tausend Punkte

Es ist anders als gestern. Gestern war ich eine niedergeschlagene Exhausted, die bei jeder Kleinigkeit kurz davor stand, wieder zu verzweifeln. Gestern wollte ich einfach nur meine Ruhe haben, wollte niemanden sehen und habe mich bis zum Abend zu nichts richtig in der Lage gefühlt. Abends war es wieder halbwegs okay, ich war immer noch etwas gereizt, war aber noch mit meiner Mutter und unserem Nachbarn unterwegs. Mein Nachbar ist echt schwer in Ordnung. - Er erwies mir vorgestern einen Bärendienst erwies und hat sich um etwas gekümmert, was ihn gar nicht hätte kümmern brauchen.
Gestern war ich nicht nur niedergeschlagen, alles hat sich mies angefühlt und ich hatte das Gefühl, dass ich zu viele Dinge nicht kann, zu viele Dinge falsch mache und zu viele hässliche, unangenehme Eigenschaften habe.


Heute ist das anders. Keine Gereiztheit, keine Niedergeschlagenheit und vor allem kein Hang zu Tränen. Zwischendurch habe ich mich heute großartig gefühlt. Beispielsweise als ich meine Tante und meinen Cousin besucht habe. Mein Cousin erzählte eine Geschichte und ich habe so herzlich gelacht, dass die Lachtränen in meinem Gesicht nur so flossen.
Oder beispielsweise als ich zur Post gegangen bin und ein paar Mal bemerkte, dass die Fahrer der Autos, die an mir vorbeifuhren, ihren Kopf zu mir drehten. Kleinigkeiten. Braucht nichts bedeuten, manchmal sind die Leute auch einfach nur neugierig und gaffen gerne fremde Menschen an. Aber trotzdem registrierte ich das und fühlte mich geschmeichelt.
Insgesamt war da heute so viel Freude, so viel Glück. Ich wäre noch etwas glücklicher darüber, wäre das nicht erst kurz vor meiner Abreise wieder so.


Aber gleichzeitig ist das alles auch nur die halbe Wahrheit. Denn dieses Gefühl von gestern ist gewissermaßen immer noch da. Ein paar Mal kamen mir heute Situationen in den Sinn, in denen ich mich falsch verhalten habe oder Situationen, die man mir vorhalten könnte. In Wirklichkeit halte nur ich mir das vor, aber dafür penetrant und mit ziemlich harscher Selbstkritik. Das ist genug, um immer wieder im Laufe dieses an sich guten Tages zu der (vermeintlichen?) Erkenntnis zu kommen, dass ich nicht sozial, nicht freundlich, nicht ehrlich, nicht gutherzig, nicht fleißig, nicht klug, nicht gut genug sei. Und immer wieder halte ich mir all diese Erinnerungen vor wie kleine Spiegel, mit denen ich mir selbst versuche zu beweisen, dass es wirklich so ist und dass ich dringend an mir arbeiten muss. In allen Punkten.


Rein rational weiß ich, dass das nicht sein kann. Dass ich weder hinsichtlich sämtlicher meiner Eigenschaften an mir arbeiten kann noch dass das alles an mir tatsächlich schlecht sein kann. Weil kein Mensch vom Anfang bis zum Ende schlecht ist. Aber offenbar ist meine Sorge, dass ich eine Ausnahme darstellen könnte, sehr groß und damit bewege ich mich dann innerhalb kürzester Zeit in einem Gedankenkreislauf, mit dem ich mir selbst keinen Gefallen tue.

 
Ich erfuhr heute, dass ich auf der Arbeit aller Voraussicht nach nicht die Aufgabe, auf die ich mich schon ziemlich gefreut hatte, übertragen bekommen werde. Objektiv gesehen kann das passieren und braucht nichts bedeuten- es gab vielleicht einfach genug andere Menschen, die sich dazu bereit erklärt hatten.
Aber es nagt an mir. Nicht nur, weil ich mich darauf gefreut und mental darauf eingestellt hatte. Es nagt noch sehr viel mehr an mir, weil ich direkt bei dem Gedanken auskam, dass man es mir vielleicht nicht zutraut und zu dem Ergebnis gekommen ist, dass ich meine Sache nicht gut genug mache. Vielleicht ist einfach den Kollegen, mit denen ich zusammenarbeite, aufgefallen, wie viele Patzer mir unterlaufen, was ich alles nicht gut genug, nicht gründlich genug mache und bei wie vielen Dingen ich mich ungeschickt verhalte.


Ich denke, ich muss das nicht weiter ausführen, um deutlich zu machen, wie wenig ich mir mittlerweile verzeihen kann. Alles fühlt sich wie ein Fehler an und alles hätte ich noch ein wenig besser machen können. Und selbst wenn ich denke, dass ich vielleicht einfach zu perfektionistisch bin, dass ich zu viel von mir erwarte, dass ich nicht viel mehr Fehler mache als andere - kann ich das vor mir entkräftigen und denke, dass ich froh wäre, wäre ich tatsächlich perfektionistisch, dass ich in Wahrheit aber nur ehrlich und realistisch bin und dass ich im Grunde in der Vergangenheit sogar viel zu wenig von mir erwartet habe und dass ich nun mal deutlich mehr Fehler mache als andere Menschen.
An diesem Punkt hilft es mir meist nicht mal mehr, mich daran zu erinnern, dass ich meine Fehler nur so gut kenne, weil ich es mit mir und meinen Fehlern jeden Tag hautnah zu tun habe. Denn ich bin mir eben tatsächlich sicher, dass ich das alles nicht gut genug mache und dass es nur für mich gilt. Nicht für andere. Andere machen auch Fehler, aber meist vielleicht nicht ganz so schlimme und viele wie ich. Da bin ich mir sicher. Gleichzeitig bin ich mir aber auch sicher, dass ich da nicht so sicher sein dürfte und dass ich etwas mehr Selbstsicherheit empfinden sollte.


Und ja, das ist verletzend mir selbst gegenüber so über mich zu denken. Es fühlt sich ehrlich an und es fühlt sich wie die Wahrheit an. Aber einen Gefallen tue ich mir damit dennoch nicht, denn es folgt anschließend meist ein blinder Aktionismus mit tausend Punkten, woran ich unbedingt arbeiten muss.
Es ist nicht so, dass ich besonders unsicher oder ohne Selbstvertrauen wäre. Ich weiß mittlerweile, dass ich nicht so auftrete, dass man mir diese Form von vernichtender Selbstkritik zutrauen würde, aber es ändert herzlich wenig.


An sich ist diese Veränderung interessant. Noch vor einem halben Jahr habe ich so über mein Äußeres gedacht. Jetzt ist es immer mehr mein Charakter, über den ich so denke. Mir ist klar, dass sich mein Problem einfach nur verschiebt und verlagert, so als hätte ich vorher mein Gewicht vor allem auf das eine Bein gelagert, um nun zu wechseln und das andere etwas mehr zu belasten. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich, seit ich nun an meinem Arbeitsplatzwohnort wohne, jedes Mal ein neues Problem entwickel, auf das ich mich exzessiv konzentriere und mit dem ich mir das Leben schwer mache. Und in einem halben Jahr ist es dann wieder etwas anderes. Ich mach mir damit nichts irgendwie leichter und ich versuche mir selbst da mit viel Vernunft zu begegnen. Viele gute Argumente, die zeigen, dass nicht alles an mir schlecht ist und dass ich vieles gut mache. Und ich versuche zu verstehen, woher das kommt, dass ich offenbar derartige Minderwertigkeitsgefühle habe. Aber ich weiß es nicht recht. Vielleicht ist es in Wirklich vor allem das, woran ich dringend arbeiten muss. Noch ein Punkt auf der Liste der tausend Punkte.

6.9.17 16:32

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