Gekippt

Gerade höre ich einen meiner Lieblingsmusiker. Musik, die mich seit mehr als zehn Jahren immer wieder begleitet. Immer wieder, wenn es mir besonders gut geht. Wenn ich Auto fahre. Oder wenn ich ich einfach das Bedürfnis habe, mich selbst abzulenken und mich ein wenig aufzumuntern.
Im Moment ist es wohl Letzteres.


Die letzten beiden Tage waren nicht so gut. Vor allem der heutige fühlt sich nicht gut an. Ich kann mich gegen all diese Gefühle, die ich habe, nicht richtig wehren, aber ich würde es gerne. Und nachdem ich mich gerade vor all dem nicht mehr retten konnte, versuche ich das jetzt wieder in den Griff zu bekommen. Durch die letzten Monate weiß ich mittlerweile sicher, dass manches mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit diese Schwankungen auslöst. Wenn ich beispielsweise etwas weniger geschlafen habe als sonst. Wenn ich zu wenig gegessen habe. Oder wenn ich an den Tagen zuvor zu viel gegessen habe. Wenn ich meine Haare nicht frisch gewaschen habe (und ich versuche wiederum, sie nicht jeden Tag zu waschen). Oder wenn irgendeine zwischenmenschliche Situation ein ungutes Gefühl in mir ausgelöst hat. Da reicht manchmal schon eine ungeschickte Bemerkung meines Gegenübers. Letztendlich alles, was beeinträchtigt, dass ich mich in meiner eigenen Haut wohlfühlen kann. Meist merke ich es bereits, wenn ich morgens aufstehe. Teilweise ergibt sich das aber auch erst im Laufe eines Tages. Es besteht auch weiterhin der Verdacht, dass es irgendwie im Zusammenhang mit Hormonen stehen könnte. Zumindest scheine ich dann erst richtig anfällig dafür zu sein.


Ich fühle mich dadurch wie ein Pulverfass. Ich bin überempfindlich und obwohl ich das weiß, schaffe ich es nicht, etwas daran zu ändern. Diese Gefühle kochen noch im gleichen Moment über, in dem ich mich darüber ärgere.


Wenn meine Stimmung gekippt ist, dann kann ich nicht mehr viel machen. Manchmal kann ich dann nicht mehr anders als Tränen zu vergießen und darauf zu warten, dass es wieder aufhört. In letzter Zeit war das seltener geworden und für gewöhnlich habe ich es geschafft, das im Griff zu haben und mit Zuversicht durchs Leben zu gehen. Das letzte Mal, dass es mir so ging wie heute, ist schon wieder eine ganze Weile her. Manchmal, so wie heute, wirft das meine gesamte Planung über Bord, weil diese Gefühle zu viel Raum einfordern, um etwas anderes machen zu können als ihnen diesen Raum zu geben.
Vorhin, während es besonders schwierig war, erinnerte ich mich an eine Situation, die bereits vierzehn Jahre zurückliegt. Die Hälfte meines Lebens. Dabei scheint es gefühlt ein ganzes Leben lang schon her zu sein. Ich sah mich in diesem Raum sitzen, mit einer Person, der ich gerade etwas anvertraute. Ich weiß noch, was ich anhatte. Ich erinnere mich an ein auffälliges Haargummi, mit dem ich meine Haare ungeschickt zusammengebunden hatte. Es war ein ziemlich kitschiges, auffälliges Haargummi, aber ich war ja auch erst vierzehn Jahre alt. Ich weiß, dass ich damals in Tränen ausbrach, weil ich zum ersten Mal etwas aussprach, was ich bis dahin immer wieder so empfunden hatte und ich weiß, dass die Person vor mir mit viel Geschick und Feingefühl meine Äußerung aufgriff und mich zum Lächeln brachte. Auch wenn ich, denn auch das habe ich nie vergessen, ihr kein Wort abkaufte.
Ich habe diese Situation nie vergessen und vor allem nicht das Gefühl, das mich damals zu diesem Satz, den ich sagte, brachte. Vor allem deshalb nicht, weil dieses Gefühl nie weggegangen ist. Ich glaube, ich begreife allmählich, wie tief das alles in mir sitzt und wie lange ich damit gelebt habe, ohne es zu verstehen oder zu bemerken. Oder es ernst zu nehmen. Ich habe es einfach immer hingenommen, dass ich so empfinde, weil ich mich nicht mehr daran erinnern kann, dass es mal anders gewesen wäre.


Ich mag mich nicht, wenn ich so bin wie heute. Ich bin dann besonders schwierig und kompliziert, bin anstrengend und nervenaufreibend. Und hilflos. Auch wenn es schon länger nicht mehr so schlimm war wie heute, bin ich doch insgesamt recht wankend und nur mit Vorsicht zu genießen.


Wie sehr hab ich mir in der letzten Zeit jemanden an meiner Seite gewünscht. Jemand, der mich von all diesem ablenkt und mit dem es wieder bergauf geht. Niemand, der das alles auf sich nimmt und auf seinen Schultern trägt. Das will ich nicht. Sondern einfach jemand, der da ist und allein dadurch mir bereits Hilfe genug ist. Weil ich an der Seite dieses Menschen das Positive in mir wieder zum Vorschein bringen kann.


Meist glaube ich ehrlich, dass das funktionieren kann. Weil es schon so oft funktioniert hat und weil ich weiß, dass meine Gedanken in letzter Zeit zu sehr davon eingefärbt sind, dass ich nur meine eigene Sicht auf die Dinge habe. Mir fehlt es, jemanden zu haben, aus dessen Augen ich mich ebenso betrachten kann und ich glaube, dass mir das tatsächlich Hilfe genug wäre.
Aber an solchen Tagen wie dem heutigen, glaube ich nicht mehr, dass das wirklich funktionieren würde. Ich ertrage mich selbst kaum und genauso wenig ertrage ich den Gedanken, dass ich so an der Seite eines anderen Menschen sein soll. Ich bin in letzter Zeit nicht unbedingt das, was ich als gute Partie betrachten würde. Das meine ich frei von jedem Selbstmitleid. Ich wüsste nicht, wie ich im Moment in der Lage sein sollte, für jemanden der Mensch zu sein, der ich gerne wäre und der ich in meinen Augen sein sollte und sein könnte. Es ändert nichts daran, dass ich mir das wünschen würde. Ich möchte ebenso für jemanden da sein können, möchte lieben und Nähe geben, möchte Sicherheit und Geborgenheit (statt Probleme und Sorgen) bedeuten und ich glaube, das kann ich gerade nicht. Nicht auf die Art, wie ich es mir von mir wünsche und erwarte.
Vielleicht ist Geduld eine Antwort. Eine von mehreren. Weil für manche Fragen eine Antwort nicht genügt.

5.9.17 10:45

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bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


PP / Website (5.9.17 16:12)
Du kommst mir ein wenig vor wie der Steppenwolf in Hermann Hesses Roman, der sich in so tiefe Vereinsamung verlief, dass er sich noch einsamer als der letzte Mensch auf Erden fühlte. Aber eines Tages ließ er sich nicht vom warmen Bett einlullen und ging raus auf die Straße und da begann sein Abenteuer.

Vielleicht solltest du mehr rausgehen, in die Kneipen und Bars, in Diskotheken zum Tanzen oder am Tag in die Kaffees oder dich überhaupt mehr sehen lassen unter Menschen. Viele einsame Männer dort, die es ehrlich meinen und genau so einsam sind wie du.

Wenn du nur zuhause sitzt und Diktate korrigierst, kommt kein Prinz auf einem hellen Schimmel geritten. Du musst raus. Du bist eine Rose, die hinter dem Berg lebt, wo keiner hinkommt. Du bist eine zauberhafte Frau, ein wahrhafter Engel, aber wer soll dich erkennen in deinem Glanz, wenn du ihn nicht öffentlich vorführst?

Du bist ein Mensch, der Liebe verdient hat und Zuwendung und einen Menschen, der zu dir hält und dich bestärkt und deine Gaben fördert, aber wie soll er dich finden in deinem Schneckenhaus?

Ein Kuss von mir aus der Ferne auf deine Wange, wenns erlaubt ist.

LG PP <3 :*


Marie / Website (5.9.17 16:43)
Liebe exhausted,

Deine Gefühlsschwankungen kann ich sehr gut verstehen, als Mensch, der ich in den letzten Jahren war, als Ärztin und als Mensch zu dem ich seit einigen Monaten geworden bin. Auch wenn meine Situation, sich von Deiner differenziert.

So wirklich kann ich Dir nicht sehr viel raten, ich weiß zu gut, wie es ist, in einem "Loch" festzustecken und genau das alles zu fühlen, wie Du es so gut beschreibst.

Aber es geht nicht hier um mich, sondern um Dich.

So wirklich weiß ich nicht, was ich Dir raten soll. Ich hatte Dir glaube ich, schon mal geschrieben, es evtl. mal mit einer Gesprächstherapie zu versuchen. Vielleicht solltest Du das wirklich mal in Angriff nehmen. Das ist etwas richtig gutes und ich könnte mir wirklich gut vorstellen, dass es Dir helfen könnte. Trau Dich!

Ich schätze Dich trotzdem als tollen Menschen ein und bin mir sicher das Du das bist. Und hey, jeder ist mal "Scheiße", ich weiß wovon ich rede ;-) Versuche die positiven Seiten von Dir hervorzuheben, geh zum Friseur, geh mit Freunden ins Kino, geh tanzen, amüsier Dich. Und was solls, wenn Du Dich mit gewaschenen Haaren besser fühlst, dann wasche sie doch jeden Tag. So what??

Glaub an Dich! LG, Marie


PP / Website (5.9.17 16:44)
Sorry, ich bins schon wieder, aber ich muss dich mal aus der Ferne in den Arm nehmen und dich etwas drücken. Hoffentlich kommt das nicht falsch an, aber es ist rein menschlich. Ich drück dich mal ganz lieb an mich. Und küsse deine Stirn. Mehr kann ich auch nicht tun, um dir ein wenig Wärme zu senden.

LG PP


Exhausted (6.9.17 08:52)
Ich danke euch für die lieben, aufmerksamen Kommentare.


Marie:
Das mit der Gesprächstherapie ist für mich auch nicht vom Tisch, denn ich würde das als ähnlich sinnvoll einschätzen wie du. Ich konnte nur bisher keine beginnen aus Gründen, die ich hier nicht weiter ausführen möchte - es liegt aber nicht daran, dass ich mich dagegen sträuben würde.
Haare jeden Tag zu waschen nehmen die Haare selbst nicht so freundlich auf Meine jedenfalls nicht, die können das im Gegensatz zu mir gar nicht leiden. Aber ja, ich weiß schon, was du meinst


PP:
Aufmerksam und lieb wie immer, lieber PP. Ich danke dir. Allerdings möchte ich gerne bei der Gelegenheit erwähnen, dass ich seit Wochen daheim bin - von Diktaten und einsamen Tagen, die ich komplett eingekesselt in meiner Wohnung verbringe, also keine Spur. Wobei ich dir gleichzeitig gerne noch mal versichern möchte, dass ich, auch wenn ich nicht daheim bin, nicht die ganze Zeit alleine in meinem Büro mit Dikaten oder anderen Schülerarbeiten verbringe. Ich hab durchaus ein paar einzelne Freundschaften geknüpft zu Menschen, mit denen ich regelmäßig etwas unternehme. Genügen tut mir das nicht. Aber in der Gegend, in der ich bin, ist einfach nicht mehr drin. Da gibt es niemanden, der nach mir sucht oder mich zu finden erhofft - weil es einfach ein Ort ist, an dem nichts los ist und jeder, der noch nicht das Bedürfnis hat, vollkommen und endgültig im Leben angekommen zu sein, zieht normalerweise weg. Übrig bleiben nur verheiratete Menschen mit Kindern und eigenem Häuschen.

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