte. Zuerst war ich unsicher. "Kann ich den wirklich anziehen? Sitzt der nicht zu eng?", ich zupfte am Rock herum.
"Nein, gar nicht", meinte meine Mutter, die jedes Mal, wenn ich nach der kleinen Größe greife, betont, wie schlank ich doch offensichtlich bin und dass ich nicht noch mehr abnehmen darf. Mütterliche Sorge, schätze ich.


In dem Moment, in dem ich beschloss, beides zu kaufen, kam die recht schlanke, sympathische Verkäuferin Richtung Umkleide.
"Oh, der ist aber schön", meinte sie mit dem Blick auf den Rock.
"Ja, finde ich auch, der gefällt mir echt gut", sagte ich lächelnd. Ich empfand die Verkäuferin als recht freundlich, unaufdringlich, natürlich. Sonst wäre ich wohl direkt in die Umkleide geflüchtet.
Wir unterhielten uns noch ein wenig über den Stoff und die Rockart. Und dann meinte sie nur: "Aber bei der Figur können Sie ja eh alles tragen."
Es kam so ehrlich und ungezwungen rüber, dass ich ihre Worte sofort glauben konnte und ganz erstaunt war über dieses tolle Kompliment.


Ich ging zurück in die Umkleide. Umkleidenlicht ist so fies und noch während mein Kopf dabei war, ihre Worte auseinander zu pflücken, hörte ich, wie sie nochmal zu meiner Mutter sagte: "Sie hat wirklich eine tolle Figur".


Für den Rest des Tages war ich unheimlich beflügelt. Meine Mutter und ich gingen anschließend noch mal in ein anderes Café für ein zweites Stück Kuchen. Die Auswahl war überwältigend und ich entschied mich für ein mächtiges Stück Himbeertorte. Mhh. Allgemein war heute ziemlicher Süß-Tag. Es ist also nicht so, dass ich wenig essen würde. Oder nur von Rohkost leben würde. Eher im Gegenteil (wobei ich im Moment zusätzlich kaum satt zu kriegen bin).


Was mich nur stutzig macht, ist dieser Wahrnehmungsunterschied. Ich habe Figurfotos, Körpermaße, mein Spiegelbild.... und das alles sagt mir "Ist okay, aber eine Normalfigur mit ein paar Problemzonen". Ich empfinde meinen Körper als wenig definiert und stellenweise speckig. Es ist nicht grenzwertig, aber eben auch keine gute Figur. Normalfigur eben.
Und im krassen Kontrast dazu stehen Äußerungen, wie die der Verkäuferin, die sich sehr aufrichtig anfühlen und Einkaufserlebnisse wie das mit dem Rock. Es passt einfach nicht zusammen, aber mein Verstand schafft es, das Positive so sehr zu entwerten, dass ich mir am Ende wieder sicher sein kann, dass meine eigene Wahrnehmung die richtige, zutreffende Wahrnehmung ist.


Letztendlich war eigentlich der Plan noch ein paar Kilo abzunehmen - zwei, drei Kilo. Nicht nur, dass ich auch einfach merke, dass es vom Gewicht offenbar nicht mehr weniger wird, ich habe auch allmählich keine Lust mehr auf die Anstrengungen dazu. Ja, weiter Sport machen, weiter den Körperfettanteil reduzieren, weil er beim letzten Mal noch im nicht so gesunden Bereich war und dafür sorgen, dass die Stellen, die mir nicht so gefallen, ein wenig schöner sind, aber ich möchte demnächst nicht meine Kleider in der Kinderabteilung einkaufen. Ich verstehe das nur immer noch nicht... Es gibt genug Mädchen da draußen, die meine aktuellen Größen tragen und eindeutig danach aussehen. Ich gehöre nicht zu ihnen, meine Figur wirkt nicht so zierlich oder gar zerbrechlich. Ich sehe mich immer noch als kurvige Normalfigur-Frau, egal wie oft ich auch in den Spiegel sehe.


Ich hatte ja zu Beginn angekündigt, dass das hier oberflächlich wird. Ich musste heute ein paar Mal an eine Reportage über eine Magersüchtige denken, die ich vor zwölf Jahren gesehen hatte. Sie hatte in der Reportage eine Schauspielerin kennengelernt, die dem magersüchtigen Mädchen ihre Hose zum Anprobieren geliehen hatte. Das Mädchen versank anschließend in der Hose, obwohl sie selbst gedacht hatte, niemals hineinzupassen. Ich kann versichern, dass ich zu viel und zu oft Kuchen, Schokolade und anderen ungesunden Kram esse und auch so insgesamt viel zu gerne und viel zu gut esse, dass von einer Essstörung die Rede sein könnte... aber dieses Wahrnehmungsproblem habe ich möglicherweise dennoch. Ich weiß, dass manche Menschen in meiner Umgebung mir das oft in letzter Zeit gesagt haben, auf's Gesamte bezogen, nicht nur auf mein Gewicht. Es fällt mir nur schwer, der Wahrnehmung meiner Mitmenschen mehr zu glauben als meine (negativere) Wahrnehmung.

18.8.17 02:11

Letzte Einträge: gefühlt, Unerwartet, Was will ich? , Egozentrisch , Fragen, Fragen, Fragen. Und keine Antworten.

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Marie / Website (19.8.17 16:51)
Liebe exhausted,

die eigene Wahrnehmung ist immer die schwierigste. Sei es die Figur, so wie bei Dir oder so wie bei mir die Haare. ;-)

Jeder ist für sich selbst der größte Kritiker. Die Figur selbst habe ich z. B. nie als Problem angesehen. Und Problemzonen hat doch jeder. Egal, ob weiblich, männlich, groß, klein, jung oder älter, niemand ist perfekt, aber jeder kann es schaffen mit sich im Reinen zu sein. Und die Wahrnehmung "anderer" ist doch auch sehr wertvoll. Denn ich glaube es stört so gut wie keinen, wenn da etwas mehr ist und wo anders wieder etwas weniger. Was sind wir, Puppen, Maschinen? Nein, Menschen und ich bin mir sicher, Du bist toll wie Du bist.

Eine Essstörung zeigt sich manchmal nicht unbedingt am Gewicht, da gibt es wahnsinnig viele Facetten und Auslegungen. Essen ist toll und sollte auch als solches angesehen werden.

Auch wenn ich selbst nicht der Typ dafür bin, aber vielleicht wäre eine Gesprächstherapie ein Weg für Dich. Ich weiß, dass es vielen hilft.

Versuche Dich anzunehmen wie Du bist, Deine Freunde mögen Dich so. Und selbst wenn Du ein paar Kilo wieder zu viel hättest, so what?? Es gibt vielleicht mal Zeiten, da wärst Du froh drum und glaub´ mir, die wenigsten Männer mögen Magermodelle!! ;-) Man sollte schon Frau sein und so ausschauen!

Alles Liebe und immer dran denken und glauben, Du bist toll wie Du bist!

LG, Marie

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