Erbärmlich

Ohne es nachgeguckt zu haben, weiß ich, dass ich diese Art von Eintrag schon viel zu oft geschrieben habe.
Diese Art von Eintrag, die ich Mitten in der Nacht (halb 2) schreibe, im vollen Bewusstsein, dass ich am Morgen eine fünfstündige Fahrt von dem einen Bundesland zum anderen antreten werde und dafür Schlaf dringend nötig hätte. Die Art von Eintrag, die ich mir im Gegensatz zu anderen Einträgen mit hoher Wahrscheinlichkeit nie wieder durchlesen werde, weil es mir zu weh tut. Die gleiche Art von Eintrag, die ich jedes Mal erst schreibe, nachdem ich bereits einige erfolglose Einschlafversuche und etliche Panikattacken hinter mir habe, sodas ich jedes Mal komplett tränenverschmiert und resignierend am Computer sitze, um mir das alles von der Seele zu schreiben. In der Hoffnung, dass ich danach irgendwie einschlafen kann.
Und jedes Mal die gleiche Erkenntnis: Das geht schon viel zu lange so.


Und es wird nicht besser. Eher im Gegenteil. Ich habe das Gefühl, dass es mit jedem erbärmlichen Mal, mit dem ich mich damit abfinden muss, mich am nächsten Tag wieder ins Auto setzen zu müssen, um an einem Ort zu arbeiten und zu leben, an dem ich nichts von beidem tun möchte, schwieriger, schlimmer und unerträglicher wird.
Und jedes Mal heule ich auf's Neue und steigere mich hinein bis irgendwann der Sauerstoff knapp wird, sodass ich mich aus einer Sauerstoffnot heraus für eine kurze Zeit lang beruhige, bis wieder genug da ist, damit es erneut von vorne losgehen kann. Und jedes Mal der gleiche Gedanke: Das kann ich nicht mehr lange so machen. Ich ertrage das nicht mehr.


Es ist nicht so, dass ich mich diesem Gefühl komplett hilflos hingeben würde und in Selbstmitleid aufgehen würde. Ich finde meine Situation gerade so erbärmlich, weil ich weiß, wie viele Leute Mitleid mit mir haben, sobald sie hören, wie weit ich von meiner Heimat entfernt lebe und zumindest für einen kurzen Moment lang einen Eindruck davon gewinnen, was das für mich bedeutet. Das ist wohl auch der Grund, warum ich es meist gegenüber anderen Leuten runterspiele und so tue als hätte es auch ein paar gute Seiten. Mir fällt es schwer, allein bei dem Gedanken, dass das gute Seiten für mich haben könnte, nicht direkt auszuflippen. An dieser Situation ist für mich überhaupt nichts gut. Dadurch, dass ich das selbst bewirkt habe, indem ich vor bald neun Jahren mich selbst dazu entschieden habe, in einem anderen Bundesland zu studieren, wird es nicht weniger erbärmlich. Ich bin an dieser Situation selbst schuld. Nicht komplett, denn so dreckig wie in den letzten zwei Jahren geht es mir erst, seit man mich "zwangsversetzt" hat, aber zumindest zu einem Teil.


Und an solchen Abenden wie diesem ist für mich auch recht offensichtlich, dass diese ganzen Probleme, die ich nun seit zwei Jahren entwickel, all diese Zustände, die aus meiner Sicht Möglichkeiten wie eine Gesprächstherapie immer dringlicher machen, erst damit begonnen haben und ein Resultat dieses unerträglichen Heimwehs sind. Ein Resultat der Einsamkeit, die ich an meinem derzeitigen Wohnort empfinde und die auch nicht vergehen will, egal, wie sehr ich mir meine Freizeit mit Kontakten und Aktivitäten zustopfe. Es ist eine Einsamkeit, die ich auch in Gegenwart anderer Menschen empfinde. Es ändert nichts.


An solchen Abenden gehe ich alle meine Möglichkeiten durch. Jede Möglichkeit, die bewirken könnte, dass man mich gehen lässt. Nur um jedes Mal festzustellen, dass man mich nicht gehen lassen wird und ich weiß allmählich nicht mehr, wie ich damit umgehen soll. Für mich spitzt sich das alles immer mehr zu. Manchmal so sehr, dass ich mir überlege, all die Vorteile, all die Privilegien, die ich durch meine Stellung habe, aufzugeben und alles auf Risiko zu setzen, nur um eine Chance zu haben, wieder dauerhaft in meiner Heimat zu sein. Bisher bin ich noch von der tatsächlichen Umsetzung entfernt, weil ich weiß, dass ich das eines Tages ebenso bereuen könnte. Wenn ich aber bedenke, dass ich nun seit über einer halben Stunde Rotz und Wasser heule, sodass der Berg vollgeschniefter Taschentücher neben mir stetig weiterwächst und ich doch das Gefühl habe, mich immer weiter von der Chance auf Schlaf zu entfernen, frage ich mich, ob dieses Risiko nicht am Ende der einzige richtige Weg sein wird. Aber ich bin nicht der Typ Risiko. Ich gehe keine Risiken ein, ich gehe immer den sicheren Weg. In dem Fall den Weg, der seit zwei Jahren dazu führt, dass ich durchschnittlich alle sechs bis acht Wochen derartige Einträge schreibe, heule und Panikattacken habe.


Morgen fahre ich also zurück. Mir geht's beschissen damit - tut mir leid für die Wortwahl, aber es ist in diesem Zusammenhang das ehrlichste Wort, das ich wählen kann.
Am Abend treffe ich mich mit K-Kollegin und Küken-Kollegin zum Essen. Eventuell kommt sogar Snickers-Kollege später noch dazu. Und ja, meine Freude, sie wiederzusehen, ist wahnsinnig groß, denn ich mag diese Menschen und sie sind mir ans Herz gewachsen. Aber auch diese Freude ändert nichts. Es ändert nichts daran, dass ich morgen beim Essen immer wieder daran denken werde, dass ich gern woanders wäre und dass ich ein paar Mal, wenn es nur im Entferntesten um meinen Urlaub in der Heimat, meine Heimat an sich oder um meine Situation geht, damit zu kämpfen haben werde, nicht gereizt und fies zu reagieren, um in Wirklichkeit nicht einfach vor Ort in Tränen auszubrechen.


So. Ich glaube, ich kann jetzt zumindest schlafen. Die letzten Tränen sind schon vier oder fünf Minuten her. In nicht mehr ganz so vielen Stunden klingelt der Wecker.

6.9.17 23:49

Letzte Einträge: gefühlt, Unerwartet, Was will ich? , Egozentrisch , Fragen, Fragen, Fragen. Und keine Antworten.

bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


PP (8.9.17 17:48)
Schreib mir doch einfach mal eine Mail:

herzkoma@web.de

Es geht um Freundschaft, die ich dir anbiete. Mehr kann ich erstmal nicht für uns tun.


Exhausted (9.9.17 19:55)
PP, das ist jetzt das dritte Mal, dass du mir deine Mailadresse schickst, damit ich dir schreibe. Und es ist gleichzeitig auch die dritte Adresse. Wie viele hast du denn davon? Bist du vom Sternzeichen Zwilling oder vergisst du einfach häufig Passwörter? Lass dich nicht von mir ärgern - ich finde es einfach interessant, dass du so viele unterschiedliche Mailadressen hast, aber eine Mailfreundschaft mag ich gerade nicht.


PP (13.9.17 16:20)
Ich hab eine Homepage, wo ich alle meine Texte gegensichere und wo eigentlich alles steht, was ich je geschrieben habe und eine Homepage, wo ich meine Sternengedichte schreibe, weil ich den Nachthimmel liebe und hab ein Blog bei wordpress, wo ich neue Gedichte schreibe und mich mit vielen austausche und hab ein Amazon-Account, wo ich meine Rezensionen schreibe. Und zu allen gehört eine eigene Mailadresse. Das ist alles.

Ich wollte dich wirklich nicht belästigen, sondern dir eine Möglichkeit schenken, mal einen wahren Freund kennen zu lernen, der immer da ist, nicht sofort, aber vielleicht über die Zeit des näheren Kennenlernens.

Ich gestehe, es war aus Mitleid mit dir: Mein Herz hatte wieder über meinen Verstand gesiegt. Verzeih mir. Du wirst nie mehr von mir hören. Aber ich wünsche dir Glück und Zuversicht und Mut und Kraft ..


Exhausted (13.9.17 16:34)
Vielleicht ist das der Punkt. Wer möchte eine Freundschaft aus Mitleid? Ich jedenfalls nicht. Kann man dann überhaupt von wahrer Freundschaft sprechen? Wohl kaum.


Ich möchte eben wahre Freundschaft und keinen Internetfreund. Das hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun, auch wenn es nur zu einfach ist, sich da etwas vorzumachen.


Schade, dass du das direkt so persönlich nimmst.


Liebe Grüße!
Exhausted

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