Der Stand der Dinge

Ich sitze auf meinem neuen Sofa, während ich das hier schreibe. Ich liebe mein neues Sofa. Es ist so groß, dass ich darauf im Schneidersitz sitzen kann, während vor mir auf dem Sofa mein Laptop steht. Schönes Gefühl.


In meiner Wohnung hat sich viel getan in den letzten fünf Monaten. Das neue Sofa, zwei aufgebaute Regale im Büro, generell mehr Ordnung im Büro (neben genug Unordnung). Blumen und Pfanzen im Wohnzimmer und in der Küche. Generell mehr Dekoration auf den Fensterbänken. Bilder an der Wand, selbstgezeichnete. Der hässliche Vorhang unter der Küchenspüle wurde ausgetauscht gegen einen schönen, dazu ein passender Läufer und passende Kissen für den Küchentisch und die dazugehörige Bank. Ganz zu schweigen von dem großen, bunten Bild, das meine Küche ziert. Ein Spontankauf im Baumarkt.
Gerade im Moment könnte meine Wohnung deutlich ordentlicher sein und das eine oder andere wartet immer noch darauf, irgendwann mal ausgetauscht zu werden. Aber wenn ich es damit vergleiche, wie ich die letzten drei Jahre über hier gelebt habe, ist das schon mal ein gewaltiger Fortschritt. Vermutlich nicht der einzige, aber es fühlt sich gerade wieder mal so an.


Mein Leben ist voll mit Menschen, die auf mich, wenn ich ehrlich bin, den Eindruck erwecken, im Stillstand zu leben. Viele von ihnen sind glücklich damit. Soweit ich das beurteilen kann jedenfalls. Ein Teil ist nicht glücklich damit, aber hat sich damit arrangiert.
Seit ich hier bin, also seit drei Jahren, denke ich viel darüber nach. Über Stillstand, über mein Leben und darüber, an welchem Punkt ich bin. Weil ich oft das Gefühl habe, dass in meinem Leben nichts vorangeht. Weil ich Angst habe, dass ich in einem, in zwei, in drei oder auch in zehn Jahren immer noch an diesem Punkt bin, an dem ich jetzt bin. Wäre das so schlimm? Ja, aktuell schon. Aktuell wäre es ein Drama. Ich bin zu jung, um an einem Punkt im Leben zu sein, an dem sich nichts mehr verändert, verbessert. Und so gesehen weiß ich nicht, ob es ein Alter gibt, in dem man an diesem Punkt ist. Vielleicht mit 85. Und selbst das mag nicht für jeden Menschen in dem Alter gelten.


Ich bin an einem Ort, an dem es schwierig ist, richtige Kontakte zu knüpfen und an dem es scheinbar unmöglich ist, einen Partner zu finden. Ich meine, ich gerate mittlerweile in genug Situationen, in denen mir gezeigt wird, dass ich sympathisch bin. Aber ich habe schlichtweg das Gefühl, dass es hier keine (Single)Männer in meinem Alter gibt, die, darüber hinaus, auch irgendwie nur entfernt zu mir passen könnten. Wenn ich Revue passieren lasse, mit was für Männern ich in den letzten Wochen außerhalb meiner Arbeit ins Gespräch gekommen bin:
- mit einem Mann um die 40, der auf dem Supermarktparkplatz allein anhand meines Aussehens meinen Beruf erraten hat, den ich seitdem ständig im Supermarkt sehe und der offenbar auch alle anderen Menschen dort kennt
- mit einem Mann, der gefühlt (und vermutlich auch tatsächlich) drei Mal so alt war wie ich und beim Anblick meines Schokoladeneinkaufs mehrmals meinen Körper auf eine nicht so angenehme Art und Weise mit den Augen abgescannt hat, um dann anschließend zu sagen "Naja, du kannst es dir ja leisten"
- mit dem Frisör, bei dem ich heute zum ersten Mal war und den ich vom Sehen bereits aus dem Fitnessstudio kannte und der, um direkt bei der Vollständigkeit zu bleiben, einige Jahre jünger ist als ich, Anfang 20 ist er vielleicht
- mit meinem Fitnesstrainer, der vermutlich nicht älter ist als mein Frisör und der, ungefähr wie mein Frisör, auf mich wirkt wie ein großer Junge und mich, ebenfalls ähnlich wie mein Frisör, an den Nachbarjungen erinnert


Es ist nicht so, dass es in den letzten Monaten oder auch jetzt keine Männer in meinem Leben gegeben hätte oder geben würde.
So gesehen ist die Liste der Männer der letzten zwei Jahre, inbesondere des letzten halben Jahres, lang. Männer. Nicht Männer, mit denen ich zwangsläufig intim wurde. Einfach nur Männer, die mir wichtig genug waren, um es auf eine mentale, imaginäre Liste geschafft zu haben.
Aber wenn ich nur die Begegnungen des letzten halben Jahres nehme, dann habe ich das Gefühl, es hauptsächlich mit Idioten zu tun gehabt zu haben. Und da rede ich nur von denen, für die ich mich eine Weile interessiert habe.


Aktuell ist noch einer davon in meinem Leben. Einer, dem ich es letztendlich zu verdanken habe, dass ich gerade überhaupt auf meinem Sofa sitzen kann. Ansonsten wäre mein Sofa nämlich immer noch ein unförmiger, halb eingepackter Klumpen, der mein Wohnzimmer blockiert. Ähnlich wie die beiden Regale, die jetzt das Büro verzieren. Es gibt viele Bereiche, in denen er Einfluss auf mich und mein Leben hat und hatte. An bestimmten Autobahnabschnitten oder Orten kann ich nicht mehr vorbeifahren, ohne automatisch an ihn zu denken. Ich kann mein Essen nicht mehr auf dem Teller liegen lassen, ohne automatisch an ihn zu denken. Bestimmte Worte, Lieder, ... Vieles erinnert mich an diesen Menschen. Ich kann ja jetzt nicht mal mehr auf dem Sofa sitzen, ohne es irgendwie mit ihm zu assoziieren. 
Ich habe ihn gern gewonnen, aber manchmal weiß ich nicht recht, warum. Er zeigt mir nicht, dass ich ihm wichtig wäre. Er zeigt mir nicht die Zuneigung, die ich mir wünsche. Er verfügt über wenig Einfühlungsvermögen, aber dafür über über die Fähigkeit, genau das, was ich gerade gerne hören würde, die Worte, die ich gerade mehr als alles andere bräuchte, nicht zu sagen und die entscheidenden Fragen zu den entscheidenden Zeitpunkten einfach nicht zu stellen. Er gibt mir häufig das Gefühl, anstrengend zu sein und die Dinge zu verkomplizieren. Also habe ich oft ein schlechtes Gewissen, wenn ich wieder mit einer Diskussion anfange. Und anschließend bin ich sauer, ein wenig auf mich und vor allem auf ihn. Wie kann er mir ein schlechtes Gewissen einreden, nur weil ich darüber rede, was ich empfinde? Ich glaube nicht, dass er das macht, um mich zu manipulieren. Ich bin offensichtlich die Anstrengung wert, aber gleichzeitig gibt er eben alles dafür, diese zu verringern. Und so spielt sich seit einiger Zeit alles hauptsächlich in meinem Inneren ab und ich habe das Gefühl, es mit mir alleine ausmachen zu müssen, weil ich nicht darüber reden kann, reden darf. Während wir gleichzeitig immer ehrlich zueinander sein wollten. Ich weiß, dass der Moment kommen wird, in dem ich platze. Der Moment, in dem ich hochgehe wie ein Pulverfass und alles um mich herum sprenge. Einschließlich jeder Verbindung zwischen ihm und mir. Und das wird der Moment sein, in dem er sagt, dass das schade ist, weil man es vielleicht hätte verhindern können, wenn wir darüber gesprochen hätten.


Wir hatten mal gesagt, wir wären Freunde, aber selbst mir ist mittlerweile klar, dass wir vieles sind, nur das nicht. Ich fühle mich teilweise wie in meiner Beziehung mit Mr. Nevermind damals. Alleine in einem Zwei-Mann-Boot, vollkommen auf sich alleine gestellt und wenn es am Ufer strandet, dann hat man ewig das Gefühl, dass man selbst daran schuld war.


Seit wir uns kennen, aber in den letzten zwei Wochen extrem, stelle ich mir die Frage, wie lange ich das kann. Einige Male habe ich gedacht, ich muss es beenden, aber so greifbar, wie im Moment war es, meinem Gefühl nach, vorher nicht. Jetzt habe ich immer mehr das Gefühl, keine andere Wahl zu haben. Zumindest nicht, wenn ich mir selbst etwas wert bin.
Man muss sich hin und wieder von Menschen befreien, die in erster Linie einem die Energie absaugen. Die Augenblicke, in denen ich spontan sagen will "Ich beende den Kontakt zu dir", werden immer häufiger und ich warte nur noch darauf, dass ich es tatsächlich ausspreche.


Natürlich tut er mir auch gut. Natürlich gibt es viele Augenblicke, in denen mir das Herz aufgeht und mir klar wird, wie sehr ich ihn mag. Momente, die sich schön und gut anfühlen. Wir-leben-den-Moment-Momente.
Aber: Sie sind auf Dauer gesehen nicht viel wert. Sie sind kleine Seifenblasen. Teile einer großen. Seifenblase. Das Wort mag er. Hätte ich das geahnt, hätte ich es nie benutzt. Für mich ist das nichts Gutes. Für mich sind Illusionen nichts Gutes. Ich möchte nicht in einer Illusion leben. Nicht mal in einer bunt schillernden. Er braucht Illusionen in seinem Leben, unwillkürlich. Für mich sind sie Gift.
Gut möglich, dass ich ihm ehrlich was bedeute. Aber aktuell habe ich die meiste Zeit über das Gefühl, dass ich selbstverständlich bin. Dass ich mehr in meiner Rolle reizvoll bin als ich es in meiner Persönlichkeit sein sollte. Und ich weiß, er kann es nicht besser zeigen. Aber ich weiß, dass es mir nicht genügen kann. Nicht so.
Und ja, diese Tatsache fördert nur, dass ich es beenden will. Weil ein kleiner gehässiger Teil in mir sich denkt, dass er sehen wird, was ihm fehlt, wenn ich weg bin. Und wenn ich weg bin, bin ich weg, bleibe ich weg. Nicht ein wenig entfernt. Sondern weg. Weg-weg.


Ich habe viel durch diese Geschichte gelernt. Ich will geben. Ich will einen Menschen, dem ich etwas geben will. Und von dem ich ebenso nehmen kann. Einer, mit dem ein Gleichgewicht möglich ist.
Aber um fair zu bleiben: In dieser Geschichte war immer klar, dass das nicht möglich sein würde. Ich würde gerne sagen, dass ich nie gedacht hätte, dass es mir so viel ausmachen würde. Allerdings war das völlig klar und absehbar. Weniger gedacht hätte ich, dass ich mich so sehr darauf einlassen würde, wie ich es getan habe. Aber es ändert nichts. Ich habe es.


Und jetzt bin ich schon seit Wochen damit beschäftigt, immer wieder ein paar Schritte Abstand zu nehmen, um wieder mindestens genauso viele Schritte zurückzugehen. Ich werde es nicht müde, mir selbst immer wieder vor Augen zu halten, dass auch diese Geschichte ein Teil meines elendigen Stillstandes ist. Ganz unweigerlich.


Okay, so viel dazu.
Dann wäre da noch der berufliche Stand der Dinge, der ebenfalls recht wackelig zur Zeit ist. Meine Arbeit ist immer noch toll, aber in dem letzten halben Jahr hatte ich oft mit Selbstzweifeln zu kämpfen. Ich habe meine Arbeit nicht so gut gemacht, wie ich sie hätte machen sollen aus meiner Sicht. Ich weiß dass es schlechter geht. Wesentlich. Aber das möchte ich mir bestimmt nicht zum Maß aller Dinge machen.
Gleichzeitig habe ich auf der Arbeit viel Lob bekommen. Erst heute wurde mir die Hand geschüttelt mit einem herzlichen Dankeschön und dem Kommentar, dass die Arbeit meiner letzten zwei Jahre einfach toll und wunderbar gewesen sei. Und in diesen Momenten sehe ich durchaus ein: So schlecht war ich nicht. Aber Luft nach oben ist eben immer.
Nun gab es eine Veränderung. Mein Chef hat mich vor zwei Wochen darüber informiert und so, wie es aussieht, war es das mit dem beruflichen Stillstand für die nächsten Monate erstmal. Eine Tatsache, die in mir vor allem Angst und Unbehagen auslöst, die aber, auch wenn ich das nur ungerne zugebe, ebenso viele Chancen birgt. Das könnte tatsächlich insgesamt vieles verändern.
Und selbst wenn nicht, könnte das der Stein sein, den ich gebraucht habe, um alles ins Rollen zu bringen, damit ich mich endlich dafür entscheide, hier alle Zelte abzubrechen und nicht immer nur ständig darüber zu reden.

1 Kommentar 19.7.18 21:38, kommentieren

Trotz, Stolz und ein gewisses Selbstbewusstsein

Bei all den Gefühlen ist eines davon zwar nicht gänzlich, aber doch so ziemlich neu:


Ich lerne einen Menschen kennen, mag ihn, lasse mich auf ihn ein, vertraue ihm und versuche immer wieder vielleicht etwas mehr in ihm zu sehen als er ist.
Dann kommt es, vielleicht unweigerlich, zu diesen Augenblicken, in denen ich mich nicht genug geschätzt, beachtet, gemocht fühle. Momente, in denen ich das Gefühl habe, nicht wichtig genug zu sein, etwas vorgespielt zu bekommen oder ausgenutzt zu werden.
Situationen, in denen ich mir von einem Menschen schlicht mehr wünsche als das, was ich von ihm bekomme.


Ich kenne das nagende Gefühl. Und ich kenne auch dieses Gefühl der Enttäuschung, wenn man sich denkt, dass man zu viel investiert hat oder dass man sich nicht darauf hätte einlassen dürfen. Oder die Angst, dass man verletzt und fallen gelassen werden könnte. Auch die kenne ich nur zu gut.


Nicht ganz so vertraut ist mir dieses Gefühl von Trotz, Stolz und einem gewissen Selbstbewusstsein. Das sind die Momente, in denen ich in den Spiegel gucke und mir unwillkürlich denke "Dieser Mensch hat mich nicht verdient" oder "Ich bin mehr wert als das". Dass ich diese Erkenntnis vor allem dann bekomme, wenn ich in den Spiegel gucke, liegt nicht an meinem Aussehen. Es liegt einfach daran, dass ich mich in diesem Augenblick darauf konzentriere, wer ich bin. Und ich bin nicht so übel. Ganz im Gegenteil.


Ich weiß, dass ich mehr wert bin als das. Und ich weiß, dass der Tag kommen wird, an dem ich das zugeben muss. Der zynische Teil in mir, der für Humor jeglicher Art mehr empfänglich ist als für irgendeine Dramatik, amüsiert sich darüber, dass ausgerechnet ich in der Situation stecke, in der ich stecke. Es ist klar, dass ich im Stillstand lebe, auch wenn ich glaube, das nicht zu tun, weil ich auf der Stelle jogge. Aber eben auch das ist Stillstand. Und ich werde erst von der Stelle loskommen, wenn ich mich bewusst dazu entscheide, Entscheidungen ausspreche und Verbindungen beende.
"Das hier kann unendlich lange dauern. Ich glaube, mir macht das eine Menge Spaß."
Ja, so viel dazu. Der nächste Mensch, auf den ich mich wie auch immer einlasse, sollte sich wesentlich mehr Gedanken bei seiner Wortwahl machen. Ehrlich jetzt.

1 Kommentar 17.7.18 22:53, kommentieren

Der Plan

Ich habe es also gemacht.
Die Tüten unter meiner Küchenspüle stapeln sich. Stofftaschen, Plastiktüten, Papiertüten. Sie sind die meiste Zeit über fein säuberlich in drei Körben sortiert und gefaltet und für jeden Fall ist etwas Passendes dabei. Für Biomüll, für Einkäufe, für die Arbeit, für Dinge, die auslaufen oder leicht kaputt gehen können.
Auf der Suche nach einer passenden Tasche habe ich nun vermutlich ziemliches Chaos reingebracht. Die Stofftaschen fielen sofort weg. Es musste etwas sein, was nur ein Mal benutzt werden würde. Nichts, was ich zurückbekommen würde.
Die Plastiktüten fielen weg, allein schon wegen der Größe und der Aufdrücke. Die Plastiktüte eines Frauenbekleidungsgeschäfts zu nehmen, erschien mir als das Unpassendste, das ich nehmen könnte. Naja, unpassender wäre noch die Papiertüte eines Dessousladens, die unter meiner Spüle ruht.
Bei den Papiertüten stieß ich ebenfalls auf Grenzen. Die Biomülltüten waren zu groß. Alle anderen wieder mit Aufdrücken.
Für einen Moment fiel mir eine in die Hände, die ich mal auf der Arbeit bekommen hatte und ich war versucht, genau diese zu nehmen. Obwohl sie fast für den Anlass zu schade wäre. Aber aus jeder Pore würde der Sarkasmus tropfen und ich mag große, sarkastische Gesten. Gute-Laune-Tüte. Das stand drauf. Ich entschied mich dagegen. Man muss Momente nicht noch größer machen als sie ohnehin schon sind.
Dann fand ich eine. Aus Papier, klein und ausgebeult, irgendwie unförmig. Braun. Mit einem nichtssagenden, unbekannten Aufdruck. Insgesamt also passend und geeignet. Ich erwarb sie, als ich mit K-Freundin (damals noch eher K-Kollegin) in einem Edelsteinladen war.


Als ich mich vor ein paar Tagen dazu entschlossen hatte, morgen alles zu beenden und die paar Gegenstände, die hier rumliegen und kaum mehr über uns aussagen könnten, zurückzugeben, da erschien es mir wie eine gute Idee. Etwas, was mir vielleicht im ersten Moment schwer fallen würde, sich dann aber bestimmt spitze anfühlen würde. Irgendwie so in der Art. Man kann sich selbst eine ganze Menge erzählen. Für gewöhnlich erzählt man sich schließlich das, was man gerne glauben möchte.


Als ich dann vor ein paar Stunden eine Tüte rauskramen wollte, da fiel es mir schon deutlich schwerer. Die letzten Tage über habe ich mir immer wieder gesagt, dass ich mich doch noch dagegen entscheiden kann, das zu beenden. Und gerade heute war so ein Tag, an dem ich mich innerlich dafür entschieden hatte. Ungefähr wie jemand, der sich dazu entschließt, noch nicht heute, sondern erst morgen mit dem Sport anzufangen. Oder wie jemand, der sich sagt, ein Riegel Schokolade geht, um dann anschließend die Schokoriegel einer gesamten Verpackung zu verputzen. Oder wie ein Abhängiger, der sich sagt, er muss endlich mit den Drogen und/oder dem Alkohol aufhören und Pläne schmiedet, um diese dann schnell wieder über Bord zu werfen.


Der Gedanke, dass es das gewesen sein könnte, lässt mir schlagartig Tränen in die Augen steigen. Ich merke dieses Gefühl im Hals, das schmerzhafte Gefühl, wie sich darin alles zusammen zieht und das Schlucken schwerer wird. Oder das Gefühl in der Brust, dieses beklemmende, unangenehme Gefühl.


Natürlich ist es nicht das, was ich will. Aber ich glaube, es ist das Einzige, was ich tun kann. Ich habe mir vorgenommen, ich warte dieses eine Gespräch ab, warte auf mein Stichwort und sollte es kommen, dann verschwinde ich. Endgültig und komplett. Ich habe mir vorgenommen, ich höre auf mein Gefühl und sollte es mir das sagen, was mein Verstand sagt, dann ziehe ich die Konsequenzen.


Und was sind schon die Konsequenzen? Ein lädiertes Herz. Ein Kopf voller zermürbender Gedanken. Das Gefühl, allein zu sein. Der Verlust eines Menschen, mit dem ich etwas geteilt habe. Ein paar Möbel, für deren Aufbau ich mir andere Hilfe suchen muss und die mich vermutlich immer daran erinnern werden.
Vieles davon wird vermutlich so oder so passieren. Vielleicht besser jetzt.
Besser früher als später.


Ich werde also den morgigen Tag mit dem mulmigen Gefühl starten, dass sich nun alles entscheidet. Und vielleicht ist es besser so. Ich warte seit Monaten auf den Tag.


Natürlich war es schön. Natürlich habe ich oft unnötiges Drama gemacht. Und all die Konflikte. Ich habe das alles trotzdem genossen und ich denke, das könnte ich weiterhin vermutlich wieder problemlos. Ich weiß selbst nicht, warum ich es gerade so eilig habe, die Reißleine zu ziehen. Vielleicht weil ich mich wie jemand fühle, der lieber schon jetzt eine Ausfahrt früher nimmt, in der leisen Ahnung, dass die nächste erst viel zu spät kommt.


Ich sage nicht, dass morgen auf jeden Fall dieser Tag sein wird. Dass das morgen meine Ausfahrt sein wird. Ich sage nur, ich versuche darauf vorbereitet zu sein. Wobei die Erfahrung allmählich zeigt, dass ich in diesen Geschichten der unberechenbarste Faktor bin. Ich plane nicht, etwas zu beenden. Wenn ich es tue, dann weil es sich ergibt. Und diese Chance will ich mir geben. Deshalb die Tüte und die Gegenstände darin. Wenn ich morgen zurückfahre, ohne es beendet zu haben, dann in dem Gefühl, dass ich die Möglichkeit dazu hatte und mich bewusst, aus guten Gründen dagegen entschieden habe. Nicht, weil hier noch ein paar Gegenstände eines anderen Menschen rumliegen. Das ist der Plan.


Es wäre aber nicht das erste Mal, dass ich meine eigenen Pläne glorreich über den Haufen werfe. Warten wir ab.

1 Kommentar 10.7.18 06:10, kommentieren