Aber ich tue es.

Etwa zu Beginn des Jahres, als mein Heimweh wieder besonders groß war und ich das ein wenig zu sehr nach außen trug, nahm mich einer meiner Kollegen zur Seite. Er gehört zu der älteren Generation an meinem Arbeitsplatz, ist bekannt für seine Individualität und dafür, dass er für alles seine eigene Art, seine eigenen Regeln und sein eigenes Verhalten hat. Er lebt schon eine ganze Weile hier, auch wenn das nie so geplant war.
Er gab mir 'damals' den Rat, es nicht mehr allzu sehr zu zeigen und wies mich darauf hin, dass es Menschen gibt, die ihr ganzes Leben lang schon hier leben und es mir übel nehmen, wenn ich ihre Heimat schlecht mache. Ich reagierte damals entrüstet und sagte ihm, dass ich doch niemandem die Heimat schlecht machen wolle und dass meine Gefühle gegenüber dieser Gegend weniger etwas mit der Gegend an sich zu tun haben und sehr viel mehr damit, dass ich hier leben muss und dass mir das Leben, das ich hier führe, einfach nicht gefällt.
"Jaja, weiß ich schon, trotzdem, ich sag's dir. Du musst das wissen, ich wollte dir nur einen Rat geben."



Es geschah zwar äußerst widerwillig, aber ich folgte seinem Rat. Ich wollte nicht, dass ich am Ende noch Ärger bekommen würde. Also schluckte ich all meinen Ärger und Kummer hinunter und verbrachte die Tage und Wochen darauf damit, meine Aussagen zu relativieren. Eine Zeit lang, wenn Menschen mich auf meine Einstellung zu meinem Leben hier ansprachen, entkräftete ich meine vorherigen Aussagen. Ich nahm vieles zurück, nahm meinen Worten die Schärfe, wenn auch nie ihre eigentliche Aussage. Dennoch fiel ich mir selbst komplett in den Rücken. Aber dafür lachte ich mit den Kollegen, lächelte, redete, plauderte. Und keiner musste sich mehr Gedanken machen, ob ich vielleicht gerade verdränge, wie es mir hier geht.


Heute, als ich einen Termin außerhalb der Arbeit hatte, fragte mich eine sehr freundliche Frau, mit der ich gelegentlich ins Gespräch komme, wie lange ich denn vorhätte, noch hier zu bleiben:
"Wenn es nach mir geht, bin ich so schnell wie möglich hier weg.",
murmelte ich.
Sie reagierte erstaunt. Als wäre das völlig abwegig, dass ich hier ernsthaft wegwollen könnte. Ich erklärte ihr das, versuchte gleichzeitig alles zu relativieren, damit sie meine Worte nicht persönlich nehmen würde. Sie lachte und erklärte mir, dass das doch okay sei, dass ich das so sehe. Aber ich hatte gleichzeitig nicht den Eindruck, dass sie nur im Entferntesten verstand, was ich meinte. Einfach, weil sie so eine ganz andere Sicht auf die Dinge, auf die Gegend, auf das Leben hier hat.


Dann schrieb ich vorhin mit einer Freundin, die ich hier sehr ins Herz geschlossen habe. Ja, es gibt Menschen hier, die mir etwas bedeuten. Keine Frage. Aber sie führen alle ihr eigenes Leben und spielen in meinem überwiegend nur auf der Arbeit eine Rolle. Ich weiß, dass auf der Arbeit kaum einer ahnt, wie es mir wirklich geht. Keiner dort ahnt, dass ich vor allem im Moment wieder jeden Nachmittag und Abend, sobald ich wieder in meiner Wohnung bin, damit verbringe, zu heulen, zu verzweifeln und darauf zu warten, dass eine Lösung vom Himmel fällt. Jeder sieht mich lachen, sieht mich witzeln und scherzen, sieht mich in lockeren Unterhaltungen und im Schlagabtausch mit K-Kollegin und offenbar schließt man daraus, ähnlich wie diese Freundin, dass ich aufblühe und dass es mir richtig gut geht. Was für ein Trugschluss. Und was für eine Ironie. Keiner scheint auf die Idee zu kommen, dass ich nur so sein kann, solang Menschen in meiner Nähe sind. Und dass ich, sobald ich die Arbeit verlasse, nicht mehr so bin.


Irgendwie platzte der Ärger aus mir heraus. Ich machte ihr deutlich, wie viel schlimmer es für mich ist durch die Entscheidungen, die auf der Arbeit in den letzten zwei Tagen getroffen wurden. Zu deutlich. Meine Worte waren selbstbezogen und empathielos.


Ich erwischte sie quasi völlig kalt mit meiner Abneigung gegenüber diesem Leben hier, denn sie hatte eben nichts davon geahnt. Ich verstehe, dass ich sie gekränkt hatte. Sie reagierte damit, dass sie zum Studieren nie weit weggezogen sei, weil sie eben gewusst hatte, dass sie in Heimatnähe bleiben wollen würde und dass es mir, als ich damals so weit weg zum Studieren zog, hätte klar sein müssen, dass ich eine Weile nicht in meiner Heimat sein würde. Das traf mich. Mehr alles anderes, denn ihre Vorwürfe sind denen, die ich mir selbst seit zwei Jahren mache, sehr ähnlich. Ich reagierte nicht weniger empathielos als vorher. Erklärte ihr, dass ich diese Entscheidung von damals dementsprechend auch bereue. Und machte alles nur schlimmer damit.


Es stimmt schon, dass Hass blind machen kann. Vielleicht macht es mich meiner, mein Hass, den ich hier gegenüber diesem Leben empfinde und gewissermaßen auch gegenüber mich selbst.


Als die Kränkung in ihren Worten immer deutlicher wurde - eine Gekränktheit, die ich von ihr bisher nicht kannte, weil sie sonst so umgänglich ist -, zog ich die Notbremse. Ich entschuldigte mich für meine Worte und dafür, dass ich sie so gewählt hatte, dass es damit unvermeidlich war, dass ich sie kränken würde. Ich meinte, zu verstehen, was sie so gekränkt hatte und machte ihr deutlich, dass sie und die anderen Menschen, mit denen ich mich hier angefreundet habe, sehr viel bedeuten und dass ich ihre Freundschaft (und die der anderen Menschen) sehr zu schätzen weiß. Das tue ich. Aber sie führen eben dennoch ihr ganz eigenes Leben hier. Ich fühle mich die meiste Zeit einsam und lediglich die Zeit auf der Arbeit unter all den Menschen lenkt mich davon ab, wie schlecht es mir hier eigentlich geht. Es war damit irgendwie auch logisch, dass für sie nicht klar war, wie es mir hier geht.


Ich mache die ganze Zeit diesen Spagat. Ich will niemanden mit meinen Worten, mit meinen Gefühlen und meiner Einstellung verletzen. Aber ich tue es. Offensichtlich und immer wieder. Ich will mich selbst auch nicht verraten, indem ich nicht einfach ehrlich sage, was mit mir los ist und wie es mir hier geht. Aber ich tue es. Immer wieder.


Ihre letzten Worte waren sehr versöhnlich und verständnisvoll. Ich hoffe, sie hat verstanden, dass ich es nicht böse meinte und dass ich sie nicht kränken wollte. Und ich hoffe, sie nimmt es mir nicht übel.


Keine Ahnung, wie das alles weitergehen soll. Ja, ich habe diese Entscheidung vor acht Jahren getroffen. Die Entscheidung, die erst bewirkt hat, dass ich jetzt hier sitze, heule und verzweifle. Aber vor acht Jahren war diese Entscheidung wirklich gut und wirklich richtig. Ich will keine Entscheidung bereuen, die für mich eigentlich genau mal das Richtige war. Aber ich tue es.


Seit diesem Konflikt vorhin sind die Tränen wieder da. Ich habe das Gefühl, es gerade nur falsch machen zu können. Entweder stoße ich den Leuten vor den Kopf oder aber ich bemühe mich, nicht zu zeigen, wie es mir geht. Beides ist keine Option. Was ist eigentlich, wenn man nur zwei Optionen hat und beide nicht in Frage kommen?

13.9.17 21:15

Letzte Einträge: Unscheinbar, tausend Punkte, Zu viel, Vergangene Zeit , Sich fallen lassen , Der richtige Mensch

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Exhausted (14.9.17 22:13)
Danke für deinen Kommentar. Ich habe ihn nicht etwa gelöscht, weil ich ihn nicht geschätzt hätte. Auch wenn ich schon mal meinen Beruf hier erwähnt hab, möchte ich ihn einfach nicht mehr so ersichtlich für alle hier stehen haben. Ich hoffe, du verstehst das.
Deinen Kommentar habe ich mir aber ehrlich zu Herzen genommen.

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