Aufhören

Heute Morgen werde ich wach und mein erster Gedanke, noch bevor ich richtig da bin, noch bevor ich draußen den Sonnenschein oder den blauen Himmel wahrnehme, noch bevor ich hungrig sein kann oder auf die Toilette muss, ist, dass es aufhören muss. Direkt.


Und mit einem Schlag fühlte sich alles deprimierend, weniger bunt, weniger schön an. Ich will das nicht, habe aber immer mehr das Gefühl, keine andere Chance zu haben. Ich werde wieder alleine sein und werde wieder das Gefühl haben, dass sich das wohl nie ändern wird, jedenfalls nicht in nächster Zeit. Und ich werde all diese guten Momente nicht mehr haben. Die Küsse, die Umarmungen. Die Nähe, die Vertrautheit, das Lachen, dieser bestimmte Blick. Die langen Gespräche und die ausschweifenden Diskussionen.
Ich weiß, dass mir all das fehlen wird und noch mehr der Mensch, der dazu gehört.


Aber ich kann das nicht mehr. Ich komme mit all diesen Gefühlen und mit all den Gedanken dazu auf Dauer nicht mehr klar. Das Dazwischensein. All die Zweifel. Und ständig das Gefühl, dass das nicht sein sollte.


Ich wünschte, ich könnte mir mehr Zeit lassen. Könnte die Entscheidung noch ein wenig rauszögern, könnte noch ein wenig warten. Das ist ein miserabler Zeitpunkt. Es gab noch so viel, was wir gemeinsam erleben und machen wollten und ich würde das gerne aufschieben, würde gerne sagen "Naja, ein wenig noch". Mein Kopf hat Mitleid mit sich selbst und sucht immer wieder Ausflüchte und Kompromisse, Notlösungen, um zu bekommen, was ich mir erhoffe, um mehr Zeit rauszuschinden und gleichzeitig sich den Entscheidungen, die irgendwo tief in meinem Inneren gefällt wurden, nicht zu widersetzen.


Aber der Zeitpunkt darf nicht entscheidend sein. Wenn es danach geht, ist nie der Zeitpunkt dafür. Es wird immer einen Grund zu geben, zu bleiben, auch wenn tausende dagegen sprechen.


Ich will das nicht mehr. All der Schmerz, all die Traurigkeit und immer wieder das Gefühl, dass ich es nicht einfach genießen kann. Ich bin raus.

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Platzende Seifenblasen

Auf dem Weg hierher sprudelten noch die Gedanken und die Worte in meinem Kopf. Es fühlte sich ausnahmsweise einfach mal nur echt und nicht theatralisch und melodramatisch an und ich nahm mir fest vor, diese Gedanken später aufzuschreiben. Währenddessen fuhr ich weiter die Autobahn entlang, widmete den letzten Sonnenstrahlen des Tages meine Aufmerksamkeit und sah der Sonne dabei zu, wie sie sich unaufenthaltsam allmählich für heute verabschiedete.
Ich hielt unterwegs kurz an, kaufte mir Schokolade und lief dabei an ein paar Menschen vorbei. Ich sah die Blicke, merkte, wie man mich von oben bis unten musterte und ging noch ein wenig aufrechter. Heute bedeuteten mir die Blicke nichts und ich wollte einfach nur raus. Raus all dem.
Und während all das um mich herum und in mir passierte und die Straße an mir vorbeiraste, flüchteten ein paar Tränen aus meinen Augen. Ich nahm sie hin. Als Zeichen dafür, dass das alles sehr viel mehr mit mir macht als ich es die meiste Zeit über bemerke.


Mr. Nevermind sagte mal vor einigen Jahren, dass ich für eine einzige Person eine beachtliche Vielzahl an Emotionen an einem einzigen Tag durchleben würde. Er drückte es ein wenig anders aus, aber der Sinn war ein ähnlicher. Meine Mutter meinte mal resignierend, ich habe schon immer dazu geneigt, die Dinge intensiv und extrem zu empfinden und dass sich das vermutlich niemals ändere.


Ich weiß, dass das manchmal eine meiner Schwächen ist. Immer dann, wenn ich in den negativen Gefühlen zergehe und ihnen so viel Kraft und Energie widme.
Gleichzeitig kann es auch manchmal eine meiner Stärken sein. Immer dann, wenn ich aus Kleinigkeiten etwas Großes mache und aus ihnen Energie und Liebe ziehe.


Heute habe ich beides zugleich erlebt und empfunden. Es wäre okay gewesen für mich, wenn nicht am Ende alles so geendet hätte, wie es das getan hat. So plötzlich. Für heute ist also die Blase geplatzt und ich muss wieder ein wenig warten, ehe ich mich der nächsten Blase widmen kann. So ist das Spiel. Und auch mir fällt das alles, wie ich feststelle, wesentlich leichter, solang ich es als Spiel betrachte, obwohl es das für mich schon längst nicht mehr ist. Vielleicht war es das auch nie.


Jetzt gerade, jetzt ist mir nach Weinen zu Mute. Weil all die Emotionen in mir dafür sorgen, dass ich nicht richtig damit klar komme. Ich hätte mir heute gewünscht, mich bis zum letzten Augenblick geborgen zu fühlen. Nochmal einen Moment lang alles ausblenden zu können, ehe ich zurück in die Realität gehe. Aber so ist das nicht mit Seifenblasen. So funktioniert dieses Spiel einfach nicht. Sie platzen und entweder kommt man damit klar oder nicht. Wir müssen nicht darüber reden, dass ich niemand bin, der einfach damit klar kommt. Es ist auch so offensichtlich genug.


Ich hätte gerne so viel gesagt, um die Seifenblase aufzuhalten. Bleib. Geh nicht. Warte noch kurz. Nur den Moment, bitte nur einen noch.
Ich habe es nicht gesagt. Nicht, dass ich es nicht versucht hätte, aber ich habe nicht die richtigen Worte gefunden. Auch, weil ich wusste, dass es nicht funktionieren würde. Weil ich wusste, es gibt gute Gründe, alles platzen zu lassen. Weil ich wusste, ich darf nicht. Darf nicht so gierig sein.
Ich will niemand sein, der fordert und verlangt und erwartet. Und ich will niemand sein, der sich fügt und anpasst und über sich entscheiden lässt.
Aber ich bin beides, irgendwie. Ich wäre lieber nichts davon.


Und jetzt? Jetzt ist es Abend. Der Tag ist vorbei. Der Abend eigentlich auch. Ich sitze an meinem Schreibtisch, in meinem Büro. Hier ist es schon wieder ein wenig gemütlicher als es das noch vor ein paar Wochen oder Monaten war.
Jetzt merke ich, ich hätte es gebraucht. Hätte noch kurz einmal diese Sicherheit gebraucht, dieses Gefühl, dass alles okay ist. Aber es ändert nichts. Ich fühle mich ein wenig leer, ein wenig verunsichert. Mich lässt manches zweifeln, was ich heute gehört habe, aber das, was ich gespürt habe, lässt mich umso sicherer sein.
Ich warte und ich wünschte, ich würde das nicht tun. Aber ich tue es. Vielleicht geht der Abend so zu Ende. Jetzt gerade wäre das für mich eine Katastrophe, aber damit muss ich leben. Seifenblasen sind unbeständige Dinger. Klar, bunt und schön und faszinierend. Und furchtbar zerbrechlich, sensibel und nur für den Moment gemacht. Wer etwas anderes denkt, ist ein Narr.

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Findest du nicht auch?

Du sitzt neben mir. Keine halbe Armlänge von mir entfernt. Ich spüre deinen warmen Oberschenkel an meinem. Nicht verwunderlich, denn wir sitzen auf meinem viel zu kleinen Zweier-Sofa. Das Sofa, dessen Tage schon gezählt sind. Ein seltsamer Gedanke, aber wenn ich darüber nachdenke, ist es so als würde ich bald einen guten Freund verabschieden.


Auf jenem Zweier-Sofa sitzen wir. Körper an Körper. Du erzählst etwas, ich lache. Ich erwidere etwas, du lachst. Immer wieder landet mein Blick auf deinem Gesicht und widmet sich anschließend wieder irgendwelchen Gegenständen auf der anderen Seite des Raums.


Als du vorgeschlagen hattest, dass wir uns auf's Sofa setzen könnten, war ich mir nicht sicher. Was würdest du damit erreichen wollen? Wirklich nur Kekse essen? Oder würde deine Hand auf meinem Oberschenkel landen? Würdest du mich streicheln? Würdest du dich an mich kuscheln? Mich küssen? Oder mir anders irgendwie näher kommen?
Ich stimmte zu. Mit einem kurzen Zögern, von dem ich hoffte, dass du es nicht wahrnehmen würdest. Du solltest mein Zögern nicht spüren. Andererseits ist die Erklärung, dass du genau das schon längst getan hast, die einfachste.


Und so saßen wir da. Gesättigt von einem fantastischen Essen, das wir in Teamarbeit zubereitet hatten. Selten hat sich kochen für mich so schön und natürlich angefühlt. Ich äußerte es nicht, aber ich könnte mich daran gewöhnen, das öfter zu machen. Für mich war es eine Premiere, jemanden an meiner Seite zu haben, der mal nicht den Ton in der Küche angibt und mich belehrt. Seltsam.


Nach einer Zeit merkte ich, wie ich es genoss, dein Bein an meinem zu spüren. Die Wärme, die Vertrautheit. Ich genoss es, dich so nahe zu wissen, obwohl ich das ebenso in einem vollen Zug haben könnte. Aber eben nicht mit dir.
Ich spürte zunehmend, wie ich deinem Blick auswich und ihm weniger Stand halten konnte. "Küss mich", dachte ich ein paar Mal im Stillen. "Ergreif die Initiative, komm mir näher, bring mich endlich dazu, die Scheu, die Angst zu verlieren."


Mir hat jemand gesagt, es sei Gewohnheit, dass ich nicht den ersten Schritt mache. Es ist mehr. Ich will, aber ich kann nicht. Ich bin mir nicht sicher, was ich will, solang ich nicht habe, was ich will.


Ein wenig hilflos sehe ich zu, wie du dich auf meinem Zweier-Sofa verbiegst. Du gibst einen seltsamen Anblick ab und ein Teil von mir kann das nicht mehr länger mit ansehen. Ich biete dir an, deine Beine auf meinen Schoß zu legen. Du schaust mich erstaunt an. "Jetzt echt?"
Ich nicke bestimmt, nehme mir deine Beine und halte sie fest auf meinen. Es fühlt sich natürlich an. Nichts dabei. Als wärst du ein guter Freund oder ein Bruder. Irgendjemand, von dem ich nicht geküsst werde.


Wir werden allmählich müde. Ein paar Mal steigt in mir das Verlangen, die Augen zu schließen, mich an dich zu kuscheln und einzuschlafen. Dieses Verlangen habe ich häufiger, aber selten ist es an einen Menschen geknüpft.


Du stehst auf. Musst mal kurz wohin. Ich überlege in der Zeit krampfhaft, was ich machen könnte. Ich entscheide mich dafür, mich auf dem Sofa lang zu machen und abzuwarten, wie du damit umgehst. Du kommst zurück, ich schaue dich herausfordernd an und ehe ich überhaupt reagieren kann, schwingst du meine Beine samt der Decke, die ich mittlerweile dazugeholt habe, hoch, setzt dich auf's Sofa und legst meine Beine behutsam auf deine. Für einen Moment bleibt mir der Atem weg von so viel Natürlichkeit, so viel Vertrautheit. Es ist als würden wir uns schon länger kennen. Ich mag das.


Ich mag dich. Ich bin mir sicher. Du bist verrückt, ein wenig schräg und seltsam. Gleichzeitig wirkst du so erfrischend durchschnittlich und bodenständig. Ich mag das. Du bist niemand, der mich einfach in die Kiste kriegen will und falls doch, dann könntest du dich kaum mieser anstellen. Stattdessen habe ich das Gefühl, es geht dir wirklich darum, einfach Zeit mit mir zu verbringen. Du bringst mich viel zum Lachen und ich liebe es schon jetzt, wenn du so verrückt lachst. Wir bringen einander oft zu lachen und du weckst in mir das schlagfertige, freche, vorlaute, aufgeweckte Mädchen, das nicht in der Gegenwart jedes Menschen zur Geltung kommt. Aber du, du kriegst die volle Breitseite meiner Frechheiten.
Ich finde dich süß. Und es gibt so unglaublich viele Momente, in denen ich denke, was für ein liebenswerter, gutherziger Typ du doch sein musst. Anständig. Ich glaube, du könntest kaum anständiger sein und auch das finde ich so unfassbar gut an dir. Du bist nicht einfach nett. Du sagst mir die Meinung, schüttelst den Kopf, belächelst mich, ziehst mich auf, ärgerst mich und gibst mir nicht das Gefühl, alles dafür zu tun, dass ich dich mag. Und dadurch machst du es mir so unglaublich leicht, dich zu mögen.


Trotzdem zweifel ich. Trotzdem denke ich vor jedem weiteren Date, dass es auch okay wäre, würden wir uns nicht sehen. Dass es ohnehin nach so vielen Dates ohne jegliche Form von Körperkontakt unwahrscheinlich ist, dass man am Ende nicht nur befreundet ist. Aber weißt du, nach jedem Date kann ich es kaum erwarten, dich wiederzusehen. Ich freue mich jedes Mal, merke, wie meine Zuneigung wächst und ich finde es so erfrischend, dir davon erzählen zu können und dabei keine Sorge zu haben, dass du das als etwas Schlechtes auffassen könntest. Ich kann dir sagen, dass ich mich auf dich freue und bekomme eine Erwiderung, die sich ehrlich und nicht weniger ungehemmt anfühlt.


Immer, wenn wir dann wieder getrennte Wege gehen, genieße ich diese Umarmung. Ich habe manchmal das Gefühl, sie werden immer länger und fester. Es ist schön. Am Ende eines Abends mit dir schmerzen meine Wangen vom Lachen und ich bin fröhlich, ausgeglichen, ein wenig aufgekratzt vielleicht auch. Ich fühle mich jedes Mal wie das Mädchen, das die ganze Welt umarmen könnte. Einfach, weil ich eine schöne Zeit mit dir hatte.


Ich bin gespannt, was daraus wird. Ganz ehrlich. Und damit möchte ich gerne diesen Eintrag beenden. Nicht mit dem, was mir sonst durch den Kopf geht und viel zu viel Platz einnimmt. Auch nicht mit meinen Zweifeln oder mit meinen Sorgen. Nicht damit, dass ich mich davor fürchte, was dem hier im Wege stehen könnte. Wenn das hier nichts wird, dann sollte das an dir und an mir liegen. Daran, dass wir kein gutes Wir ergeben können. An nichts anderem sollte soetwas scheitern. Findest du nicht auch?

26.6.18 22:00, kommentieren