Kein Püppchen

Dass ich letzte Nacht ziemlich gut drauf war, kann man eindrucksvoll im letzten Eintrag nachlesen. Ich hatte heute Morgen erst überlegt, ob ich ihn eventuell deaktiviere oder lösche. Allerdings finde ich ihn, trotz der einen oder anderen etwas konfusen oder heiklen Stelle, ganz unterhaltsam. Seht mir ernsthaft die Rechtschreibfehler nach - ich hätte nie gedacht, dass die das/dass-Rechtschreibregel so schwierig ist, wenn man genug getrunken hat.


Jetzt gerade fühle ich mich in erster Linie richtig arg müde. Um 8 Uhr am Morgen war ich fit und munter und an weiterschlafen war in dem Moment nicht mehr zu denken. Inzwischen habe ich gefrühstückt, geduscht, mich äußerlich darauf vorbereitet, das Haus heute zu verlassen und die Freundin, mit der ich gestern unterwegs war, schon drei Mal angerufen, um dann beim dritten Mal zu resignieren und ihr auf die Mailbox zu sprechen (ich glaube, das habe ich zuvor noch nie getan...).
Es ist ein bisschen eigen, dass ich, wenn ich getrunken habe, nicht allzu lange schlafen kann. 5 Stunden. Das ist schon echt mau. Woran genau das liegt, dass ich zum Frühaufsteher mutiere (etwas, was ich sonst nie tue), wenn ich getrunken habe, weiß ich zwar nicht, aber noch ein weiterer guter Grund, das nicht allzu oft zu machen.


Ich vermisse mein Handy. Ja, das Handy, das im Auto der Freundin liegt, die ich offensichtlich nicht erreiche. Irgendwie traurig, zu spüren, wie sehr es mir fehlt. Allein in der letzten Stunde war ich mindestens fünf oder sechs Mal die Situation, dass ich dachte "Oh, ich könnte mal schnell auf dem Handy nachschauen, ob..." oder "Ah, ich könnte mal wieder schauen, ob mir jemand geschrieben hat" und jedes Mal ging der Gedanke weiter mit "Oh Mist, geht ja nicht, stimmt ja". Ich glaube, dass es etlichen Menschen so geht und diese Art von Sucht nervt mich.
Gleichzeitig ist es auf meinem Handy im Moment eben auch selten still und es gibt die eine oder andere Nachricht, auf die ich hoffe oder warte.


Ob ich hoffe, dass eine von dem Typen dabei ist, mit dem ich mich gestern getroffen hätte? Ja. Und ja, ich weiß, wie dämlich das ist.
Vielleicht könnte ich sogar so tun als wäre der Typ nicht zu unreif, aber nach dem gestrigen Eintrag habe ich mir da jede Möglichkeit geraubt, mir selbst etwas vorzumachen.
Gestern, als ich noch nüchtern war, erzählte ich der Freundin von mir die gesamte Geschichte und erzählte ihr auch von meinen Zweifeln mir selbst gegenüber. Ich war tatsächlich recht anstrengend gewesen. Später erreichte mich noch eine Nachricht von ihm. Zu dem Zeitpunkt war ich schon ziemlich angeheitert.
"Du brauchst jemanden, der klare Ansagen macht und der sich festnageln lässt. Ich bin da schwierig."


Im ersten Moment musste ich lachen, weil meine Mutter im Laufe meines Lebens schon sehr sehr oft den Satz gesagt hat "Du versuchst mich wieder festzunageln".
Ja, stimmt schon. Ich suche Verlässlichkeit. Jemand, dessen Wort Bestand hat. Jemand, der sagt, was er denkt, bei dem ich nicht raten muss und bei dem ich mich darauf verlassen kann, dass er das in zwanzig Minuten auch noch so sieht.


Und so ist er eben tatsächlich nicht. Er versucht sich aus allem herauszuwinden. Schön unverbindlich bleiben. Bloß keine Aussage treffen, die man ihm übelnehmen oder später vorhalten könnte.
"Männer lässen sich nicht gern festnageln, das mögen die gar nicht",
sagte meine Mutter und hatte damit vermutlich vollkommen Recht.


Daraufhin kam ich heute ins Grübeln. Ja, habe ich vielleicht doch zu viel erwartet? Überreagiert? Hab ich eventuell einfach falsch gehandelt?
Meine Bereitschaft, alles zurückzunehmen und mich zu entschuldigen, nachzugeben und zu sagen, dass mir das alles leid tut, war in den vergangenen 24 Stunden immer wieder recht groß. Ich wollte doch, dass das was mit uns wird und irgendwie hat das jetzt alles schneller sein Ende genommen als ich gedacht hätte.
"Ja, aber sei doch mal ehrlich, willst du mit so einem zusammen sein? Wenn es jetzt schon so anstrengend ist?",
fragten zwei Freundinnen mich - völlig unabhängig voneinander. Und klar haben sie Recht.


Ich mein, wo ist denn bitte das Problem, wenn man sagt "Hey, ich hab mich gerade echt geärgert". Und dann muss man sich anhören, dass man zu anstrengend ist? Als wir uns kennengelernt haben, hat er mir gesagt, er finde es toll, dass ich "kein Püppchen, das zu allem Ja und Amen" sage, sei und ich war froh über diese Worte, weil ich danach das Gefühl hatte, wirklich so sein zu können, wie ich bin. Das sagen zu können, was ich denke.


Mir ist erst gestern klar geworden (auch durch eine völlig andere Situation), dass ich im Umgang nicht immer so bequem bin, wie ich es über mich manchmal denke. Nein, ich habe doch ziemlich meinen eigenen Kopf.
Und es hatte mich eben tierisch verletzt und aufgeregt, dass er sich mit mir spontan verabredet und mit mir abmacht, dass wir uns in drei Stunden wiedersehen, um mir dann eine halbe Stunde vorher doch abzusagen, weil er noch mit seinen Freunden unterwegs sei und das lieber gerne noch ausweiten würde. Ich war wütend, weil ich der Meinung war, dass man soetwas vorher merken kann. Und dass man, wenn man mir dann schon absagen muss, das ganz direkt und klar machen kann und sich nicht über fünfzehn Minuten lang winden muss, bis mir klar wird, dass dieses Um-den-Brei-Rumgerede wohl bedeutet, dass mir gerade abgesagt wird.


Wir hatten uns am Telefon ziemlich gezofft, er und ich. Ich habe es gestern betrunken etwas arg scharf formuliert, als ich sagte, ich habe mich wie eine 45Jährige gefühlt, die mit einem 12Jährigen spricht. Naja, es kam dem Gefühl aber eben doch recht nahe. Ich fühlte mich schlagartig an einen meiner Ex-Freunde erinnert, mit dem ich auch immer wieder diese Art von Gesprächen hatte. Gespräche, in denen ich mich über unreifes Verhalten aufrege.
Es gab zwei Highlights bei diesem Telefonat, die ich letztendlich nicht weglassen möchte:

Ich sagte ihm sehr klar, dass er mich aufgeregt habe, weil er nicht einfach klare Worte gewählt habe. "Weißt du, du hättest gestern einfach sagen können 'Okay, du, es klappt doch nicht, tut mir leid' und auch heute, da hättest du einfach sagen können 'Du, ich will mich nicht mehr mit dir treffen, du bist mir zu kompliziert. Nein, stattdessen sagst du mir 'Ja, du, also ich habe keine Lust. Du gefällst mir, aber ich habe gerade nicht das Bedürfnis dich zu sehen. Nein, keine Ahnung woran das liegt. Nein, ich nehme dir nicht übel, wie du dich gestern verhalten hast'." Ich wurde recht aufbrausend in dem Moment und imitierte die Stimme eines Menschen nach, der sich nicht klar ausdrücken kann.
"Okay, kommt nicht wieder vor. Dann bin ich eben nicht mehr nett.",
sagte er. Mir fiel die Kinnlade herunter. Ähm, tschuldige, Moment mal. Nochmal. Was? Nett? Irgendwer muss zwischendurch die Definition von "nett" im Duden verändert haben, ohne dass ich das mitbekommen hätte.
Er hat es mit seiner Nettigkeit. Er hält sich für einen Kerl, der durch und durch nett ist. Viel zu nett (das hat er im Vorfeld schon mehrmals gesagt). Nun ja, wieder einmal wurde bewiesen, dass verschiedene Menschen völlig verschiedene Vorstellungen bei ein und demselben Begriff haben können.
Ich persönlich differenziere ein wenig und sehe durchaus Unterschiede zwischen nett, unreif und feige. Und vor allem rückgratlos.
Letzteres Wort wollte ich erst im Gespräch verwenden und hatte es gerade noch heruntergewürgt und stattdessen erwidert: "Nett? Das hat doch nichts mit Nettigkeit zu tun. Es ist doch nicht nett, wenn du nicht mit der Sprache rausrückst."
"Meinst du? Oh doch, das zeigt einfach, wie nett ich bin, das bin ich dann nicht mehr."
"So ein Blödsinn. Das hat nichts mit Nettigkeit zu tun. Das hat etwas mit Ehrlichkeit zu tun. Du kannst doch nett sein und trotzdem mir ehrlich absagen."



Mal ganz abgesehen davon finde ich es durchaus kritisch, dass man sich innerhalb so kurzer Zeit umentscheidet und feststellt, dass man mich gerade doch nicht so gerne sehen will. Und dass man am nächsten Tag komplett gar keine Lust mehr hat, nur weil ich gesagt habe, was ich denke.


Oh und dann das zweite Highlight - das war echt so gut, dass die Freundin im Auto sich nicht mehr eingekriegt hat vor lachen, als ich ihr das erzählte:
Er (schon recht genervt): "Naja, das mach ich dann in Zukunft eben nicht mehr."
Ich: "Was soll das heißen? Dass wir uns wiedersehen?"
Er: "Ja, klar."
Ich: "Aha, okay. Aber hast du nicht gesagt, du hast gerade nicht das Bedürfnis mich zu sehen, weil es so anstrengend ist?"
Er: "Ja, schon, aber wir können uns ja wiedersehen, wenn es nicht mehr so anstrengend ist."
Ich lachte laut in den Hörer.
Ich: "Ist das dein Ernst? Aber du hast mir doch gerade erklärt, ich sei kompliziert und anstrengend. Selbst wenn wir uns dann erst in drei Monaten treffen, ändert das doch nichts. Dann bin ich doch aus deiner Sicht immer noch kompliziert und anstrengend."
Er: "Ja, schon, aber dann kennst du mich vielleicht besser."
Ich lachte erneut. Im Nachhinein ziemlich undiplomatisch, aber ich konnte mich echt nicht zurückhalten.
Ich (immer noch lachend): "Aber WIE soll ich dich denn näher kennenlernen, wenn wir uns nicht treffen, weil ich dir zu anstrengend bin und wir uns aber kennenlernen müssen, damit wir uns wieder treffen können, weil ich dir dann nicht mehr zu anstrengend bin? Ey, das macht doch gar keinen Sinn!"


Das Telefonat endete letztendlich recht unglücklich. Er war genervt. Ich war genervt. Ich wünschte ihm einen schönen Abend, bekam ziemlich pampig das Gleiche gewünscht und wir legten auf. Ich rief eine Freundin an, ließ meinen ganzen Ärger in dem Telefonat und als ich danach wieder das Handy in die Hand nahm, hatte ich eine neue Nachricht auf dem Handy.
"Ich weiß, ich bin schwierig. Du bist, was das angeht, so ziemlich das Gegenteil von mir, glaube ich."
Vielleicht war das der Augenblick, in dem mir klar wurde, dass nur, weil jemand so alt ist wie ich, das nicht bedeutet, dass er das gleiche geistige Alter besitzt. Ich meine, ich rechnete es ihm hoch an, dass ihn das offenbar doch beschäftigte. Gleichzeitig wird aber eben auch sehr schnell die ganze Krux deutlich. Eine Beziehung mit ihm würde vermutlich ins Chaos führen. Trotzdem hege ich noch ein Fünkchen Resthoffnung, dass es anders wäre, wenn wir uns dann besser kennen. Aber Hoffnung ist eben nicht immer rational oder logisch oder sinnvoll. Vor allem die Resthoffnung nicht.


Ich vermisse ein wenig diese sich entwickelnden Verknalltheitsgefühle der letzten sieben Tage. Dieses Hüpfen in der Magengegend. Ich habe jede Sekunde in seiner Gegenwart genossen und mich einfach unglaublich gut gefühlt mit ihm. Das war alles ziemlich intensiv und ich fühlte mich wieder daran erinnert, wie intensiv diese Art von Gefühlen ist. Ich merke dieses Hüpfen noch immer, wenn ich daran denke, dass er mir geschrieben haben könnte (was ich gerade nicht nachprüfen kann), nur dass mein Magen noch etwas von meinem gestrigen Alkoholerlebnis angeschlagen ist und dieses Hüpfen gerade in erster Linie Übelkeit und weniger Glücksgefühle auslöst. Und Übelkeit hatte ich in den letzten fünf, sechs, sieben Tagen wirklich genug.


Auch darüber habe ich viel nachgedacht. Warum war das so? Ich mein, ich hab die ganze Woche über ziemlich schlecht geschlafen. Am Freitag war es so dermaßen arg, dass ich einige Male wach wurde, weil mir schlecht wurde. Den gesamten Freitag über hatte ich puren Säuregeschmack auf der Zunge und am Ende schmeckte alles nach Pfeffer. Ich kenne mich mit diesen Magengeschichten mittlerweile gut genug aus, um zu wissen, dass ich das habe, wenn mich etwas emotional arg aufwühlt. Dass ich das das letzte Mal hatte, ist aber rund sieben Jahre her (was ich betone, damit klar wird, dass der emotionale Stress schon recht hoch sein muss, damit das bei mir auftritt).
Ich denke, das Problem, das mir so zugesetzt hat, war die Frage, wie ernst das alles ist. Und woran ich eigentlich bei ihm bin. Ich mein, selbst jetzt ist das eigentlich nicht klar. Mit dem Unterschied, dass ich jetzt sehr wohl weiß, was ich von der ganzen Situation halte.
Ich kann es offenbar nicht leiden, woran ich bei jemandem, den ich mag, bin und kann nicht damit umgehen. Schlecht, wenn der jemand, den ich mag, ungern zeigt oder sagt, was er denkt.


Nun. Ich habe es gestern bereits geschrieben, als ich betrunken war und ich habe mich über diese Worte heute Morgen tatsächlich etwas gefreut (obwohl sie von mir selbst kommen): Ich bin keine schlechte Partie. Aber ich bin eben auch tatsächlich kein Püppchen. Ganz und gar nicht. Nur muss man bei mir nicht raten, was los ist oder wie es mir geht oder was ich denke. Ich sage nicht "Ist okay", wenn etwas gar nicht okay ist. Aber ich sage oft genug, dass etwas in Ordnung ist - weil ich viele Dinge dann doch wieder recht locker aufnehme. So sehe ich mich jedenfalls.


So. Nun werde ich es nochmal bei der Freundin versuchen. Ich muss außerdem noch ein paar Dinge richtigstellen. Ich habe da das eine oder andere gesagt, das ich vielleicht nicht hätte sagen sollen. Daran muss ich definitiv arbeiten.

10.12.17 11:33

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bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Exhausted (11.12.17 16:52)
Natürlich bleibt der Eintrag online!
Wenn es einen Ort gibt, an dem du dich nicht verstellen musst, dann doch wohl dieser

Ich lese deinen Blog wirklich gerne. Du investierst bestimmt sehr viel Zeit, um all diese Gedanken in die passende Form zu bringen. Danke dafür!


Shippuu (11.12.17 16:54)
Entschuldige, ich weiß nicht, wie dein Name da oben hinkommt...


Exhausted (12.12.17 22:55)
Hallo Shippuu,
ich danke dir für die netten Worte
Das stimmt natürlich: Wenn ich irgendwo meine Gedanken überwiegend ungefiltert lassen kann, dann wohl hier

Liebe Grüße!

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