Vor einem, vor zwei, vor drei Jahren

In den vergangenen Wochen ist nicht so viel passiert, allerdings waren sie voll mit Momenten, in denen ich gerne einfach geschrieben hätte, um all das, was vielleicht nicht um mich herum, aber in mir drin passiert ist, aufschreiben zu können.


Als ich die letzten Einträge der letzten drei Monate überflogen habe, fiel es mir zunehmend schwer, mich noch allzu gut damit zu identifizieren. Noch mehr gilt das für die Einträge davor. Weil vieles davon schlichtweg nicht mehr gilt. Nicht für mich.


Ich bin ein theatralischer, zuweilen auch melancholischer Geist. Ich hänge ständig zwischen einem Dutzend Gefühlen und keines davon ist mir so wirklich recht. Meine Welt ist nicht rund, wenn sie nicht genug Ecken und Kanten hat, an denen ich mich aufreiben kann. Dramen ergeben sich nicht, sie werden geschaffen. Und so, wie es Menschen gibt, die es schaffen, Schwierigkeiten und Konflikten aus dem Weg zu geben, gibt es Menschen wie mich, die das Gefühl haben, es stimmt etwas nicht so recht, wenn alles einfach und leicht ist.
Im Grunde ist es das nämlich nie. Aber wie einfach und leicht dann doch vieles war, merkt man vor allem dann, wenn es das nicht mehr ist.


Wenn ich schaue, an welchem Punkt im Leben ich noch vor einem oder vor zwei oder meinetwegen auch vor dreien, als ich gerade erst hier an diesem Ort ankam, stand, dann staune ich und mir entfährt ein leises "Wow".
Vor drei Jahren, als ich hier ankam, steckte ich in einer Beziehung fest, von der ich schon zu diesem Zeitpunkt, nach etwa einem halben Jahr, nicht mehr recht wusste, wie viel Zukunft sie tatsächlich haben könnte. Ich musste an einen Ort ziehen, an dem ich nicht sein wollte, und wenn ich an all die Steine denke, die mir vor drei Jahren im Weg lagen, denke ich unwillkürlich an all die Tränen, die ich damals vergoss und an all den Schmerz und den Kummer, die diese erst auslösten. Ich fühlte mich damals schlichtweg verloren und zum ersten Mal begann ich, darüber nachzudenken, wo mein Weg eigentlich überhaupt hinführen soll.

Vor zwei Jahren beendete ich meine damalige Beziehung. Aus heiterem Himmel und so spontan, dass ich mich selbst damit überraschte. Das unsichtbare, metaphorische Fass war voll und der Moment, in dem all die Dinge, die mir nicht passten, mich endlich zu einer Entscheidung zwangen, der gleiche Moment, den ich mir innerlich herbeigesehnt hatte, war endlich gekommen. Ich hatte mich lange davor gefürchtet. Vor allem vor dem Alleinsein. Ich hatte damals so starke Angst davor, einsam an diesem Ort hier zu sein, dass ich es eine Zeit lang lieber in Kauf nahm, in einer Beziehung zu sein, die mich wesentlich mehr hätte erfüllen sollen als sie es tatsächlich tat.
Allerdings hätte ich das nie zugegeben. Weder vor anderen, noch vor mir selbst.
Noch vor dem Ende der Beziehung bemerkte ich, dass ich psychisch die eine oder andere Schwierigkeit entwickelte. Ängste traten in den Mittelpunkt. Ängste vor Dingen, die für mich damals so greifbar und furchteinflößend waren, dass ich das im Nachhinein zu einem Teil auch als irrational bezeichnen würde. Einige Monate nach der Trennung kamen Probleme mit mir selbst hinzu, leise und schleichend, aber sie kamen. Sie kamen weniger durch das Ende an sich und viel mehr durch die Tatsache, dass ich diesen Selbstzweifeln nun nicht mehr entkommen konnte.


Vor einem Jahr hatte das alles irgendwie seinen Höhepunkt erreicht. Ich war so gefangen von all meinen negativen Gefühlen, vom Tunneldenken und von der Schwarzseherei. Es gab kaum etwas, das mir wirklich noch gefiel. Ich gefiel mir nicht, der Ort, an dem ich lebte, gefiel mir nicht. Meine Wohnung gefiel mir nicht und das war neben dem Problem mit mir selbst oft sehr dominant. Auch, weil es mir das Gefühl gab, dass meine Wohnung mein Leben zu gut widerspiegelte: chaotisch, unstrukturiert, ohne richtigen Faden, ohne Glanz und ohne Wohlfühlen


Zumindest was meine Wohnung angeht, hätte ich vieles davon vor drei, vier, fünf Monaten noch ganz genauso gesehen.
Aber vieles hat sich verändert. Ich glaube nicht mal, dass ich zu diesem vielen dazugehöre. Ich habe mich in dieser kurzen Zeit nicht groß verändert, aber ich kann wieder ein wenig mehr die Person sein, die ich die ganze Zeit über sein wollte und die ebenso lange schon in mir steckte. Zu einem Teil. Da sind noch genug Dinge, an denen ich arbeite. Aber vergleiche ich mich mit dem Ich vor einem Jahr, dann habe ich das Gefühl, dass Meilen dazwischen liegen. Jahre. Und nicht nur ein einziges.


Und so ist auch meine Wohnung irgendwie schön geworden. Schleichend und ohne große Veränderungen. Ich weiß selbst nicht recht, wann das passiert ist. Vor einiger Zeit habe ich begonnen, das hier "zuhause" zu nennen. Immer noch mit dem Gefühl in der Brust, dass das nicht so richtig stimmt und ein Teil von mir furchtbar heuchelt, wenn dieses Wort meine Lippen verlässt, aber ich versuche, dem hier eine Chance zu geben. Wenigstens das.


Ich weiß in vielen Dingen immer noch nicht, wie es weitergehen soll. Aber ich weiß, dass es weitergehen kann. Ich weiß, dass das alles Schritte sind in eine Richtung, die nach vorne zeigt. Zumindest sage ich mir das und es fühlt sich für mich auch wirklich so an. Natürlich ist da die Angst, dass diese Richtung nicht zu den Dingen führt, die ich mir wünsche. Aber solang da irgendwo in mir drin trotz jeglichen Pessimismus die tiefe Sicherheit ist, dass alles doch gut wird, hat die Angst keine echte Chance. Nicht langfristig.

2 Kommentare 11.6.18 21:46, kommentieren

Kämpfen

"Ich bin leer und ohne Sorgen wie das Liebeslied im Radio
(...)
Ich bin ruhig und gefasst wie die Verkehrsdurchsage im Radio"

(Tele - im Radio)


Du sagst: "Du hast ja gemerkt, wie sehr ich um dich gekämpft habe."
Ich stutze. Sage für einen Moment nichts und ohne, dass du mein Stutzen richtig zu bemerken scheinst, führst du weiter aus, welchen Moment du meinst.
Ich stutze erneut.
Das also nennst du kämpfen?


Kämpfen.
Kämpfen heißt für mich, dass ich alles auf eine Karte setze. Kämpfen heißt, dass ich mich nicht davor scheue, dir alles zu offenbaren. Kämpfen heißt, dass ich dir meine Gefühle und Gedanken zeige. Dass ich energisch werde. Dass ich meinen Schmerz nicht verberge. Dass ich dir sage, was ich will. Dass ich alles daran setze, es zu bekommen, egal, wie viel Anstrengung es mich kosten mag. Kämpfen heißt, alle Zweifel aus dem Weg zu räumen und für das zu stehen, was mich antreibt.
Das ist kämpfen. Kämpfen. Das verbinde ich mit fühlen, mit Schmerzen, mit Anstrengung und Energie und Mühe. Mit Leidenschaft. Kämpfen heißt, ich gebe nicht auf. Ich gebe dich nicht auf. Ich will dich nicht verlieren und ich werde alles dafür tun, dass das nicht passiert. Das heißt kämpfen.


Kämpfen heißt, dass du mir zeigst und sagst, dass du mich nicht aufgibst. Kämpfen heißt nicht, dass man sagt "Okay, sonst müssen wir das hier lassen". Kämpfen heißt nicht, dass man jemandem sagt, er müsse es selbst wissen.
Kämpfen heißt nicht, dass man von aufgeben spricht. Kämpfen bedeutet nicht, dass man jemandem keine Wahl lässt, es bedeutet aber auch nicht, jemandem seine Wahloptionen nochmal rational aufzulisten.


Also stutze ich und frage mich, wie du dazu kommst, das als kämpfen zu bezeichnen.
Bis ich verstehe. Für dich war das kämpfen. Du hast gekämpft. Und in dir fand ein Kampf statt. Einer, den ich nicht so sehr gespürt habe, wie du das offenbar denkst. Tatsächlich dachte ich bis geradeeben, ich wäre es gewesen, die mit sich und mit allem gekämpft hätte. Und jetzt verstehe ich, dass wir zu zweit waren, obwohl es sich kaum so angefühlt hatte.


Ich glaube, du kämpfst sehr viel mehr als ich mir das vorstellen kann. Als du es vor uns beiden zugibst.
Aber allein zu wissen, dass du - auf deine eigene verschrobene Art und Weise - gekämpft hast, hat seine Wirkung nicht verfehlt. Ich weiß, dass auch dich das alles nicht kalt gelassen hat und kalt lässt.


Für dich ist das auch nicht einfach. Und ich weiß das, aber ich bin manchmal versucht, das Gegenteil zu glauben. Bei dir hört sich das alles so leicht an.
Wir beenden das, wenn es nicht mehr geht. Wir finden Vereinbarungen und Kompromisse. Es ergibt sich schon alles irgendwie.
Du faszinierst mich mit deiner Rationalität ungefähr genauso sehr, wie du mich damit in den Wahnsinn treibst. Allem hast du eine rationale Äußerung entgegen zu setzen und ich verwechsel immer wieder Rationalität mit Emotionslosigkeit.


Ich weiß, dass dieses Karussel und diese Achterbahnfahrt noch ein wenig gehen werden, wenn ich nicht vorher aussteige. Ich denke so viel über das Aussteigen nach und bin wie ein Kind, das trotzdem nicht weiß, wann genug ist, bis der Magen irgendwann nicht mehr hinterher kommt.
Du bringst mich häufiger aus dem Gleichgewicht als ich allein das zu schaffen in der Lage wäre. Das ist eine Leistung. Du verursachst Übelkeit mit diesem Hin und Her, mit den scheinbaren Widersprüchen und damit, dass der Kern deiner Aussagen wechselt, obwohl er scheinbar immer der Gleiche ist. Ich glaube, du bist es nicht gewohnt, dass irgendwer - dich eingeschlossen - genauer hinsieht.


Und dennoch bin ich immer noch hier. Als ein Element in deinem Leben. So wie du in meinem. Wenn jemand sagt, dass er um mich kämpft, dann erwarte ich mehr. Dann erwarte ich Leidenschaft und starke Worte. Doch wie so oft scheint für dich nicht zu gelten, was ich sonst geltend mache. Dass du gekämpft hast, bedeutet mir so viel, dass es so oder so wertvoll für mich ist.


Es ändert nichts. Nichts an der ganzen Kämpferei. Nichts an diesem Hin und Her und daran, dass auch ich gerade unbeständig in meinen Gedanken und Gefühlen bin. Aber für einen Moment ändert es auch nichts an all dem Guten.

22.5.18 23:58, kommentieren

Angefangen zu enden

Das Leben überschlägt sich. Wieder mal.


So sehr, dass ich völlig übermüdet (nach nicht mal vier Stunden Schlaf) auf meinem Bett sitze, während im Hintergrund all die Arbeit liegen bleibt, die noch erledigt werden muss, ehe ich in den Urlaub fahren kann.
So sehr, dass mir seit knapp zwei Stunden ungelogen kotzübel ist und ich weiß nicht, ob es durch die Müdigkeit und die damit verbundene körperliche Anstrengung, durch meine Periode, durch das Essen, das ich heute probiert habe, oder aber einfach durch die Dinge kommt, die mich gerade belasten. Vermutlich eine Mischung aus allem.


Ich fand den Gedanken, das, was mich mit einem anderen Menschen verbindet, als eine Geschichte zu betrachten und zu bezeichnen, immer ganz schön. Geschichte. Das klingt besonders und das klingt nach Auf und Ab. Es klingt nach Verbundenheit und ein wenig nach Schicksal. Es klingt danach, dass die Dinge alle so kommen, wie sie kommen müssen. Damit sie eben eine gute Geschichte ergeben.


Es gibt bestimmt Menschen, deren Leben weniger durch Geschichten geprägt ist. Menschen mit geradlinigen Verbindungen und Beziehungen, ohne größe Höhen und Tiefen, ohne Dramatik, ohne nennenswerte krasse Wendungen.
Was soll ich sagen? Ich gehöre nicht zu diesen Menschen. Ich schätze, mein Leben und ich haben gemeinsam, dass wir beide eine gewisse Dramatik bevorzugen und deshalb passen wir wohl auch so gut zusammen.


Wenn eine Geschichte, die man mit einem Menschen teilt, irgendwann zu Ende geschrieben ist, gibt es immer diesen Punkt, von dem man später sagt "Da hat alles angefangen". Und meist gibt es auch diesen Punkt, von dem man später, mit etwas Abstand, sagen kann "Da hat es angefangen zu enden."
Ich weiß nicht, ob wir diesen Punkt bisher schon erreicht hatten. Aber falls noch nicht, dann wohl jetzt. Das ist vermutlich dieser Punkt, von dem ich später sagen werde, da ging es allmählich zu Ende.


Gestern war ich für einen Moment so wütend, dass ich einen Eintrag, den ich gerade schreiben wollte, unterbrach und voller Zorn in die Tastatur haute und meinen Gedanken Luft machte. Natürlich waren diese Gedanken gefärbt durch Wut. Aber es ändert nichts daran, dass ich in diesen Moment zum ersten Mal einen Gedanken zuließ, den ich seit Tagen und Wochen von mir weggeschoben habe:


Ich habe es mit einem Lügner zu tun. Einer von den guten. Und es ist dumm, zu glauben, dass ein Lügner alle anderen um einen herum anlügt, nur einen selbst nicht, weil dieser glaubhaft versichert, dass er ehrlich zu einem ist. Ein Lügner ist ein Lügner, bleibt ein Lügner.
Zum ersten Mal seit Tagen und Wochen habe ich es ehrlich in Worte gefasst, habe es nicht mehr nur in meinem Kopf gelassen und voller Zorn aufgeschrieben, dass ich möglicherweise angelogen werde.
Ich denke, dass ich angelogen werde, wenn es darum geht, was ich diesem Menschen bedeute. Ob ich angelogen werde, weil ich ihm sehr viel weniger oder doch etwas mehr bedeute, weiß ich nicht. Natürlich würde es einen Unterschied machen, aber gleichzeitig sollte ich froh sein, die Antwort nicht zu wissen, denn es sollte keinen Unterschied mehr für mich machen.


Zum etlichen Male seit Wochen denke ich mir - aber dieses Mal zum ersten Mal so richtig - dass ich froh sein sollte, froh sein muss, dass die Rollen keine anderen sind. Dass meine Rolle in diesem Stück keine andere ist, denn ich will gerade mit niemandem tauschen.
Ich kann weiter, ich kann das Stück wechseln, ich kann neu anfangen, ich kann wählen und entscheiden. Und das alles werden echte Entscheidungen, echte Optionen sein.


Das muss ich mir einfach sagen. Immer wieder und wieder und wieder und wieder. Ich weiß, dass ich mich nicht vorbereiten kann, auf das, was kommt. Ich kann nur versuchen, es möglichst gut hinzunehmen, die Fassung zu wahren. Und im Anschluss werde ich wieder aufstehen, mir den Staub von den Beinen klopfen und weitergehen. Das ist nicht das erste Mal, dass ich das hier machen muss. Dass ich das hier geschehen lassen muss. Es ist nicht okay, aber es gehört dazu. Seit Tagen, seit Wochen bereite ich mich darauf vor, dass das hier jederzeit zu Ende gehen kann und das macht mich so kaputt.


Im Moment sage ich mir, ich werde das verkraften. Vielleicht stecke ich emotional ja gar nicht so tief drin in diesem ganzen Sumpf, wie ich mir selbst das immer wieder vor Augen halte. Bestimmt nicht. Und das bietet viele Möglichkeiten. Bestimmt. Ich bin dann quasi wieder frei. Auch im Herzen. Genau das ist doch das, was ich brauche. Oder?


Ich bin manchmal hin- und hergerissen. Ob ich hart im Nehmen bin oder doch eher ein echtes Weichei. Ob ich jemand bin, der sich durchbeißt und allen Widerständen trotzt oder jemand, der sich im Grunde ständig kleinkriegen und umhauen lässt.

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