Weißt du noch?

Weißt du noch, als wir uns das erste Mal sahen? Ich wollte einfach nur einen schönen Abend mit Freunden genießen und rechnete nicht damit, dass ich jemanden wie dich treffen könnte. Jemand, dessen Lächeln mich so begeistert. Jemand, der ein Funkeln in den Augen trägt, das mich mitreißt, mich auffordert, herausfordert. Ich glaube, das habe ich vom ersten Moment an wirklich an dir geliebt. Du hattest diese unglaubliche Ausstrahlung, mit der du mich angezogen hast, wie das Licht die Motte. Wenn du mich so angesehen hast, war alles andere vergessen und ich konnte mich tief in deinen Augen verlieren.


Weißt du noch, wie wir damals miteinander redeten, versunken in unseren persönlichen Gesprächen und nicht bemerkten, wie das Leben um uns herum weiterging? Ich konnte nie den Moment vergessen, in dem sich deine Hand auf mein Bein legte. Versteckt, unter dem Tisch, unsichtbar vor den Blicken anderer. Mein Atem stockte und mein Herz setzte für einen winzigen, euphorischen Moment aus. Du hattest mich kalt erwischt. Scheu und unsicher schaute ich dich an und sah dieses Lächeln, charismatisch, ehrlich. Fragend - ehe meine Hand deine berührte. Innerlich glühte ich und da war dieses Hüpfen in meinem Bauch, das mir zeigte, wie sehr mich allein deine Berührung erregte. Ich habe nie verstanden, wie es der Welt um uns herum im Verborgenen bleiben konnte, hätte ich doch gedacht, dass man mein Herz laut klopfen hören konnte, dass mein Gesicht ganz rot sein müsste oder dass zumindest unsere flüchtigen Blicke uns verraten hätten. Aber im Grunde war es ohnehin egal - ich fühlte mich so sicher, mit deiner warmen Haut an meiner, so natürlich, so vertraut und so furchtbar aufregend.


Weißt du noch, wie wir uns das erste Mal so richtig nahe kamen? Ich war mir meiner Sache keinen Moment lang sicher, befürchtete ich doch, du könntest mich zurückweisen. Nie hatte ich mich zuvor getraut, selbst diesen einen Schritt zu gehen. Und noch während wir uns ansahen und ich das Gefühl hatte, dass alles um uns herum knisterte, schloss ich meine Augen und drückte meine Lippen auf deine, vorsichtig. Hoffnungsvoll und ängstlich zugleich. Ehe ich mich versah, erwidertest du den Kuss, fest, bestimmt und zärtlich, bis unsere Körper immer mehr zu einem verschmolzen. Es fühlte sich an, als wären Ewigkeiten vergangen, ehe wir uns voneinander trennten. Wunderschöne Ewigkeiten, von denen ich mir gewünscht hätte, sie hätten nicht so bald enden müssen.


Ich war mir so sicher, so sicher, wie ich es noch nie gewesen war, dich unbedingt zu wollen. Mit allem, was du warst. Alles an dir schien so wundervoll. Dein Charme, dein Verstand, dein Herz, deine Ehrlichkeit, dein Gemüt. Du gabst mir das Gefühl, wunderschön und begehrenswert zu sein. Du gabst mir Sicherheit, Liebe, Vertrauen und Geborgenheit und ich wollte nichts sehnlicher, als es dir tausendfach zurückgeben zu können.


Weißt du noch? All die schönen kleinen Augenblicke? Manchmal brachtest du mir Schokolade mit, wenn du ahntest, dass ich welche brauchen würde. Einmal, als ich so furchtbar traurig war, machtest du diesen blöden Witz und wir konnten nicht mehr aufhören zu lachen und als es uns endlich gelang, küssten wir uns, wild und stürmisch, voller Lebensfreude. Erinnerst du dich noch daran, wie wir im Park unterwegs waren, mitten in der Nacht? Meine Hand in deiner. All die Momente, in denen wir nichts anderes brauchten als einander. Es scheint so ewig lang her zu sein.


Ich liebte dich, aus voller Überzeugung, ohne Zweifel. Ohne Netz und doppelten Boden. Mir war immer klar, ich würde fallen können, doch wusste ich, egal, was mich zum Fall bringen könnte, würdest du mich doch auffangen. Ich rechnete aber nicht damit, dass du es sein würdest, der mich zum Fall bringen könnte.


Was ist passiert? Weißt du es noch? Jahre vergingen, wir redeten, wir liebten, wir stritten, wir versöhnten uns, wir lachten, wir weinten, wir lebten und erlebten, wir waren für einander da, und irgendwann hatte ich das Gefühl, fest zu dir zu gehören. Wir bauten unsere eigene gemeinsame Welt auf, zogen zusammen, heirateten, bekamen wundervolle Kinder. Mein Leben war perfekt. Deines auch?


Aber sag mir: Was ist dazwischen passiert, zwischen damals und heute? Wann haben wir diesen Punkt verpasst, an dem wir einander allmählich verloren und es nicht mal bemerkten? Wann verloren wir uns aus den Augen? Wann begann es, dass wir nebeneinander lebten und nicht mehr miteinander?


All die Jahre, in denen wir Probleme lösten und immer wieder neue kreierten, in denen wir uns versöhnten und einander immer wieder neue Stiche versetzten, schmerzhaft und gemein. Wann bekamen wir das Gefühl, nicht mehr verstanden zu werden?
Wenn ich dich ansehe, denke ich, wie alt du geworden bist. Wie konnte mir das bloß entgehen? Du hast immer noch dieses Lächeln und ich habe noch die dumpfe Erinnerung daran, wie du darin mal tausend Schmetterlinge in mir zum Flattern gebracht hast. Das Alter hat Spuren in deinem Gesicht hinterlassen, die mir deutlich machen, was wir alles gemeinsam durchlebt und überstanden haben, vielleicht auch diese Beziehung.


Wie könnte ich sagen, dass ich dich nicht mehr liebe? Wir sind doch mehr als irgendeine Verliebtheit, stärker als irgendeine flüchtige Begegnung.

Vielleicht wäre es besser, ich hätte es nie erfahren. Liebst du sie? Ich weiß nicht, ob ich es wissen will. Nein, will ich nicht, aber ich muss. Tust du es? Wie kannst du sagen, dass du es natürlich nicht tust? Bist du ehrlich? Wie kann ich mir jemald noch mal sicher sein, du wärst es? All die Momente, in denen ich dich fragte, was los sei und du antwortest, es sei nichts. All die Augenblicke, in denen du dir dein Handy schnapptest und dir Mühe gabst, mich nicht sehen zu lassen, wem du deine Zeit widmest. All die Tage, an denen ich allein in unserem Bett einschlief, ahnungslos, in Gedanken bei dir und du im Bett mit einer anderen.


Was konnte sie dir geben, was ich nicht habe? Ist sie schöner als ich? Jünger? Ist es das? Hör auf, mir zu erklären, dass ich das nicht verstehe und dass du mich nie verletzen wolltest. Das hast du. Zutiefst. Genüge ich dir noch? Ich habe das Gefühl, ich tue das schon lange nicht mehr. Genügst du mir noch? Ich weiß es nicht.


Lass mich eine Szene machen. Ich habe das verdammte Recht, dir eine Szene zu machen. Ich habe alles auf uns gesetzt und sehe jetzt ein, das wir vielleicht das Mindeshaltbarkeitsdatum überschritten haben.


Wie ich soetwas sagen kann? Wie könnte ich nicht! Nur eine Affäre, sagst du. Klar sagst du das. Wäre es nur eine Affäre, wäre es ein Problem? Hättest du es mir gesagt, wäre es kein Problem? Warum musstest du es mir sagen? Gibt es einen Grund dafür?


Du kannst so nicht weitermachen, sagst du. Ich fühle wie du.
Ich weiß nicht, wie oft du mich noch fragen möchtest, was nun ist. Weiß ich nicht. Wie sollte ich es wissen können? All die Zeit, die wir uns jetzt schon kennen, in der wir uns einander vertraut gemacht haben. Vertraut.


Wie könnte ich versuchen, so zu tun, als wären wir nun geschiedene Leute? Verlasse ich dich, habe ich das Gefühl, mich selbst zu verlassen, zu verlieren. Ich kenne mich nur noch mit dir, ich kenne nur noch uns. Wer bin ich ohne dich? Kann ich ohne dich sein? Bleibe ich bei dir, habe ich den Eindruck, mich selbst zu betrügen, nachdem du das getan hast. Kann ich dir vorwerfen, alles aufs Spiel gesetzt zu haben? Wir hatten uns wohl schon längst verloren. Können wir uns zurück gewinnen?
Vielleicht war ich mir so sicher, dein Herz erobert und gepachtet zu haben, dass ich nicht gedacht hätte, jemand anderes hätte noch Platz darin. Wie kannst du das abstreiten? Ich war lang genug zu blind, um nun nicht doch zu versuchen, hinzusehen.


Also sehen wir der Tatsache ins Auge: Wir sind zwei Menschen, die einander liebten und vertrauten. Weißt du noch? Ich bin mir schon viel zu lange nicht mehr sicher, ob ich das nicht geträumt habe. Ob wir das schaffen können? Ich weiß es nicht, wie könnte ich auch. Ich weiß noch, dass es da mal nur uns gab. Du und ich, in dieser staubigen Kneipe, deine Hand auf meinem Bein und kein Platz zwischen uns für den Rest der Welt. Das ist, was war.

12.10.16 00:10

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