fremd

Am Mittag bekam ich eine Nachricht. Recht unerwartet und aus heiterem Himmel. Er schrieb mir, ob ich daheim sei, was im Moment wieder der Fall ist. Es stellte sich heraus, dass er in der Nähe war - etwa 700 Kilometer entfernt von seiner gewohnten Umgebung. Er kam nicht richtig zum Punkt, bis ich ihm schrieb, dass er mich noch nicht gefragt habe, ob ich Zeit und Lust habe, ihn zu treffen, aber dass ich davon ausgehe, dass er darauf abziele. Ich wunderte mich ein wenig über meine direkte und fast schon forsche Art. Das sind Momente, in denen mir bewusst wird, dass ich wirklich nicht mehr das Mädchen bin, das ich vor sechs Jahren war. Ich bin sehr viel zielbewusster geworden. Fokussierter. Manchmal jedenfalls.


Nach einem kurzen Hin und Her hatte ich schnell das Gefühl, er würde zurückrudern, in der Sorge, ich hätte keine Zeit. Er blockte plötzlich ab, meinte, es sei nur eine Idee gewesen und dass er mir noch einen schönen Tag wünsche.
Ich unterbrach ihn dabei und machte ihm klar, dass wir uns treffen könnten.


Das taten wir. Ungefähr eine Dreiviertelstunde später kam er auf mein Auto zugesteuert. Ich holte ihn ab und wir fuhren in Richtung Ort, um uns dort ein Café zu suchen. Als Mr. Nevermind auf mein Auto zugelaufen kam, war das eine Mischung aus Vertrautheit und völliger Fremde. Mr. Nevermind glich sehr viel mehr dem Menschen, den ich kennen gelernt hatte, als bei unserer letzten Begegnung vor 2 1/2 Jahren. Er lächelte mir zu, setzte sich auf den Beifahrersitz und füllte mein kleines Auto damit ziemlich stark aus. Tatsächlich scheint es nicht für Menschen mit dieser Größe gemacht zu sein, was mir erst in diesem Moment bewusst wurde.
"Gut siehst du aus", sagte er als Allererstes, "Du hast abgenommen, oder?"
Es fällt mir schwer, derartige Bemerkungen nicht einfach nur als pure Floskeln zu empfinden.


Wir hielten ein wenig Smalltalk, stellten das Auto ab und liefen die Fußgängerzone entlang auf der Suche nach einem passenden Café. Und noch während wir liefen, überkam mich immer wieder ein seltsames Gefühl. Ich verstummte jedes Mal nach wenigen Worten und merkte, dass sich das alles ganz komisch anfühlte. Ein wenig so als würden wir bestimmte Rollen spielen.


Im Café verstärkte sich das Gefühl. Ich zog meine Jacke aus. Er kommentiere die Farbe meines BHs, dessen Träger ein wenig oben rausschaute (erst am Auto hatte er mein Schuhwerk deutlich gemustert und kommentiert). Daraufhin erklärte ich ihm nur etwas konfus, dass ein schwarzer BH bei meinem Oberteil unpassend gewesen wäre, weil die Farbe durchgeschaut hätte - ich hatte mich für unser Treffen nicht extra umgezogen, ich fühlte mich in den Sachen wohl und das war alles, was für mich zählte. Mit hochgezogenen Augenbrauen erklärte er mir nur, dass das ein ziemlich dünner Pullover sein müsse und dieser unmöglich warm halten könne. Er kommentierte außerdem die einzelnen Pailetten auf meinem Pullover - etwas, was mich auch jedes Mal daran irritiert, allerdings ist er so schön bunt, dass ich die Pailetten in Kauf nehme. Es wurde noch etwas konfuser, als wir darüber sprachen, wie man ihn am besten wäscht. Vielleicht war es die anfängliche Angespanntheit. Vielleicht war es aber auch nur ein erstes Anzeichen dafür, dass wir uns nicht allzu viel zu sagen haben.    


Mr. Nevermind
hatte es sich offenbar als Ziel gesetzt, mich über sämtliche Veränderungen in seinem Leben und in dem Leben der Menschen, die auch mir noch bekannt sind, zu informieren. Es war ein wenig schräg, weil das alles so vertraut und völlig fremd zugleich war, und mir rauchte schnell der Kopf bei all den Informationen. Manche Menschen waren umgezogen, manche waren offenbar homosexuell, andere bisexuell und manche waren, obwohl sie als absolutes Traumpaar galten und eine große gemeinsame Familie gegründet hatten, plötzlich getrennt (das hat mich ziemlich umgehauen und nimmt mich immer noch ein wenig mit). Ich bemerkte, wie ich gefühlsmäßig bei all diesen Informationen nicht richtig mitkam. Doch es störte mich nicht so richtig, denn ich war irgendwie auch dankbar dafür in dem Moment. Es ist ein wenig so, wie wenn man eine Geschichte zu Ende gelesen hat und sich dann fragt, wie sie wohl weitergehen könnte - und was aus den Figuren in einer Fortsetzung werden könnte. Ich empfinde es als spannend, zu erfahren, was aus den Menschen, die mir mal bekannt und vielleicht auch vertraut waren, geworden ist.


Sicher war das einer der Gründe, warum ich Mr. Nevermind wiedersehen wollte. Ich habe in den letzten Monaten so oft an unsere gemeinsame Vergangenheit gedacht und daran, was diese Beziehung für mich mal war. Ich wollte wissen, wie es ihm geht, was mit ihm ist, wie und wer er nun mittlerweile ist. Mr. Nevermind scheint in vielerlei Hinsicht wieder der alte zu sein. In guter wie auch in schlechter. Er wirkt gefestigt und nicht völlig unzufrieden, er scheint wieder Ziele vor Augen zu haben und trägt immer noch den Rucksack mit Schwierigkeiten mit sich, dessen Gewicht ich eine Zeit lang versucht habe, für ihn mitzutragen.
Gleichzeitig war jeder Versuch, ein richtiges Gespräch aufzubauen, jede Bemühung, auch mein Leben mit ihm ein wenig zu teilen, ein Misserfolg. Es fühlte sich alles nicht allzu gut an, wie ich im Nachhinein bemerkte, was mir jetzt leid tut. Zwischen uns ist nicht die Freundschaft, die (auch nach unserer Beziehung) mal da war und die vor gar nicht so langer Zeit auch noch zwischen uns bestand. Das bemerkte ich aber tatsächlich erst, als wir an diesem kleinen Tisch saßen.


Natürlich war zwischen uns auch ein wenig Vertrautheit. Immer dann, wenn ich ihm direkt in die Augen blickte. Oder wenn er eine der Mr. Nevermind typischen Redewendungen oder Ausdrücke benutzte, die mir erst wieder einfielen, als ich ihn sprechen hörte. Oder wenn er für ihn typische Gesten machte. Oder wenn er Erinnerungen aufgriff an Momente, die uns mal miteinander verbunden hatten.
Immer dann wurde mir klar, wie viel mal zwischen uns war, wie viel er mir mal bedeutete und wer er für mich mal war. Und wie sehr das alles vergangen ist. Für einen kurzen Moment stellte ich mir vor, wie die Situation wäre, wären wir noch zusammen. Ich stellte mir vor, ich würde nach seiner Hand greifen oder mit ihm über etwas Alltägliches sprechen und mir kamen Erinnerungen in den Sinn, von denen ich nicht traurig bin, dass sie nur noch Erinnerungen sind und nicht mehr Gegenwart.
Menschen können einander eben nicht nur sehr vertraut werden. Sie können sich auch sehr fremd werden.


Ich weiß nicht, was passieren würde, würde sich Mr. Nevermind in ein paar Wochen, Monaten oder Jahren nochmal melden für ein weiteres spontanes Treffen. Es spielt gerade keine Rolle. Ich hatte mich wirklich gefreut, ihn wiederzusehen und ich bin mir sicher, ihm ging es auch so. Ich will es nicht so darstellen, als wäre das alles schlecht gewesen, denn das würde mir falsch und herzlos erscheinen. Das war es nicht und ich bin davon überzeugt, er ist dabei, sein Glück wiederzufinden. Er wird immer ein Teil meiner Vergangenheit bleiben, einer, an den ich auch gerne zurückdenke und er wird einer der Menschen bleiben, bei denen ich mich sicherlich über jedes Lebenszeichen freue und die mir im Grunde immer etwas, allein schon auf Grund unserer gemeinsamen Zeit, bedeuten werden.
Das heißt nur nicht, dass er noch dieser Mensch von damals ist. Oder ich.
Mir hat das heute nur einfach geholfen, um zu bemerken, dass nicht nur der alte Mr. Nevermind weitergezogen ist. Ich bin es auch, vielleicht fühlte es sich deshalb auch stellenweise so fremd an. Jetzt kann's wirklich weitergehen. In jede Richtung, nur nicht zurück.

25.2.17 18:21

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