Loslasskummer

Ich habe das Gefühl, diesen Zustand viel zu oft schon erlebt zu haben. Diese Erfahrung, wenn man kurz davor steht oder auch dabei ist, einen Menschen, den man lieb und gern gewonnen hat, warum auch immer, weiterziehen lassen zu müssen.


Ich weiß, dass mir das noch oft genug passieren wird. Das ist der große Haken an Zuneigung, Freundschaft und Liebe. Das Risiko, das man gerne und gedankenlos einzugehen bereit ist, solang sich alles noch gut und leicht anfühlt.


Ich weiß nicht, wie oft ich schon an diesem Punkt war. Dass ich Tränen vergieße wegen eines anderen Menschens, der sich spürbar für einen Weg entscheidet, der mit meinem nicht identisch ist und auch nicht in der Nähe ist.
Mittlerweile kenne ich mich aus. Ich erkenne die Zeichen, ich spüre die Unehrlichkeit, wenn mir gesagt wird, es sei alles in Ordnung, während man sich immer weiter voneinander distanziert. Ich kenne den Schmerz und ich kenne auch die Tränen. Ich kenne das Gefühl, dass mich alles zerreißt, weil ich mir einen Menschen, der mir wichtig geworden ist, Stück für Stück wieder aus dem Herzen reiße. Ich kenne die Bitterkeit, die man empfindet, weil man sich denkt, es hätte anders laufen können. Oder sollen. Und das Gefühl von Einsamkeit. Weil man weiß, dass ab jetzt (oder bald) jemand fehlen wird, der bis dahin die ganze Zeit über da war.


Bei all diesen Erfahrungen ist da immer auch das Gefühl, dass ich das offenbar intensiver empfinde als die anderen Menschen. Oder vielleicht binde ich mich auch einfach emotional mehr an sie als sie es bei mir tun.
Ich vermute allerdings Ersteres.
Denn diese Momente lehren mich auch eines: Ich bin in der Lage zu lieben. Ich bin fähig, einen Menschen in mein Herz zu lassen, ihm Platz zu machen und mich auf ihn einzulassen. Das, von dem ich manchmal denke, dass ich nicht allzu gut darin wäre, kann ich wohl in Wahrheit erstaunlich gut.
Und gleichzeitig bin ich immer viel zu unsicher, ängstlich und misstrauisch.
Ich fürchte mich davor, fallen gelassen, verletzt und verlassen zu werden.
Es ist eines der Dinge, die tief in mir sitzen und die ich nicht grundsätzlich ändern kann. Ich kann nur dafür sorgen, dass sie nicht ganz so sehr zur Geltung kommen.


Das Schwierigste ist das Loslassen. Sich selbst einzugestehen, dass der Zeitpunkt dafür gekommen ist, dass das Einzige, was einem auf Dauer noch gut tun kann, das Loslassen ist.
Es ist gleichzeitig auch das Schmerzhafteste.


Ich denke noch häufig an die Nächte in Weitweg, in denen ich mir in der ersten Zeit nach der Trennung mit Mr. Nevermind jede Nacht die Augen aus dem Kopf geheult habe, bis irgendwann keine Tränen mehr übrig waren. Damals habe ich oft meine Mutter aus dem Bett geklingelt, weil ich nicht schlafen konnte und ich noch nie so großen Liebeskummer hatte. Oder sagen wir Bindungskummer. Oder Loslasskummer. Denn Liebe war es zu dem Zeitpunkt längst nicht mehr. Ich hatte oft vor der Trennung darüber nachgedacht, die Beziehung zu beenden, weil ich längst nicht mehr glücklich war. Der Punkt war, dass mir klar wurde, dass jemand, den ich im Laufe der Zeit sehr gern gewonnen hatte und der für mich eine feste, bedeutsame Rolle hatte, dies bald nicht mehr tun würde und dass er sich von jetzt auf gleich von mir entfernt hatte. Das tat unglaublich weh und wenn ich an die Trennung denke, denke ich noch immer an den Schmerz, den ich jede Nacht auf's Neue empfunden habe.


Es dauert bei mir, ehe ich soweit bin, zu sagen, dass es das war. Die Geschichte mit Mr. Nevermind ist nur eines von unzähligen Beispielen, bei denen ich mich an jedem Strohhalm geklammert habe, in der Hoffnung, man könnte noch irgenwie die Kurve kriegen. Ich bin nicht gut im Aufgeben, vor allem nicht, wenn es um das geht, was ich mit einem Menschen habe. Oder hatte.


Es hilft nicht viel in solchen Situationen. Durchhalten. Sich nicht von der Verzweiflung und der Traurigkeit wahnsinnig machen lassen. Sich vor Augen zu halten, dass es irgendwann besser wird, macht es abwechslend besser und schlimmer. Man hat Hoffnung und gleichzeitig zerfrisst es einen, noch nicht an diesem Punkt sein zu können, dass es alles schon besser und leichter ist.


Mir hilft es außerdem zu wissen, dass das, was man mit einem Menschen hatte, nicht automatisch vergessen, bedeutungslos oder verloren ist. Es ist ab jetzt eben kein Teil der Gegenwart mehr. Es gehört zu der Vergangenheit, als wertvolle Erinnerung oder wichtige Lektion. Je nachdem.
Natürlich stimmt es nicht, wenn ich, wie anfangs, sage, dass ich mir einen Menschen Stück für Stück aus dem Herzen reiße. Es ist eher so als würde ich den Platz, den ein Mensch eingenommen hat, zusammenschieben und es, mit viel Mühe und Gedankenarbeit, irgendwo in die Vergangenheitsecke meines Herzen abschieben. Da, wo sich alles stapelt, überlappt. Wie eine Art Abstellraum, dessen Tür man nicht zu oft öffnen sollte, weil das alles unordentlich machen würde.


Ich reiße nicht. Denn ich will keine Narben. Ich will kein vernarbtes Gewebe haben, das gefühllos bleibt und es verhindert, dass ein anderer Mensch darin Platz findet.


Das gehört wohl zu den grundlegenden Erfahrungen, die jeder Mensch mal gemacht hat und immer wieder macht. Wir sind lebendige, fühlende Wesen. Es gehört einfach dazu.

3 Kommentare 13.5.18 01:29, kommentieren

Um fair zu sein

Ich weiß, dass ich die einzige Chance, um fair zu sein, genau jetzt habe. Weil die Gedanken jetzt nicht nur klar, sondern auch ehrlich sind. Also los!


Ich mag dich. Von Anfang an und seitdem immer ein Stück mehr. Zu viel? Bisher nicht. Es gibt viel, was ich an dir mag, aber ich habe mich schon einige Male dabei erwischt, dass ich, wenn ich mich gefragt habe, warum ich dich so mag, keine Antwort gefunden habe, die wirklich etwas mit dir als Mensch, als Charakter zu tun hätte. Weil ich dich auch als die Rolle sehe, die du besetzt, und vielleicht ist es für mich einfacher, mich auf deine Rolle als auf deine Person zu konzentrieren. Ich bremse mich. Regelmäßig. Lege Wert darauf, dass ich nicht ins Schwärmen für dich gerate und dass die Grenzen, die zwischen uns immer liegen, immer liegen werden, zumindest mir stets klar bleiben.


Seit ich dich kenne, geht's mir oft wieder schlecht. Die Phasen, in denen meine Stimmungen wechseln, sind häufiger und heftiger geworden und erst gestern habe ich Tränen vergossen. Du kannst nichts dafür, du bist nicht schuld daran. Du tust mir nicht wissentlich weh und für meine Gefühle kannst du nichts. Du bist nicht der Grund, du bist ein Auslöser für etwas, was auch ohne dich da wäre.
Und während ich vielleicht gestern noch dachte, ich müsse das hier beenden, weil ich mir mit dir auf Dauer nur weh tue und schade, denke ich jetzt anders darüber.


Ich habe kein Problem mit dir, ich habe ein Problem mit mir. Und du machst mir dieses Problem mit allem, was du bist und was du hast, deutlich. Hältst es mir vor Augen, ohne es mir unter die Nase zu reiben. Ich brauche dich nur ansehen und sehe mein Problem.


Jemand hat gesagt, ich würde nicht mit dir tauschen wollen. Und ich würde das gerne glauben, aber es fällt mir schwer, das zu tun. Ich weiß nicht, ob dieser Mensch wirklich Recht hat. Es würde vieles einfacher machen, könnte ich es glauben.


Immer wenn du gehst, ist da wieder dieser Platz. Und in mir die Leere. Ich weiß, du bist bisher noch nicht darauf gekommen, dir das so zu erklären. Ich bringe es nicht über mich, dir zu erklären, woher meine Bedrücktheit und meine Zweifel manchmal kommen. Ich bin es weder dir sonst noch jemandem schuldig, es offen zuzugeben und es ist schon ganz ehrlich schwer genug, es vor mir selbst zuzugeben.


Ich zweifel oft. An dir und an mir. Und daran, ob das, was wir da tun, echt so eine gute Idee ist. Frag mich morgen, übermorgen oder nächste Woche und ich sage dir, dass es das defintiv nicht ist.
Heute jedoch habe ich mich gefragt, warum eigentlich nicht. Wir kennen unsere Grenzen. Wir wissen, ab wann es zu weit ist. Und wenn ich dich jetzt aus meinem Herzen herausreiße, dir die Tür vor der Nase zuknalle und so tue als hätte es dich nicht gegeben oder als wärst du Vergangenheit: Was habe ich davon? Ich werde Tage lang deprimiert und traurig sein. Vielleicht auch Wochen. Und dem, was ich eigentlich wollte, komme ich damit auch nicht näher. Mit dir zwar auch nicht, aber du bist wie eine gute Raststätte, eine beeindruckende Oase, ein Co-Pilot, ein lachender Beifahrer, der mich vor dem Einschlafen bewahrt.


Ich würde gerne so tun als wäre der einzige Grund, dass ich bleibe, der, dass ich weiß, dass gehen mir auch nichts bringt. Würde ich so tun, könnte ich mir vorgaukeln, das hier wäre eine Entscheidung der Vernunft. Ist es aber nicht. Das war es von Anfang an nicht. Das mit dir ist nicht vernünftig.


Das mit dir ist besonders und es ist für den Moment. Ob es echt ist, mag ich gerade ausnahmsweise nicht bestreiten oder anzweifeln.
All die Zweifel der letzten Tage? Weggewischt. Vielleicht ist das eine Masche, vielleicht macht man das so, vielleicht ist das ein übler Trick. Manipulation. Vielleicht holen die Zweifel mich schon in einer Stunde oder nach dem Aufwachen ein.
Weißt du, das kann alles sein, aber zum ersten Mal mag ich mich nicht mit diesem Gedanken auseinandersetzen wollen.
Denn zum ersten Mal überhaupt hat sich das nicht nur gut angefühlt, sondern auch absolut echt. Und zu sehen und zu hören, wie sehr du dich bemühst, eine Lösung zu finden, mit der ich auch leben kann... Das hat alles andere überwogen und übertroffen.

9.5.18 22:30, kommentieren

Das letzte Mal

Ich glaube zunehmend, dass es das letzte Mal sein wird, sein muss. Und bei dem Gedanken zieht sich etwas in meiner Brust zusammen und tut mir entsetzlich weh.
Ich will das nicht. Tatsächlich könnte ich an dieser Stelle vermutlich wirklich ein paar Tränen verdrücken. Aber auch das will ich nicht.


Ich bin die einzige Person, von der ich mir sicher sein muss, mich mein ganzes Leben lang auf sie verlassen zu können. Ich bin die einzige Person, für die ich mein ganzes Leben lang vollkommen verantwortlich sein werde. Und ich bin damit die einzige Person, der ich aktuell wirklich etwas schuldig bin.


Damit liegt die Antwort immer mehr auf der Hand. Es liegt auf der Hand, was ich tun muss. Und was ich lassen muss. Und das tut mir weh, weil es das Letzte ist, was ich gerade tun möchte.


Manchmal frage ich mich, wie mir das alles passieren konnte und wann ich verdammt nochmal so offensichtlich falsch abgebogen bin. Manchmal denke ich sehnsüchtig an das Gefühl, dass alles in seinen geregelten Bahnen verläuft. Ein Gefühl, das ich schon viel zu lange nicht mehr empfunden habe. Das gleiche Gefühl, wegen dem ich mich im Nachhinein manchmal frage, ob ich mir nicht lange etwas vorgemacht habe.


Ich mag mich und das meine ich ganz ehrlich. Ich finde, dass ich total bescheuert sein kann, aber egal, wie seltsam, eigenartig und schwierig ich teilweise bin, habe ich viel Liebenswertes und Gutherziges an mir. Ich bin kein Schönwetter-Mädchen. Ich weiß, dass ich wertvoll bin und dass sich der Mensch, der mich mal an seiner Seite weiß, glücklich schätzen kann, egal, auf welcher Ebene ich mir das überlege. Die letzten Monate haben mich darin bestätigt. Ich bin eine gute Partie und auch, wenn ich das eine ganze Weile nicht sehen konnte, wurde es mir oft genug deutlich gemacht.


Umso mehr frage ich mich, warum ich seit meinem ersten Kuss vor zehn Jahren einem Menschen nach dem anderen mein Herz entgegenwerfe in der Hoffnung, dass er es auffängt.
Als ich mal durchgerechnet habe, habe ich festgestellt, dass es in den letzten zehn Jahren insgesamt ein halbes Jahr (am Stück) gab, in dem absolut kein Mann in meinem Kopf präsent war.


Das ist traurig, weil ich mich nicht deutlicher unter Wert verkaufen könnte. Fast alle diese Männer haben gemeinsam, dass sie mindestens halbwegs echtes Interesse an mir hatten. Bei den meisten war es wohl nicht nur halbwegs echtes. Bei manchen hätte ich mir mehr gewünscht, deutlich mehr. Bei anderen war ich es irgendwann, die ihnen die Tür vor die Nase zugeschlagen hat.
Und sie alle haben gemeinsam, dass ich mich frage, wie oft ich das noch alles mitmachen möchte. Wie oft ich mein Herz noch an jemanden hänge, der etwas in mir weckt.


Es ist gelogen, wenn ich sage, dass ich meinem Herz irgendjemandem hinterherwerfen würde. Eher ist es so, dass ich mich schnell verzaubern lasse. Wenn mir jemand das Gefühl gibt, etwas wert zu sein und gesehen zu werden, ist es viel zu schnell um mich geschehen.


Mir fällt es schwer, weiterzuziehen. Einen Menschen hinter mir zu lassen. Und ich bin dieses Gefühl, dass einer durch den Nächsten abgelöst wird, so furchtbar leid. Dieser Moment, wenn ich mich dafür entscheide, weiterzuziehen, mich selbst über meine eigenen Gefühle zu stellen und einzusehen, dass es keinen Sinn weiter hat. Das sind tränenreiche Momente. Momente, in denen mir eng ums Herz wird. Momente, in denen ich mich fühle wie ein Vagabund, der seine sieben Sachen zusammenpackt, um nach einer neuen Schlafstelle zu suchen, während er immer noch von einem festen Wohnsitz träumt.


Es ist wieder soweit. Ich weiß das. Ich weiß, dass es so sein muss und gleichzeitig bringe ich es nicht über mich. Weil ich noch zu viel Hoffnung habe, dass ich mich täusche. Gleichzeitig sind sich Verstand und Gefühl immer einiger, dass ich es nicht tue.


Während ich das hier geschrieben habe, sind tatsächlich einige Tränen geflossen. Aber jetzt gerade geht es wieder. Ich erhoffe mir in den nächsten Tagen ein paar Antworten. Vielleicht werden die nächsten Tage aber auch alles nur noch schwieriger, komplizierter und aufwühlender machen. Und immer, wenn sich alles so schwierig anfühlt, denke ich mir, dass doch auch irgendwann wieder der Zeitpunkt kommen muss, in dem sich alles leicht und gut anfühlt.

9.5.18 06:22, kommentieren