Zu viele Gefühle

Manchmal werde ich das Gefühl nicht los, dass ich im Grunde mir etwas vormache und alles eine ziemliche Lüge ist. Und das ist dann der Moment, in dem sich alles so sehr in Frage stellen lässt, dass ich alles habe, nur keine Antworten.


Manchmal fühle ich so viel, dass ich gar nicht recht weiß, wie es mir eigentlich geht. Und manchmal, da ist in mir so viel Aufruhr, so viele Gedanken, so viele Gefühle, dass ich nicht mehr unterscheiden kann, was mir die Vernunft sagt und wann das Herz zu mir spricht.


Tatsache ist, dass ich in den letzten Wochen die meiste Zeit über Augenblicke hatte, in denen ich so ein breites Lächeln auf dem Gesicht trug, dass es mir selbst immer wieder auffiel. Ich habe in den letzten Wochen so oft gelacht, so viel rumgewitzelt und so viele heitere, leichte Momente gehabt, dass da immer wieder ein Gefühl der Erleichterung war. Ein Ich-hab-es-geschafft-Gefühl. Weil es vor einem Jahr in mir noch so ganz anders aussah. Das war und ist alles echt. Es ist nicht gelogen und daran ist alles echt. Das ist nicht die Lüge, von der ich rede.


Ich lebe mein Leben intensiv. Die Arbeit powert mich jeden Tag auf's Neue aus und die meiste Zeit über bin ich begeistert von dieser Energie, die das in mir freisetzt, von dem Unter-dem-Strom-Stehen, der ständigen Bewegung. Es fordert mich, fordert mich heraus und obwohl es die Momente gibt, in denen ich das Gefühl habe, dem nicht gerecht zu werden, überwiegen die Augenblicke, in denen ich das Gefühl habe, immer weiter über mich hinauszuwachsen. In den letzten Wochen gab es nur einen einzigen Tag, an dem ich nicht in der Arbeit war - weil ich zur Zeit selbst am Wochenende dorthin gehe. Immer dann, wenn ich das Gefühl habe, mir fällt die Decke auf den Kopf, wenn ich auf andere Gedanken kommen möchte oder wenn ich einfach das Gefühl von Produktivität und Ruhe in einem haben möchte. Zeit, die ich nicht mit der Arbeit verbringe, verbringe ich vorwiegend mit anderen Menschen. In den unterschiedlichsten Situationen.


Ich schweife ab. Denn bei all der Glückseligkeit, die ich so oft zur Zeit erlebe, gibt es auch die Momente immer wieder, in denen plötzlich alles kippt. Ich fühle mich da manchmal wie eine Mohnblume, die nur hübsch und komplett anzusehen ist, solang nicht die Spur eines Windhauchs in der Nähe ist. Und sobald etwas ist, eine Kleinigkeit, ein winziger Stich, ein knapper Gedanke, gerät das alles ins Wanken. Ich habe dabei nicht mal das Gefühl, wirklich so launisch zu sein. Es fühlt sich mehr danach an, dass da in mir drinnen so viel mehr passiert als mir wirklich bewusst ist.


Einer dieser Momente war ein Telefonat am Wochenende. Ich hatte mich seit Tagen darauf gefreut und irgendwie verlief dann doch alles nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich sagte nichts, ignorierte es, war weder ehrlich zu meinem Gegenüber noch zu mir selbst. Irgendwann kippte es. Es wurden Worte gesagt, die mir weh taten und die alles, was ich vorher schon im Gefühl hatte, so deutlich hinauszuschreien schienen, dass in dem Augenblick gedanklich irgendwas einrastete. Mir wurden (berechtigte) Vorwürfe gemacht, weil ich nicht rechtzeitig etwas gesagt hatte, weil ich meine eigenen Gefühle und Bedürfnisse heruntergespielt und ignoriert hatte und mir nichts anmerken ließ. Und zum etlichen Male in den letzten Monaten fragte ich mich im Stillen, woher das kommt, dass ich ständig in Situationen mit anderen Menschen ignoriere, was ich will, fühle und denke, obwohl es doch für mich so greifbar ist. Warum ich ständig versuche, zu überspielen, was in mir passiert. Ich musste mir anhören, dass ich mich unterordnen würde und ich wurde wütend, wurde energisch und versuchte ein weiteres Mal eines klarzumachen: Es geht nicht um Unterordnung. Aber mir erscheint es dennoch oft so viel naheliegender, etwas zu versuchen statt mir einzugestehen, dass es mir gegen den Strich geht. Manchmal erscheint mir der Preis, einen anderen Menschen zu enttäuschen viel zu hoch im Vergleich dazu, mich selbst zu enttäuschen. Und ja, so gesehen ist das eine Form der Unterordnung.
Mir wurden Vorwürfe gemacht, dass ich nicht im passenden Moment darüber geredet hatte, was mit mir los ist und was in mir vorgeht. Ich bemerkte den Kloß im Hals, erwiderte aber noch, dass ich nicht konnte. Mir entging die Verzweiflung in meiner Stimme nicht und ich fragte mich, ob man sie auf der anderen Seite des Telefons wohl auch so deutlich heraushören könnte. Und dann weinte ich. Am Telefon. Ich machte keine Laute dabei, sagte nichts mehr und fragte mich, ob mein Gegenüber bloß an meinem Atem festmachen könnte, was gerade auf meiner Seite passierte. Selbst in so einem Moment versuchte ich, keine Schwäche zu zeigen, mich nicht aufzudrängen. Ich versuche immer, den Menschen die Wahl zu lassen. Und so bemühte ich mich, meinem Gegenüber die Möglichkeit zu geben, meine Gefühle und meine Tränen zu ignorieren, darüber hinwegzugehen, sich nicht damit auseinandersetzen zu müssen, für den Fall, dass ihm dies zu viel sein könnte. Gleichzeitig wollte ich genau das nicht. Ich wollte in den Arm genommen, getröst und beruhigt werden und das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit empfinden. Aber ich sagte nichts. Ich schnaufte immer wieder in den Hörer, versuchte meinen Atem zu beruhigen, vermied jegliche Schluchzgeräusche und konzentrierte mich auf mein lautloses Weinen. Das Gespräch veränderte sich. Mein Gegenüber sprach mich nicht darauf an, was passierte, aber die Veränderung gab mir deutlich zu verstehen, dass er es wahrgenommen hatte und nicht vorhatte, es zu ignorieren.


Letztendlich - und das ist das Entscheidende an diesen Situationen, die immer wieder passieren - kann ich gar nicht recht sagen, was es war, was meine Tränen ausgelöst hatte. Da entsteht dann immer der Eindruck für mich, dass mein Herz wesentlich mehr realisiert als mein Kopf es tut. Und im Gegensatz zu meinem Kopf reagiert mein Herz.


Manchmal habe ich das Gefühl, zu viel zu fühlen. Manchmal ist da so viel in mir und all das scheint nicht so richtig Platz in mir zu haben. Wie ein überfüllter Einkaufskorb, in dem das eine oder andere platt gequetscht wird, weil anderes zu viel Platz einnimmt. Mir ist schon bewusst, dass der eine oder andere Mensch in meinem Leben und auch der eine oder andere Mensch, der über Monate oder Jahre hier mitgelesen hat, mir da sofort widersprechen würde. Aber dieses Gefühl habe ich vor allem immer dann, wenn ich mit anderen Menschen zusammen war und am Ende eines Tages ein Gefühlschaos habe, von dem ich manchmal nicht recht weiß, ob ich da meine Gefühle oder doch eher die eines anderen Menschen empfinde.


Ich zweifel nicht daran, dass in mir eine ganze Menge passiert, dass ich ganz viel fühle, aber die Wahrheit ist, dass ich in letzter Zeit ganz oft auch einfach nicht weiß, was in Wirklichkeit dieses "ganz viel" ist. Es gibt diese Augenblicke, in denen das alles in mir scheinbar hochkommt und fein säuberlich wieder weggepackt wird, ehe der Augenblick zu Ende geht.


Und so ging es mir auch heute. Ich hatte mich gefreut und ich genoss. Das Essen, die Luft, die Zeit, das Lächeln, die Gespräche. Aber ich ignorierte auch. Das flaue Gefühl. Meine Lustlosigkeit und das Gefühl, einfach nur meine Ruhe von jedem und allem haben zu wollen. Gefühle, die ich vorher schon ratlos hingenommen hatte. Den Eindruck, nicht wirklich viel zu sagen zu haben.
Als ich dann später fuhr, dauerte es nur wenige Minuten, ehe ich wieder das Gefühl von "Da passt etwas nicht für mich" hatte. Aber ich kann dieses Etwas nie definieren.


Und selbst jetzt. Selbst jetzt merke ich, wie ich mit mir kämpfe. Ich weiß nicht was los ist. Ich merke deutlich, dass da in mir innerlich was passiert, dass ich kämpfe, dass mich da irgendwas getroffen hat, aber ich kann nicht richtig zuordnen, was das Problem ist. Zumindest will ich es nicht. Denn wenn ich es wollen würde, würde ich es zuordnen und würde ich es zuordnen, müsste ich etwas verändern und wenn ich etwas verändern müsste, dann könnten die Dinge nicht bleiben, wie sie sind. Nicht mal für den Moment. Und genau das ist dann immer der Augenblick, in dem mir bewusst wird, dass ich mir etwas vormache und mich selbst belüge.

9.10.18 21:03

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bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Sven (11.10.18 07:45)
Mal ein anderer Ansatz der Sichtweise: Du bist anders als andere Menschen. Du hast dies auch erkannt und fürchtest dich vor dir selbst. Aber warum dies immer als Bedrohung sehen?

Wäre es nicht besser, sich so anzunehmen wie man nunmal ist mit allen Stärken und auch den Schwächen? Gleichgeschaltete Massenmenschen gibt es doch schon zur Genüge.

Wenn du dich annimmst in deiner Art und wie du nunmal denkst und fühlst, anstatt dich gegen dich zu wehren, dann wäre doch viel gewonnen. Oder?

Und dann würdest du auch erkennen, dass du zwar ungewöhnlich im Denken und Fühlen bist, aber doch noch innerhalb des Normalen.

Vielen geht es so wie dir und sie passen sich für die Umwelt an wie du und meinen, dass mit ihnen etwas nicht stimmt und dass sie falsch ticken, verbergen dies und sperren ihr wahres Wesen in einen Seelenkerker, den sie mit Mauern und Gitterstäben verbunkern.

Sag "ja" zu dir und all dem, was dich individuell ausmacht, dann nehmen dich auch die anderen Menschen an in deinem einmaligen Sein und die innere Verunsicherung schwindet.

Was du hier offenbarst, das bist du - mit oder ohne Selbstbelügung - und wenn du dich nicht verleugnest vor dir selbst, was du wohl hier nicht tust, dann brauchst du dich auch nicht vor der Umwelt verleugnen. Teil 2 folgt ..


Sven (11.10.18 07:45)
Wage das Experiment und lebe dich selbst. Sprich über dich und lass raus, wer du bist. Schweige nicht aus Angst vor Liebesentzug. Wer dir die Liebe entzieht, ist dich nicht wert. Wer dich liebt nimmt dich an, so wie du bist.

Das wäre ein neuer Weg, eine neue Sichtweise, kein Muss, sondern nur ein Vorschlag und ein Denkanreiz. Steh zu dir, sei du selbst.

Es ist schwer, aus den alten Gedankenschienen auszubrechen, die alten Muster zu verlassen, besonders wenn man sich selbst analysiert wie du hier. Doch ein Analytiker würde es dir wohl nicht anders anraten, aber du hättest eine Stütze.

Wenn du alleine den Weg zu dir selbst gehen möchtest, ohne fachliche Hilfe, dann bist du auf dem richtigen Weg, denn das Bloggen kann befreien und helfen, ist eigentlich Eigentherapie.

Kann sein, dass ich mich in allem irre, weil ich dich nicht wirklich kenne. Dann verzeih meine Einmischung. War ja auch nur meine Meinung.

Ich sende dir Kraft und Mut und Zuversicht. Du bist viel stärker, als du zugibst und das weißt du auch. Es wird alles gut. Belügen und Selbstbelügen gehört zum Leben und macht die Dinge manchmal leichter, vor denen wir flüchten.

Fühl dich gedrückt und mit Wärme ummantelt, Sven

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