Der Plan

Ich habe es also gemacht.
Die Tüten unter meiner Küchenspüle stapeln sich. Stofftaschen, Plastiktüten, Papiertüten. Sie sind die meiste Zeit über fein säuberlich in drei Körben sortiert und gefaltet und für jeden Fall ist etwas Passendes dabei. Für Biomüll, für Einkäufe, für die Arbeit, für Dinge, die auslaufen oder leicht kaputt gehen können.
Auf der Suche nach einer passenden Tasche habe ich nun vermutlich ziemliches Chaos reingebracht. Die Stofftaschen fielen sofort weg. Es musste etwas sein, was nur ein Mal benutzt werden würde. Nichts, was ich zurückbekommen würde.
Die Plastiktüten fielen weg, allein schon wegen der Größe und der Aufdrücke. Die Plastiktüte eines Frauenbekleidungsgeschäfts zu nehmen, erschien mir als das Unpassendste, das ich nehmen könnte. Naja, unpassender wäre noch die Papiertüte eines Dessousladens, die unter meiner Spüle ruht.
Bei den Papiertüten stieß ich ebenfalls auf Grenzen. Die Biomülltüten waren zu groß. Alle anderen wieder mit Aufdrücken.
Für einen Moment fiel mir eine in die Hände, die ich mal auf der Arbeit bekommen hatte und ich war versucht, genau diese zu nehmen. Obwohl sie fast für den Anlass zu schade wäre. Aber aus jeder Pore würde der Sarkasmus tropfen und ich mag große, sarkastische Gesten. Gute-Laune-Tüte. Das stand drauf. Ich entschied mich dagegen. Man muss Momente nicht noch größer machen als sie ohnehin schon sind.
Dann fand ich eine. Aus Papier, klein und ausgebeult, irgendwie unförmig. Braun. Mit einem nichtssagenden, unbekannten Aufdruck. Insgesamt also passend und geeignet. Ich erwarb sie, als ich mit K-Freundin (damals noch eher K-Kollegin) in einem Edelsteinladen war.


Als ich mich vor ein paar Tagen dazu entschlossen hatte, morgen alles zu beenden und die paar Gegenstände, die hier rumliegen und kaum mehr über uns aussagen könnten, zurückzugeben, da erschien es mir wie eine gute Idee. Etwas, was mir vielleicht im ersten Moment schwer fallen würde, sich dann aber bestimmt spitze anfühlen würde. Irgendwie so in der Art. Man kann sich selbst eine ganze Menge erzählen. Für gewöhnlich erzählt man sich schließlich das, was man gerne glauben möchte.


Als ich dann vor ein paar Stunden eine Tüte rauskramen wollte, da fiel es mir schon deutlich schwerer. Die letzten Tage über habe ich mir immer wieder gesagt, dass ich mich doch noch dagegen entscheiden kann, das zu beenden. Und gerade heute war so ein Tag, an dem ich mich innerlich dafür entschieden hatte. Ungefähr wie jemand, der sich dazu entschließt, noch nicht heute, sondern erst morgen mit dem Sport anzufangen. Oder wie jemand, der sich sagt, ein Riegel Schokolade geht, um dann anschließend die Schokoriegel einer gesamten Verpackung zu verputzen. Oder wie ein Abhängiger, der sich sagt, er muss endlich mit den Drogen und/oder dem Alkohol aufhören und Pläne schmiedet, um diese dann schnell wieder über Bord zu werfen.


Der Gedanke, dass es das gewesen sein könnte, lässt mir schlagartig Tränen in die Augen steigen. Ich merke dieses Gefühl im Hals, das schmerzhafte Gefühl, wie sich darin alles zusammen zieht und das Schlucken schwerer wird. Oder das Gefühl in der Brust, dieses beklemmende, unangenehme Gefühl.


Natürlich ist es nicht das, was ich will. Aber ich glaube, es ist das Einzige, was ich tun kann. Ich habe mir vorgenommen, ich warte dieses eine Gespräch ab, warte auf mein Stichwort und sollte es kommen, dann verschwinde ich. Endgültig und komplett. Ich habe mir vorgenommen, ich höre auf mein Gefühl und sollte es mir das sagen, was mein Verstand sagt, dann ziehe ich die Konsequenzen.


Und was sind schon die Konsequenzen? Ein lädiertes Herz. Ein Kopf voller zermürbender Gedanken. Das Gefühl, allein zu sein. Der Verlust eines Menschen, mit dem ich etwas geteilt habe. Ein paar Möbel, für deren Aufbau ich mir andere Hilfe suchen muss und die mich vermutlich immer daran erinnern werden.
Vieles davon wird vermutlich so oder so passieren. Vielleicht besser jetzt.
Besser früher als später.


Ich werde also den morgigen Tag mit dem mulmigen Gefühl starten, dass sich nun alles entscheidet. Und vielleicht ist es besser so. Ich warte seit Monaten auf den Tag.


Natürlich war es schön. Natürlich habe ich oft unnötiges Drama gemacht. Und all die Konflikte. Ich habe das alles trotzdem genossen und ich denke, das könnte ich weiterhin vermutlich wieder problemlos. Ich weiß selbst nicht, warum ich es gerade so eilig habe, die Reißleine zu ziehen. Vielleicht weil ich mich wie jemand fühle, der lieber schon jetzt eine Ausfahrt früher nimmt, in der leisen Ahnung, dass die nächste erst viel zu spät kommt.


Ich sage nicht, dass morgen auf jeden Fall dieser Tag sein wird. Dass das morgen meine Ausfahrt sein wird. Ich sage nur, ich versuche darauf vorbereitet zu sein. Wobei die Erfahrung allmählich zeigt, dass ich in diesen Geschichten der unberechenbarste Faktor bin. Ich plane nicht, etwas zu beenden. Wenn ich es tue, dann weil es sich ergibt. Und diese Chance will ich mir geben. Deshalb die Tüte und die Gegenstände darin. Wenn ich morgen zurückfahre, ohne es beendet zu haben, dann in dem Gefühl, dass ich die Möglichkeit dazu hatte und mich bewusst, aus guten Gründen dagegen entschieden habe. Nicht, weil hier noch ein paar Gegenstände eines anderen Menschen rumliegen. Das ist der Plan.


Es wäre aber nicht das erste Mal, dass ich meine eigenen Pläne glorreich über den Haufen werfe. Warten wir ab.

10.7.18 06:10

Letzte Einträge: Zwei Arme, Erinnerung, Zu viele Gefühle , verändern, Ein Blick zurück

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


PP (10.7.18 08:44)
Man könnte deine "Berichte" bzw. "inneren Monologe auch als Parodien auf die vielen "Jammerblogger" sehen, die sich ihre Probleme selbt machen und nach dem einen gelösten Problem schon das nächste finden, so nach dem Motto: Hauptsache unglücklich. Und beim Lesen aus diesem Blickwinkel, findet man sogar viele humoristische Einlagen bei dir. Das mit den getrennten Tüten ist allein einer Satire auf übertriebene Zwangshandlungen wert. Und so Spitzen wie: "Die Plastiktüte eines Frauenbekleidungsgeschäfts zu nehmen, erschien mir als das Unpassendste, das ich nehmen könnte. Naja, unpassender wäre noch die Papiertüte eines Dessousladens, die unter meiner Spüle ruht." oder: "Für einen Moment fiel mir eine in die Hände, die ich mal auf der Arbeit bekommen hatte und ich war versucht, genau diese zu nehmen. Obwohl sie fast für den Anlass zu schade wäre. Aber aus jeder Pore würde der Sarkasmus tropfen und ich mag große, sarkastische Gesten. Gute-Laune-Tüte. Das stand drauf. Ich entschied mich dagegen. Man muss Momente nicht noch größer machen als sie ohnehin schon sind." Dein Schreiben verfügt über einen hohen literarischen Wert. Kafka hatte übrigens auch so einen unterschwelligen Humor, den viele nicht erkennen .. Wir sollten wie der Steppenwolf am Ende wieder das Lachen lernen. Lachen, Lachen, Lachen .. LG PP

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)

Die Datenschuterklärung und die AGB habe ich gelesen, verstanden und akzeptiere sie. (Pflicht Angabe)


 Smileys einfügen