Verloren

Manchmal, wenn man im Bett liegt und einschlafen möchte, kreisen die Gedanken. Man denkt an alles und nichts und während der Körper sich in dem Moment nach nichts mehr sehnt als nach Schlaf, ist der Geist plötzlich hellwach.


Und kaum eine Minute später erwische ich mich, wie ich die Beine aus dem Bett schwinge und ein paar alte Taschen nach etwas Bestimmtem durchsuche, während ich über mich selbst den Kopf schüttel, weil ich weiß, dass es auch bis morgen Zeit hätte. Theoretisch. Aber manchmal wollen die Dinge nicht aufgeschoben werden, nicht, wenn sie einem am Herzen liegen. Dinge, die einem am Herzen liegen, schiebt man nicht gerne auf.


Vor etwa sechs Jahren war ich noch über beide Ohren in Mr. Nevermind verliebt, wir waren gerade etwas über ein Jahr zusammen. Ich ahnte damals noch nicht, dass er mir ungefähr zwei Jahre später vorwerfen würde, dass ich ihn nie geliebt habe, um mir ein weiteres Jahr später zu verkünden, dass er mich nie geliebt habe. So ist es mit der Zukunft. Sie spielt in der Gegenwart keine Rolle. Wir glauben das oft nur. So gesehen weiß ich auch nicht, ob das, was damals folgte, wirklich für das, was vorher war, eine Rolle spielt.
Mr. Nevermind war mein Fels in der Brandung. Der Mensch, dem ich jedes Wehwehchen und jeden erschütternden Gedanken anvertraute. Er gab mir eine Menge Sicherheit und es gab eine lange Zeit, da konnte ich ihn mir nicht wegdenken aus meinem Leben. Er war ein wichtiger Teil davon und auch ein wichtiger Teil von mir.
Damals lebte ich noch in Weitweg und ich hatte eine Phase, in der ich nicht gerne heim fuhr, weil ich jeden Moment mit Mr. Nevermind genießen wollte. Im Nachhinein kann ich darüber nur die Augen verdrehen und vor allem ärgere ich mich immer noch über mich selbst, weil ich meiner Mutter damit damals auch wiederholt heftig vor den Kopf stieß. Um mich allerdings nicht für den Rest meines Lebens deswegen mit einem schlechten Gewissen zu quälen (durchaus nicht völlig unrealistisch bei mir), habe ich das irgendwann abgehakt unter "jugendlichem Egoismus". Ich war verliebt. Heute weiß ich, dass das nicht bedeuten muss, alles auf eine einzige Person auszurichten.


Vor sechs Jahren beschloss ich, wieder länger daheim zu bleiben und zwar während der kompletten Semesterferien. Vor allem für die lange Zugfahrt kaufte ich mir einen günstigen Mp3-Player. Es war eigentlich bereits die Zeit da, dass man Musik von seinem Handy aus abspielte und hörte. Ich fand aber einen Mp3-Player praktischer.


Mr. Nevermind nahm noch am gleichen Abend den Mp3-Player und lud mir Musik darauf. Er erzählte nebenbei, er habe in seinen früheren Beziehungen den jeweiligen Freundinnen CDs selbst zusammengestellt. Als ich erwähnte, dass er sowas auch mal für mich machen könne, entgegnete er nur:
"Ich stell dir gerade Musik auf deinem Mp3-Player zusammen. Das ist doch noch viel besser."
Damals wie heute werte ich das als eine Mr.Nevermind-typische Aussage, um sich nicht zusätzlich Arbeit machen zu müssen. Aber gleichzeitig führte es dazu, dass ich die Musik darauf immer als ein Stückchen von Mr. Nevermind wahrnahm. Etwas Persönliches, das er mir gegeben hatte, damit ich es während der achtstündigen Zugfahrt ohne ihn würde aushalten können.


Die Musik darauf wurde nie verändert. Irgendwann in den Jahren darauf wurde der Mp3-Player überflüssig. Er landete irgendwo in der Unordnung meiner Dinge und die Beziehung mit Mr. Nevermind zerbrach. Das stimmt so eigentlich nicht. Sie zerbrach nicht, sie schlief irgendwann ein und im Gegensatz zu mir schaffte er es, die Sache zwischen uns zu beenden statt sie künstlich am Leben zu erhalten.


Gestern beim Einschlafen dachte ich darüber nach, dass ich eine Möglichkeit finden sollte, während des Sports Musik zu hören. Und dann dachte ich an den Mp3-Player und daran, dass ich die Musik darauf bestimmt schon seit vier oder fünf Jahren nicht mehr gehört habe.


Also huschte ich in der Nacht durch meine Wohnung auf der Suche nach diesem Stück, das aus unserer Beziehung übrig geblieben war.
Ich fand es recht bald, abgelegt zwischen einer Menge alter Technikkgeräte und anderer Dinge, die ich vermutlich nie wieder benutzen werde, aber aus irgendeinem Grund dennoch besitze. Ich kann mich nicht gut trennen.
Das Kabel dazu fand ich leider nicht mehr, aber es spielte keine Rolle für mich. Ich konnte beruhigt in dem Wissen einschlafen, diesen Mp3-Player wiedergefunden zu haben.
Bevor ich den Eintrag schrieb, fand ich bei einem weiteren Versuch auch das spezielle USB-Kabel dafür. Nur um festzustellen, dass das Gerät offenbar nicht mehr funktioniert.


Nun... Der Moment, in dem ich feststellte, dass das Gerät zwar offensichtlich hinüber ist und nicht mal mehr eingeschaltet werden kann (ein Umstand, der mich wenig verwundert, wenn ich meinen Umgang damit, den damaligen Preis und die damit assoziierte Qualität berücksichtige), aber die Musik dafür noch problemlos auf den Rechner kopiert werden kann... war ein Moment voller Erleichterung. Es macht die Erinnerung an das, was war, wieder etwas greifhafter.


Ich stellte heute fest, dass der Tag, an dem er mir das alles auf das Gerät lud, direkt zwei witzige Zufälle beinhaltet: Das Datum enthält meine Lieblingszahl. Und ich kam ein paar Jahre später an genau diesem Tag mit meinem zweiten Freund zusammen. Zufälle dieser Art erheitern mich.


Meine Neugier ist nun gestillt, denn gestern noch trieb mich auch die Frage an, was sich wohl an Musik darauf befinden könnte. Nun. Die Antwort ist: so ziemlich alles. Unter anderem deutsche Musik, Rock, Pop, schnulzige Musik (deutsche ebenso wie englische), ein wenig Reggae und etwas Metal. Bekannte Musik, weniger bekannte, damals absolut aktuelle genauso wie bereits veraltete.
Unter den Interpreten, deren Musik sich auf dem Mp3-Player befindet, sind auch meine damalige absolute Lieblingsband und all die Bands, deren Lieder wir bei gemeinsamen Autofahrten rauf und runter gehört haben, während wir sie laut zusammen gesungen haben.
Im Grunde spiegelt all das meine Erinnerung an Mr. Nevermind und mich perfekt wider. Denn meine Erinnerungen an unsere Zeit sind wie ein Konzert, bei dem sämtliche Musikrichtungen berücksichtigt werden. Ein buntes Gemälde, das so sehr mit unterschiedlichen kontrastreichen Farben zugeschüttet wurde, dass es dem Betrachter stark in den Augen schmerzt.


Es beruhigt mich, wieder darauf zurückgreifen zu können. Zu wissen, dass das nicht verloren ist. Ebenso wie die Zeit, die wir damals hatten, zumindest für mich nicht verlorene Zeit war.


Ich weiß, dass es an Absurdität grenzt, ein halbes Jahr nach dem Scheitern einer Beziehung plötzlich das Gefühl zu haben, die Beziehung, die davor war (und deren Ende bereits 3 1/2 Jahre zurückliegt - so lang, wie die Beziehung selbst gedauert hat), aufarbeiten und abschließen zu müssen.
Ich dachte ehrlich immer, es gäbe nichts für mich, womit ich aus dieser Zeit noch abschließen müsste. Wir waren zusammen, wir waren eine Weile glücklich, eine Weile unglücklich und dann waren wir nicht mehr zusammen und gingen getrennte Wege. Eine ganze Zeit lang immer noch im engen freundschaftlichen Kontakt, aber dennoch mit reichlich Entfernung zwischen uns.


Heute habe ich überhaupt nicht das Gefühl, damit abgeschlossen zu haben. Seltsam. Vielleicht bin ich jetzt erst in meinem Leben an dem Punkt, dass ich dafür bereit bin, manches, was damals geschah, zu reflektieren. Vielleicht bin ich auch erst in meiner persönlichen Entwicklung soweit, mich mit manchen Dingen, die damals bereits relevant waren, auseinandersetzen zu können.


In den letzten Monaten träume ich häufig von Mr. Nevermind. So träumte ich zum Beispiel, er würde vor der Haustür meiner jetzigen Wohnung stehen und zwar genau so, wie er während unserer Beziehung war: kräftig, selbstbewusst, lächelnd. Jemand, der nur mit seiner Präsenz den Raum einnimmt. Ich rannte auf ihn zu und ließ mich in eine seiner Umarmungen fallen. Seine Umarmungen habe ich damals über alles geliebt, denn egal, wie stürmisch ich auch war, er konnte mich immer halten und egal, wie sehr ich das Gefühl hatte, dass ich in irgendeinem Stress unterging, hatte ich doch immer Mr. Nevermind, der allein mit eine seiner Umarmungen mir das Gefühl von Sicherheit und Halt gab.
Eine Nacht später träumte ich, ich sei wieder mit Mr. Nevermind zusammen. Aus irgendeinem Grund war er Tage lang innerhalb des Traums weg und tauchte in unserer Wohnung auf, unfreundlich, abweisend und wortkarg. Ich begrüßte ihn stürmisch und zeigte ihm, welche Sorgen ich mir gemacht hatte - und kassierte sogleich eine Abfuhr, weil er mir vorwarf, ich übertreibe, dramatisiere und meine Reaktion sei unnatürlich. Das Ganze wiederholte sich innerhalb dieses Traumes mehrmals.


Es zeigt gut, wie unsere Beziehung damals war. Oft gab es kein Wir und stattdessen nur ein Ich. Mr. Nevermind tat viel für mich, hörte mir zu, tröstete mich, fing mich auf, war mir eine große Stütze und alles in allem war er damals der Mensch, den ich brauchte. Ich bewundere im Nachhinein die Geduld und die Ruhe, die er oft hatte, wenn er mit mir umging. Aus der Erinnerung heraus weiß ich aber auch, dass ich das damals nicht immer als Geduld sondern an schlechten Tagen eher als Gleichgültigkeit wahrnahm.
Denn dass er ein mich sehr unterstützender Freund war, ist nur eine von vielen Wahrheiten. Eine weitere ist, dass immer nur alles okay war, solang es um mich ging. Stellte ich ihm eine persönlichere Frage oder wollte etwas über ihn wissen, befand ich mitten auf einem Minenfeld. Ich durfte vieles nicht fragen und vieles erfuhr ich erst so nebenbei. Bei manchen Dingen half ich ihm. Aber auch hier galt: Sobald ich eine Frage zu viel stellte und ein Mal zu viel meine Sorge äußerte, wurde ich abgewiesen. Ich fühlte mich damals oft wie eine nervende Mutter und das Gefühl, ganz offensichtlich völlig ausgegrenzt zu werden, tat mir recht weh. Es gab viele solcher Situationen.


Das soll kein Eintrag werden, in dem ich Mr. Nevermind schlecht davon kommen lasse. Wenn ich an ihn denke, ist mein Herz immer noch mit einer Art von Liebe erfüllt, von der ich denke, dass sie vermutlich nie völlig verschwinden wird. Warum sollte ich auch? Ich habe mich selbst damals so sehr geliebt und war so glücklich mit mir selbst. Als die Beziehung zu Ende ging, habe ich mich auch selbst über die Jahre ein Stück weit wieder verloren und dass ich damals mit mir selbst so gut zurecht kam, war auch zu einem Teil sein Verdienst.
All die Jahre, die inzwischen vergangen sind, haben bewirkt, dass von dem Menschen, den ich damals so liebte und schätzte, bei dem ich mich auch nach der Beziehung noch oft meldete (und andersherum), nur noch wenig übrig gelieben ist. Ich vermisse ihn sehr. Immer wieder mal und ich weiß, ich habe keine Möglichkeit, mit dem Mr. Nevermind von damals noch zu reden. Ich glaube, er würde den Kopf über mich schütteln und mich vermutlich fest drücken. Der Mr. Nevermind von heute... der würde nur resigniert und melancholisch ins Weite schauen. Allein bei dem Gedanken daran zieht sich mir das Herz zu. Ich habe zur Zeit das Gefühl, eine Art Verlust durchzumachen, der mir jetzt erst bewusst wird. Nicht, weil die Beziehung zu Ende ist. Das nicht... es war richtig. Damals wie heute. Aber ich vermisse vieles, was wir doch zusammen hatten und waren.


Für jetzt und im Moment gilt, dass ich aus der Zeit die richtigen Schlüsse ziehen muss, um weiterzukommen. Ich mag nicht in einer Zeit festhängen, die schon Jahre vorbei ist. Ich habe den Eindruck, aber genau das gerade zu tun. Dass wir schon das Jahr 2017 haben, fühlt sich für mich oft so ... völlig verrückt an. In letzter Zeit erwische ich mich bei der Zeitrechnung oft unwillkürlich dabei, wieder zurück im Jahr 2013 zu sein, zeitmäßig nur unweit von der Trennung von Mr. Nevermind entfernt. Ich schätze, mich selbst wiederzufinden, mich selbst wieder zu lieben und mir darüber im Klaren zu werden, was eine Beziehung für mich bedeutet, bedeutet auch, die Beziehung ein weiteres Mal für mich abzuhaken.


Das war ein langer Eintrag, aber er war bitter notwendig. Für mich.
Heute war ein Tag mit vielen Höhen und Tiefen. Ich hatte wieder mein Sporttraining, es war recht gut. Ich habe ein unerwartet großes Kompliment für meine Arbeit bekommen (das häuft sich zur Zeit und allmählich werden auch andere Leute darauf aufmerksam). Und ich habe am Morgen vergessen, meine Nährstoffpräperate einzunehmen. Vielleicht lag es daran, ich weiß es nicht, aber ich war heute zwischendurch ohne einen erkennbaren Grund wieder ziemlich weinerlich und am Ende. Jetzt geht's aber wieder weitgehend.

16.1.17 22:25

Letzte Einträge: In der Schwebe , Spielchen , Das Leben und das Chaos und die Dramen und die Katastrophen, Zufrieden geben, Kein Püppchen

bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Caroline / Website (17.1.17 21:49)
Finde deinen Blog wirklich schön und werde definitiv öfters vorbei schauen! Dein Schreibstil ist sehr angenehm zu lesen und gefällt mir total

Liebe Grüße
Caroline


Exhausted (17.1.17 21:59)
Hallo,
ich danke dir sehr für die freundlichen Worte :-)

Liebe Grüße!

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